Alltagsgeschichte Geteilte Zeit

Eine Ausstellung in Bonn fragt: Wie sah der Osten den Westen? Wie die BRD die DDR? Eine Erinnerungsreise

Hätte mir jemand vor 20 Jahren gesagt, dass ich 2006 nach Bonn fahren würde, um mir im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Ausstellung anzusehen, die 16 Jahre nach der Vereinigung von BRD und DDR die gegenseitigen Wahrnehmungsmuster der Menschen in Ost und West während und nach der Teilung thematisieren würde – ich hätte dies in seiner Irrealität als eine schöne Idee für einen spinnigen Science-Fiction-Film gehalten. Ich hätte 1986 mit dem Hervorbringer dieser Idee gemeinsam fantasiert, wie man die bestehenden inneren Bilder von Ostlern und Westlern plastisch herausarbeiten könnte. In dieser Zukunftsfantasie fährt eine Ostfigur in den Westen zu dieser Ausstellung. Alles unter dem Motto: »Vorwärts in die Vergangenheit«.

Ein witziges Drehbuch also, das so beginnen könnte: Die Ostfigur reist mit dem Taxi von Berlin-Pankow zum Flughafen Tegel. Der Taxifahrer ist ein seriös wirkender, älterer Herr, der schon seit 1980 Taxi fährt: »In beiden Systemen.« Danach befragt, wie denn die Unterschiede zwischen den Systemen sich für ihn bemerkbar machen, antwortet er: »Im Osten war ich König, jetzt bin ich Bettler.« (Eigentlich zu plakativ für ein gutes Drehbuch.) Wie ich als Ostlerin ja wüsste, waren Taxis in der DDR Mangelware. Eines einfach auf der Straße zu fangen, war ein seltener Glücksfall, mit dem man nicht rechnete. Als Taxifahrer hatte man daher einen hohen Wert auf dem sozialistischen Schwarzmarkt. Jederzeit konnte man seine Dienstleistung gegen andere tauschen. Man bekam neben dem festen Gehalt reichlich Trinkgeld und konnte trotz der bestehenden Norm an Fahrkilometern auch betrügen – »nicht die Fahrgäste, den Staat«. Es gab unter den Kollegen mehr Zusammenhalt, weil alle in einer ähnlichen Lage und in Brigaden zusammengefasst waren. Jetzt ist man auf sich allein gestellt und muss um Kunden betteln. Muss viel mehr Zeit im Taxi verbringen, um auf sein Geld zu kommen, und hat größere Angst um existenzielle Dinge.

Die Protagonistin fliegt nach Bonn, in das politische Herzzentrum der alten Bundesrepublik, wo Regierende am Werk waren, die in ihrer Kindheit die »Bonner Ultras« genannt wurden. Dieses Zentrum ist relativ klein, ein beschauliches, etwas piefiges Provinzstädtchen mit sehr freundlichen Menschen, die das Portemonnaie bewachen und zurückgeben, das man im Zeitungsladen liegen gelassen hat.

Zum Haus der Geschichte fährt sie mit der U-Bahn. Unmittelbar vom Bahnsteig aus kommt man in die unterste Etage des Gebäudes, in der leibhaftig ein Salonwagen der Bahn steht, in dem Hermann Göring durch die Lande fuhr. Nach 1945 benutzten ihn Bonner Regierende und ihre Staatsgäste. Diese Kontinuität berührt merkwürdig; sie erinnert etwas zu stark an die These aus dem DDR-Staatsbürgerkunde-Unterricht, dass die BRD mit dem nationalsozialistischen Erbe zu wenig gebrochen hätte. Undenkbar, dass Ulbricht im Salonwagen von Göring herumgefahren wäre…

In der Ausstellung drüben kann sie später ein DDR-Propagandaplakat sehen, das in Form eines Adventskalenders gestaltet ist: »Das braune Haus von Bonn« ist zu lesen, auf den einzelnen Türchen steht je ein Name wie Oberländer oder Globke. Wenn man das Türchen öffnet, sind innen die Funktionsränge dieser Männer im Nationalsozialismus zu sehen. Es sind relativ viele Namen. Sie hat dieses Plakat nie gesehen, erinnert sich aber gut an ihren Pionierglauben, auf der richtigen, weil antifaschistischen Seite zu stehen. Der Mythos, dass die DDR aus dem Antifaschismus geboren sei, hatte lange nachgewirkt.

