Naher Osten Die letzten Tropfen des Jordans
Ein neuer Staudamm lässt den einzigen Zufluss zum Toten Meer austrocknen – Trinkwasser wird im Nahen Osten immer knapper.
Sommer in Israel. Träge Wellen umspülen die steil aufragende Terrasse des Strandcafés. Mauern aus Sandstein schützen vor der sengenden Hitze der Wüste im Westjordanland. Araber, Israelis und Touristen, die vor allem aus Bethlehem und Jericho hierher kommen, genießen zwischen Palmen kühle Getränke. Hinter dem lang gezogenen Tresen prangt ein farbiges Gemälde des gigantischen Riff Valley. Der Große Afrikanische Grabenbruch erstreckt sich von der Türkei bis nach Mosambik, und mittendrin liegt das Tote Meer, ein salziges Wasserbecken im Heiligen Land, an dessen grünen Ufern die Menschen Abkühlung suchen.
Das ist vorbei. Die Idylle hatte nicht nur ein jahreszeitliches Verfallsdatum. Zwischen den 900 Meter hohen Bergen von Jerusalem und dem mit 400 Meter unter dem Meeresspiegel tiefstgelegenen Binnenmeer der Welt steht die Natur vor dem Kollaps. Jahr für Jahr zieht sich das Tote Meer einen Meter weiter in die Tiefe zurück – und mit ihm das Grundwasser. Der weltweit größte Salzsee, einst 75 Kilometer lang, trocknete auf mehr als einem Viertel der Länge aus. Die Wüste erobert fruchtbare Ufer, lässt Quellen versiegen und die einst vom Grundwasser gespülten Salinen kollabieren. Sink halls nennen Einheimische die riesigen Krater, die Straßen, Plantagen oder Campingplätze in die Tiefe reißen – und jeglicher Bewirtschaftung der Uferzone den Garaus machen. Mehr als 1000 dieser Löcher säumen das Ufer auf der Seite des Westjordanlandes.
Für Gidon Bromberg ist die weithin sichtbare Zerstörung eine »Rache der Natur«. Der israelische Direktor der Umweltorganisation Friends of the Earth, der die Region gern im Weltkulturerbe der Vereinten Nationen wüsste, gibt die Schuld am langsamen Tod des Toten Meeres der extensiven Wasserverschwendung. »Die Israelis beuten den Jordan aus, unsere Hauptwasserader, Syrer und Jordanier den Grenzfluss Yarmouk.«
Tatsächlich kontrolliert Israel etwa 80 Prozent der Wasserreserven der Region. Der Jordan speist den See Genezareth, aus dem Israel 40 Prozent seines Trinkwassers bezieht. Der Yarmouk ist einer der wichtigsten Zuflüsse des Jordans zwischen Galiläa und dem Toten Meer.
Intensiver Landbau, marode Wasserleitungen und ehrgeizige Bewässerungsprojekte in der Wüste Negev haben aus dem mittlerweile militärisch komplett abgeschirmten Jordan, der einst jährlich 1300 Millionen Kubikmeter Wasser in das abflusslose Tote Meer brachte, ein Rinnsal gemacht – das bald ganz versiegen könnte. »Kein Tropfen Wasser«, so Bromberg, werde mehr in den Salzsee fließen, wenn Jordanien und Syrien im kommenden Jahr den Unity Dam am Yarmouk in Betrieb nähmen. Der etwa 120 Kilometer nördlich der jordanischen Hauptstadt Amman gelegene Staudamm, ausgestattet mit 110 Millionen Kubikmeter Speichervolumen und einer 87 Meter hohen Staumauer, soll den Durst der Menschen stillen und ihre Felder bewässern – und zwar mit Billigung des israelischen Staates. Eine Kooperation, die »zerstört, statt Frieden zu schaffen«, klagt der Israeli Bromberg, der trotz der immensen politischen Konflikte eng mit palästinensischen und jordanischen Umweltschützern zusammenarbeitet.
Die Tragödie treffe vor allem die Palästinenser, die ohne Zugang zu Wasserreserven von den Israelis abhingen, sagt Mustafa Barghouthi im palästinensischen Vertretungsbüro in Ramallah. Während im Vorgarten die Scharfschützen patrouillieren, sitzt der einstige Präsidentschaftskandidat in der hell gestrichenen Villa und präsentiert Zahlen: Pro Jahr würden jedem Palästinenser 26 Kubikmeter Wasser dargeboten, der durchschnittliche Israeli verbrauche 128 Kubikmeter, jüdische Siedler sogar 2400 Kubikmeter. Die ungleiche Verteilung des knappen Guts, warnt der Politiker, heize die Spannung weiter an.
