Zwei große Themen bestimmen aktuell die Tagesordnung dieser Gesellschaft: die politischen Dauerprobleme der Arbeitslosigkeit und des Umbaus des Wohlfahrtsstaates sowie die immer wiederkehrende Debatten und Kampagnen um kollektive Identität, Patriotismus und Leitkultur. Die rhetorischen Kämpfe um die technischen Details von so genannten Reformen und die Identitätskampagnen verstellen zugleich den Blick auf die dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen und ihre negativen Folgen, die wir seit dem Beginn unseres Forschungsprojekts 2002 beobachten und die besonders konzentriert auftreten in manchen Gemeinden, (Klein-)Städten, Regionen und Bundesländern, also sozialräumlich verdichtet. Entstehen oder verhärten sich gar Problemzonen, in denen die Ängste vor sozialer Desintegration und menschenfeindliche Mentalitäten besonders auffällig sind? BILD Geschlossene Gaststätte in Görlitz

Unsere diesjährige Analyse der feindseligen Mentalitäten gegenüber schwachen Gruppen, wie wir sie in unserem jährlichen Bericht über »Deutsche Zustände« beschreiben, zeigt drei auffällige Entwicklungslinien: Das Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit mit deutlicher Zustimmung dazu, dass es zu viele Ausländer im Lande gebe und sie nach Hause geschickt werden sollten, wenn die Arbeitsplätze knapp würden, nahm in den letzten Jahren kontinuierlich zu. Dies gilt auch für die subtile Abwehr jener Gruppen, gegenüber denen Etabliertenvorrechte reklamiert werden.

Ebenso hat die Islamfeindlichkeit unübersehbar zugenommen, beispielsweise die generalisierte Ablehnung der Auffassung, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht habe.

Beim Antisemitismus ist bemerkenswert: Zwischen 2003 und dem Frühjahr 2006 registrierten wir einen stufenartigen Rückgang der klassischen Facetten des Antisemitismus, wie er sich beispielsweise in der Aussage, dass »Juden zuviel Einfluss haben«, zeigt. Als wir aus Anlass der militärischen Auseinandersetzung zwischen der israelischen Armee und Hisbollah im August eine Nacherhebung durchführten, zeigte sich ein Anstieg auf das Niveau von 2002. Gleichwohl ist dies kein hinreichender Grund, die aktuelle Situation mit der Stimmung »vor 1933« zu vergleichen.

Wenn es um den Mentalitätszustand dieser Gesellschaft geht, spielen weniger diejenigen eine besondere Rolle, die sich selbst an den linken oder rechten Rändern des politischen Spektrums verorten, sondern vorrangig fallen die mittleren Soziallagen und ihre Einstellungen ins Gewicht – schon allein wegen ihres Umfanges. Sie gelten bislang als Synonym für Solidität der Lebensweise, Leistungs- und Aufstiegsorientierung sowie Einstellungen ohne extreme Positionen, kurz: als Garant von Normalität und politischer Stabilität. Nun zeigt sich eine sowohl beunruhigte als auch beunruhigende Mitte, denn die Kontrolle über die eigene Lebensplanung und das Reservoir von Anerkennungsmöglichkeiten werden in der Gesamtentwicklung von Desintegrationsängsten und -erfahrungen auch für sie prekär, und feindselige Mentalitäten greifen Platz (siehe Grafik). Bisher ging man davon aus, dass solche Ergebnisse verstreut über die gesamte Republik zu finden wären, also keine Problemzonen entständen, weil sich zum Beispiel Schwierigkeiten der Platzierung im Arbeitsmarkt und neue Chancen irgendwie auspendelten. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik in voller Größe zu sehen BILD

In den vergangenenJahren haben unsere Analysen gezeigt: Desintegration, insbesondere im Zusammenhang mit Orientierungslosigkeiten, erzeugt feindselige Mentalitäten. Welche Ausmaße nimmt das an, welche Mechanismen zeigen sich? Und wo verdichten sich die Entwicklungen besonders?

Während in Städten eine Vielzahl und Vielfalt von Gruppenbildungen von Gleichgesinnten möglich sind, sind diese Angebote in Gemeinden und kleinen Städten naturgemäß geringer. Dadurch sind die Chancen, dem Konformitätsdruck in der Gruppe auszuweichen, in den Städten größer als in ländlichen Gemeinden und Kleinstädten. In ländlichen Gebieten, in denen das Verhalten eher homogen ist, bleiben die Einstellungsunterschiede durch den höheren normativen Druck eher verdeckt. Hier besteht die Gefahr, dass sich in der Bevölkerung »einheitliche« Deutungen durchsetzen, wie politische Ereignisse zu werten seien.