Erst später hat die Protagonistin darüber nachgedacht, dass der Alltag und die Verbrechen im »Dritten Reich« von allen Deutschen gestaltet und getragen wurden. Die ideologische Schuld-Entlastung hatte sie lange davon abgehalten, in den Institutionen, in denen sie wirkte, genauer und konkret zu fragen, wer und auf welche Weise dort vorher tätig gewesen war.

Ich gerate als Ostprotagonistin in die Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung drüben. Ich erfahre, dass sie vom Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig konzipiert wurde, dessen Direktor ein Bekannter aus 89er-Revolutionszeiten ist. Rainer Eckert ist einer der ganz wenigen DDR-Historiker, die in der Bundesrepublik Professor geworden sind. Im Gespräch erzählt er, dass der Anfang 1990 gegründete Unabhängige Historikerverband, der der offiziellen DDR-Geschichtsschreibung etwas entgegensetzen wollte, kaum noch arbeite und seine Mitglieder sich in der westdeutschen Historikerhierarchie nicht durchsetzen konnten. Die Gründe dieses Scheiterns wären eine Untersuchung wert, liegen wohl auf beiden Seiten und entbehren nicht einer gewissen Tragik.

Inzwischen hallt der Puhdy-Titel Geh zu ihr und laß deinen Drachen steigen durch das Foyer des Hauses, und spätestens jetzt realisiere ich, dass ich mich zwischen übereinander gelegten Zeitschichten bewege. Wie intensiv hatte ich mit einem Freund zu dem Song getanzt, und wie wenig passt diese Erinnerung zu diesem offiziellen Empfang und zu der Nostalgiemarke, die die Puhdys inzwischen darstellen. Gern würde ich meine persönliche Erinnerung an diesen durchtanzten Abend behalten und sie in überhaupt keinen geschichtlichen Zusammenhang stellen.

Das ist eine der Fragen, die diese Ausstellung aufwirft: Was bedeuten mit viel Fleiß und mancher Idee gesammelte Gegenstände, Plakate, Ton- und Bilddokumente aus der geteilten Zeit heute? Eine Kerze ist zu sehen, wie sie manche Westdeutsche am Heiligabend und am Vorabend des 17. Juni zum Gedenken an die Ostdeutschen ins Fenster stellten. Diese Kerze anzusehen ist ein gänzlich unbeseelter Moment.

Was sagt einer Schulklasse von 16-Jährigen die Aktentasche von Karl Eduard von Schnitzler, an der noch die Siegel haften? Er bewahrte darin die Westzeitungen auf, die er in seiner Sendung verriss. Die Siegel dienten dazu, dass kein anderer als er die Tasche mit der verbotenen Lektüre öffnen konnte. Aha, denken die Schüler: wie merkwürdig absurd; wie weit weg; wie uninteressant für heute… Wie gerne würde ich ihnen die Geschichte erzählen, wie ich 1973 in einer Ostberliner Kneipe westdeutsche Studenten traf, die mich nach einiger Zeit des Gesprächs baten, bei mir zu Hause die Sendung Der Schwarze Kanal sehen zu dürfen. In dieser Sendung erführen sie die Wahrheit über ihr Gesellschaftssystem am klarsten.

Ich versuchte, ihnen zu sagen, dass ich diese Sendung als eine der schlimmsten Hetz- und Lügensendungen empfände und es grandios heuchlerisch fände, sich in seiner Kritik an der Bundesrepublik der selbstkritischen Westmedien zu bedienen, während die Ostmedien das eigene System nicht mal ansatzweise kritisieren durften. Die westdeutschen Studenten – wahrscheinlich Mitglieder der DKP auf einer DDR-Schulungsreise – waren entsetzt über mich. Vielleicht ist einer von ihnen heute Vater einer der Schüler und Historiker?

