Wenn in diesen Tagen in Iran die Wahlen zum so genannten Expertenrat anstehen, wird es vor allem um einen Mann und um dessen künftige Rolle in der Politik gehen: um Ajatollah Mohammad Taqi Mesbah Yazdi. Denn das Gremium, das aus 86 Geistlichen besteht, wählt den Revolutionsführer, den Obersten Rechtsgelehrten der Islamischen Republik Iran. Um die Gesundheit des jetzigen Revolutionsführers Ali Chamenei ist es, so besagen Gerüchte, nicht gut bestellt. Deshalb möchte sich Ajatollah Mesbah Yazdi, der sich größte Chancen auf die Nachfolge Chameneis ausrechnet, eine große Anhängerschaft im Expertenrat sichern. Wer zweifelt, der sündigt – der iranische Ayatollah Mesbah Yazdi BILD

Der 1934 geborene Geistliche ist bereits seit einiger Zeit der Mann der Stunde. Ihn suchte Präsident Mahmud Ahmadineschad als Ersten auf, um sich seine Wahl absegnen zu lassen. Der Theoretiker der Radikalen gilt als der wichtigste Mann hinter Präsident Ahmadineschad und als einer der wichtigsten im Staate. Zum allgemeinen Erstaunen übrigens: Kürzlich fragten einige Parlamentarier nach, was es damit auf sich habe, dass der Präsident Ahmadineschad mehrmals monatlich seine Politik mit einem Mann abspreche, der keinerlei Regierungsauftrag habe, über keine öffentliche Funktion verfüge und noch dazu als einer der radikalsten Geister des Staates bekannt sei. Und Expräsident Chatami sprach von einer dritten Kraft, die sich nun neben den Reformern und den Konservativen herauskristallisiert habe: die so genannte Yazdi-Gruppe.

Der Scharfmacher Mesbah Yazdi, der von seinen Kritikern auch gerne »das Krokodil« genannt wird, hat den einflussreichen Posten des Freitagspredigers von Teheran inne und ist Mitglied im Expertenrat. Außerdem ist er Gründer der Haqqani-Schule, in der eine extrem restriktive Deutung des Islams unterrichtet wird. Zahlreiche seiner Schüler – zu ihnen zählen beispielsweise Ali Fallahian, der ehemalige iranische Geheimdienstminister, der seit dem Attentat im Berliner Restaurant Mykonos mit internationalem Haftbefehl gesucht wird – bekleiden heute einflussreiche Ämter.

Mesbah Yazdi hatte es sich schon vor geraumer Zeit zur Aufgabe gemacht, das Land von allen Reformströmungen zu reinigen; die 22 Millionen Iraner, die vor fünf Jahren den Reformpräsidenten Mohammed Chatami wählten, galten ihm seinerzeit nur als »ein Haufen Schnaps trinkender Lumpen«, und als in einer reformorientierten Zeitung kürzlich ein Artikel erschien, der die Abschaffung der Todesstrafe forderte, erklärte Mesbah Yazdi, dass nicht nur die Todesstrafe generell zu befürworten sei, sondern darüber hinaus ein jeder, der islamische Grundsätze wie diese infrage stelle, auf der Stelle getötet werden müsse. Inzwischen sind sogar jene über die neue und stetig zunehmende Machtfülle Mesbah Yazdis besorgt, die selber nicht gerade für ihre Liberalität bekannt sind. Auch ihnen geht Mesbah Yazdis Radikalität entschieden zu weit.

In Iran wird in diesen Tagen vor allem Mesbah Yazdis Meinung zum republikanischen Charakter der Islamischen Republik Iran diskutiert. Denn am 15. Dezember soll das Volk etwas tun, was die Verfassung ihm ausdrücklich erlaubt: Es soll wählen – ebenjenen erwähnten Expertenrat. Ob dies jedoch das Recht und die Aufgabe des Volkes ist, bejahen längst nicht alle in Iran. Vor allem Mesbah Yazdi würde dem Volk dieses Recht gerne verwehren. Iran ist, so besagt es die offizielle Bezeichnung des Landes, eine Republik. Andererseits gilt dort jedoch die »Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten«, eine Herrschaftsform, die nur im schiitischen Islam denkbar ist, da nur die Schia die Imamatslehre kennt. Souverän des Staates ist gemäß der »Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten« – wie im Übrigen gemäß jedweder islamischen Staatstheorie – Gott und nur Gott.

