Selbstversorger Die Heizungsbauern

Strom aus Holz und Wärme aus Gülle: Ganze Dörfer versorgen sich selbst mit Energie aus Biomasse.

Wenn Bernhard Schöttl in seinen Keller hinabsteigt, freut er sich jedes Mal. Jahrelang hatte ein Öltank fast den ganzen Kellerraum eingenommen, jetzt ist endlich Platz für eine Werkbank. Den Tank hat Schöttl rausgeworfen, dafür hängen an der Wand zwei schlanke Metallrohre. »Durch das eine Rohr fließt heißes Wasser in unser Heizungssystem, durch das andere das abgekühlte Wasser zurück zum Kraftwerk«, erklärt er. Das Besondere an Schöttls Heizung: Die Energie zum Erhitzen des Wassers stammt vollständig aus Holz. Bernhard Schöttl wohnt in Sauerlach bei München. Die 7000 Einwohner des Ortes wollen zukünftig ganz auf die herkömmliche Energieversorgung mit Öl und Gas verzichten. Vor dreieinhalb Jahren haben die Sauerlacher deshalb ein Heizkraftwerk gebaut, in dem ausschließlich Restholz aus den umliegenden Wäldern verbrannt wird. Seitdem gewinnt die Gemeinde mehr als die Hälfte ihrer Heizwärme aus klein gehackten Bäumen und Sträuchern.

Wirtschaftlich lohnt sich die Holzheizung für die Sauerlacher von Jahr zu Jahr mehr. »Als wir 1998 mit den Planungen begonnen haben, kostete ein Liter Heizöl 40 Pfennig«, erinnert sich Bürgermeister Walter Gigl. »Heute muss man weit mehr als 50 Cent bezahlen.« Wer in Sauerlach mit Holz heizt, verringert seine Energiekosten schon jetzt um zehn Prozent, während ein Ende der Ölpreissteigerung nicht abzusehen ist. Betrieben wird das Holzkraftwerk von der gemeindeeigenen Zukunfts-Energie-Sauerlach GmbH (ZES). 110 Bürger haben als stille Gesellschafter Anteile erworben, darunter auch Bernhard Schöttl.

Stolz sind die Sauerlacher darauf, dass mit der Wärme aus dem Ofen nicht nur ihre Heizungen erhitzt werden, sondern über Kraft-Wärme-Kopplung auch noch genug Strom für die öffentlichen Gebäude der Gemeinde erzeugt wird. Die vollständige Energie-Autarkie ist in Sauerlach für das nächste Jahr geplant. Dann soll das neue Geothermie-Kraftwerk noch Erdwärme beisteuern. Schon 2005 hat Sauerlach fast drei Millionen Liter Heizöl eingespart und seinen Kohlendioxidausstoß um vierzig Prozent gesenkt.

Doch nicht nur im waldreichen Süden der Republik ist man auf dem Selbstversorgertripp. Das niedersächsische Jühnde in der Nähe von Göttingen hat sich im September 2005 vom Netz der Energieversorger abgekoppelt. Seitdem nennt sich die 750-Einwohner-Gemeinde »Bioenergiedorf«, weil sie die Biomasse ihrer landwirtschaftlichen Betriebe zur Energiegewinnung nutzt. Hans Ruppert vom Zentrum für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Göttingen betreut das Projekt. Vor neun Jahren startete sein Team unter den Dörfern im Landkreis eine Ausschreibung zur Förderung einer Biogasanlage. Seit Herbst 2004 läuft sie in Jühnde, hier waren die Bauern besonders kooperativ. Sechs der neun Landwirte des Dorfes bauen so genannte Energiepflanzen an: Sonnenblumen, Raps, Mais und Weizen. Weil die Pflanzen schon im grünen Zustand verwertbar sind, können sie zweimal im Jahr geerntet werden.

Diese Ernte und die Gülle ihres Viehs bringen die Landwirte in einen acht Meter hohen Turm, den Fermenter. Hier vergärt die Masse und wird dann in die Biogasanlage eingespeist, wo Bakterien den Brei zersetzen und so Methan produzieren, den Stoff, aus dem in Jühnde Energie entsteht. Hat sich genügend Methan in der Anlage gesammelt, wird es im Blockheizkraftwerk verbrannt. Die frei werdende Wärme fließt über unterirdische Leitungen in die Häuser. Weil das im Winter nicht ausreicht, sorgt zusätzlich ein Holzhackschnitzel-Heizwerk dafür, dass die Bewohner nicht frieren. Wer vom Jühnder Nahwärmenetz profitieren will, zahlt pro Haushalt einmalig 2500 Euro für die Mitgliedschaft in der Bioenergiedorf-Genossenschaft und den Anschluss ans Nahwärmenetz. Ein Einsatz, der sich lohnt, denn derzeit liegen die Energiekosten für die Biogas-Genossen aus Jühnde rund 40 Prozent unter den Öl- und Gaspreisen. Zudem wurde der Kohlendioxidverbrauch der Gemeinde um 60 Prozent gesenkt – und die lokale Wirtschaft gestärkt. »Das Geld, das bislang in die Ölländer geflossen ist, bleibt in der Region«, sagt Projektleiter Ruppert

Seit die Medien über das »unbeugsame Dorf« berichten, kommen Besucher aus aller Welt nach Jühnde. Der 75-jährige Dorfbürgermeister August Brandenburg kann sie inzwischen auf Japanisch, Koreanisch und Russisch begrüßen. »Die Jühnder bauen an der Zukunft dieser Republik«, sagte die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast beim ersten Spatenstich für die Biogasanlage im November 2004. Das erkennen auch andere. Der 400-Seelen-Ort Mauenheim ist seit vergangenen Dezember das erste Bioenergiedorf Baden-Württembergs, nach Jühnde das zweite der Republik. Die Biogasanlage produziert Strom für vier Dörfer und Nahwärme für die Hälfte des Ortes – die andere Hälfte wird von einem Holzhackschnitzel-Heizwerk versorgt. Demnächst soll Lippertsreute, ein Ortsteil von Überlingen am Bodensee, energiepolitisch autark werden. Auch im Landkreis Göttingen sollen in den nächsten Jahren fünf weitere Bioenergiedörfer entstehen.

Ob in Zukunft in ganz Deutschland Biogasanlagen aus dem Boden sprießen, ist jedoch zweifelhaft. Der Flächenbedarf wäre immens, wollte sich die ganze Republik von Biomasse wärmen lassen.

 
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