Erinnerungen sind konkret, nicht konkretistisch. Und so war bei der Eröffnung der Ausstellung die Lesung von Thomas Brussig aus Helden wie wir das Stimmigste, weil es in der Literatur um die inneren Bilder geht, die die konkreten Gegenstände in einem bestimmten Menschen auslösen. Die Schilderung der sexuellen Fantasien des Osthelden beim Betrachten der Damenunterwäsche im Quelle-Katalog ist einfach gekonnt geschrieben und sagt weit mehr als reale alte Quelle-Kataloge in der Ausstellung.

Eines kann die Ausstellung aber vielleicht doch bewirken: dass die Objekte Assoziationen in Gang bringen und zum Gespräch miteinander provozieren. Ohne diese Gespräche und die sehr verschieden erinnerten Geschichten läuft sie leer und lässt merkwürdig unberührt. Man sieht etwas – die innere Arbeit an der Erinnerung wird aber nicht unbedingt angeregt. Deswegen ist der schöne Begleitband mit der Fülle erzählter Geschichten unerlässlich.

An einer Stelle wurde ich doch angerührt – vor der Wand mit den vielen, vielen Überwachungsmonitoren der Staatssicherheit fiel mir eine Gedichtzeile von Sarah Kirsch ein: »Ich bin / Der schöne Vogel Phoenix / Aber durch das / Flieg ich nicht wieder«.

Bis zum 11. Februar; das Buch zur Ausstellung kostet 19,90 €

Annette Simon , Jahrgang 1952, ist niedergelassene Psychoanalytikerin in Berlin. In den siebziger und achtziger Jahren war sie in der DDR Mitglied in diversen oppositionellen Gruppen, 1989 im Neuen Forum aktiv. Zuletzt erschien »Traumatisierungen in (Ost)Deutschland«, (Hrsg. Seidler und Froese), Psychosozial-Verlag

 
Leser-Kommentare
  1. Wer nichts aus der Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Der Leserkommentar von dgerbeth ist ein gutes Beispiel. Er schlägt vor, dass wir uns 'wie einst Deutschland und Österreich' vereinigen sollten. Um Gottes Willen, bloß DAS nicht!
    Denn die Österreicher behaupteten ja später bei Kriegsende, sie seien ein von Deutschland besetztes Gebiet gewesen, und versuchten sogar vergeblich, der Welt einzureden, dass Hitler ein Deutscher und Beethoven ein Österreicher gewesen sei.

  2. ... gibt es eine gute Uebersetzung dafuer?

    Ja, Herr Dunnhaupt und andere Zeitleser, Besuchern in Europa, denen kommt es vor, als ob sich Oesterreich nicht sehr von Deutschland unterscheidet. Oder umgekehrt. Leider.

    Aber es ist auch ganz klar: Am 8. Mai 1945 wurden aus guten 'Deutschen' die ersten 'Eroberten' in Braunau, an der Donau jenseits Passau usw. usw.
    Aber wie kann man das unterscheiden von dem heutigen Glauben in Hamburg, wie in Berlin, wie in Muenchen, dass dort man Hitler's [richtriges/wirkliches] 'erstes Opfer' (vor den Oesterreichern?) schon war.......................... Es ist doch wnderbar, dass man Geschichte so umkneten kann, bis sie 'passt'.

    Vielleicht faellt es sogar niemandem mehr ein, daran zu zweifeln, an die umgeknete Geschichte. Bald wird ja niemand mehr da sein, der sie aus erster Hand kennt. Genau, wie man sich entschlossen hat, dass Dresden und Hamburg von Kriegsverbrechern vernichtet wurden 'ohne Anlass'. Was vielleicht erklaert, warum die guten deutschen Hausfrauen im Fruehjahr 1945 mit Mistgabeln loszogen, um 'sich einen englischen Piloten zu holen'......

    Das waren dieselben Damen, die noch am 7. Mai 1945 an Adolf's Wunderwaffen (vorgestellt als sowas wie ihre eigene damalige Atombombe) glaubten, so dass man endlich den gerechten Krieg gewinnen wuerde.
    Tuebingen usw lehrt die wirklichen Ereignisse aus der wirklichen Geschichte doch wohl nicht mehr, wenn es das je getan hat. Under Leute wie Guenter Grass, die die Wahrheit gestehen, sind unerwuenscht.

