Wer wird den Machtkampf im Libanon gewinnen: der schiitische Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah oder der sunnitische Premier Fuad Siniora? "Ihre Meinung? Bitte klicken Sie hier!" Die kleine Abstimmung auf der Netzseite des Satellitensenders al-Dschasira ist so etwas wie ein Fieberthermometer für die arabische Welt. Schüttelfrost und Fieberschübe haben in diesem Spätherbst mal wieder den Libanon erfasst – mit Nationalflaggen und Konfessionswimpeln fächern sich die Menschen Luft zu. Rund um den Märtyrerplatz im Zentrum von Beirut demonstrieren die Parteien der Schiiten, Christen und Sunniten – jenseits davon intrigieren die Großmächte der arabisch-persischen Welt. Nasrallah ist ein Ziehkind der iranischen Revolution. Siniora ist enger Vertrauter einer von Saudi-Arabien gestützten alten sunnitischen Familie. Nasrallah und Siniora ringen um den Libanon, ihren Gönnern in Teheran und Riad aber geht es um nichts weniger als den gesamten Nahen und Mittleren Osten.

Der Kampf um die Hegemonie in der Region vom Mittelmeer bis zum Indischen Ozean hat eine neue Wendung erfahren. Die Amerikaner mögen noch über Plänen zur Truppenverstärkung oder Studien zum Rückzug aus dem Irak brüten. Doch wird die Niederlage und selbst verschuldete Schrumpfung der Vereinigten Staaten auf dem Machtbasar in Nahmittelost längst als Tatsache gehandelt. Was danach kommt, darüber streiten die Politikhändler, aber der Umbruch könnte anders ausfallen als alles, woran sich selbst hochbetagte Araber erinnern können. Über viele Jahrhunderte wurde die Region von außen gezügelt, beherrscht oder aufgeteilt. Seit der frühen Neuzeit durch die türkischen Osmanen, im Ersten Weltkrieg durch Briten und Franzosen, im Kalten Krieg durch Amerikaner und Sowjets, seit 1991 durch die einzige Weltmacht USA.

Heute findet sich diese eingekesselt in Bagdads Grüner Zone, sie reagiert nur noch, bei schnell fortschreitender Lähmung. Das Auffällige dabei: Weder Europa noch China, noch Russland bewerben sich um die Nachfolge. So füllen allmählich Regionalmächte die Lücke, Israel kraft Armee und Atombombe, die Türkei dank wirtschaftlicher Blüte und wachsenden regionalen Ansehens, Saudi-Arabien mit explodierenden Öleinnahmen, Iran desgleichen, zusätzlich will Teheran offenbar mit der seit dieser Woche offiziellen Atommacht Israel gleichziehen.

Doch nur zwei dieser Staaten erheben den Anspruch, Führungsmacht der Muslime zwischen Kairo und Qatar zu sein – Saudi-Arabien, der erzkonservative Wächterstaat der sunnitischen Heiligtümer von Mekka und Medina, und Iran, der revolutionäre Religionsstaat der Schiiten. Beide Länder begründen ihre Ambitionen sowohl religiös-ideologisch wie machtpolitisch, beide ziehen Stolz aus der Erfolgsgeschichte der Sunniten oder der Leidenshistorie der Schiiten, beide schöpfen mehr und mehr Petrodollar aus den größten Ölfeldern der Welt am Golf. Ihre Rivalität reicht bis in die siebziger Jahre zurück, sie war im Kalten Krieg nur gedämpft worden. Heute liefern sich die Konkurrenten riskante Distanzgefechte in den von Bürgerkriegen und Zerfall bedrohten Zonen der arabischen Welt – Libanon, Irak, Palästina. Um den Wettlauf am Golf zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick zurück.

Im Jahr 1979 kehrte Ajatollah Chomeini in der so genannten Islamischen Revolution nach Teheran zurück. Das war nicht nur für Amerika, sondern auch für das saudische Königreich eine Bedrohung. Radio Teheran rief die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien, die nahe den Ölquellen des Landes wohnt, zum Sturz des Hauses Saud auf. Schiitische Demonstranten in den Ostprovinzen am Golf trugen Bilder von Chomeini. In den königlichen Gemächern von Riad brach Nervosität aus. Denn zugleich waren die Herrscher von einem Aufstand im Westen bedroht. Radikale Sunniten hatten neun Monate nach der iranischen Revolution die Große Moschee in Mekka besetzt. Polizei und Militär erstickten die Unruhen mit einiger Mühe und der solidarischen Hilfe der französischen Gendarmerie.

