Kino Blut auf den grünen Hügeln
"The Wind That Shakes the Barley" von Ken Loach erzählt von Hoffnung und Schrecken der irischen Befreiungsbewegung
Für wen Ken Loachs Herz schlägt, ist seit Langem bekannt. Kaum ein anderer Regisseur hat sich so konsequent den Nöten derjenigen verschrieben, die man nie glücklich die Arbeiterklasse nennen kann, die sozial Schwachen oder, wieder aktuell, die Unterschicht. Selbst wenn seine Filme vom Einzelfall erzählen, lässt der Sozialist Loach immer klar erkennen, dass Ungerechtigkeit auch eine Frage des Systems ist. Um sich nicht bloß in die sozialen Härten seiner britischen Heimat zu verbeißen, hat er gelegentlich auch dem Klassenkampf anderswo in die Eingeweide geschaut: "Land and Freedom" war seine Revision des spanischen Bürgerkriegs, mit Carlas Song engagierte er sich für die Sandinisten in Nicaragua, Bread and Roses erzählte von der Ausbeutung lateinamerikanischer Einwanderer in Los Angeles.
Mit seiner jüngsten Exkursion hat Ken Loach im Mai die Goldene Palme in Cannes gewonnen. "The Wind That Shakes the Barley" handelt vom Kampf um die irische Unabhängigkeit Anfang der zwanziger Jahre. Wer weiß schon noch (oder hat es je gewusst), wer damals genau für was stritt und mit welchen Mitteln? Es braucht in diesem Film nur zwei Szenen, um zu zeigen, wer die Bösen sind: Eine britische Sturmtruppe nimmt sich ein paar junge Iren vor, die gerade noch harmlos Hockey spielten, und prügelt einen von ihnen zu Tode, weil er sich nur auf Irisch und nicht auf Englisch identifizieren wollte. Damit ist klar: Widerstand ist gerechtfertigt, die Besatzer müssen bekämpft werden. Doch Loach hat nicht vor, einfach die Rebellion gegen die Kolonialherren zu bebildern. Er interessiert sich mehr für die innere Dynamik des Befreiungskampfes. Er setzt sich zu den Rebellen ins Boot und beobachtet von dort aus, wie die Bewegung sich in Widersprüche verstrickt und ihre revolutionäre Unerschrockenheit Risse bekommt. Der Zuschauer, der sich früh auf der richtigen Seite wusste, muss erneut abwägen: Wie weit darf der Aufstand gegen die Briten gehen? Sind Skrupel konterrevolutionär? Und welche Befreiungslogik rechtfertigt den Brudermord? Dabei gibt Loach nie vor, das damalige politische Panorama komplett auseinander zu falten. Eher entwirft er ein Lehrstück mit offenem Ausgang, auf dessen dornigem Spielfeld das politische Herz des Zuschauers hin- und hergeworfen wird.
Der junge Mediziner Damian, einer der Geprügelten des Filmbeginns, wollte nach London gehen und dort seine erste Stelle antreten. Angesichts der brutalen Übergriffe der Briten bleibt er bei den Seinen und tritt stattdessen dem lokalen Häuflein der jungen IRA bei. Das wird von seinem Bruder Teddy angeführt, einem furchtlosen Strategen, der selbst unter der Folter, während man ihm einen Fingernagel nach dem anderen ausreißt, keinen Kameraden verrät. Die eiserne Disziplin des Revolutionärs verlangt andererseits, auch den netten Jungen aus den eigenen Reihen, der zu viel geplaudert hat, eiskalt zu erschießen. Ich hoffe, Irland ist das wert, stammelt Damian, bevor er den Widerwillen überwindet und seinen Dorfkumpanen Terry hinrichtet. Welches Irland mag das wert sein? Die Iren erstreiten sich zwar bald einen Freistaat, aber dieser trägt nicht die ersehnten egalitären Züge. Teddy gehört zu jenen, die sich arrangieren. Er ist der politische Realist, der das Erreichte für eine gute Basis hält. Für Damian haben sich dagegen nur der Akzent der Mächtigen und die Farbe der Flagge geändert. Er ist der politische Idealist, der für den Sozialismus weiterkämpfen wird. So treten im irischen Bürgerkrieg die republikanischen Rebellen plötzlich gegen die eigene Armee an. Und in jenem Gefängnis, in dem Teddy einst seine Fingernägel verlor, wird der Gefolterte selbst zum Scharfrichter.
"The Wind That Shakes the Barley" spielt auf dem Land, wo die großen Kämpfe in kleinem Rahmen stattfinden. Endlich einmal tritt bei Loach die Natur in den Vordergrund. Inmitten der imposanten grünen Hügel wirken die Menschen seltsam verloren wie Störenfriede gegen die überzeitliche Ruhe des Landes. Fast möchte man das als eine Geste des 70-jährigen Regisseurs verstehen, der nach 40 Jahren politischen Kinos alle Konflikte kennt und nun eine neue Optik ausprobieren will. Immerhin gelingt es ihm, das historische Drama so sehr zu konzentrieren, dass man darin Hoffnung und Schrecken einer Befreiungsbewegung beispielhaft nachempfinden kann. Loachs sozialistisches Herz mag mit den Radikalen von damals sein. Sein Film geht über diese Parteinahme hinaus und klagt neben den Kompromisslern auch die Kompromisslosen an. Dieses schmerzhafte Unentschieden macht "The Wind That Shakes the Barley" zu einem von Loachs besten Werken.
- Datum 20.11.2008 - 14:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 52/2006
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