Der Mann aus Lesotho hält sich nicht mit kleinen Fischen auf. Barotho Matsoso will ergründen, was wirklich geschah, als Afrikas größtes Staudammsystem gebaut wurde, das Lesotho Highland Water Project. Als Leiter der staatlichen Korruptionsbekämpfung in dem kleinen südafrikanischen Land ist das sein Job, zumal er Parlament und Regierung hinter sich hat. Das Aufspüren von Schmiergeldzahlern sieht man hier als großen Schritt in Richtung Demokratie. Geld für AFRIKAS GRÖSSTES STAUDAMMPROJEKT floss in die falschen Kanäle BILD

Was für ein gewaltiges Bauprojekt das war! 12 Milliarden US-Dollar hatten Lesotho und Südafrika, das den kleinen Bergstaat vollständig umschließt, verbaut – finanziert von Weltbank, EU und einigen europäischen Staaten. 37000 Bewohner wurden umgesiedelt, drei Stauseen durch ein kilometerlanges Tunnelsystem miteinander verbunden. Tausende Kubikmeter Wasser fließen jetzt täglich in die südafrikanische Industrieregion Gauteng und treiben noch ein Wasserkraftwerk an. Wasser ist das wichtigste Exportgut Lesothos. »Weißes Gold« nennen es die Leute.

Doch das Lesotho Highland Water Project wurde auch zum Lehrstück für Korruption bei Megabauprojekten in Afrika – und Beispiel dafür, wie die Behörden eines afrikanischen Staates die Sünden der Vergangenheit aufzuklären versuchen.

Fahnder Matsoso ist schon seit zehn Jahren auf diese Sünden angesetzt, doch so optimistisch wie zurzeit ist er lange nicht gewesen. Matsoso hat nämlich einen neuen Fahndungshelfer, von dem er sich neue Spuren und schließlich Aufklärung erhofft: die Firma Lahmeyer International aus dem hessischen Bad Vilbel. Lahmeyer zählt zu den größten Ingenieurfirmen für Infrastrukturprojekte in aller Welt, hat einst selbst beim Staudammbau mitgewirkt und wurde daran Anfang November unrühmlich erinnert. Als erste deutsche Firma landete sie auf der schwarzen Liste der Weltbank. Nun soll das Unternehmen sieben Jahre lang von weltbankfinanzierten Projekten ausgeschlossen bleiben. Lahmeyer hatte damals in Lesotho bestochen, so ein Gerichtsurteil von 2003.

Als Barotho Matsoso von der Entscheidung der Weltbank erfuhr, rief er spontan: »Das ist ja wunderbar!« Denn die Firma kann ihre siebenjährige Strafe verkürzen, wenn sie zum unfreiwilligen Fahndungshelfer wird – und mit den Behörden und Matsoso kooperiert. Lange hatte das Unternehmen jede Zusammenarbeit abgeblockt, doch jetzt bietet sie sich als Kronzeuge an, und Geschäftsführer Henning Nothdurft beteuert: »Wir werden eng mit den Behörden kooperieren.«

Einem Richtlinienpapier des Unternehmens ist sogar zu entnehmen, dass es die Antikorruptionsorganisation Transparency International um Rat gebeten hat, ebenso wie Siemens vor einigen Tagen. Das Unternehmen fürchtet weniger um seinen Umsatz – daran machen Weltbankprojekte nur fünf bis zehn Prozent aus – als ums Image. Zumal zwischenzeitlich wieder ein neues Verfahren gegen die Firma drohte.

Dass das kleine Land Lesotho dem weltweit agierenden Konzern solche Schwierigkeiten bereitet, hat mit dem Ende seiner Militärregierung 1993 zu tun und mit der linksgerichteten Basotho Congress Party (BCP), die schon vor der Machtergreifung »Demokratisierung« zu ihrem Ziel erklärte. Sie wollte an der weit verbreiteten Vorstellung rütteln, afrikanische Länder seien hoffnungslos korrupt. Zum Programm gehörte auch die Aufarbeitung des Staudammprojekts, das zu Zeiten ihrer undemokratischen Vorgänger abgeschlossen wurde. Dass deren Funktionäre sich bereichert hatten, munkelte man schon länger in den Straßen der Hauptstadt Maseru. Jetzt wurde es offen ausgesprochen – und zum Justizfall. BILD