Das saudische Königshaus zog daraus zwei Lehren. Nach innen suchte es sich die Loyalität der puristischen Wahhabiten zu erkaufen, indem radikale Scheichs in staatlichem Auftrag predigen durften. Nach außen unterstützte es alle Staaten, die Iran irgendwie in Schwierigkeiten brachten. Die Amerikaner durften neue Basen am Golf einrichten. In Afghanistan rüstete Riad gemeinsam mit Washington radikale Sunniten gegen Russen und Schiiten hoch. Und beide – Saudis und Amerikaner – stärkten Saddam Hussein in den achtziger Jahren den Rücken, als der irakische Diktator in wüsten Materialschlachten und Giftgasattacken Teheran besiegen wollte. Erst in den neunziger Jahren tauschten Riad und Teheran auch schon mal Nettigkeiten aus.

Es sollten ausgerechnet die USA sein, die das heikle Gleichgewicht zwischen Saudi-Arabien und Iran nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verschoben. Weil die meisten Attentäter aus Saudi-Arabien stammten, traf der Bannstrahl des Weißen Hauses eine Zeit lang das Königshaus. Derweil befreite Washington eifrig die Iraner von ihren Sorgen, mit dem Sturz der radikalislamischen Taliban in Afghanistan und des Revolversunniten Saddam Hussein im Irak. Seither ist Teheran in der arabischen Welt in der Offensive, im Libanon, im Irak, in Palästina. Geführt wird es von dem ambitiösen Mahmud Ahmadineschad, der ein halbes Menschenalter jünger ist als der saudische König Abdallah und seine greisen Brüder.

Die schiitische Jugend schlägt in diesen Tagen den Rhythmus auf den Straßen von Beirut. Zeltlager gegen die Zedernrevolution, die libanesische Apo gegen die demokratisch gewählte Regierung, oppositionelle Schiiten gegen die herrschenden Sunniten, Sajjid Hassan Nasrallah und Hisbollah gegen Premier Fuad Siniora und die sunnitische Hariri-Familie, Irans Schützlinge gegen die Verbündeten Saudi-Arabiens. Nasrallah malt am kräftig retuschierten Bild von Arm gegen Reich, Underdogs gegen Etablierte, Frisch gegen Faltig. Die Schiiten erzählen sich das Gleichnis vom Aufstand der Olivenbauern gegen die sunnitischen Porschefahrer in Westbeirut. Längst ist die Nationalflagge Libanons den Händen der sunnitisch-drusisch-christlichen Zedernrevolutionäre von 2005 entglitten. Jetzt laufen die Schiiten und alliierte Christen mit dem Freiheitssymbol herum, das vor einem guten Jahr noch wider Syrien geschwenkt wurde. Hisbollah, die Organisatorin der Proteste, aber wird von Damaskus aus gestützt; Geld und Waffen aus Iran gelangen weiter über Syrien in den Libanon, sagen UN-Mitarbeiter.

Natürlich ist der Libanon viel zu kompliziert, als dass er sich schlicht auf einen iranisch-saudischen Gegensatz reduzieren ließe. Dennoch stellt sich die Frage, warum das Land den gemäßigten "prowestlichen" und "prosaudischen" Kräften zu entgleiten droht.

Die Antwort liefert wiederum ein Krieg. "Was hat all das prowestliche Gebaren der Regierung geholfen in diesem Sommer?", höhnen Hisbollah-Redner über Sinioras Krisendiplomatie während der israelischen Offensive im vergangenen Juli und August. "Die Amerikaner haben zugeschaut und abgewartet, bis die Israelis alle schiitischen Häuser und die Brücken zerstört hatten. Danach erst kam eine UN-Resolution für den Waffenstillstand zustande." Und dann enthüllen Hisbollah-Helfer ein Plakat, auf dem Siniora US-Außenministerin Condoleezza Rice freundschaftlich umarmt. Ein Pistolenschuss könnte härter nicht treffen.

Nach dem Krieg hat die Konstruktionsabteilung von Hisbollah schneller gearbeitet als alle Ministerien. Während die noch an Statistiken herumdokterten, verteilte Nasrallahs "Bau-Dschihad" erst Geld, dann Zement und Ziegelsteine. In den Beiruter Hotels saßen iranische Berater – kaum getarnt als "Journalisten" ohne Kugelschreiber –, die Hisbollah mit Geld und guten Tipps halfen. Das Training und die hocheffiziente Organisation Hisbollahs sind traditionellerweise iranischer Herkunft.