Die Frage jedoch, die die islamische Theologie grundsätzlich unterschiedlich beantwortet und die auch heutzutage in Iran unterschiedlich beantwortet wird, ist, wem Gott die Souveränität übertragen hat: einem Stellvertreter – einem Monarchen also oder im Falle des heutigen Irans dem Obersten Rechtsgelehrten – oder aber dem Volk als Ganzem.

An dieser Frage scheiden sich die Geister. Gemäß Artikel fünf der iranischen Verfassung obliegt in der Abwesenheit des 12. Imams die politische Führung dem »zur Führung befähigten Rechtsgelehrten«. Der 12. Imam ist im Jahre 941 in die so genannte Große Verborgenheit entrückt, auf seine Wiederkehr warten die Schiiten bis heute, und er ist somit eschatologisch dem jüdischen Messias vergleichbar. Der Oberste Rechtsgelehrte ist als Stellvertreter des verborgenen 12. Imams die höchste politische Autorität Irans. Und einer Auffassung zufolge, die zwar nicht unumstritten ist, aber dafür von Mesbah Yazdi umso unnachgiebiger vertreten wird, ist der Oberste Rechtsgelehrte, gegenwärtig Ajatollah Ali Chamenei, auch alleiniger Souverän des Staates.

Aus diesem Grund verwendet Mesbah Yazdi in seinen Schriften auch nie die Bezeichnung »Republik« für Iran, denn seiner Meinung nach handelt es sich bei der Staatsform Irans keineswegs um eine republikanische. Stattdessen obliegt dem Obersten Rechtsgelehrten – auch Revolutionsführer genannt – »eine Führungsbefugnis, die absolut ist« (velayat-e motlaq). Er steht über der Verfassung, kann sie außer Kraft setzen und hat noch weit mehr Rechte als die, die ihm die iranische Verfassung ausdrücklich zugesteht. Sie ist allein von seiner Unterschrift und seiner Bestätigung abhängig. Die Handlungen der Menschen werden durch den Obersten Rechtsgelehrten legitimiert und nicht umgekehrt, das heißt, ein Gesetz hat nur Legitimität, weil der Oberste Rechtsgelehrte es befürwortet hat, und nicht etwa, weil das Gesetz von einer Volksversammlung verabschiedet worden ist. Das Parlament hat eigentlich keine Funktion und kann sofort aufgelöst werden, wenn es nicht zur Zufriedenheit des Obersten Rechtsgelehrten arbeitet, erklärt Mesbah Yazdi.

Warum der Oberste Rechtsgelehrte diese absoluten Rechte innehat, erklärt sich für Mesbah Yazdi von selbst. Schließlich ist er allein von Gott auserwählt worden, und nur wer von Gott auserwählt wurde, hat das Recht zu regieren. Ob das Volk ihn akzeptiert, ist irrelevant. Er verliert seine Legitimation auch bei Nichtakzeptanz des Volkes nicht. »In der Zeit der Großen Verborgenheit (das heißt in Abwesenheit des 12. Imams) erfährt die Regierung ihre Legitimität von Gott und nicht durch das Volk.« So Mesbah Yazdi in aller Deutlichkeit.

Erstaunlich allerdings ist in diesem Zusammenhang, dass der Oberste Rechtsgelehrte faktisch in der Islamischen Republik von einem Wahlmännergremium, dem erwähnten Expertenrat, gewählt wird – also von Menschen. Und dieser Rat wiederum wird vom »gemeinen Volk« gewählt. Ist es dann nicht doch das Volk, dem die Souveränität übertragen worden ist und das damit letztlich den Obersten Rechtsgelehrten legitimiert, fragte der iranische Reformdenker Abdolkarim Sorusch deshalb an Mesbah Yazdi gerichtet. Der jedoch erklärte dem erstaunten Frager und dem Volk, der Oberste Rechtsgelehrte werde keineswegs von den Experten gewählt, sondern erkannt – und zwar aufgrund einer Botschaft, die Gott ihnen sende.

