Der eigentliche Kick war das Förderband. Auf dem schwarzen Gummi ging es im Stehen rasant in den ersten Stock: kein Geländer, keine Haltegriffe. Nur die Kinder bekamen eine helfende Hand von einem Angestellten entgegengestreckt. »Viele Erwachsene sind in die Knie gegangen oder gleich umgefallen«, erzählt Ernst Hinterberger. »Und dann ist man die Rutsche ›hinuntergesaust‹, wie die Leute gesagt haben.« Der 75-jährige Hinterberger, Erfinder des Mundl und des Kaisermühlen Blues erinnert sich noch gut an seine Kindheit mit dem Toboggan, »dem Stück vom alten Prater«. Der 25 Meter hohe Turm mit der hölzernen Rutsche, die sich zweimal um die zehn Holzpfeiler windet, hat seit 1913 mehrere Generationen von Praterbesuchern weiche Knie, ein schmerzendes Zwerchfell und vom Bremsen aufgeschürfte Ellenbogen beschert. Im Jahr 2000 war es auf dem Turm plötzlich still.

Morsch und altersschwach, kann der Turm den Stürmen nicht mehr trotzen

Heute, da die Stadt millionenschwere Gutachter beschäftigt, um den Prater in ein Altwiener Disneyland zu verwandeln, erinnern am Toboggan nur noch ausgebleichte Lettern an glücklichere Tage. »Wegen Renovierungsarbeiten vorübergehend geschlossen« verkündet ein kleines Schild am Metallgeländer neben dem Aufgang. Der Turm selbst wirkt trister denn je: Das Dach des Kassenhäuschens ist eingeknickt, der Lack blättert von dem verwitterten Holz. »Jetzt schaut er bedrohlich aus«, meint Gabriele Lindengrün besorgt. Sie wird den Turm bald von ihrem Vater überschrieben bekommen und möchte ihn weiterführen. Er soll unter Denkmalschutz gestellt und – so die Pläne der Familie Lindengrün – von 2007 an renoviert werden. Es ist höchste Zeit: Im Winter müssen die morschen Holzpfeiler von zusätzlichen Verstrebungen gestützt werden, damit sie nicht von einem Sturm umgerissen werden. »Es ist dringend«, meint auch Bruno Maldoner vom Wiener Denkmalamt: »Der Toboggan ist ein historisches Zeugnis ersten Ranges.«

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren die Holztürme mit den spiralförmigen Rutschen der letzte Schrei auf europäischen Jahrmärkten. Ihr Name stammt aus der Sprache der kanadischen Algokin-Indianer, die ihre kleinen Schneeschlitten so nannten. Der erste Toboggan wurde um das Jahr 1900 in Paris aufgestellt. 1908 gab es auf dem Münchner Oktoberfest gleich drei Rutschtürme. Das Wiener Pendant eröffnete 1913 im Prater als »Teufels Rutsch«. Damals war der Wurstelprater für die Wiener das Naherholungsgebiet schlechthin: Ausrufer lockten lauthals zu kuriosen »Belustigungen«, Erwachsene fuhren auf Holzhasen gemütlich Karussell. »Von der böhmischen Magd bis zum englischen Erfinder – hier konnten sich alle entfalten«, beschreibt der Historiker Marcello La Speranza den damaligen Prater als Aushängeschild des Vielvölkerstaates. Der exotische Toboggan wurde bald zu einer der beliebtesten Attraktionen.

Heute steht die Konstruktion als hölzerner Anachronismus zwischen modernen Hochschaubahnen und Spielhöllen. Eine morsche Kuriosität, die auf eine ebenso kuriose Figur zurückgeht: Der erste Toboggan-Besitzer, Nikolai Kobelkoff, begründete eine Dynastie an Praterunternehmern – und das mit den scheinbar schlechtesten Voraussetzungen: Er hatte weder Arme noch Beine. Der 1851 in Sibirien geborene Kobelkoff reiste als »Wundermensch« durch Europa – in seinen Shows schenkte er ohne Hände ein Glas Wasser ein, bewies seine Fertigkeit als Gewehrschütze und malte Bilder, die er anschließend verkaufte. In Wien traf er die Schauspielerin Anna Wilfert. Ihre sechs gesunden Kinder wurden alle in verschiedenen Städten geboren. Kobelkoff wurde weltbekannt, traf Staatsmänner wie Otto von Bismarck und wurde von Wissenschaftlern bestaunt. Wilhelm Conrad Röntgen durchleuchtete ihn gar mit seinem gerade erst entdeckten Strahlengerät. Als dem alten Kobelkoff der Rummel zu viel wurde, kehrte er in den Prater zurück. Noch heute arbeiten seine Nachfahren im Vergnügungspark.

Im Lauf der Jahre gab es im Prater mehrere Toboggans. Doch nur der alte »Teufels Rutsch« hat sich bis heute gehalten. Im Zweiten Weltkrieg brannte der Turm ab, wurde aber schon in den ersten Nachkriegsjahren nach alten Plänen wiedererrichtet – und blieb ein Publikumserfolg, wie Ernst Hinterberger weiß: »Er war immer von Leuten umlagert.« Eine besondere Attraktion waren die jungen Frauen. »Wenn die umgefallen sind«, erinnert sich Hinterberger, »ist manchmal ein Kleid verrutscht, und man konnte ein Stück Schenkel sehen.«

Die Stadt will den Turm erhalten, doch wer soll das bezahlen?