Migration Ein Abschluss für den Anfang

Die Fähigkeiten vieler Einwanderer liegen brach. Ein neuer Studiengang in Oldenburg will sie erschließen. Drei Beispiele.

(1) Mehmet Bazan, 36, studierte Wirtschaftswissenschaften in der Türkei

Mehmet Bazan hat schon einige Male in seinem Leben gedacht, dass er es geschafft hätte – um dann doch in einer Sackgasse zu landen. Aber dieses Mal, da ist er sich sicher, stehen die Chancen so gut wie nie.

Dersyn heißt das Dorf, in dem er 1970 geboren wurde, im Osten der Türkei, im kurdischen Teil, sagt er. 180 Menschen lebten damals in dem Flecken, Bauern allesamt, manche Väter haben ihr Vieh verkauft, damit die Söhne auf eine gute Schule gehen können. Der Vater von Mehmet hat es auch so gemacht. Vier von seinen acht Kindern haben studiert. In Dersyn gab es keine Schule, Mehmet kam auf ein Internat in der nächsten Kreisstadt, dort hat er Türkisch gelernt. Dann hat auch in seinem Dorf eine Schule eröffnet, fünf Klassenstufen wurden zusammen in einem Raum unterrichtet. Mehmet war ein guter Schüler, er kam auf ein Gymnasium, machte ein gutes Abitur und konnte in Malatya, einer Stadt mit 200000 Einwohnern, Wirtschaftswissenschaften studieren.

Da dachte der Junge aus Dersyn, dass er es geschafft hätte. Sein Abschluss war ordentlich, er hatte außerdem noch Erziehungswissenschaft belegt. Einen Job hat er trotzdem nicht bekommen. Dafür hat ihn die Armee eingezogen. Das war für ihn als Kurden eine sehr schwierige Zeit, erzählt Bazan. Nach dem Militär wollte er vor allem eines: raus aus der Türkei. In Bremen hatte er Verwandte, also ging er nach Deutschland, 1995 war das.

Er besuchte Sprachkurse, lernte schnell passabel Deutsch, immatrikulierte sich an der Uni Bremen in Wirtschaftswissenschaften, dachte, dass sein Abschluss aus der Türkei hier nach ein, zwei Semestern anerkannt würde. Aber dann wurde ihm klar, dass er mindestens vier Jahre studieren muss, um einen Abschluss zu bekommen. Angefangen hat er trotzdem. Um Miete und Essen zu finanzieren, jobbte er in den Ferien bei der Post, bei DaimlerChrysler.

Bald kamen Zweifel, ob es wirklich das Richtige für ihn ist, noch einmal so viele Jahre zu studieren. Er begann stattdessen, sich in der Migrantenarbeit zu engagieren, ehrenamtlich, übersetzte, half Neuankömmlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Er besuchte eine Weiterbildung in Pädagogik, kam so an eine Bremer Schule und durfte dort die sozialpädagogische Betreuung von Schülern übernehmen. Es war nur eine Krankheitsvertretung für einige Monate, aber er machte seinen Job so gut, dass sie ihn an der Schule gern eingestellt hätten. Das Problem war: Er hatte keinen Abschluss. Wieder einmal stand Mehmet Bazan am Anfang.

Dann erzählten ihm Bekannte von einem neuen Bachelorstudiengang in Oldenburg. »Interkulturelle Bildung und Beratung« nennt der sich und soll auf die Arbeit mit Migranten, auf Jugend- und Bildungsarbeit vorbereiten. Bazan schaute sich das Programm an und wusste: Das ist es, was ich machen will. Seit einigen Wochen pendelt er nun zwischen Bremen und Oldenburg. In zwei Jahren wird er seinen Abschluss in den Händen halten. »Das gibt mir Sicherheit und Selbstbewusstsein«, sagt er. Er ist sich sicher, dass er es diesmal schaffen wird.
Arnfrid Schenk

(2) Inna Bullert, 32, Lehrerin und Dolmetscherin aus der Ukraine

Die Ausreise nach Deutschland führte Inna Bullert zurück in die Kindheit. Kaum hatte sie das Grenzdurchgangslager Friedenau verlassen, saß sie wieder auf der Schulbank. Doch anders als früher stand nur ein Fach auf dem Lehrplan: Deutsch. Sechs Monate lang besuchte Inna Bullert den Kurs für Spätaussiedler, organisiert von der Bundesagentur für Arbeit.

