Schule

Die Ausgebrannten

Die größte deutsche Studie zur Lehrergesundheit zeigt, dass Pädagogen seelisch stärker belastet sind als Ärzte oder Polizisten. Helfen würden mehr Kollegialität und Selbstbestimmung. Ein Gespräch mit dem Psychologen Uwe Schaarschmidt

DIE ZEIT: Herr Professor Schaarschmidt, Sie haben mit Ihrem Team rund 20.000 Pädagogen befragt und die größte Studie zur Lehrergesundheit in Deutschland erstellt. Was belastet unsere Lehrer? Und was können sie dagegen tun?

Uwe Schaarschmidt: Wir finden vier Muster beruflichen Verhaltens und Erlebens. Das erste steht für psychische Gesundheit: hohes, aber nicht überzogenes Engagement, Widerstandskraft gegenüber Alltagsbelastungen – und Zufriedenheit. Ein weiteres, bei Lehrern selteneres Muster ist die Schonungshaltung. Und dann gibt es zwei Risikomuster: erstens die Tendenz, sich über alle Maßen zu verausgaben, und zweitens den Rückzug in die Resignation – das problematischste Muster.

ZEIT: Und die beiden Risikomuster kommen besonders häufig vor?

Schaarschmidt: Ja. Nur ganze 17 Prozent sind dem erstgenannten »gesunden« Muster zuzurechnen. Doch jeweils 30 Prozent der Lehrer gehören zu einer der beiden Risikogruppen. Sie zeigen nicht immer voll ausgeprägte Symptome mit Krankheitswert, doch von Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit ist in jedem Falle auszugehen. Rund zwei Dritteln der Lehrer mangelt es also an Widerstandsressourcen, Ausgeglichenheit und Spaß an der Arbeit.

ZEIT: Das Bild von den beneidenswerten Halbtagsjobbern…

Schaarschmidt: …war schon immer falsch. Vielmehr üben Lehrer – was ihre seelischen Belastungen angeht – einen der anstrengendsten Berufe aus. Bei anderen Berufsgruppen, die ebenfalls psychosozialen Beanspruchungen ausgesetzt sind, wie Pflegekräften, Polizisten oder Ärzten finden wir nicht eine annähernd so hohe Zahl von Personen mit Risikomustern. Dabei ist das häufige Vorkommen von Resignation besonders bedenklich, denn Lehrer sollten doch ihre Schüler motivieren und mitreißen können. Das ist jedoch unmöglich, wenn sie ihre verbliebene Kraft nur dazu aufwenden, irgendwie über die Runden zu kommen.

ZEIT: Bei Lehrerinnen fallen die Ergebnisse noch negativer aus. Warum?

Schaarschmidt: Für Lehrerinnen ist ein gutes Verhältnis zu Schülern und Eltern besonders wichtig. Die soziale Sensibilität ist ihre Stärke, macht sie aber gleichzeitig verletzlicher für Beziehungsstörungen, von denen es ja zunehmend mehr in der Schule gibt.

ZEIT: Schlagen Konflikte mit Schülern und Eltern dem Lehrer besonders auf die Seele?

Schaarschmidt: Ja, neben zu großen Klassen und zu hohen Stundenzahlen nennen Lehrer »schwierige Schüler« als größte Belastung. Sie sehen sich mehr als früher mit geringer Lernbereitschaft und destruktivem Schülerverhalten konfrontiert und fühlen sich mit diesen Problemen allein gelassen. Dennoch finden wir auch Schulen, wo es trotz problematischen Schülerverhaltens und großer Klassen nicht so schlecht um die Lehrergesundheit steht.

ZEIT: Wie erklärt sich das?

Schaarschmidt: Zum Beispiel durch ein gutes soziales Klima im Kollegium. Dies ist, so haben wir festgestellt, der wichtigste entlastende Faktor. Eine gute Zusammenarbeit im Kollegium verleiht Lehrern das Gefühl, mit ihren Problemen nicht allein zu stehen, und gibt ihnen Halt und Anerkennung. Das Erleben kollegialer Unterstützung hilft ihnen auch, besser damit zurechtzukommen, dass sich die Dankbarkeit der Schüler für die investierten Bemühungen in aller Regel in Grenzen hält.

