Die Geschichte des modernen Fabel-Films begann mit einer schrecklichen Sünde: Menschen ermordeten ein stolzes Tier, die Mutter von Bambi. Der Schock dieses Verbrechens, sagt man, hat Generationen von Kinozuschauern geprägt, und noch in Steven Spielbergs Film 1941 sehen wir den General drinnen im Kino bei Bambi heulen, während draußen der Zweite Weltkrieg beginnt. Aber es ist viel schlimmer: All die Enten, Schweinchen, Backenhörnchen, Hunde, Katzen, Ameisen, Elefanten oder Löwen, die seitdem die Leinwände bevölkern, all diese niedlichen Tiere, die singen, lieben, philosophieren, frieren, Hunger haben oder Witze machen, sie sind nur zu verstehen als Reaktion auf den Mord an Bambis Mutter. In der anarchisch-apokalyptischen Trickfilm-Komödie »Flutsch und Weg« steht die Welt auf dem Kopf Foto [M]: ©2006 Dreamworks Animation and Aardman Animations BILD

Denn seitdem kommen die filmischen Fabeltiere so wenig zurück zu ihrer reinen Natur, wie sie wirklich ankommen können in der mörderischen Menschengesellschaft. Sie bewegen sich zwischen den Fronten und Welten. Nur sehr selten gelingt die Integration gleich doppelt: durch den bürgerlichen Menschen und die bürgerliche Hundedame, wie in Susi & Strolch . Meistens geht sie daneben, wie gerade im Pinguinfilm Happy Feet , in dem wir Menschen am Werk sehen, die nicht nur Bambis Mutter töten, sondern die Natur selbst. Fast immer bewegen sich die niedlichen Helden durch Reiche, die aus Elementen der Zivilisation und der Natur und ihren komischen Verknüpfungen bestehen. Man denke nur an das vegetarische Kind eines Mafia-Hais in Findet Nemo oder an das hypermotorische Eichhörnchen Hummy, das in Ab durch die Hecke nicht viel kann, aber immerhin das Alphabet rülpsen.

Interessanterweise scheinen diese Tierfabeln im digitalen Kino zwar universal verständlich und erfolgreich, allerdings in der Produktion eindeutig auf die USA konzentriert. Der US-amerikanische Tieranimationsfilm fürchtet sich glücklicherweise weder vor Zynismus, Obszönität noch Satire, unglücklicherweise aber auch nicht vor Ideologie, Gewalt und Bigotterie. Das Verhältnis zwischen Natur und Mensch ist in einer Gesellschaft, in der wiedererweckte Christen die politische Mehrheit bilden, die gar nicht einsehen, warum sie weniger Abgase in die Luft jagen sollten, aber einen Krieg gegen »das Böse« führen wollen, einigermaßen neurotisch. Und vielleicht gerade deswegen ist dieses Land so prädestiniert für die Fabel-Produktion im postindustriellen Zeitalter wie Griechenland in der Antike.

In den neunziger Jahren standen in den Kinofabeln Konflikte wie die zwischen dem Individuum und dem Kollektiv im Vordergrund (etwa in den »Ameisenfilmen« Antz oder Das große Krabbeln) , zwischen Bestimmung und Freiheit ( Shrek 1 bis 3) oder zwischen Fortschritt und Tradition ( Toy Story 1 bis 3). Inzwischen tritt aber ein tieferer Widerspruch zwischen Gesellschaft und Natur in den Vordergrund. Die vermeintlich »gezähmte« Natur wird wieder wild: Der kleine Doktorfisch in Findet Nemo verletzt sich, und der Blutgeruch erinnert den Hai daran, dass sein Freund zugleich Beute ist. In Madagascar bildet dieses Zurück zur Natur den dramatischen Kern: Zootiere, die in die Wildnis geflüchtet sind, müssen damit fertig werden, dass dabei auch ihre alten Instinkte wieder erwachen und der Löwe in seinem Freund, dem Zebra, die Fressbeute wittert. Jagdfieber , der erste große Film der neuen Sony Pictures Animation-Studio, handelt vom Grizzlybären Boog, der von der Rangerin Beth adoptiert und zur Attraktion der »Wild-Life Show« geworden ist. Ein Hirsch führt den Problembären zurück in die Natur, wo er nur überleben kann, wenn er auch zu seiner »Bestialität« zurückfindet. Der Waschbär-Held in Ab durch die Hecke wiederum hat sich als kleiner Dieb vom Futter der Menschen abhängig gemacht (von Menschen, die den ganzen Tag nichts anderes machen als futtern, Abfall produzieren und hysterisch auf alle »wilden« Tiere reagieren). Ab durch die Hecke gelingt dabei der Kunstgriff, Junk-Food, chemische Geschmacksverstärker und Zuckerdrogen zugleich satirisch zu attackieren und als Beute der Tierhelden wieder abenteuerlich zu machen, zur Freude der Zuschauer, die die Reisen in die Wildnis mit Colabechern, Popcorn und Schokoriegeln bewaffnet mitmachen. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren © Zeit online BILD