Offen allerdings bleibt die Frage, warum der Expertenrat den Obersten Rechtsgelehrten theoretisch, so die Verfassung, wieder absetzen kann: Hat Gott den Mitgliedern dann die Botschaft gesendet, dass er dem Betreffenden die Souveränität entziehen will? Widersprüchlich scheint auch, warum dem Volk, das ja insgesamt eher unmündig erscheint, überhaupt ein so wichtiges Recht wie das Recht, Wahlmänner zu bestimmen, gegeben wird. Doch auf die Frage, warum es überhaupt noch Wahlen gibt in Iran und warum in diesen Tagen mal wieder Kandidaten aufgestellt werden für die Wahlen zum Expertenrat, sagt Mesbah Yazdi ergreifend schlicht: »In den Zeiten, in denen wir leben, vor allem wenn der Druck aus dem Westen so stark ist, kann man Traditionen wie die der Wahl nur schwer wieder abschaffen.« Außerdem habe das Volk dann das Gefühl, es habe Anteil an der Regierung. Und dieses Gefühl solle man ihm doch ruhig lassen.

Mesbah Yazdi gesteht dem Obersten Rechtsgelehrten zudem das Monopol auf die einzig richtige Deutung der Religion zu – was sehr ungewöhnlich ist, da eigentlich gerade der schiitische Islam von einer Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten der koranischen Offenbarung ausgeht und somit auch davon, dass die Interpreten einander widersprechende Meinungen vertreten können. Doch nach Ansicht von Mesbah Yazdi sticht die Religionsinterpretation des Obersten Rechtsgelehrten nicht nur unter denen anderer Geistlicher hervor: Sie sei auch ganz zweifelsfrei richtig. Denn der Oberste Rechtsgelehrte sei »ganz nahe an der Unfehlbarkeit« (qarib be ma’sum).

Damit verleiht Mesbah Yazdi ihm fast ein Prädikat, das nur die zwölf Imame sowie der Prophet Mohammed und seine Tochter Fatima tragen. Nur sie gelten im schiitischen Islam als frei von Fehlern, und es ist ihnen unmöglich, zu irren. Dass ein Mensch ihnen in dieser Eigenschaft so ähnlich sein könnte, dürfte für viele Schiiten an Ketzerei grenzen. Mesbah Yazdi behauptet jedoch, dies sei Konsens innerhalb der schiitischen Geistlichkeit. Und weil er fast unfehlbar sei, hätten natürlich auch alle Menschen die Pflicht, dem Obersten Rechtsgelehrten zu gehorchen. Sich gegen den Obersten Rechtsgelehrten aufzulehnen gilt demnach als Sünde.

Zwar ist Mesbah Yazdis äußerst eigenwillige Lesart schiitischer Herrschaftstheorie in ihrer Argumentation und Herleitung durchaus angreifbar. Mesbah Yazdis wichtigster Gegner beispielsweise, der Groß-Ajatollah Hossein Ali Montazeri, argumentiert, auch die »Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten« beruhe auf einem contrat social. Das Volk habe nicht nur das Recht, den Obersten Rechtsgelehrten zu kontrollieren, sondern auch, ihn direkt zu wählen – und zwar für eine bestimmte Zeit. Viele ideologische Gegner zeigen also durchaus heute in Iran, aber vor allem auch in Nadschaf, dem im Irak gelegenen Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit, die Widersprüchlichkeiten der Mesbahschen Lesart der »Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten« auf. Besorgniserregend ist jedoch, dass Mesbah Yazdi immer mehr an Einfluss gewinnt – sei es nun über seinen Schützling Ahmadineschad oder gar als zukünftiger »Oberster Rechtsgelehrter«. Und Mesbah Yazdi lässt keinen Zweifel an seiner Einstellung gegenüber seinen Kritikern. Als Freund der deutlichen Worte erklärt er unumwunden: »Wer sagt, er habe eine andere Interpretation der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten, dem muss man in die Fresse schlagen und ihm erklären: Du hast eine Sünde begangen.«

*Katajun Amirpur ist Islamwissenschaftlerin und Publizistin. Sie lebt in Köln.