Es war ein heißer Sommertag in Weißrussland, als das Leben der 21-jährigen Pakki eine scharfe Wendung nahm. Erstarrt stand die Studentin vor dem Schwarzen Brett des Lehrstuhls für Öffentlichkeitsarbeit an der Staatlichen Universität in Minsk, den Blick auf ein Wort fokussiert, das hinter ihrem Namen auf einer Liste stand. Ein Wort wie ein Urteil: »Ausgeschlossen.« BILD Studentinnen protestieren in Minsk.

»Ich war geschockt«, sagt Pakki, die nicht möchte, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht, »aber ich hatte es ja geahnt.« Wie viele Studenten hatte sie nach den Präsidentschaftswahlen im März an den Protesten gegen das autoritäre Regime teilgenommen. Die Welle von Verhaftungen und Repressionen, die darauf durch das Land an der Ostgrenze der EU rollte, erfasste viele Studenten. Auch Pakki hat sie getroffen.

Mit einem Stipendienprogramm will die Europäische Kommission jetzt weißrussische Studenten unterstützen, die wegen ihres Engagements benachteiligt wurden. Gemeinsam mit dem Nordischen Ministerrat hat sie fünf Millionen Euro bereitgestellt, um 100 Studienplätze in der Ukraine und über 200 an der Europäischen Humanistischen Universität (EHU) zu finanzieren. Das Programm ist ein Novum in der Politik des Westens gegenüber dem Staat, der als die letzte Diktatur in Europa gilt. Bis zuletzt hatten verschiedene Initiativen versucht, die unabhängige Wissenschaft vor Ort zu unterstützen. Doch seit Präsident Lukaschenko die EHU vor zwei Jahren aus dem Land gejagt hat, wird das immer schwerer. Als einzige private Universität, gefördert mit Geld aus dem Westen, war sie dem Regime ein Dorn im Auge gewesen. Zum Wintersemester 2004 musste sie ins Exil gehen und nahm auf Einladung der litauischen Regierung Quartier in Wilnius.

Was die europäische Stipendieninitiative bringen wird, ist umstritten. Niemand weiß, wie viele Studenten tatsächlich von den Repressionen betroffen waren. Wer will überprüfen, ob ein Student wirklich verfolgt wurde? Nachforschungen der weißrussischen Menschenrechtsorganisation Committee of Protection of the Subjected to Repression haben ergeben, dass allein in diesem Jahr etwa 370 Jugendliche von Universitäten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen verwiesen wurden. Andere Experten gehen von einer weit geringeren Zahl aus. Der weißrussische Bildungsminister Aleksandr Radkow bestreitet bis heute, dass Jugendliche ihren Studienplatz wegen politischer Aktivität verloren hätten.

Auch Pakkis Exmatrikulation wurde offiziell mit ihren schlechten Noten begründet. »Dabei war ich eine der besten Studentinnen meines Jahrgangs«, sagt sie selbstbewusst. Doch neben der Uni arbeitete sie als Wahlbeobachterin und leitete mehrere Menschenrechtsprojekte. »Das war wohl der Grund, mich von der Uni zu verweisen«, sagt sie. Etwa 50 Schüler und Studenten kennt Pakki, die wie sie aus politischen Gründen ihre Ausbildung abbrechen mussten. Ein solcher Verweis komme in Weißrussland einer sozialen Ächtung gleich, sagt Karol Dzjanis vom Solidaritäts-Komitee, das Fälle wie Pakkis dokumentiert. »Viele fallen in ein Loch.« Denn die Exmatrikulation raube den Studenten ihre Perspektive. In einer vom Staat kontrollierten Gesellschaft hätten sie kaum Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Weißrussland-Experte Heinz Timmermann von der Stiftung Wissenschaft und Politik hält die Stipendien der EU für einen richtigen Schritt. »Sie sind ein Argument gegen die Floskel des Regimes, das häufig behauptet, Europa wolle Weißrussland nicht.« Zudem sei es wichtig, Solidarität mit der jungen Generation in Weißrussland zu zeigen: »Sie wird über Lukaschenko hinauswirken und damit auch die künftigen Beziehungen zur EU prägen.« Die Weißrussen lernten so die EU kennen und könnten umgekehrt als Botschafter ihres Landes unter der jungen Generation in Europa agieren. Schließlich sei Weißrussland im Westen noch immer wenig bekannt. Dennoch sei das Programm nicht unproblematisch, räumt Timmermann ein. »Man muss sich fragen, ob die Stipendiaten nach ihrer Heimkehr aus der EU überhaupt noch einen Arbeitsplatz in ihrem Land bekommen.« Außerdem könnte das Regime die Förderprogramme als Beleg dafür nutzen, dass der Westen Revolutionäre heranzüchten wolle. Deswegen schlägt er vor, die Stipendien nicht nur denen zu geben, die verfolgt wurden, sondern die Programme grundsätzlich für Studenten aus Weißrussland zu öffnen.

Auch Peter Liesegang, Mitarbeiter der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), hält das für den besseren Weg. »Es ist schwer, festzustellen, wer zu den benachteiligten Studenten gehört, besonders von außen«, sagt er. Die Viadrina ist Partneruniversität der EHU, seit vielen Jahren koordiniert Liesegang den Austausch mit den Weißrussen. Hilfe für Studenten und Bildungsprogramme sei zwar immer gutzuheißen, nur sollte man dazu übergehen, diese nach qualitativen Kriterien auszuschreiben. »Das Kriterium ›politisch verfolgt‹ kann dabei eine Rolle spielen, aber eben nicht ausschließlich.« Hans-Georg Wieck, ehemaliger Leiter der OSZE-Mission in Minsk, schlägt sogar vor, ein weitreichendes Bildungsprogramm der EU für Weißrussland an der Viadrina zu koordinieren.