Am 26. Februar 1940 notierte der Breslauer Pädagoge und Historiker Willy Cohn in sein Tagebuch: »Heute habe ich einen Tag, an dem meine persönliche Lebenserwartung wieder einmal auf ein Minimum heruntergedrückt ist und alle Hoffnungen nur noch für die Kinder sind und für mein Werk, das durch meine Bücher weiterleben soll – über diese Zeilen hinweg. Sonst wird das Schicksal wohl über mich hinweggehen; ich habe die Stunde der Alijah wohl verpaßt.« Altstadt Breslaus mit Rathaus 1938 BILD

Tatsächlich hatte der im »Dreikaiserjahr« 1888 geborene Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Breslau es versäumt, rechtzeitig seiner Heimat zu entkommen. Drei seiner Kinder, den beiden Söhnen aus erster Ehe, Wolfgang und Ernst, sowie der ältesten Tochter aus zweiter Ehe, Ruth, gelang es zwischen 1933 und 1940, nach Frankreich beziehungsweise nach Palästina auszuwandern. Er selbst, seine zweite Frau Gertrud (»Trudi«) und ihre beiden Töchter, die zehnjährige Susanne und die erst dreijährige Tamara, wurden am 25. November 1941, zusammen mit über tausend Breslauer Juden, nach Kaunas in Litauen deportiert und nach ihrer Ankunft im Fort IX. erschossen.

Was sein Werk anbelangt, so konnten große Teile seiner Manuskripte wie durch ein Wunder gerettet werden. Darunter befanden sich seine bis zum Jahr 1933 führenden Erinnerungen an das Breslauer Judentum vor seinem Untergang , die er noch 1940/41 im Angesicht der bevorstehenden Deportation diktiert hatte. Sie erschienen 1995 unter dem Titel Verwehte Spuren – ein herausragendes Zeugnis zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Breslaus, die einmal zu den drei bedeutendsten Deutschlands zählte. Darüber hinaus fanden sich im Nachlass auch 112 Hefte, in denen Willy Cohn zwischen 1907 und 1941 seine täglichen Eindrücke festgehalten hatte. Aus dem Gesamtkonvolut hat Herausgeber Norbert Conrads jetzt die fast vollständig erhaltenen Tagebücher der Jahre 1933 bis 1941 ausgewählt und ediert – aus jener Zeit der Verfolgung also, die unmittelbar an den Erinnerungsband anschließt.

Ursprünglich hatte Willy Cohn nicht an eine Veröffentlichung der Tagebücher gedacht. Doch mit zunehmender Dauer der Gewaltherrschaft wurde ihm der exemplarische Quellenwert seiner Aufzeichnungen bewusst. »Oft schreibe ich jetzt in diesem Buche. Wenn es die Zeiten überdauern sollte, wird es vielleicht einmal späteren Generationen sagen, was ein jüdischer Mensch in dieser Zeit gelebt und gelitten hat«, schrieb er am 30. November 1938, nur wenige Wochen nach dem Pogrom vom 9. November.

Willy Cohn ist, als Hitler an die Macht kommt, 44 Jahre alt. Seit 1919 lehrt der promovierte Historiker, der im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, am Breslauer Johannesgymnasium Geschichte, Deutsch und Erdkunde. Nebenbei widmet er sich mit großer Energie seinen wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten. Sein Tagebuch belegt, wie schlagartig sich vom ersten Tag der »Machtergreifung« an das Leben für die Breslauer Juden verändert. Die Straßen werden beherrscht von den »verhaßten braunen Bürgerkriegssoldaten« (8. Februar 1933). Dem SATerror fällt am 5. Februar 1933 einer seiner früheren Schüler, der an einem Umzug des republiktreuen Reichsbanners teilgenommen hat, zum Opfer. Jüdische Geschäfte werden mit Boykott bedroht, Juden überall aus ihren Berufen gedrängt. »Nirgends ist mehr Recht in Deutschland! Nirgends«, klagt er bereits am 24. Februar 1933. Doch zwei Tage später bekennt er: »Es ist trotz all dem sehr schwer, sich die Liebe zu Deutschland ganz aus dem Herzen zu reißen.«

Damit ist der Zwiespalt benannt, der sich durch dieses Tagebuchwerk zieht: Auf der einen Seite sieht Willy Cohn wohl, dass den jüdischen Deutschen unter der Nazidiktatur, Schritt um Schritt, jede Existenzmöglichkeit genommen wird – unter dem Datum des 1. April 1933, des Tages des Boykotts, fällt zum ersten Mal das Wort »Finsteres Mittelalter!«; auf der anderen Seite macht es ihm sein tief verwurzelter Patriotismus, vor allem seine Bindung an die deutsche Kultur, unmöglich, sich von seinem Heimatland zu lösen. Noch nach der »Reichspogromnacht« vom 9. November, die er einen »der schwärzesten Tage nicht nur der jüdischen, sondern der deutschen Geschichte« nennt, stellt er fest: »Ich hänge trotz alledem an Deutschland« (31. Dezember 1938).

Im Juni 1933 wird Willy Cohn aus dem Schuldienst entlassen. Die schmale Pension, die man ihm gewährt, zwingt zu Einschränkungen. Die Familie muss in eine kleinere Wohnung umziehen. Durch Vorträge und Zeitungsbeiträge sucht Cohn sich etwas hinzuzuverdienen. Viele seiner ehemaligen Kollegen und Bekannten verlassen nach und nach das Land, und auch seine Frau drängt mit wachsender Ungeduld auf Auswanderung. Doch dazu kann er sich nicht entschließen. »Ich sehe doch immer wieder, wie sehr ich mit Deutschland verwurzelt bin und daß ich für dauernd am liebsten hier bleiben möchte« (22. September 1933). Wenn überhaupt, dann kommt für ihn nur Palästina als Ziel in Betracht. Im Frühjahr 1937 reist er mit seiner Frau ins englische Mandatsgebiet, wo sein Sohn Ernst sich bereits in einem Kibbuz niedergelassen hat. Seine Aufzeichnungen aus jenen Wochen zeigen, wie sehr ihn die jüdische Aufbauarbeit beeindruckt. Aber auch den Plänen für eine Umsiedlung nach Palästina stellen sich unerwartete Hindernisse in den Weg, und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges entschließt sich Willy Cohn endgültig, in Hitlerdeutschland auszuharren. »Wenn es nicht Palästina sein kann, so will ich schon gern das Schicksal Deutschlands mittragen« (12. August 1940).