Werbung gab es kaum, auch kein Lob der Kritiker im Vorfeld. Der Film Wer früher stirbt, ist länger tot ist trotzdem eine Herbstsensation geworden. Der Erfolg von Marcus H. Rosenmüllers bayerischer Lokalkolorit-Komödie mit dem morbid-heiteren Titel geht auf das Konto des mündigen Bürgers: Durch Mund-zu-Mund-Propaganda wurde sie bekannt. Das Publikum trug den Film von den oberbayerischen Dörfern in die Programmkinos, nach Hamburg-Sankt Pauli und Berlin-Kreuzberg. Fast 1,2 Millionen Zuschauer haben die Geschichte um den elfjährigen Sebastian bis heute gesehen, der sich schuldig am Tod seiner Mutter wähnt, weil sie bei seiner Geburt gestorben war. Und noch immer läuft die Geschichte über den katholischen Glauben aus kindlicher Perspektive in den Kinos. Der Rosenheimer Filmverleih Movienet hatte mit halb so viel Zuschauern gerechnet – und glaubte dabei noch zu träumen.

Ähnlich erstaunlich war in diesem Jahr auch der Erfolg des Dokumentarfilms Die große Stille über das Leben der Mönche im alpinen Kartäuserkloster La Grande Chartreuse. An die 200000 Zuschauer setzten sich den Bildern von altem Mauerwerk, leeren Kreuzgängen, betenden Novizen und dem ewigen Wechsel der Jahreszeiten aus. Tröpfelnde Eiszapfen, ein durch die Schneedecke brechender Krokus, das Wechselspiel von Licht und Schatten auf den Dielen der klösterlichen Küche – außer den wenigen Worten, die die Mönche des strengen Schweigeordens auf ihren sporadischen Spaziergängen sprechen, außer dem Glockengeläut und den liturgischen Gesängen gibt es in diesem Film kaum einen Ton. Zwar gibt sich der Regisseur Philip Grönings alle Mühe, das asketische Mönchsleben in mundgerechte Schnitthäppchen und pittoreske Zwischenbilder zu zerteilen, und doch hätte man es nicht für möglich gehalten, dass sich mehr als nur ein kleiner Haufen Auserwählter für Die große Stille interessieren würde. Die heimlichen Lieblingsfilme des Publikums handeln von stiller Einkehr und Harmonie: Szene aus »Wer früher stirbt, ist länger tot«.© Christian Hartmann / Roxy Film BILD

Wie erklärt sich der überraschende Erfolg von Filmen, die uns in andere, religiöse, meditative Gefilde führen? Ein Erfolg, der umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, wie sehr der schnelllebige Kinobetrieb ihm entgegensteht: Immer mehr Filme (über 500 waren es in diesem Jahr) schlagen sich um die Leinwände, die Laufzeit wird immer kürzer. Um in dieser knapp bemessenen Zeit dennoch die nötigen Zuschauerzahlen abzuschöpfen, drängen Großproduktionen mit gigantischen Marketingkampagnen und hohen Kopienzahlen auf den Markt. Kleinen und mittleren Filmen mit künstlerischem Anspruch bleibt bei diesem Wellengang kaum mehr eine Überlebenschance. Es sei denn, in ihnen schlummert ein Potenzial, das sich langsam, aber beharrlich zur Geltung bringt. »Sleeper« nennt man diese Filme, die die gängigen Marktregeln unterlaufen, Werbung als oberflächliches Gekräusel erscheinen lassen und den Glauben ans Langfristige nähren. Interessanterweise thematisieren die Sleeper der letzten Zeit meist auch inhaltlich das Dauerhafte, berufen sich ihre Geschichten auf weit zurückreichende Traditionen, Künste und Bräuche. Wer einen der erwähnten Sleeper im Kino sieht, macht eine denkwürdige Erfahrung: Wir sitzen vor der Leinwand, diesem immensen Panoramafenster in die Welt, und schauen mit wachsendem Vergnügen zu, wie das Leben zusammenschrumpft und klein wird. Das Tagwerk der Mönche in Die große Stille vollzieht sich im Kartäuserkloster mit derselben starren Gesetzmäßigkeit, mit der Sonne, Mond und Sterne ihren Lauf nehmen. Und in Wer früher stirbt, ist länger tot gelten in Sebastians Dorf noch die Generationsgesetze: Die Kinder erben mit dem Beruf ihrer Eltern auch den der Groß- und Urgroßeltern. Es mag übereilt sein, aus den Überraschungserfolgen einiger Filmproduktionen, die uns die Welt als überschaubaren Mikrokosmos zeigen, gleich auf eine große Zeiterscheinung zu schließen. Aber es ist nicht zu übersehen, dass diese Filme einem tiefen Zuschauerbedürfnis entgegenkommen und eine metaphysische Ordnung versprechen, die gegen die Bedrohungsszenarien von Vereinzelung, Zerstreuung und globalisiertem Chaos steht.