Die Saudis hingegen führen ihren Feldzug im Wesentlichen per Scheckbuch. Stiftungen bieten Wiederaufbauhilfe an, aber welcher Schiit läuft schon freiwillig zu den Saudis oder ihren Verbündeten, um sich helfen zu lassen? Im israelisch-libanesischen Krieg hatte Riad peinlich zurückrudern müssen. Das Königshaus hatte Nasrallah offen für seine Provokationen gegen Israel kritisiert. Doch als der Hisbollah-Chef unter dem Feuer der israelischen Luftstreitmacht zum Volkshelden wuchs, auch bei den Sunniten, da schwiegen die Saudis. Ihr Problem ähnelt dem westlicher Diplomaten: Seit 2001 sind Iran und die Schiiten mit jeder westlichen oder israelischen Offensive stärker geworden.

Im Irak tobt längst ein erbitterter Kampf zwischen bewaffneten Einsatzgruppen der Schiiten und sunnitischen Terrorkommandos. Der gewaltsame dschihad gegen die Amerikaner tritt da in den Hintergrund, wo die fitna ausbricht, der Streit innerhalb des Islams, begleitet von Aufruhr, Zerfall und Zusammenbruch. Die Anschläge auf schiitische Heiligtümer in Samarra und anderswo demonstrieren nur mehr die in Militanz umgeschlagene Ohnmacht der Sunniten, die zum ersten Mal seit über 1000 Jahren in der Region von Euphrat und Tigris die Herrschaft verloren haben. Viele Würdenträger der irakischen Schiiten, die jetzt Einfluss gewinnen, haben ihr Exil in Iran verbracht. Radikale Schiiten wie Muqtada al-Sadr spielen die Karte des panarabischen Nationalismus und veranstalten Solidaritätsdemos für Hisbollah im Libanon. Die Mullahs in Teheran helfen den von ihnen geschätzten schiitischen Gruppen mit Geld, Ausbildung und Tschadors aus iranischer Produktion. Die Grenze zwischen Iran und dem Irak im Süden steht offen, als gälte das Schengener Abkommen auch hier.

Derweil führen die Sunniten im Zentrum des Iraks ein Rückzugsgefecht, das von reichen saudischen Familien mitfinanziert wird. Und natürlich kämpfen auch hier – wie weiland in Afghanistan und Tschetschenien – radikalisierte junge Saudis mit. Bei einem Besuch von US-Vizepräsident Cheney vor zwei Wochen warnte der saudische König Abdallah, sein Land könne die irakischen Sunniten massiv finanziell und militärisch unterstützen, falls sich die US-Truppen aus dem Irak zurückzögen. In Riad und der wahhabitischen Hochburg Bureida feilen saudische Scheichs mit Duldung des Königshauses an Fatwas, die den Schiiten Heimtücke, Täuschung und Betrug an der islamischen Sache unterstellen.

Während radikale Schiiten im Irak Hisbollah feiern, die "Partei Gottes", verdammte ein saudischer Scheich sie vor wenigen Monaten als "Partei des Teufels". Zornige Worte, nicht mehr. Eine wirksame Offensive der Saudis ist nicht erkennbar. Entlang der Grenze zum Irak planen sie einen hohen Zaun. Der jordanische König hat vor einem schiitischen Halbmond vom Mittelmeer bis zum Golf gewarnt, der es iranischen Mullahs ermögliche, jederzeit zum Aufstand gegen sunnitische Herrschaft aufrufen zu können. Ist Iran schon so stark? Gemach. Die Schiiten am Mittelmeer und an der westlichen Küste des Golfs sind immer noch Araber, keine Perser. Schon die iranische Revolution 1979 hat kaum Funken bei den Arabern geschlagen. Die schiitischen Islamisten zum Beispiel, die vor kurzem bei den Parlamentswahlen in Bahrain stärkste Partei wurden, achten sehr auf Distanz zu Teheran und ihre arabische Identität. In Saudi-Arabien, wo man kein Parlament zu haben pflegt, wissen die Schiiten, dass jedes proiranische Flugblatt ihre minimalen Freiheiten zerstören kann.

Die Schwierigkeit, die zerklüftete arabische Welt entlang strikt konfessioneller Frontlinien zu ordnen, gilt auch umgekehrt. Weder der extreme wahhabitische Islam aus saudischen Landen noch der traditionelle sunnitische Glaube wären derzeit in der Lage, die arabischen Sunniten gegen Iran und die Schiiten zusammenzuschweißen. Dies lehrt ein Blick in die Auslagen der Dattelhändler im überwiegend sunnitischen Kairo. Die besten und teuersten Datteln der Saison werden stets nach den beliebtesten Führern benannt. Früher hieß die teuerste Dattel oft Saddam. Heute trägt sie den Namen Nasrallah. Die halb bis ganz verfaulten Früchte heißen Blairs, Bushs oder Olmerts und sind für einen Spottpreis zu haben.

