Archäologie Heiliger Würger

Forscher wollen in Afrika Hinweise für einen steinzeitlichen Kult entdeckt haben. Verehrten Menschen vor 70.000 Jahren den Python als Gottheit?

Sheila Coulson ist noch immer aufgeregt. »Es ist eine fantastische Entdeckung«, schwärmt die britische Archäologin. Vor wenigen Tagen ist sie von ihrer Forschungsreise aus Botswana an die Universität Oslo zurückgekehrt, und sie hat einen sensationell anmutenden Bericht mitgebracht: In einer kleinen Höhle der Tsodilo-Felsen in der Wüste Kalahari sei sie mit ihrem Team auf Belege für eine religiöse Kultstätte aus ferner Vorzeit gestoßen. Schon vor mindestens 70.000 Jahren, meint Coulson, hätten frühe moderne Menschen dort zu einem Schlangengott gebetet.

Bei der Untersuchung der erst in den 1990er Jahren entdeckten, schwer zugänglichen Höhle war den Forschern eine sechs Meter lange und zwei Meter hohe Steinformation aufgefallen. Sie ähnelt verblüffend dem Kopf eines Pythons, ist aber nicht künstlich geschaffen, sondern natürlichen Ursprungs. Doch offenbar hatten Menschen in die Oberfläche des Felsens Hunderte von Vertiefungen gemeißelt, die dem Gestein das Aussehen von Schlangenhaut vermitteln.

Weil die Bearbeitungen teils stark verwittert erscheinen, folgerten die Forscher, dass dies vor sehr langer Zeit geschehen sein muss. Sie entschlossen sich zu einer Probegrabung vor dem steinernen Kopf. Und was sie fanden, gab ihnen noch mehr zu denken.

Im Sediment stieß Coulsons Team auf Hunderte Artefakte – steinerne Speerspitzen und Steinmeißel. Form und Herstellungstechnik seien typisch für jene Periode der Steinzeit, erklärt Coulson. »Das Alter von 70.000 Jahren ist eine vorsichtige Bestimmung, die Funde könnten noch weit älter sein.« Diese Art der Altersbestimmung, nur durch den Vergleich mit anderen, sicher datierten Funden, sei durchaus zulässig und üblich in der Paläoanthropologie, bestätigt der Datierungsexperte Daniel Richter vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.

Freilich sind solche relativen Datierungen wacklig – und damit wissenschaftlich angreifbar. Coulson will nun eine direkte Altersbestimmung ihrer Funde durch das so genannte Thermolumineszens-Verfahren in Leipzig durchführen lassen.

Sollte sich ihre Deutung als richtig erweisen, wäre das eine Sensation. Lange hatte Homo sapiens als intellektueller Spätzünder gegolten: Zwar habe der anatomisch moderne Mensch sich vor 200.000 Jahren in Afrika entwickelt, seine Geistesgaben aber, die Fähigkeit zu abstraktem symbolischem Denken, seien erst vor etwa 50.000 Jahren entstanden, als er sich nach Asien und Europa aufmachte. Bisher waren alle seine bekannten kulturellen Hinterlassenschaften, wie die Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien oder geschnitzte Figurinen, jünger als 40.000 Jahre.

Erst vor einiger Zeit tauchten bei Grabungen in Afrika Zeugnisse menschlichen Geistes auf, die zu belegen scheinen, dass der Mensch auch als Kulturwesen in Afrika entstand, und zwar sehr viel früher als zuvor gedacht. Der südafrikanische Archäologe Chris Henshilwood stieß in der Blombos-Höhle in der Kap-Provinz auf Ockersteine, die mit abstrakten Ornamenten versehen waren. Kurz darauf barg sein Forscherteam auch eine Reihe durchbohrter Schneckenschalen, die ganz offenbar einst zu einem Halsschmuck gehört hatten. Auch Henshilwoods Kollege Chris Stringer vom Londoner Museum of Natural History präsentierte kürzlich solche durchlöcherten Schneckengehäuse. All diese Funde sind mehr als 70.000 Jahre alt. Sollten also Coulsons Entdeckungen tatsächlich einen Beweis auch für religiöse Kulte zu dieser Zeit liefern, wäre die These erhärtet: Der menschliche Geist ist afrikanischen Ursprungs.

Vorerst jedoch bleiben die Fachleute skeptisch. Denn die Beweiskette hat noch eine Lücke: Es ist nicht sicher, dass die Graveure des Pythonkopfes in Personalunion auch die Schöpfer der uralten Steinwerkzeuge waren. Was, wenn Vorfahren der noch heute in dem Gebiet heimischen San vor vielleicht erst 1500 Jahren die Steinmetzarbeiten vollbrachten?