Der Erfolg der Sleeper-Filme lässt sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines wachsenden Kulturpessimismus erklären. In dem Film Die große Stille sprechen die Mönche über den Brauch des Händewaschens. Wozu dient er? Sie wissen es nicht. Und sind dennoch überzeugt, dass sie daran festhalten müssen: »Wenn wir die Zeichen zerstören, verlieren wir die Orientierung.« Implizit wird damit eine Verlustrechnung aufgestellt, die zeigen soll, was uns die Moderne durch das Kappen von Tradition, durch Überproduktion von Information und durch wachsende Geschwindigkeit und Mobilität gekostet hat: Wir führen unser Leben heute nicht mehr. Wir irren, schwanken, taumeln wie betäubt durch unsere Existenz.

Aber die Sleeper sprechen uns nicht nur als Modernisierungsskeptiker an, sie spenden zugleich auch Trost und Hoffnung, indem sie einen Topos mobilisieren, den die Moderne eigentlich verdrängt hat – den Tod. Der Tod, so versprechen sie, ist dem Menschen nicht Feind, sondern ein Freund. Die Mönche des Kartäuserklosters haben sich mit ihm schon zu Lebzeiten verlobt und sehnen sich nach der Vermählung. Das Kloster ist ihnen eine lichte Gruft, durch die sie in ihren weißen Kutten wie Gespenster wehen.

In Rosenmüllers Film Wer früher stirbt, ist länger tot ist es weniger der von Sebastian in Eigenregie inszenierte Katholizismus als die Macht der Musik, die mit dem Tod versöhnt. Erst als der Junge zur Gitarre greift, die – wie sollte es anders sein – schon die verstorbene Mutter gespielt hat, wendet sich sein Schicksal zum Guten. In der Schlussszene rockt Sebastian in der Sendestation auf dem Wendelstein – um mit Nietzsche zu sprechen: »6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit« – und schickt unsterbliche Musik in den Äther.

Ähnlich ist der Fall des schwedischen Überraschungserfolges Wie im Himmel, der Ende letzten Jahres in die Kinos kam und bis jetzt von mehr als einer Million Menschen gesehen wurde. Erzählt wird die Geschichte des international ebenso gefeierten wie gehetzten Dirigenten Daniel Dareus, der nach einem Herzinfarkt ins Dorf seiner Kindheit zurückkehrt, um ein neues Leben zu beginnen. Dort übernimmt er die Leitung des Kirchenchors und findet schließlich, wonach er schon immer gesucht hatte: »eine Musik, die überall die Herzen öffnet«. Nicht zuletzt ist es sein eigenes Herz, das sich zum ersten Mal öffnet und einer hübschen, lebensfrohen Supermarktkassiererin entgegenschlägt. Aus eigener Erfahrung – sie hat früh beide Eltern verloren – versichert sie, was ihn die Musik schon immer zu lehren schien: »Du musst keine Angst haben, es gibt keinen Tod.«