Norbert Frei rief, und alle kamen. Eine illustre Historikerschar versammelte sich Ende vergangener Woche in den Rosensälen der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena. »Martin Broszat, der ›Staat Hitlers‹ und die Historisierung des Nationalsozialismus« lautete das Thema des ersten Symposiums, das das »Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts« nach seiner Gründung im Januar veranstaltete. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Selten hat man eine so intelligente und engagierte Diskussion über Grundfragen unseres Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit erlebt.

In seinem Eröffnungsvortrag bedauerte Norbert Frei, dass der Name Broszats heutigen Studenten der Geschichte kaum noch geläufig sei. Dabei war der Münchner Gelehrte, der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden wäre, einer der herausragenden Repräsentanten seines Faches. Sein wohl bedeutendstes Werk Der Staat Hitlers (1969) zählt längst zu den Klassikern der Strukturgeschichte des »Dritten Reiches«. Siebzehn Jahre lang, von 1972 bis zu seinem frühen Tod 1989, leitete Broszat das Institut für Zeitgeschichte in München, und in seiner Ära entwickelte sich das Haus in der Leonrodstraße zur wichtigsten Stätte zeitgeschichtlicher Forschung in der Bundesrepublik – ein Ruf, von dem das Institut noch heute zehrt, obwohl es unter dem Broszat-Nachfolger Horst Möller viel von seiner einstigen Ausstrahlung verloren hat. Es war wohl kein Zufall, dass kein Mitarbeiter des Instituts zur Tagung angereist war.

Freilich ging es in Jena nicht nur um eine Würdigung von Broszats Lebenswerk, sondern auch darum, in seiner Biografie den Gang der deutschen Zeitgeschichtsforschung nachzuzeichnen und kritisch zu reflektieren. Hans Mommsen, selbst ein Wegbereiter strukturgeschichtlicher Interpretationen seit Beginn der frühen sechziger Jahre, verteidigte den Ansatz entschieden. Gegen die damals noch vorherrschenden Hitler-zentrierten Darstellungen, die hinter allem nur den dämonischen Willen des »Führers« erkennen wollten, sei der Versuch, die Radikalisierung der NS-Politik aus den inneren Funktionsbedingungen des Regimes abzuleiten, ein beachtlicher Fortschritt gewesen. Apologetische Motive hätten Broszat und ihm fern gelegen.

Das richtete sich gegen Nicolas Berg, der in seinem vielbeachteten Buch Der Holocaust und die westdeutschen Historiker (2003) ebendiesen Vorwurf erhoben und besonders die Integrität Broszats in Zweifel gezogen hatte, weil er seine 1944 beantragte Parteimitgliedschaft verschwiegen habe. Ob Broszat von seiner Aufnahme in die NSDAP tatsächlich gewusst hat – das ist nach wie vor ungeklärt und lässt sich vielleicht auch nicht mehr klären.

Auch Nicolas Berg war als Referent geladen, doch der erwartete Schlagabtausch blieb aus. Der junge Herausforderer vom Leipziger Simon-Dubnow-Institut gab sich erstaunlich moderat, ja fast ein wenig zu zahm. Das ist für die gegenwärtige Streitkultur in der Zunft nicht ganz untypisch. Die Zeit der großen Kontroversen und schroffen Lagerbildungen scheint vorbei zu sein.

Hans-Ulrich Wehler erinnerte daran, dass dies in den siebziger Jahren anders aussah, als sich »Intentionalisten« (die Hitler und seine Motive in den Mittelpunkt rückten) und »Strukturalisten« (die nach gesellschaftlichen Konstellationen und Strukturen fragten) noch erbittert bekämpften. Der Hitler-Biograf Ian Kershaw (Sheffield) hob indes hervor, dass es gerade Broszat gewesen war, der damals in einem wegweisenden Aufsatz über Soziale Motivation und Führerbindung den ersten Versuch eines Brückenschlags unternommen hatte, indem er die durch das NS-Regime entfesselte Dynamik mit den Antrieben Hitlers in Beziehung setzte.

Das wurde überhaupt als ein charakteristisches Merkmal Broszats deutlich: Er gab sich nie mit einer einmal gefundenen Erklärung zufrieden. Unentwegt trieb er sich und seine Mitarbeiter an, aus den eingetretenen Pfaden der Forschung herauszutreten und sich auf das unsichere Terrain neuer Fragen zu begeben. Das galt schon für sein Frühwerk Nationalsozialistische Polenpolitik 1939–1945 (1961), in dem er, wie Włodzimierz Borodziej (Warschau) zeigte, zum ersten Mal die grauenvollen Auswirkungen der deutschen Besatzung beschrieb. Das galt auch für seine Beiträge zur Judenpolitik des Regimes, von denen, wie Sybille Steinbacher (Jena) nachwies, wichtige Anstöße ausgingen, ohne dass diese Thematik im Zentrum des Instituts gestanden hätte. Und das galt vor allem für das sechsbändige Projekt Bayern in der NS-Zeit (1977/83), auf dessen Bedeutung als Pionierwerk der Alltagsforschung Michael Wildt (Hamburg) aufmerksam machte. Allerdings betonte Wildt auch die Grenzen des Unternehmens: Der von Broszat geprägte Leitbegriff der »Resistenz« habe die hohe Zustimmungs- und Mobilisierungsbereitschaft der »Volksgemeinschaft« nicht hinreichend berücksichtigt.