Andreas Botas nennt sie die »Entscheidung meines Lebens«, diese Frage, vor der er Ende der neunziger Jahre stand: Soll er jetzt in die Welt hinausziehen, wie all seine Kollegen, oder soll er hier bleiben, hier am Starnberger See? Botas sitzt in seinem Arbeitszimmer, holzgetäfelt, antike Möbel, Bücherregale bis zur Decke. Der Immobilienmakler sagt, er habe keine Sekretärin und selten mehr als zwei Termine am Tag. »Ich möchte, dass meine Kunden einen hundertprozentig konzentrierten Botas vor sich haben. Und meine Kunden wissen: Jedes Telefongespräch führe ich selbst, ich schreibe auch jeden Brief.« Die meisten Zugänge zum Starnberger See sind für die Allgemeinheit gesperrt BILD

Botas hatte ein paar Jahre lang in der Starnberger Filiale von Engel & Völkers gearbeitet, dem internationalen Maklerbüro. Er hörte seine Kollegen immer laut darüber nachdenken, und er tat es ja selbst auch, wo die zukunftsreichste Region für einen Immobilienfachmann sei, vielleicht in den USA, in den arabischen Emiraten oder doch in Indien und China, wie viele meinen? Doch dann fuhr er eines Tages über die Dörfer, vorbei an den bezaubernden Villen, dahinter der glitzernde See, überall diese geordnete Stille – und plötzlich kam ihm seine Geschäftsidee: Da ist eine der schönsten Gegenden Deutschlands, und da sind die Berichte, dass die wirklich Reichen in diesem Land immer mehr und immer reicher werden, »und plötzlich wusste ich, was ich will: Ich bringe diese Leute an diesen Ort. So einfach ist das.«

Ein paar Regeln hat er aufgestellt, zum Beispiel: Ihn interessieren nur Häuser, die mehr als zwei Millionen Euro wert sind. Und er verlangt zweimal Provision, vom Käufer und vom Verkäufer. Andreas Botas kennt an diesem See inzwischen jeden Hauseigentümer, der nur ein klein wenig darüber nachdenkt, seinen Besitz zu verkaufen. Zum anderen hat er die Bundesrepublik mit dem Blick eines Goldschürfers durchkämmt. Er wollte wissen, wo die Reichen sitzen, die sich etwas leisten wollen, nicht die Kleinlichen, sondern die, die es krachen lassen wollen. Wenn ein Haus zum Verkauf stehe, führe er zwei, drei Telefonate, »dann ist das Geschäft über die Bühne«.

Das prächtige Arbeitszimmer von Andreas Botas gehört zu einem noch weit prächtigeren Gut. Hinter Tutzing am Westufer des Sees biegt man ab in Richtung Wald, zwei, drei Kilometer nur Feldweg und Bäume. Dann taucht es auf, das weiße Schloss, das früher ein Pferdegestüt war und überhaupt eine Menge Geschichte hat. Botas bräuchte es nicht zu sagen, aber er sagt es doch: Sein Geschäft laufe sehr gut. Insignien des Wohlstands wie Goldkettchen und Porsche seien nicht mehr seine Sache, »meine Welt befindet sich in einer anderen Kategorie«.

Der Bilderbuchsee, die andere Kategorie. Mit dem Auto braucht man eine Stunde, um ihn zu umrunden. Dörfer sieht man, Fachwerk, Pferdekoppeln. Städtchen sieht man, Boutiquen, kleine Yachthäfen. Gemessen am Wasservolumen, ist der Starnberger See der größte bayerische See, 133 Meter tief. Am Westufer ist der Erfolg zu Hause, Wirtschaftsführer und Juristen. Am Ostufer das Gefühl, Künstler und Gelehrte. Dazwischen, an der oberen Seespitze, liegt Starnberg, die verhuschte Kapitale. Natürlich dürfe man Starnberg nicht mit Tutzing vergleichen, Tutzing nicht mit Ambach. Einheimische sehen die Unterschiede genau. Aber mit etwas Abstand erkennt man das Verbindende, den Reichtum, überall. Man kann in Statistiken und Befragungen nachschauen und findet über Starnberg heraus: die meisten Millionäre auf einem Fleck. Das höchste Bildungsniveau. Die höchste Lebenserwartung. Das höchste Lebensglück. Aber sagt das was?

Mal angenommen, es stimmt, dass die Zeit der Zwiebel vorübergeht. Die Bunderepublik ist ja immer eine Zwiebel gewesen, oben dünn, unten dünn, in der Mitte imponierend dick. Aber jetzt wird die Zwiebel oben und unten dicker, der Bauch immer flacher. Mal angenommen, es stimmt, dass die deutsche Zwiebel ihre Masse an die Enden schiebt. Sie sähe dann eher aus wie eine verwachsene Knolle, die seltsame Blüten treibt. Ist diese Knolle noch zu genießen? Der Bürgermeister der Seegemeinde Tutzing fängt an zu stottern, wenn man ihn nach den vielen reichen Bürgern in seinem Ort fragt. Als er sich gesammelt hat, sagt er: »Verstehen Sie, ich will doch wiedergewählt werden.«

Seit über vierzig Jahren dient er dem Staat, dieser Staat heißt Tutzing. Inzwischen, als Bürgermeister, steht Peter Lederer an der Spitze des Staates. Der Staat hat ein Gesicht, in dem es übergangslos grinst und zuckt, ein nervöses Grinsezucken, und man kommt schnell auf die Idee, dass sich dieser Staat vor seinen Bürgern fürchtet. »Nein, denken Sie bloß nicht«, sagt der Bürgermeister, »dass ich die Millionäre hasse. Ich bin ja, also ja selber Millionär«, und er tastet lange nach einem möglichen Satzende, »weil ich in ihrer Nähe leben darf.«