    Wie 'Erol' (ein guter Zeit Leser, der Deutschland gut vertritt) es neulich erzaehlte: Wie man es ihm die Wahrheit beibrachte, wie die armen deutschen Maedchen, die unter den Laternen standen, am Kriegsende von den Scheusalen (den Amis) vergewaltigt wurden. Wegen Zigaretten und Struempfen?

    Man merkt sich eben, was man will. Was einem passt. Wie sonst kann man sich erklaeren, dass in Dresden, Klaus Fuchs kaum erwaehnt wird ....... (ich kann mir vorstellen, dass man sich fragt: 'Wer ist Klaus Fuchs?'), oder dass das grosse Gebaeude an dem die '11' vorbei faehrt, die geschlossene/veriegelte Stasi Anlage stolz vorgefuehrt wird. Aber wer wird davon erzaehlen, was dort vorher los war........., dass die Verbrechen und Folter der Stasi mit dem als Kinderspiel vergleicht werden kann. Hm.

    Aber dann hoert man ja auch nie in Paris, dass die 'Besetzungs-Jahre' nicht allen so ausserordentlich misfallen haben...........

    Oder in Lousiana und Mississippi, dass nicht so lange her, seine eignene Familie drauf bestanden hat, dass 'schwarze' Leute nur im Hinderteil des Autobus sitzen durften. Man muss das jetzt in diesem Zusammmenhang hier sagen und zugeben (to put matters into perspective), sonst wurde man sich in Europa vielleicht wirklich ueberlegen, warum es dort einem vorkommt als will sich die Geschichte wiederholen, als ob man durch eine Zeit wandert nicht unaehnlich der letzten 'guten' zwanziger Jahren, dass man nur wartet auf einen Abtrieb (mehr als unter Schroeder) der Wirtschaft, so dass man mit Recht und Beweisen behaupten kann: Kapitalismus, er ist der Krebs der Welt.
    Wir wissen ja alle, wie es damals/spaeter wurde: So ganz anders auf den beiden Seiten des Atlantik. Und was die Folden waren............................

  3. Was meinen Sie, Frau Simon: Wie lange werden die Zeitzeugen diesmal wissen wollen um ihre Geschichte? Werden wir dieses Mal darüber nachdenken, was sich an Verallgemeinerbarem, an Struktur verbirgt hinter unseren konkreten Erfahrungen? Und wieso sollten wir das tun? Die wenigsten Menschen sind in der Lage, ihre Erlebnisse und Gefühle medienwirksam und geldbringend zu verarbeiten. Wie und vor allem wem gegenüber sollen sich diejenigen artikulieren, die keine hochgelobte weil Trends setzende oder doch wenigstens auf Trends surfende Literatur zu produzieren vermögen? Was ist mit denen, die es Tag für Tag mit patzigen Teenagern und ignoranten Besserwissern zu tun bekommen, nicht mit Elke Heidenreich? Wie oft kann sich ein Mensch seine Erinnerungen von seinesgleichen um die Ohren schlagen lassen, bevor er sie für immer vergisst? Wie lange werden diejenigen sprechen wollen, denen niemand zuhören mag – abgesehen von den geistigen Geschwistern der Betreiber des Unternehmens „Horch & Guck“? Sie müssen das doch wissen, Frau Simon. Also bitte: Erzählen Sie es mir – um der Geschichte willen, die sich doch angeblich nicht wiederholen darf. Ich hoffe, wir hören von einander. Nächstes Jahr in der Zeit, abgemacht?

  4. ..... wenn doch die Westdeutschen so ueberzeugt sind, dass alles Schlechte von den Ossies (wenn nicht von den boesen Juden/Amerikanern/Kapitalisten) kommt, und/oder

    ..... wenn doch die Ostdeutschen so ueberzeugt sind, dass alles Schlechte ihnen von der Hand der Wessies ueberreicht wird (wenn nicht direkt von den boesen Juden/Amerikanern/Kapitalisten in New York).

    Vorschlag: Nicht nur pro-forma sondern aus dem Herzen versoehnt man sich und schliesst Rang (wie einst Deutschland und Oesterreich), was dann automatisch erlaubt sich auf den gemeinsamen Uebeltaeter konzentrieren zu lassen.

    Gute Loesung?

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