Apathisch verfolgen die Bewohner des Westjordanlandes, wie Wasser zu Wüste wird. »Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber es kommt kaum Druck aus der Bevölkerung«, erzählt Gundi Schachal. Die Deutsche, die seit 25 Jahren im Kibbuz Ein Gedi lebt, zeigt auf sterbende Dattelpalmen in den Plantagen. Die Dürre bedrohe die Existenz der Kibbuz-Bewohner, die bereits mehr als zwei Millionen Euro Einnahmen verloren hätten. »Wir laufen dem Meer mit den Pflanzungen praktisch hinterher«, sagt Schachal. Und wenn der Unity Dam aus dem Toten Meer ein Staubmeer macht? Schachal senkt den Blick und zieht das weiße Kopftuch tiefer ins Gesicht, als wolle sie die Gefahr nicht sehen. Die Zukunft im eigenen Sinne zu gestalten erfordere »so viel Geld und Macht, dass sich jeder Einzelne hier als zu unbedeutend erachtet, um Einfluss nehmen zu können«.
In der israelischen Öffentlichkeit findet das ökologische Desaster kaum statt. Zwar fordert etwa Arie Arnon, Professor am Van Leer Jerusalem Institute, den in der Region gut verdrahteten deutschen Umweltminister Sigmar Gabriel auf, über ökologische Hilfen »eine Brücke zwischen Israel, Palästina und Jordanien zu bauen«. Ein besonders einflussreicher Israeli, Schimon Peres, lässt allerdings erkennen, dass die Umwelt »nicht das aktuellste Problem« in Israel sei. Der Minister für die Entwicklung von Galiläa und Negev will das Tote Meer »touristisch und wirtschaftlich entwickeln«, statt es ökologisch aufzupäppeln. Für das nötige Nass in Hotels und Schwimmbädern soll eine etwa 200 Kilometer lange Pipeline sorgen – über deren Bau sich Peres mit dem jordanischen Umweltminister Khalid Irani prinzipiell einig ist. Israel und Jordanien wollen Wasser aus dem Roten Meer über die Berge in das Tote Meer pumpen. Die Idee ist nicht neu. Aber wie stark das Mammutprojekt Flora und Fauna zerstört, ist bis heute so ungeklärt wie seine Finanzierung. 15 Millionen Euro soll allein die Machbarkeitsstudie kosten – und erst zwei Drittel sind bisher in die Kassen der Weltbank geflossen.
Konfrontiert mit dem Streit um Wasser und Landbesitz sind auch die Deutschen. Vielleicht könne die Pipeline kurzfristig helfen, »langfristig löst sie das Problem Wasserknappheit nicht«, sagt Umweltminister Gabriel.
Vorausschauendes Wassermanagement ist in Nahost ein Fremdwort. Auch im wasserarmen Jordanien verschwende man das wenige Nass »geradezu fahrlässig«, sagt Joachim Prey, Projektleiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Amman. Mehr als die Hälfte des Wassers versickere über leckende Leitungen, Beduinen bohrten Rohre zum Tränken ihrer Ziegen an, Abwasser werde kaum genutzt. Die niedrigen Preise für Frischwasser, etwa einen US-Cent kostet der Kubikmeter, ließen die Bauern überwiegend exotische Früchte wie Mangos, Avocados, Melonen, Bananen oder sogar Schnittblumen anbauen – und für vergleichsweise viel Geld in das wasserreiche Europa exportieren. Inzwischen verdunsteten drei Viertel des noch verfügbaren Wassers auf den dürren Plantagen. Dass die knappe Ressource »einen Preis« haben müsse, verstehe kaum ein Jordanier, klagt Prey, der die Landwirte lehren soll, Abwasser zu nutzen. Die Aufklärungsversuche des Deutschen kollidieren mit den Traditionen der Wüstenstaaten. In islamischen und arabischen Gesellschaften sei Wasser einst als kostbarstes Gut kostenlos verteilt worden. Zudem sicherten sich die Herrscherfamilien »durch Begünstigungen Macht und Einfluss«, so Prey.
Deutsche Politiker wollen auch künftig eine länderübergreifende Wasser- und Umweltpolitik im Nahen Osten fördern, da sie die politische Lage stabilisieren helfe. »Wir dürfen keine Chance auf Frieden auslassen«, predigt Umweltminister Gabriel.
- Datum 17.12.2006 - 06:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.12.2006 Nr. 51
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