Eigentlich ziemt es sich nicht, Plakate von den Wänden zu reißen, Infoblätter aus dem Abfall zu fischen und Flyer hinter den Scheibenwischern fremder Autos hervorzuzerren. Schon gar nicht für einen Priester. Doch besondere Aufgaben erfordern besondere Maßnahmen. Beides ist für Michael Fuß Programm. Der 57-Jährige leitet an der Päpstlichen Universität Angelicum in Rom den neu gegründeten »Lehrstuhl für nichtkonventionelle Religionen und Spiritualitätsformen«. Anders ausgedrückt: Fuß ist Professor für Esoterik. BILD

Weil es von der »Lehre des Geheimen« nur wenig Literatur und jeden Tag etwas Neues gibt, sammelt Fuß seine Informationen vornehmlich dort, wo die Esoterik die Menschen erreicht: auf der Straße und im Alltag. »Trash-Theologie« nennt sich diese Arbeitsweise. Gott steckt überall, auch im Müll.

In der schwarzen Aktentasche, die Fuß immer bei sich hat, trägt er die Ausbeute nach Hause, sortiert und ordnet, schneidet Bilder aus, steckt Brauchbares in Klarsichthüllen, notiert die Namen von Predigern und die Termine von Veranstaltungen. »Ich habe keine Bibliothek, sondern eine Guruthek«, schmunzelt er und zählt auf, was die Esoterik unter anderem zu bieten hat: Astrologie und Kartomantie, die praktische Lebenshilfe bieten, Reiki und Yoga, die dem Menschen durch Handauflegen und spezielle Übungen zu helfen versuchen, Unheilvolles der Satanisten, aber auch Parodistisch-Heiteres der Pastafarianer, die behaupten: Im Anfang waren die Spaghetti. Chaotisch verknäult zwar, wie diese Nudeln nun mal sind, aber nahrhaft genug, um Leben hervorzubringen.

Im neuen Bewusstsein vollendet nicht Gott, sondern der Mensch die Welt

Kulinarisch zählt Fuß nicht zur Spaghetti-Fraktion. Zielstrebig steuert er ins Sushi-Restaurant. In zwei Stunden wird er seine Vorlesung halten. Es bleibt Zeit für eine Stärkung. Und für eine Erklärung: Wie kommt ein katholischer Priester zur Esoterik – und diese zu einem eigenen Lehrstuhl an einer katholischen Universität?

Alles begann 1968, als Fuß, damals Theologiestudent im heimischen Bonn, für einen Auslandsaufenthalt nach Rom kam. Dort predigten die arancioni, die in Orange gehüllten Anhänger des Meisters Osho, gerade die freie Sexualität. Hare-Krishna-Mitglieder versuchten derweil in einer ehemaligen Kirche, die sie in ein vegetarisches Restaurant umfunktioniert hatten, die Menschen zum Hinduismus zu bekehren. Kurzum: Die Hippies probten den Aufstand und brachen mit der christlich-jüdischen Tradition.

Fuß war fasziniert von ihren Ideen, allerdings ohne mit der Kirche zu brechen. Er wurde Theologe, Priester und Seelsorger. Was ihn vor allem anzog, waren die fremden Kulturen und ihre Religionen. In London und auf Sri Lanka spezialisierte er sich auf Indologie, in Freiburg unterrichtete er Religionsgeschichte, an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrt er derzeit Buddhismus. Fuß ist der einzige Europäer, der jährlich am Buddhist-Christian Theological Encounter in den USA teilnimmt, bei dem sich 25 Christen und 25 Buddhisten aus aller Welt treffen, um über ihre Religionen zu diskutieren.