Über Ermittlungen stolperte zunächst aber nicht Lahmeyer, sondern Masupha Sole. Der erfahrene Ingenieur aus Lesotho war einer von zwei Geschäftsführern des Staudammprojekts. 1994 verklagte ihn sein Arbeitgeber, weil er neun Jahre lang von fast jeder am Projekt beteiligten Firma Bestechungsgelder kassiert haben soll – insgesamt rund 1,2 Millionen Euro. Sole wurde suspendiert, sein Vermögen eingezogen. Als im Juni 2000 endlich der Strafprozess folgte, passierte etwas Typisches für solche Fälle: Es gab keine Zeugen mehr. Ein Mittelsmann war tot, einer untergetaucht, Sole blieb stumm. »Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass einer, der in Korruption verstrickt ist, nicht mehr nur nach seinen eigenen Interessen schauen kann«, sagt Justizchef Mahapela Lehola über dieses Schweigen.

Aus seinem ungewöhnlichen Reichtum – teure Autos, drei Villen mit Pool und Sauna – machte der vierfache Familienvater Sole keinen Hehl. Die Luxusreisen mit seiner Frau nach Europa bezahlte er vom Geld diverser Konten, deren Existenz er lange Zeit auch unter Eid abstritt. Vor Prozessbeginn gab sich Sole frech. »Erst einmal müssen Sie mir beweisen, dass es diese heimlichen Konten gibt, bevor Sie beweisen können, dass ich Geld genommen habe«, sagte er. »Denken Sie etwa, diese Schweizer Bank kommt nach Lesotho und sagt gegen ihre eigenen Klienten aus?« Zwei Monate landeten zwei Schweizer Bankangestellte am Flughafen der Hauptstadt Maseru. Ihre Berichte lagen bereits versiegelt in den Aktenschränken des Gerichts.

Jetzt argumentierte Sole, dass Korruption dem Projekt nicht geschadet habe und es »Bestechung doch überall« gebe. In Wahrheit sei die Hetzjagd auf Leute wie ihn das Problem. Der Vorsitzende Richter Brendan Cullinan entdeckte laut Urteilsbegründung bei Sole »nicht die leiseste Spur von Reue«. Die Quittung: 15 Jahre Gefängnis.

Es blieb nicht der einzige Prozess. Mittelsmänner, das ergaben die Untersuchungen, hatten Bestechungsgelder westlicher Unternehmen durch viele Kanäle geschleust und kräftig mitverdient. Zum Beispiel Zalisiwoga Bam, ein Squashpartner von Sole und regelmäßiger Besucher in dessen Büro. Bam starb noch vor der Verhandlung an einem Herzinfarkt, doch auch ohne seine Aussage tauchten überall in den Ermittlungen Hinweise auf den Mittelsmann auf. Immer wieder hatte Bam offenbar Geld an seinen Freund Sole weitergeleitet, mal in französischen Franc, mal in kanadischen Dollar, durch ein Geflecht von Schweizer Bankkonten. Darin verhedderte sich auch die Firma Lahmeyer.

Das Unternehmen gehörte laut Gerichtsakten zu den ersten Bestechern. Da gab es Auftrag C46 – einer von zwölf Fällen, derentwegen Lahmeyer vor Gericht stand. Damals waren mehrere Angebote des Unternehmens abgelehnt worden, woraufhin Mittelsmann Bam offenbar seine Hilfe anbot.

Die Geschichte, von Ermittlern aus Indizien zusammengetragen, liest sich wie ein Klassiker internationaler Korruption. Bam traf sich, so die Akten, am Frankfurter Flughafen mit Dr. S., einem Lahmeyer-Ingenieur. Lahmeyer zahlte 10000 Mark auf Bams Konto, und die Firma bekam Auftrag C46. Fortan flossen weitere hohe Geldbeträge an Bam – ohne Verträge auf Auslandskonten oder bar. Ziemlich viel Geld, so die Ermittler, für einen Mann, der »über keinerlei besondere Fähigkeiten verfügt, die Lahmeyer fachlich vor Ort benötigt hätte«. Im Urteil des Berufungsgerichts gegen Lahmeyer steckte eine Vermutung: »Was Bam sicherlich gemacht hat, ist, Lahmeyer mit vertraulichen Informationen zu versorgen – und das machte seine Dienste wertvoll.«

So ist es bei der Aufarbeitung der Staudamm-Bestechungen meist gegangen. Fahnder Matsoso und seine Mitarbeiter trugen Indizien zusammen, doch zentrale Beschuldigte wie Bam waren tot oder schwiegen, der deutsche Ingenieur S. blieb in Deutschland – angeblich krank und ohne Erinnerung an die Vorfälle.