Coulson müsse nun eine gründliche Grabung in der Höhle durchführen und eine detaillierte Analyse der Sedimentschichten vorlegen, fordert die Fachwelt. »Ihre Funde sind schon sehr faszinierend«, sagt der Paläoanthropologe Stringer, »aber wir brauchen eine solide wissenschaftliche Veröffentlichung, bevor die Stichhaltigkeit ihrer These beurteilt werden kann.«

Das sieht auch Sheila Coulson so. Sie will die Erkundung der Schlangenhöhle in der Kalahari in den kommenden Jahren fortsetzen. Dennoch, sagt sie, bürgten schon jetzt eine Reihe von Hinweisen für ihre Interpretation eines frühen Kultes: Die starke Verwitterung der Gravuren, die in der Höhle Wind und Wetter kaum ausgesetzt gewesen seien, deuteten auf ein hohes Alter. Und die Form der 70.000 Jahre alten Steinmeißel in den Sedimenten passe exakt in die Gravuren auf der Felsoberfläche. Vor allem aber habe man bei der Grabung mit den Steinwerkzeugen auch ein bereits bearbeitetes Stück des pythonköpfigen Felsens entdeckt, das bei den Arbeiten herabgefallen sein muss. Daher müsse die Bearbeitung des Felsens zur selben Zeit erfolgt sein wie die Herstellung der Werkzeuge.

Stimmt das alles, hat der Schlangenkult aus der Vorzeit bis heute überlebt. In der Mythologie der San spielt der Python noch immer eine wichtige Rolle. Für sie sind die Tsodilo Hills, die wegen ihrer zahlreichen Felsmalereien aus weit jüngerer Zeit von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurden, ein heiliger Ort. Einer, für den sie zwei Namen haben: »Berge der Götter« und »Fels, der flüstert«.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Ossyeba verehren die sich drohend aufrichtende giftige Kobra, nicht die Würgeschlange Python.

  2. Mit den mythologischen Bildern und Symbolen der Bibel, nimmt die Schlange eine zentrale Funktion im Raum-Zeit Gefüge der Menschheitsentwicklung ein. Könnte diese archäoloigsche Entdeckung, Hinweis, bzw. Bezugspunkt auf einen, wie auch immer gearteten Zusammenhang liefern ?

  3. Könnte es sein, daß die Forscher die frühen Relikte eines in Gabun weit verbreiteten Toten-Schutzkukltes gefunden haben?
    Gemeint ist der sogenannte 'Ossyeba'-Kult, nach dem auch eine Gabuner Volksgruppe benannt ist. Sie schufen Objekte in Form eines Schlangenkopfes, mit Kupferlamellen beschlagen, die sie in Körbe steckten, auf dass sie die Gräber der Toten bewachten...???
    Weiss jemand mehr?

  4. Verschiedene Kulturen und Individuen gehen mit dem Faktum der generellen Gefährlichkeit von Schlangen um - Tsodilo mit einer Würgeschlange, in der Bibel eben Menschen aus dem Nahen Osten mit einer Wüstenschlange. Dahinter stecken jeweils aber immer auch der ganze 'mythische' Apparat: Schlange kriechen in der Erde > in der Erde ist die Weisheit > Schlangen sind weise; oder Schlange ist klein > schlange ist giftig > Schlange sitzt unerkennbar unterm Stein > spielendes Kind dreht Stein weg > Schlange beisst, weil erschreckt > 'Schlange hat hinterhältig auf das Kind gelauert!' - für solche Konstrukte ist das Erlebnis 'Schlange' eben schon immer und überall offen gewesen: ob das für einen Kosmischen Raum-Zeit-Zusammenhang ausreicht?

    • Anonym
    • 27.03.2008 um 0:11 Uhr

    Ich lese jetzt erst den Artikel - März 2008.

    DIE PYTHON galt zumindest vor 30 Jahren als ich da war - in WESTAFRIKA als heilig!
    bei den FON im Süden - Benins - Togo -

    Schlangen werden gern verspeist. Das wäre ein Sakrileg im Falle der Python.

    Ein wirklich schönes Tier -

    mit Giftzahn weit hinten - angeblich!

    Manchmal war sie da - man konnte sich sich um den Bauch legen - wie einen Gürtel
    und am Schreibtisch sitzen ... sie war ganz ruhig ..
    und dann ging sie wieder ..

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