ZEIT: Steht das Einzelkämpfertum der Lehrer dieser Zusammenarbeit nicht im Weg?

Schaarschmidt: Viele Lehrer haben Angst, ihren Unterricht zu öffnen und sich anderen anzuvertrauen, wenn es schlecht läuft. Hier ist ein partnerschaftliches Verhalten der Schulleitung gefragt. Doch so verstandene Personalführung und Teamentwicklung ist leider nicht die Norm.

ZEIT: Was kann noch helfen, damit Lehrer gesund bleiben?

Schaarschmidt: Es fehlt schlicht an Erholungsmöglichkeiten. Lehrer müssen heute fünf, sechs, sieben Stunden am Stück unterrichten und dabei enorme Aufmerksamkeitsleistungen erbringen. Auch in den Pausen, die meist ebenso mit Arbeit und Lärm verbunden sind, gibt es kaum eine Chance zur Entspannung.

ZEIT: Dafür genießen die Lehrer lange Ferien.

Schaarschmidt: Richtig, aber der menschliche Organismus kann nicht wochenlang von Reserven leben, die sich erst in den Ferien wieder auffüllen. Deutlich mehr als in anderen Berufen finden wir über die Dienstjahre hinweg eine Abnahme der Widerstandsressourcen.

ZEIT: Was fordern Sie?

Schaarschmidt: Ein völlig anderes Zeitregime in der Schule. Wir dürfen den Unterricht nicht auf wenige Stunden des Tages verdichten.

ZEIT: Ein Plädoyer für die Ganztagsschule?

Schaarschmidt: Sie kann gesundheitsförderlich sein, wenn dadurch ein Wechsel von Phasen der Anspannung und Entspannung erreicht wird. Auch müssten räumliche Lösungen gefunden werden, die Rückzug zum Zweck der Regeneration und für eine ungestörte Vor- und Nachbereitung des Unterrichts erlauben. Es sollte gewährleistet sein, dass der Lehrer am späten Nachmittag die Schule verlässt und die Arbeit im Wesentlichen erledigt ist.

ZEIT: Den schulfreien Nachmittag werden die wenigsten Lehrer freiwillig aufgeben.

Schaarschmidt: Er ist ja gar nicht frei. Nach Unterrichtsende geht die Schule für viele Lehrer zu Hause weiter, und zwar nicht selten bis in die Nacht. Vorbereitungen stehen an, Klassenarbeiten sind zu korrigieren. Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass die am Tage aufgestauten Emotionen zu verarbeiten sind. Nicht selten sind es Ärger, Kränkung und Enttäuschung – Gefühle, von denen wir wissen, dass sie lange anhalten und das Immunsystem schwächen.

ZEIT: Wie kann die Politik die Gesundheit der Lehrer fördern?

Schaarschmidt: Indem sie ihnen zum Beispiel mehr Möglichkeiten für selbstbestimmtes professionelles Handeln einräumt. Der Schulalltag ist in ein Korsett von Reglementierungen und Bevormundungen geschnürt, wie sie in anderen akademischen Berufen kaum vorstellbar sind. Diese Art der Fremdbestimmung macht es Lehrern schwer, auch längerfristig Ziele zu setzen und zu verfolgen – eine wesentliche Bedingung psychischer Gesundheit im Berufsleben.

ZEIT: Die selbstständige Schule ist doch in aller Munde.

Schaarschmidt: Die Realität sieht im Empfinden vieler Lehrer anders aus. Da werden die Schulen von oben mit immer neuen Reformen, Reförmchen und Kampagnen beglückt. Denken Sie nur an die unzähligen Forderungen, denen sich die Lehrer nach Pisa ausgesetzt sahen. Die Schulen brauchen mehr Ruhe und Muße für eine solide Arbeit.