Es waren die langweiligsten Monate ihres Lebens, denn Inna Bullert sprach schon sehr gut Deutsch. In ihrer alten Heimat, im Osten der Ukraine, hatte sie jahrelang Deutsch unterrichtet und als Dolmetscherin gearbeitet. Sie war sogar regelmäßig nach Deutschland gereist, um sich an der Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen in Baden-Württemberg weiterbilden zu lassen. Sie verstand schnell, dass der Lehrer im Spätaussiedlerkurs keine Ahnung davon hatte, wie man Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Aber das interessierte niemanden. Die Deutschkurse sind für alle Spätaussiedler vorgeschrieben; wer sie nicht besucht, dem wird das Eingliederungsgeld gekürzt. Also tat sie, was sie ihren Schülern früher nie hätte durchgehen lassen: Sie setzte sich in den Unterricht und las Zeitung. Sie durchkämmte die Jobangebote und schrieb Bewerbungen; und als das halbe Jahr rum war, hatte sie etwas gefunden. Keine Stelle in ihrem erlernten Beruf allerdings, sondern eine als Lageraushilfe in einem Versandhaus. Ein Beamter des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums hatte ihr in einem freundlichen Brief mitgeteilt, dass ihr Diplom von der Pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen in Horliwka in Deutschland leider nur als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt werden könne.

Zwei Jahre lang packte die Pädagogin Damenblusen und Röcke in Übergrößen aus und wieder ein. Ihre Kolleginnen kamen fast alle aus der ehemaligen Sowjetunion, man sprach Russisch untereinander. »Danach war ich eigentlich dequalifiziert«, sagt Inna Bullert. Und arbeitslos. Denn das Versandhaus vergibt nur befristete Verträge, nach zwei Jahren ist Schluss, es kommen ja wieder neue Spätaussiedler.

Sie hielt es nicht lange zu Hause aus. In einem Viertel, in dem fast nur Spätaussiedler wohnten, die meisten von ihnen ohne Arbeit, sei die Resignation ansteckend, sagt Inna Bullert. »Nach drei Monaten hast du keine Wünsche mehr und keine Träume.« Bevor es so weit kam, war sie bereit, noch einmal zu studieren, notfalls ganz von vorn, notfalls zehn Semester und am liebsten Sozialarbeit, um einmal Menschen wie ihren Nachbarn eine Perspektive zu geben.

Das kann sie nun wahrscheinlich früher tun als gedacht. Der Studiengang »Interkulturelle Bildung und Beratung« dauert nur zwei Jahre, weil die Universität Oldenburg ihr das Erststudium der Pädagogik immerhin als ein Studienjahr anrechnet. Nur die Deutschkurse muss sie auch hier wieder besuchen. Aber das sei nicht so schlimm, sagt Inna Bullert: »In der wissenschaftlichen Fachsprache kann ich auch noch etwas dazulernen.«
Julian Hans

(3) Hossein Razi, 31, Gymnasiallehrer aus Iran

Bis zum Jahr 2004 war Hossein Razis Leben im Großen und Ganzen geradlinig verlaufen. Eine iranische Biografie ohne große Brüche. Der älteste Sohn einer achtköpfigen Familie war in der 140 Kilometer nordwestlich von Teheran gelegenen Stadt Ghazvin zur Schule gegangen, hatte das Abitur gemacht und an der Universität Teheran persische Sprache und Literatur studiert. Er wurde Gymnasiallehrer in seiner Heimatstadt und unterrichtete nebenbei an Musikschulen klassische persische Musik und Gesang. Berufe, die ihm Spaß machten und ein geregeltes Einkommen garantierten. Razi war beruflich zufrieden, er genoss als Lehrer und Sänger Ansehen und Respekt. »Warum«, fragt Razi heute, »konnte es nicht genau so weitergehen?«

