Daniel Ellsberg
Für seine Zivilcourage und sein andauerndes Engagement gegen atomare Rüstung wurde Daniel Ellsberg, 75, dieses Jahr mit dem alternativen Nobelpreis, dem Right Livelihood Award, ausgezeichnet. Daniel Ellsberg war während des Vietnamkriegs hochrangiger Mitarbeiter des Pentagon. Als der selbst erklärte Falke zur Überzeugung kam, dass der Krieg völkerrechtswidrig war, lancierte er 1971 geheime Dokumente, die Pentagon Papers, an die Presse und trug damit maßgeblich zu einem Stimmungswandel in der amerikanischen Öffentlichkeit bei. Ein Prozess gegen Ellsberg wegen Spionage wurde 1973 eingestellt. Ellsberg wirft sich heute vor, um Jahre zu spät gehandelt zu haben.

Daniel Ellsberg - der ewige Falke BILD

DIE ZEIT: Sie appellieren immer wieder an hochrangige Regierungsbeamte, das zu tun, was Sie 1971 als whistleblower getan haben: geheime Regierungsdokumente an die Presse zu geben, um Kriegspläne und Kriegslügen der Regierung aufzudecken. Hätte ein whistleblower vor vier Jahren den Irak-Krieg verhindern können?

DANIEL ELLSBERG: Ja, ich glaube schon. Wir wissen inzwischen, dass es im Weißen Haus und in den Ministerien einige Leute gab, die den geplanten Waffengang im Irak von vornherein für ein Desaster hielten. Aber niemand ging damit an die Öffentlichkeit. Nehmen wir zum Beispiel Richard Clarke (Richard Clarke war bis 2003 Berater von Präsident George W. Bush in Fragen der Terrorabwehr, Anm. d. Red.). Der war Zeuge, wie Donald Rumsfeld einen Tag nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 forderte, den Irak zu bombardieren – obwohl Saddam Hussein nach allen vorliegenden Erkenntnissen nichts mit al-Qaida zu tun hatte. Clarke und andere waren überzeugt davon, dass ein Angriff auf den Irak den Terrorismus nicht etwa schwächen, sondern stärken würde. Aber sie hielten still. Natürlich hatten sie versucht, innerhalb der Machtzirkel Einfluss zu nehmen – aber eben ohne Erfolg. Hätte Clarke seine Erkenntnisse 2002 zusammen mit den ihm vorliegenden Dokumenten und Memos an die Medien und den Kongress weitergegeben und nicht erst 2004 in seinen Memoiren enthüllt, wäre es womöglich nicht zum Irak-Krieg gekommen.

ZEIT: Die Republikaner haben bei den Kongresswahlen im November gerade wegen der Irak-Politik Ihres Präsidenten eine Niederlage einstecken und die Mehrheit im Kongress an die Demokraten abgeben müssen. Halten Sie unter diesen neuen Vorzeichen weiterhin einen amerikanischen Militärschlag gegen Iran für denkbar?

ELLSBERG: Absolut. Die Pläne für einen konventionellen wie auch nuklearen Angriff gibt es, und sie können jederzeit umgesetzt werden. Das wissen wir unter anderem durch die Berichte von Seymour Hersh und Philip Giraldi. (Seymour Hersh, investigativer Reporter des Magazins The New Yorker, berichtete zuletzt im April 2006 über die Angriffspläne des Weißen Hauses gegen Iran; Philip Giraldi, Exmitarbeiter der CIA, schrieb im August 2005 in The American Conservative über konventionelle und nukleare Angriffspläne, die das Pentagon auf Anweisung von Vizepräsident Dick Cheney angefertigt habe, Anm. d. Red.)

Die Wahlniederlage der Republikaner hat die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs nicht vermindert, ebenso wenig der Rücktritt von Donald Rumsfeld. Und was den Kongress betrifft: Die meisten Demokraten sind nicht gegen einen Luftangriff auf Iran.

Dieser überparteiliche Konsens hat natürlich auch mit Israel zu tun. Israels gesamtes Atomprogramm war meines Erachtens immer auch als Druckmittel gegenüber den USA konzipiert: »Seht her, was wir tun können, wenn ihr uns im Stich lasst.« Deswegen glaube ich auch nicht, dass Israels Premierminister Olmert ein Versehen unterlaufen ist, als er sein Land nun erstmals öffentlich in die Gruppe der Atommächte einreihte. Dahinter steckt eine Nachricht an Washington: »Wenn ihr gegenüber Iran nicht hart bleibt und dessen Atomanlagen nicht angreift, dann werden wir es tun – und zwar mit Nuklearwaffen. Also schickt besser eure Langstreckenbomber.« Wobei es, wie gesagt, Pläne sowohl für einen konventionellen wie nuklearen Angriff gibt. Laut Seymour Hersh ist die nukleare Option aufgrund des Protestes der Generäle vom Tisch. Fürs Erste, würde ich sagen.