ZEIT: Bringen die Lehrer denn die in ihrem Beruf notwendige Stressresistenz mit?

Schaarschmidt: Es gibt zu viele Lehramtsstudierende, denen die Basisvoraussetzungen für ihren Beruf fehlen. Das sind neben der psychischen Belastbarkeit vor allem eine optimistische und aktive Lebenseinstellung sowie die erforderlichen sozial-kommunikativen Fähigkeiten. Dazu gehören Geschick und Freude im Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

ZEIT: Muss man das betonen?

Schaarschmidt: Unbedingt. Zu viele junge Leute, die sich für diesen Weg entscheiden, meinen, einen angenehmen Beruf mit viel Ferien und Freizeit zu ergreifen. Später müssen sie schmerzlich erfahren, dass sie sich geirrt haben.

Die Fragen stellte Martin Spiewak

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Leser-Kommentare

    • 17.12.2006 um 11:59 Uhr
    • Karaya

    “Wir brauchen mehr türkische Lehrer an unseren Schulen“, sagte Kauder der B.Z. am Sonntag. Der CDU-Politiker fügte hinzu: “Vielleicht würde sich mancher junge Türke einem türkischem Lehrer gegenüber weniger frech, sondern respektvoller verhalten.“ Auch bei der Polizei müsse der Anteil der Migranten ausgebaut werden.

    Interessante Idee: Integration durch Übernahme patriarchaischen Stammesdenkens. In der Sprache des CDU-Politikers sind türkische Lehrer aufgrund ihres beruflichen Erfolges 'Integrationsleuchttürme'. Und diese 'Integrationsleuchttürme' beabsichtigt er nun zur weiteren Abgrenzung einzusetzen!

  1. 2.

    Wer da noch Lehrer wird, ist selber schuld.
    Nein danke !

  2. die nichts nützt. Hier fehlt ein entscheidender Satz: Lehrer sind Wissensvermittler und keine Sozialpädagogen. Mit der Zunahme des Präkariats ist der Lehrer zunehmend mit Disziplinarmaßnahmen beschäftigt, weil deren Kinder grundlegende Techniken fehlen, die der Lehrer im Unterricht voraussetzen muß. Häusliche Arbeiten werden zu Hause nicht überwacht und verbessert, weil die Eltern das Wissen dazu nicht haben. Jugendämter versagen reihenweise, trotz zahlreicher Hinweise von den Schulen. Psychologische Dienste beschränken sich auf gute Ratschläge, eine wirkliche Unterstützung findet hier nicht statt. Somit ist der Lehrer allein gelassen und sehr schnell ausgebrannt.

    • 17.12.2006 um 14:39 Uhr
    • QUOTE

    Kinder müssen von Erwachsenen vorgelebt bekommen, was es heißt, erwachsen zu sein.

    Wie können Leute, die sich ihr ganzes Leben, erst als Kind, später als 'Erwachsener' auf der Schule vor dem Leben versteckt haben, das leisten? Allein der Gedanke, nachdem man die Schule endlich hinter sich hat, und bereit und fähig sein sollte, ins LEBEN zu treten, stattdessen so schnell wie möglich dorthin zurückzukehren um sein ganzes LEBEN zwischen Pausenklingel und Ferien zu verbringen deutet auf eine krankhafte Persönlichkeit hin - feige, faul, lebensuntauglich. Eine Analyse, die ich bei meinen eigenen Lehrern seinerzeit voll bestätigt sah - geistige oder seelische Krüppel, allesamt.

    Und das merken die Kinder halt, daß sie es mit UnErwachsenen zu tun haben, und benehmen sich entsprechend.