Warum hat Matsoso unter solch schwierigen Bedingungen dennoch nicht aufgegeben? »Wir müssen unsere Leute vor diesem Übel schützen«, sagt er. Die ganze Gesellschaft sei Opfer der Korruption – auch wenn es sogar in seinem Land immer wieder Stimmen gibt, die seine Prozesse für zu teuer oder gar imageschädigend halten. Für den Ermittler geht es auch um Nationalstolz. »In der Ersten Welt heißt es doch immer, Korruption kommt aus Afrika«, sagt er mit seiner typischen heiseren Stimme und lächelt. »Wir sagen, Korruption ist wie ein Tango, du kannst ihn nicht alleine tanzen.«

Als das Gericht die Firma Laymeyer im August 2003 in sieben Fällen schuldig sprach, ging das Unternehmen zunächst in Berufung. Doch statt eines Freispruchs wurde Lahmeyer noch in einem zusätzlichen Fall verurteilt. Die Richter sprachen von »Bestechung in ungeheurem Ausmaß« und erhöhten die Strafe auf umgerechnet 1,6 Millionen Euro, anschließend »bedauerte« die Firma »die Entscheidung des Gerichts, die ausschließlich auf Indizien beruht«.

Jetzt will offenbar Lahmeyer selbst aus diesen Indizien Beweise machen. Nachdem das Unternehmen von der Weltbank unter Druck gesetzt wurde, bot es sich im Februar 2006 als Kronzeuge an – in einem Verfahren gegen Reatile Mochebelele, Soles Nachfolger als Geschäftsführer im Staudammprojekt. Bei früheren Untersuchungen konnte ihm nie Fehlverhalten nachgewiesen werden. Er ist sogar Mitglied der Weltkommission für Staudämme und berät Südafrikas Präsidenten Thabo Mbeki in Fragen der Wasserversorgung. Doch Mochebelele hat sich mindestens sechs große Grundstücke in Südafrika gekauft und angeblich bar bezahlt. Von Lahmeyer soll er laut Anklageschrift zwischen 1996 und 1999 rund 130000 Euro erhalten haben. Wird er nun verurteilt?

Plötzlich finden sich ehemalige Mitarbeiter, die in ihren Notizbüchern genau festgehalten haben, wem sie wann wie viel Geld gegeben haben. So wurde der ehemalige Laymeyer-Mitarbeiter Raymond Stock laut seinen Aufzeichnungen angewiesen, Geld an Mochebelele zu zahlen. Bei Treffen mit der Geschäftsführung seien Beträge bis zu 30000 Euro über den Tisch gegangen.

Nothdurft bestätigt heute, dass Laymeyer zunächst bei Verträgen außen vorblieb. Aber: »Mit den ersten Zahlungen waren wir drin im System, was aus heutiger Sicht ein Fehler war.« Lahmeyer habe jetzt eine »Null-Toleranz-Politik« in Sachen Korruption, schon 1999 habe die Arbeit daran begonnen. Kein damals in Lesotho verantwortlicher Mitarbeiter sei mehr im Unternehmen.

Ein langsamer Zeitenwandel, nicht nur im Fall Laymeyer. Noch bis 1999 konnten deutsche Firmen Schmiergelder für ausländische Behörden steuerlich absetzen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat der Korruption den Kampf angesagt, wohlwissend, dass intern oft behauptet wird, ohne Bestechung gebe es in bestimmten Ländern keinen Auftrag. Auch in Lesotho ist, trotz allen Aufklärungseifers, die Korruption längst nicht gebannt. Immer noch liegt das Land im Korruptionsindex von Transparency International auf Platz 80 von 158. Andererseits gibt es immer mehr Leute, die sich dagegen wehren wollen: Die Beschwerden über Bestechungen häufen sich, die Anzeigen auch.

So ist auch in Lesotho der letzte Tango noch nicht getanzt – und erst recht ist nicht ausdiskutiert, wer wen zum Tanzen auffordert. »Wir dürfen nicht vergessen, dass für viele der korrupten Verhaltensweisen Unternehmen und Regierungen aus den reichen Staaten verantwortlich sind«, sagt Transparency-Chef Peter Eigen. Arme und reiche Länder müssten gemeinsam daran arbeiten, die Bestechungsfälle künftig zu verhindern. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Lahmeyer einen Anfang macht – und dem Fahnder Barotho Matsoso zu seinem großen Durchbruch verhilft.

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