Wut macht erfinderisch. Ein wenig zumindest. Hamas appelliert an ihre Anhänger, sich neue Slogans auszudenken, diesmal nicht gegen Israel oder Amerika, sondern gegen den palästinensischen Präsidenten. Zu den Sprüchen, welche die Demonstranten im Westjordanland und Gaza-Streifen befeuern sollen, gehört: »Abbas, oh Abbas, die Leute werden mit ihren Schuhen auf dir herumtrampeln.« Seit Machmud Abbas seine Landsleute zu Neuwahlen aufgerufen hat, kochen Hamas-Politiker über. Laut und militant. Anhänger der Hamas protestieren BILD

Dabei dürfte der »Präsidentencoup« für sie kaum eine Überraschung gewesen sein. Abbas sprach nur laut aus, was Fatah-Veteranen schon lange denken: dass mit den Islamisten von Hamas keine gemeinsame Sache zu machen sei und alle Verhandlungen über eine Allianz der nationalen Einheit verschwendete Zeit seien. Abbas hatte mit den Koalitionsgesprächen den westlichen Boykott gegen die Hamas-Regierung beenden wollen. Doch scheiterten alle Versuche zur Einigung an der Weigerung von Hamas, bereits unterzeichnete Abkommen der Palästinenser mit Israel anzuerkennen. Machmud Abbas sucht einen Ausweg mit Neuwahlen.

Die Rivalität zwischen den beiden Parteien ist in Gewalt umgeschlagen. Wer höhere Posten innehat, kann sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlen. Auf den Hamas-Premier Ismail Hanijeh und seinen Außenminister Machmud Zahar schossen Unbekannte – knapp daneben. Tödliche Kugeln trafen indes ein Mitglied der Sicherheitsgarde des Präsidenten.

Doch tobt hier schon ein Bürgerkrieg? Noch ist es zu früh für diese Diagnose. Es kann sein, dass sich die Gemüter wieder etwas beruhigen, denn die Angst vor einem echten Bürgerkrieg wirkt durchaus als Zügel. Die Alternative »Fatah oder Hamas« zerreißt das Volk, aber auch viele Familien, in denen sich oft Anhänger der einen und der anderen Seite finden. Was die Palästinensergebiete dieser Tage erschüttert, ist vorerst ein blutiger Machtkampf politischer Gruppen mitten in einer tiefen Wirtschaftskrise.

Seit zehn Monaten regiert Hamas – derweil die USA, Europa und Israel das Land politisch und wirtschaftlich isoliert haben. Die Kassen der Autonomiebehörde sind leer. Ihre 150000 Angestellten bekommen schon lange keine Gehälter mehr. Das Bargeld in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar in den Kassen von Hamas investiert die Parteiorganisation lieber in Kassam-Raketen. Laut einer Umfrage in Ramallah ist die Mehrheit der Palästinenser mit Hamas in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht höchst unzufrieden. Viele Palästinenser hatten für Hamas gestimmt, weil diese »Reform und Wandel« in Aussicht gestellt hatte – als innenpolitisches Kontrastprogramm zur bis ins Mark korrupten Fatah-Partei. Von diesen Losungen ist aber nichts übrig geblieben. Viele Protestwähler fühlen sich von den Islamisten betrogen, die in ihren Augen durch die Ablehnung der Verträge mit Israel das nationale Wohl der religiösen Befreiungsideologie unterordnen.

Nach zehn Monaten Hamas ziehen manche nun Bilanz. Professor Mohammed Dajani lehrt an der Al-Quds-Universität in Ostjerusalem. Er gehört einer alteingesessenen palästinensischen Familie an und neigt der Fatah zu. Dajani meint, die Autonomiebehörde habe Anfang des Jahres den Fehler begangen, Hamas zu den Parlamentswahlen zuzulassen, obwohl diese sich weigerte, die Osloer Friedensverträge anzuerkennen. Präsident Machmud Abbas war damals einen anderen Weg gegangen. Er wollte den Versuch wagen, Hamas einzubinden – »Wandel durch Annäherung« auf Palästinensisch. Nachdem Hamas im Parlament aber die Mehrheit der Sitze eroberte, blieb nur mehr die trübe Hoffnung, dass die Partei ihre Milizorganisation selbst entwaffnen würde. Davon ist nichts zu sehen, ebenso wenig wie von einem greifbaren Resultat der Regierungsarbeit. Hamas rechtfertigt sich damit, dass der Westen ihr von Anfang an keine Chance gab. Das hoffnungsvoll begonnene palästinensische Demokratie-Projekt ist zur Farce geworden.

Jetzt sollen Wahlen den Ausweg aus einer Lage weisen, die Wahlen geschaffen haben. Noch hat Abbas kein Datum für die Abstimmung genannt. Damit bleibt noch ein Spielraum offen für eine Einigung mit Hamas – wenn auch wohl nicht mehr über eine Regierung der nationalen Einheit, so doch über ein Ende der Straßenkämpfe und eine Beteiligung an der Wahl. Denn was wäre deren Ausgang wert, sollte Hamas, wie am Montag angekündigt, die Wahlen boykottieren?

Auch umgekehrt ist zu fragen: Was wäre die Abstimmung wert, wenn aus Abbas’ Sicht wieder die Falschen an die Macht kämen? Nach einer Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research von vergangener Woche hätte die Fatah im Parlament mit 42 Prozent der Stimmen nur einen kleinen Vorsprung gegenüber Hamas mit 36 Prozent. Bei der Präsidentschaftswahl gäbe es ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Abbas und Hanijeh.

Die relative Stärke von Hamas nach zehn verkorksten Monaten zeigt, dass die Enttäuschung über Hamas längst noch nicht die Fatah wieder populär macht. Die einst so mächtige Palästinenserpartei ist schlecht organisiert, sie hat nichts gegen ihr korruptes Image unternommen, sie hat versprochene innere Reformen immer wieder hinausgeschoben. Ihr einziger Joker wäre Marwan Baghuti, der in israelischer Haft sitzende Anführer der jüngsten Intifada. Sein Name fällt stets, wenn über einen möglichen Gefangenenaustausch gesprochen wird. Aber dazu müsste Hamas erst der Freilassung ihrer Geiseln zustimmen. Konfligierende Interessen auch hier.

Gibt es überhaupt Alternativen zum Dauerkampf Fatah gegen Hamas? Sami Abid vom unabhängigen Radio al-Manar in Gaza glaubt, dass sechzig Prozent der Bevölkerung sich heute weder mit Hamas noch mit der Fatah identifizierten. Ihr Streit lähme das Land. Er sieht nur einen Ausweg, und der führe über eine »palästinensische Kadima« – in Anspielung auf die von Israels Premier Ariel Scharon vor rund einem Jahr gegründete Zentrumspartei.

Eine solche Partei steht auch auf dem Wunschzettel von Mohammed Dajani von der Al-Quds-Universität. Sie müsste eine moderate Interpretation des Islams repräsentieren, wie sie für die Palästinenser immer schon charakteristisch gewesen sei. Diese Partei, sagt Dajani, wäre weder radikal islamistisch noch rundweg säkular, weder Hamas noch Fatah. Sie würde die »klügsten und besten« Palästinenser an sich ziehen, um dann »über Verhandlungen und nicht über Konfrontation« zu einem unabhängigen Staat zu gelangen. Dajani hat auch schon einen Namen: »al-Wasatieh«, der Mittelweg.

i Weitere Informationen zur Nahost-Krise: www.zeit.de/nahost