Der Bruch in der Biografie des Iraners hängt mit seiner Entscheidung zusammen, den Missständen in Iran nicht länger tatenlos zuzusehen. Razi engagiert sich politisch, schließt sich der iranischen Demokratiebewegung an, organisiert politische Veranstaltungen und Konzerte, verfasst und singt kritische Texte. Im Mai 2004 wird er wegen seines politischen und künstlerischen Engagements inhaftiert und kommt etwa vier Monate später »irgendwie« aus dem Gefängnis frei. Es folgen Wochen im Untergrund und die Suche nach einem Schlepper. Die Gestaltung des eigenen Lebens gleitet Razi aus den Händen. Purer Zufall, dass er auf einen Schlepper stößt, der seine Kunden nach Deutschland schleust und Norddeutschland als erfolgversprechenden Ort für einen Asylantrag empfiehlt. Razi gelangt im November 2004 nach Frankfurt am Main, reist über Köln nach Osnabrück, reicht dort seinen Asylantrag ein und wird in einem Asylbewerberheim in der Nähe von Oldenburg untergebracht.

Herumzusitzen war noch nie Razis Ding, er tut es auch nicht im Asylbewerberheim. Er nutzt jede Chance, Deutsch zu lernen, und schreibt sich zum Sommersemester 2005 an der Universität Oldenburg als Gasthörer ein. Freunde und Dozenten machen den seit August 2006 anerkannten politischen Flüchtling dann auf den Studiengang »Interkulturelle Bildung und Beratung« aufmerksam.

Aber als er beschließt, sich um einen der Studienplätze zu bewerben, fehlen die dafür notwendigen Papiere. Bei seiner Flucht hatte er existenziellere Sorgen als Urkunden über Schul- und Studienabschlüsse. Es gelingt ihm aber, die erforderlichen Dokumente rechtzeitig zu organisieren, der Zulassungsbescheid trägt den Stempel vom 25. Oktober 2006.

Den Studiengang selbst sieht Razi für sich als große Chance. Er hofft darauf, einmal in einer Beratungsstelle für Ausländer zu arbeiten und dort seine Erfahrungen einbringen zu können. Was es bedeutet, das eigene kulturelle Umfeld zu verlieren, weiß Razi genau: »Wenn ich zu Hause in Iran gesungen habe, dann weinten die Leute. Wenn ich hier singe, werde ich nicht verstanden.«
Jürgen Endres

Das Studium

Es ist der erste universitäre Studiengang in Deutschland, der sich ausschließlich an Einwanderer richtet: Interkulturelle Bildung und Beratung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg darf studieren, wer ein festes Aufenthaltsrecht hat, aber nicht in Deutschland zur Schule gegangen ist. Die Bewerber sollten in ihrer Heimat mindestens zwei Semester lang ein pädagogisches oder sozialwissenschaftliches Fach studiert haben. Dafür gibt es den Bachelorabschluss schon nach zwei Jahren. Das Studium ist als Weiterbildung anerkannt und wird aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds finanziert. Es fallen keine Studiengebühren an.

Die Absolventen sollen einmal in die Jugend- und Bildungsarbeit gehen, ihre Erfahrungen und Kompetenzen in der Arbeit mit Migranten einsetzen. Viele der Flüchtlinge, Spätaussiedler und jüdischen Immigranten seien hoch qualifiziert, hätten Universitätsabschlüsse und häufig schon einige Jahre in ihrem Beruf gearbeitet, sagt Rolf Meinhardt, Professor für Pädagogik und Entwickler des Studiengangs. Aber weil ihre Abschlüsse hierzulande nicht anerkannt werden, landen viele in der Arbeitslosigkeit.

So seien in Niedersachsen 65 Prozent der gut ausgebildeten Einwanderer ohne Arbeit oder weit unter ihrer Qualifikation beschäftigt. Das gelte vor allem für Sozialwissenschaftler und Menschen aus pädagogischen Berufen, so eine Studie der Uni Oldenburg. »Wir wollen mit diesem Studiengang die Einwanderer konkurrenzfähig machen und ihnen wieder Selbstbewusstsein geben«, sagt Meinhardt. Das Konzept kommt an. Es gab Hunderte von Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet.

Weitere Informationen im Internet :
www.uni-oldenburg.de/ibkm

 
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