Die Menschen in der Plastikgesellschaft (die in der Computeranimation selbst wie Plastikwesen erscheinen) und die besseren Wesen in der Natur müssen ihr Verhältnis neu bestimmen. Eine vollständige Symbiose, das erkennen alle diese Filme sehr klar, die endgültige Domestizierung, ist für beide Teile nichts als Verlust. Die Tiere haben die Menschengesellschaft längst gnadenlos durchschaut. Sie sind es, die die Menschen manipulieren, ihnen die »Natur« vormachen, die sie gerne sehen, um in Wahrheit die Segnungen der Zivilisation ungestört zu genießen. In Steve Oderkerks Der tierisch verrückte Bauernhof wird genau dies Thema: Buchstäblich hinter dem Rücken der Menschen werden die Tiere zu den noch menschlicheren Menschen, haben ihren eigenen Country-Club, ihre eigenen Tänze und ihre eigenen Formen von Small Talk.

Dieser neue Blickwinkel hat nicht zuletzt mit der neuen Kinotechnologie zu tun. Die imaginäre »Kamera« der computer generated images (CGI) sieht eben nicht nur die digitalen Tierwesen wie expressive Menschendarsteller, sondern sie sieht vor allem die Menschenwirklichkeit aus der Tierperspektive: dekadent, korrupt und gewalttätig. Wir blicken nicht nur in die andere Welt, wir blicken aus dieser Welt auf uns. Und sehnen uns, natürlich, auf die andere Seite, nach dem künstlichen Paradies der Natur, das im reinen Kinderherzen des Computers schlägt.

Die überwältigende Mehrheit der neueren Animationsfilme erzählt von dieser Sehnsucht. Und läuft dabei doch auf die immergleichen Kompromisse hinaus. Die unangenehmste Form dieser Lösung wirkt allzu deutlich als politische Metapher: Auf den Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft wird mit der Konstruktion eines neuen Feindbildes reagiert. Irgendeine Gruppe der Tiere, mögen es Heuschrecken, Eichhörnchen, Hyänen oder, wie in Der tierisch verrückte Bauernhof, Kojoten sein, muss den Part des Bösen übernehmen, irgendeines der Tiere zwischen Bestie und Mensch die Rolle des Führers, und irgendwie bekommt der Gegenschlag der Guten immer einen Aspekt des Militärischen. Propaganda für den »Krieg gegen den Terror« sind deswegen die wenigsten digitalen Animalfilme, sie sind nur insofern, nun ja, sehr amerikanisch, als sie Heldenreise und Erziehungsroman in eine ganz direkte Mischung aus Entertainment, Pop und Militarisierung führen, in der alle ursprünglichen Widersprüche aufgelöst sind. Am Ende mündet alles in eine Idee von Freiheit, die nur gegen einen Schurkenverein oder gegen das Böse in der Natur zu haben ist – die wiederentdeckte Bestialität hat im populistischen Zusammenschluss und in der militärischen Aktion einen neuen Sinn gefunden. »Familie« und »Volk« sind in diesen Filmen die Antworten auf den Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft. Man muss keine ideologiekritische Paranoia entwickeln, aber einfach übersehen sollte man solche Elemente vor lauter Niedlichkeit und Zitierintelligenz auch nicht.