Wer noch nie einen Film des genialen mexikanischen Berserkers Alejandro Gonzáles Iñárritu gesehen hat, sollte sich Babel anschauen, ein gewaltig ausgreifendes Werk, das verträglicher und zugänglicher ist als die früheren Filme. Was aber nur bedeutet, dass die Brutalität, mit der Babel ins Herz des Zuschauers schneidet, etwas weniger heftig ist als in Amores Perros (2001); und dass sich das Chaos der neben- und gegeneinander laufenden Geschichten etwas früher lichtet als in 21 Gramm (2004). Und wenn der Gedanke der Schönheit auch das Schreckliche einschließt (siehe Rilke), dann ist Babel schön. Dennoch sind die zweieinhalb Stunden, um es vorsichtig zu sagen, anstrengend, was aber bei einem Film, der sich die ganze Welt zum Thema setzt, kaum anders sein kann.

Die ganze Welt? Der Film spielt in der marokkanischen Wüste ebenso wie in der mexikanischen, und die Hütte in einem Berberdorf, wo die tödlich verletzte amerikanische Touristin (Cate Blanchett) eine Bleibe findet, ist nur auf andere Weise elend als das luxuriöse Hochhausappartement in Tokio, wo eine schwer pubertierende Halbwaise (Rinko Kikuchi) sich dem Kommissar an die Brust wirft, der nach der Herkunft jener Winchester fahndet, mit der ein ebenfalls pubertärer Hirtenjunge in Marokko auf einen Reisebus geschossen hat, sozusagen versehentlich, und dabei die Touristin getroffen hat, eine schöne Blonde, die nun in ihrem Blut liegt, während ihr Ehemann (Brad Pitt) verzweifelt zu Hause in San Diego, Kalifornien, anruft, damit die mexikanische Kinderfrau die beiden Sprösslinge länger versorge, aber ihr Sohn feiert Hochzeit, und so nimmt sie denn die Kinder mit nach Mexiko, was nicht gut enden wird. »So zerstreute der Herr sie in alle Winde« (1. Mose, 11) eine Szene aus »Babel« mit Said Tarchani (l.) und Boubker Ait El Caid BILD

Jeder Versuch, die Geschichte, die hier erzählt wird, auf ein paar Zeilen zu bringen, müsste jenes Chaos widerspiegeln, das eine Welt wachsender gegenseitiger Abhängigkeit ständig erzeugt. Das Wort Globalisierung beherrscht ja nun jeder im Schlaf, was sie aber bedeutet, ist in diesem Film ganz plastisch zu sehen. Da ist kein Gott, der die Schicksale lenkt, sondern es ist der Satan Zufall, der die Lebenslinien kreuzt, und dieser Zufall heißt bei Iñárritu Unfall. Ein Unfall ist es, der die Geschicke einander wildfremder Personen zusammenführt und verändert. Das ist in Amores Perros so, und so ist es auch hier. Dort aber sind die ineinander zufällig Verstrickten allesamt schräge Vögel, mindere Charaktere, was unser Mitleid mit ihnen mildert. Hier in Babel gibt es keinen, dem wir Böses wünschten, und doch geschieht es ohne Ursache und ohne Urheber.

Wo war der Anfang? War es tatsächlich dieser reiche Japaner, den die Jagdleidenschaft nach Marokko trieb, wo er seinem Führer zum Dank ein Gewehr schenkte? Der es dann einem Bauern verkaufte. Der es seinen Söhnen gab, damit sie die Schakale erschießen sollten. Die dann seine Treffsicherheit und Reichweite ausprobierten. Was dazu führte, dass der Vorfall zu internationalen Verwicklungen und Demarchen führte, weil man Terroristen am Werk sah.

Oder war der Anfang nicht, worauf sich der Titel des Films bezieht? Im ersten Buch Mose (Kapitel 11) heißt es: »Und die Menschen sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel.« Seitdem ist die Sprache der Menschen verwirrt, und sie verstehen einander nicht mehr. Der Mann der verletzten Frau schreit auf die stummen Berber ein, der amerikanische Polizist schreit auf die mexikanische Kinderfrau ein, und das taubstumme japanische Mädchen verfällt in einen Schreikrampf. Babel ist ein lauter, ein schriller Film mit schnellen, harten Schnitten. An Psychologie vollkommen desinteressiert, zeigt er uns die Menschen wie Strandgut, hin und her geschwemmt von Leidenschaft und Angst, Begehren und Wut. Und dann passiert es plötzlich, dass die Kamera zurückweicht, als blicke ein ferner Gott aus dem Weltraum herab auf die Erde, und wir sehen, wie schön sie ist, das Meer der nächtlichen Häuser in Tokio, das Meer der Dünen und Hügel und den Himmel über der Wüste.

Zugegeben, dass Iñárritu sich zuweilen ein bisschen im Folkloristischen und bloß Theatralischen verliert. In den stärksten Momenten des Films aber ergreift den Zuschauer eine seltsame Furcht, auch ihn könne der Zufall jederzeit schrecklich ereilen, und zugleich ein seltsames Mitgefühl mit jenen, deren Schicksal ihm hier erzählt wird. Dem eifersüchtigen Gott, von dem die Genesis spricht, ist es ja nicht gelungen, die Menschen von ihrem Tun abzuhalten. Weit sind sie gekommen, wie uns Babel zeigt, aber glücklich sind sie nicht geworden.