Es ist vor allem die Auseinandersetzung mit dem Westen und Israel, die für Iran Breschen in die sunnitische Welt schlägt. Hier muss jetzt die Rede von Palästina sein. Vor knapp einem Jahr gewann dort die radikale sunnitische Hamas die Wahlen und löste im Februar die Fatah des seligen Jassir Arafat an der Regierung ab. Für die Bush-Regierung kam es damals zum Schwur: Wenn man allerorten Demokratie und freie Wahlen predigt, steht man dann zu seinem Wort, wenn zur Abwechslung mal die Falschen die Wahlen gewinnen? Bush kippte um. Amerika verhängte Sanktionen gegen die Hamas-Regierung, die sich steifnackig weigert, den Staat Israel anzuerkennen. Europa schloss sich dem Boykott an. Fortan blieben Lehrer und Krankenschwestern im Gaza-Streifen ohne Lohn.

Teheran erkannte sogleich die Gunst der Stunde und veranstaltete eine Solidaritätskonferenz für Palästina, die zwar wenig Geld, aber viele warme Gesten brachte. Letztere blieben in Erinnerung, und ein paar Dollar flossen auch. Im Mai wurde ein Hamas-Sprecher an der Grenze mit 900.000 Dollar aufgegriffen, die nur aus Teheran kommen konnten. Wo immer eine Lücke sich biete, heißt es in arabischen Medien, liefere Iran Waffen an Hamas. Iranische Offiziere sollen auch Hamas-Sicherheitskräfte schulen. Die sunnitische Hamas bedankt sich, indem sie die Gründung eines Hohen Islamischen Schiitischen Rats in Palästina duldet.

Diese iranischen Offensiven reizen Saudi-Arabien ebenso wie hohe sunnitische Gelehrte am Golf. Der einflussreiche Scheich Jussuf al-Qaradawi meldete sich jüngst aus Qatar im Sender al-Dschasira zu Wort. Er warnte die Schiiten, die Grenzen nicht zu überschreiten: "Ich missioniere nicht im iranischen Qom. Es ist inakzeptabel, dass Schiiten in rein sunnitischen Ländern predigen." Doch auch in Palästina hat Teheran einen taktischen Vorteil, denn es kann Washington offen herausfordern. Anders Saudi-Arabien, anders Qatar, wo die US-Streitkräfte eine große Basis nutzen. Anfang Dezember versprach der Emir von Qatar dem palästinensischen Hamas-Premier Ismail Hanija, regelmäßig die Löhne aller Lehrer in Gaza und Ramallah zu bezahlen. Dazu das Startkapital für eine islamische Bank und ein großes Sportzentrum. Doch Washington stoppte seinen arabischen Verbündeten am Golf. Qatar darf nicht zahlen – Empörung bei den Arabern, Punktsieg für Iran.

Es ist weniger ein schiitischer Halbmond, den Teheran im Libanon, im Irak und in Palästina gegen den Konkurrenten Saudi-Arabien und den verhassten Westen aufsteigen lässt, es ist vielmehr eine politische Allianz. Iran schmiedet, um im Jargon der US-Regierung zu bleiben, eine Koalition der Unwilligen aus arabischen Staaten wie Syrien, radikalislamischen Bewegungen wie Hisbollah und Hamas und jedem, der sich anschließen mag. Die Botschaft aus Teheran ist simpel, eingängig und verfängt bei jedem Konflikt aufs Neue: Widerstand gegen den Westen und seine Verbündeten in der arabischen Welt. Schon bei dieser Losung müssen sich die Herrscher von Saudi-Arabien wegducken, und mit ihnen die Regierungen Ägyptens, Qatars und Jordaniens. Dabei ist die gewaltige politische Strahlkraft noch gar nicht eingerechnet, die sich Iran mit seinem nuklearen Programm aufbaut. Das ist die Frage morgen. Die Gegenwart, das ist der Libanon.

Hier wird der Spieß umgedreht, den die Demokratisierer aus dem Westen vor zwei Jahren in der Ukraine und im Libanon am Werke sahen: der Versuch, das "alte Regime" zu stürzen. Die lachenden jungen Schiiten, die auf Geheiß von Hassan Nasrallah vor dem belagerten Amtssitz von Fuad Siniora zelten, scheinen die auf sie gerichteten Fernsehkameras der Welt zu genießen. Sie lachen, während im Serail westliche Besucher den Premier ernsten Blickes ihrer Solidarität versichern. Mit ihm regiert längst die Angst.