RomanEin Nachmittag in Tepoztlán

Sergio Pitols »Göttliche Schnepfe« ist ein herrlicher, boshafter Klamauk. von Katharina Döbler

Ein alternder Schriftsteller beginnt einen neuen Roman. Bisher handelten seine Bücher von gescheiterten Existenzen. Um einer solchen zu entkommen, will er jetzt endlich das ehrgeizige Werk in Angriff nehmen, auf das er sich immer vorbereitet hat. Also sichtet er innere Bilder: eine exzentrische Dame, Istanbul, ein Fest im Urwald von Tabasco, ein Geizkragen. Er greift auf Materialsammlungen über die zivilisatorische Funktion von Festen seit dem Mittelalter zurück und beutet Sekundärliteratur zu Gogols Toten Seelen aus. Außerdem fallen ihm noch zwei Leute ein, die er mal kannte, und er destilliert aus ihnen den Typus eines ungebildeten Menschen, der beim Konsum von großer Literatur jählings von etwas Höherem ergriffen wird.

»Er entdeckte, dass ein Roman mehr sein kann als eine langweilige Anhäufung mondäner oder psychologisierender Faseleien und in der Lage war, ihm etwas zu vermitteln, das alle seine Vorstellungen von Literatur sprengte«, notiert der Schriftsteller, und man versteht: Ein solches alle Vorstellungen sprengendes Buch will wohl jeder gerne schreiben und jeder gerne lesen. Allerdings befinden wir uns in einem Roman von Sergio Pitol, und so darf man annehmen, dass es sich um keine ganz harmlose Ausweitung des Literaturbegriffs handeln wird. Und mit der Fortsetzung des Zitats bekommt man schon eine Ahnung davon: Der Roman vermag »Emotionen in ihm hervorzurufen, wie bislang nur Abhandlungen über internationale Handelsbeziehungen und Statistik«. Pitols Figuren sind immer kleinkariert, ziemlich neurotisch, oft ungebildet und dabei mit einem doch irgendwie lobenswerten Zug zum Höheren ausgestattet. Die genervte Ehefrau in dem großartig bösen kleinen Roman Eheleben war eine solche Figur, aus deren neurotisch gekrümmtem Blick Pitol die verblüffendsten Perspektiven zu gewinnen wusste.

Diesmal ist es, so der Beschluss des alternden Schriftstellers, ein bornierter Geizhals und Karrierist, der im Zentrum des Romans steht und dem die Literatur in Gestalt einer sehr merkwürdigen Frau (zu) nahe tritt. Das Ergebnis soll nämlich eine dauerhafte Verstörung und Ergriffenheit sein. Man kann auch Trauma und Obsession dazu sagen. Pitol legt mit diesen Vorgaben seine Spielanordnung offen: Die Stichworte fungieren als Initialzünder fieser Fantastereien, ohne dass sie die Geschichte wirklich beherrschen. Der Witz ist nämlich auch hier wieder die neurotische Verbogenheit der sich selbst erzählenden Hauptfigur: »Und so fand sich der Rechtslizentiat Dante C. de la Estrella durch Einfall und Werk eines Romanautors an einem regnerischen Nachmittag in Tepoztlán wieder…«

Dies ist aber noch immer nicht die Geschichte, die im Roman erzählt wird, sondern erst die vom Schriftsteller in der äußeren Rahmenhandlung bereits avisierte innere Rahmenhandlung, in der der literarisch anhaltend verstörte Lizentiat endlich zu erzählen beginnen darf. Seine Zuhörer, die den unsympathischen Geizkragen aus tiefstem Herzen verabscheuen, sind wegen eines draußen tobenden Unwetters gezwungen, ihm bis zum ekligen Ende zuzuhören.

Pitol konstruiert diesen Roman mit den Mitteln kunstvoller Erzählkonventionen, wie sie schon Sterne oder Diderot benutzt haben: Er steckt die Geschichte in eine andere Geschichte wie in eine Tasche, er wechselt die Erzählebenen und bedient sich kommentierender Figuren, die nach Lust und Laune aus dem Roman heraustreten. Dabei aber verstößt er absichtsvoll gegen andere Konventionen: die der Gefälligkeit und des guten Geschmacks. Nicht eine einzige sympathische Person kommt in diesem Buch vor, und keine der Figuren kapiert, was eigentlich gespielt wird. Das teils genervte, teils interessierte Publikum im Buch macht ständig unqualifizierte Zwischenbemerkungen; und auch der Leser ist, falls er Wert darauf legt, was »wirklich« passiert, auf Vermutungen angewiesen.

Der Erzähler jedenfalls ist nicht in der Lage, seine eigene Geschichte auch nur ansatzweise zu verstehen. Wie es scheint, ist er vor Jahrzehnten mit einem reichen Bekannten und dessen Schwester nach Istanbul gereist. Die Dame – angeblich Gogol-Spezialistin und Ethnologenwitwe – findet spezielles Vergnügen an Fäkalversen und schlüpfrigen Bemerkungen; außerdem kann ihre Trinkfestigkeit sich mit ihrer Bildung durchaus messen. Da aber der Erzähler ihr weder rhetorisch noch körperlich gewachsen ist, bekommt das Publikum von dieser schillernden Person kaum etwas mit als einen Abglanz des ambivalenten und überwältigenden Eindrucks, den sie auf diesen macht. Sie ist der Weibsteufel, dem er in tiefer Hassliebe erliegt. Vielleicht ist sie »in Wirklichkeit« nur eine Hochstaplerin, Schnorrerin oder Prostituierte. Man wird es nie erfahren. Die Urteilsfähigkeit des Lizentiaten ist allzu beschränkt – er ist der unwissende Erzähler schlechthin. Sicher ist nur, dass er, infiziert von einem jähen Interesse für Gogol, am Ende in der Scheiße sitzt. Was weitläufig mit einer Orgie im Urwald von Tabasco zu tun hat. Bei so viel drastischer Bildlichkeit erübrigt sich der Hinweis darauf, dass der Schriftsteller nun schon wieder einen Roman des Scheiterns geschrieben hat. Irgendwann ist das Unwetter zu Ende, das konsternierte Publikum atmet auf, und der Lizentiat wird von seinem Chauffeur in das Elend seiner wohlhabenden Existenz zurückverfrachtet.

Und somit hat sich die Frage nach dem, was in Istanbul wirklich geschah, erübrigt. Der Leser kann sich damit vergnügen, die Geschichte entsprechend der eigenen neurotischen Krümmung neu zu erzählen. Und Pitol wieder einmal dafür bewundern, dass er der Literatur etwas Unvorhergesehenes hinzugefügt hat: einen herrlichen und boshaften Klamauk.

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    • Schlagworte Roman | Literatur | Dante | Fest | Publikum | Schriftsteller
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