    Lehrer ist überhaupt kein 'Beruf', schon gar keiner, wozu man irgendetwas studiert haben müßte - jeder, der es geschafft hat, in einem beliebigen Beruf der gehobenen Bildungsebene 20 - 30 Jahren seinen Mann oder Frau zu stehen, kann das, wenn er die persönlichen Voraussetzungen hat: Selbstbewußtsein, Ehrlichkeit, Mut - das bißchen 'Fachwissen', das man für die Fächer braucht, lernt man, wenn man als Berufstätiger ARBEIT gewohnt ist, noch nebenbei. Wenn dann allerdings ein derartiger 40 - 50-jähriger MANN oder FRAU im Klassenzimmer vor den Kindern stehen würde...jemand, der GELEBT hat, der Krisen, Stürme, Mobbing, Downsizing usw. hinter sich gelassen hat, und dennoch weitergemacht hat...das wäre allein aufgrund seiner PERÖNLICHKEIT jemand, der Respekt verlangt, und auch wüßte, wie er ihn erhält.

    Beim Alten Fritz waren die Dorfschulmeister pensionierte Soldaten...der Mann hatte einen erstaunlichen Durchblick.

    Darum: den akademischen Lehrerausbildungsweg ganz abschaffen. Lehrer wird man frühestens ab dem 50. Lebensjahr bzw. 25-jähriger nachgewiesener Berufstätigkeit; man bekommt eine 6-monatige pädagogische Fortbildung, und fertig. Solche Leute, die eine richtige BERUFSTÄTIGKEIT gewohnt sind, würden unter den Voraussetzungen, die die gegenwärtigen 'Lehrer' ach so fertig machen nicht nur bessere Arbeit abliefern, sie würden sich dabei noch ERHOLEN.

    Die besten Lehrer, die ich seinerzeit hatte, waren allesamt Quereinsteiger ('Miekätzchen') bzw. Leute, die den 2. Bildungsweg beschritten hatten.

  3. ich wette, nach 1 Woche Unterrichten suchen Sie das Weite.

  4. 6. Lehrer

    sind an der Frontlinie,die ersten Opfer der verfehlten Immigrations Politik da sie mit dem Nachwuchs der nicht-deutsch sprechenden Migranten konfrontiert werden.Wenn man hoert was in vielen Schulen mit grossem Anteil von nicht-deutsch sprechenden Schuelern los ist dann muss man sich wirklich wundern dass ueberhaupt noch jemand Lehrer werden will.Ich bezweifel dass ein pensionierter Soldat diesen Zustaenden gerecht werden koennte.Deutsch-Unterricht im KIGA und KIGA Pflicht waere ein Anfang einige Defizite zu mindern.

  5. 7.

    So einfach ist es leider nicht.
    Sie sagen, es liegt an den Lehrern,
    ich sage, es liegt am System,
    das die Lehrer (und Schüler)
    kaputtmacht.

    • 17.12.2006 um 15:08 Uhr
    • QUOTE
    8.

    Kann durchaus sein...aber nur, weil mir die ganzen Psychokrüppel im LEHRERzimmer auf den Sack gehen würden.

    'Hier fehlt ein entscheidender Satz: Lehrer sind Wissensvermittler und keine Sozialpädagogen.'

    Und das ist FALSCH - Lehrer sind in erster Linie Vorbilder, Erzieher, 'Alphatiere'...oder SOLLTEN es zumindest sein, den Kindern gegenüber auf jeden Fall, aber auch den Eltern sollten sie zumindest als gestandener Mann/Frau auf AUGENHÖHE gegenüberstehen können.

    In Wirklichkeit durchschauen die meisten Eltern auf dem ersten Elternsprechtag schon die am Leben gescheiterte traurige Figur, die da hinter dem Pult sitzt, und ihr armes, armes Seelchen gestreichelt haben möchte...und das von Leuten, die noch nebenbei über berufliche Termine (und ein beruflicher TERMIN ist etwas anderes als eine zu korrigierende Klassenarbeit, die man in einer...oder zwei...oder drei Wochen zurückgibt!), Mobbing oder die nächste Entlassungsrunde in ihrer Firma nachdenken.

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  • Von Martin Spiewak
  • Datum 17.12.2006 - 11:23 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 14.12.2006 Nr. 51
  • Kommentare 16
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