Was für ein Mann! Einsam wie Gott und doch ein Sklave! Ein Titan im Ringen mit übermächtigen Gewalten!« Ray Stannard Baker, der Sekretär des Präsidenten, war erschüttert: Der Kampf Woodrow Wilsons für seinen Traum von einer friedlicheren Welt schien im Mai 1919 verloren. Eine Tatsache, die der britische Diplomat Harold Nicolson allerdings erheblich nüchterner kommentierte: »Wäre Wilson wirklich ein Mann von außergewöhnlichem Geist, von übermenschlicher Entschlossenheit gewesen, so hätte er vielleicht über alle Schwierigkeiten triumphieren können. Leider jedoch zeigten weder die Willens- noch die Denkkraft des Präsidenten Wilson auch nur im Geringsten übermenschliche Eigenschaften.« Das Bildnis Woodrow Wilsons, dargestellt von 21.000 Soldaten im Januar 1918 im Camp Sherman, Chillicothe/Ohio BILD

Thomas Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten, polarisierte die Menschen. Er hatte gläubige Anhänger und ebenso erbitterte Gegner, und mancher, wie etwa Sigmund Freud, sah in ihm nur einen tragisch-tumben Don Quijote. Zu seinen heftigsten Feinden wurden gerade jene, die an ihn und seine Vision geglaubt hatten und sich 1919 von ihm verraten fühlten.

Wilson war ein frommer Mann. Am 28. Dezember 1856 in Staunton, Virginia, geboren, hatte er schon früh die moralische Rigorosität des streng presbyterianisch geprägten Elternhauses verinnerlicht. Der Vater, ein angesehener Dozent und Theologe, gab seinem immer etwas kränklichen Sohn, der oft unter Kopfschmerzen litt, auch sein wohl größtes Talent mit auf den Lebensweg: eine ausgeprägte Rednergabe. Sie sollte Wilson zu einem der wortmächtigsten Präsidenten des 20. Jahrhunderts machen.

Zunächst deutete allerdings wenig auf diese Karriere hin. 19-jährig ging er nach Princeton in New Jersey, studierte Jura und schlug sich 1880/81 einige Monate ohne große Begeisterung als Anwalt in Atlanta durch. Das juristische Einerlei langweilte ihn. Kurz entschlossen kehrte er zurück an die Hochschule. An der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore wurde er 1885 mit einem Werk zum Regierungssystem der USA promoviert, das ihn mit einem Schlag über die Fachkreise hinaus bekannt machte: Congressional Government.

Das alte Europa ist gescheitert, jetzt schlägt die Stunde Amerikas

1890 berief ihn Princeton auf einen juristischen Lehrstuhl. Den Lehrauftrag interpretierte Wilson eher großzügig; er befasste sich vor allem mit Politik und mischte sich gern in die Fragen des Tages. Er machte sich als Redner und Essayist einen Namen – so im Konflikt um das damals spanische Kuba, der 1898 in einen Krieg mit Spanien überging. Es war das erste entschiedene Ausgreifen der USA in die Welt, und Wilson hieß es gut. Spanien war für ihn eine gescheiterte Weltmacht, die in ihren Kolonien nur Ruinen hinterlassen hatte. Jetzt schlug die Stunde Amerikas. Die junge Nation stand im Begriff, das 20. Jahrhundert zum amerikanischen zu machen.

1902 schien er, inzwischen verheiratet und dreifacher Vater, bereits auf dem Gipfel seiner Laufbahn angelangt: Er wurde zum Präsidenten der Universität Princeton ernannt. Mit großem Eifer versuchte er sogleich, die ehrwürdige, 1746 gegründete Hochschule zu reformieren – und scheiterte am Beharrungsvermögen seiner Kollegen. Verbittert zog er sich 1910 aus der Universitätsleitung zurück.