Andreas Botas nennt sie die »Entscheidung meines Lebens«, diese Frage, vor der er Ende der neunziger Jahre stand: Soll er jetzt in die Welt hinausziehen, wie all seine Kollegen, oder soll er hier bleiben, hier am Starnberger See? Botas sitzt in seinem Arbeitszimmer, holzgetäfelt, antike Möbel, Bücherregale bis zur Decke. Der Immobilienmakler sagt, er habe keine Sekretärin und selten mehr als zwei Termine am Tag. »Ich möchte, dass meine Kunden einen hundertprozentig konzentrierten Botas vor sich haben. Und meine Kunden wissen: Jedes Telefongespräch führe ich selbst, ich schreibe auch jeden Brief.« Die meisten Zugänge zum Starnberger See sind für die Allgemeinheit gesperrt BILD

Botas hatte ein paar Jahre lang in der Starnberger Filiale von Engel & Völkers gearbeitet, dem internationalen Maklerbüro. Er hörte seine Kollegen immer laut darüber nachdenken, und er tat es ja selbst auch, wo die zukunftsreichste Region für einen Immobilienfachmann sei, vielleicht in den USA, in den arabischen Emiraten oder doch in Indien und China, wie viele meinen? Doch dann fuhr er eines Tages über die Dörfer, vorbei an den bezaubernden Villen, dahinter der glitzernde See, überall diese geordnete Stille – und plötzlich kam ihm seine Geschäftsidee: Da ist eine der schönsten Gegenden Deutschlands, und da sind die Berichte, dass die wirklich Reichen in diesem Land immer mehr und immer reicher werden, »und plötzlich wusste ich, was ich will: Ich bringe diese Leute an diesen Ort. So einfach ist das.«

Ein paar Regeln hat er aufgestellt, zum Beispiel: Ihn interessieren nur Häuser, die mehr als zwei Millionen Euro wert sind. Und er verlangt zweimal Provision, vom Käufer und vom Verkäufer. Andreas Botas kennt an diesem See inzwischen jeden Hauseigentümer, der nur ein klein wenig darüber nachdenkt, seinen Besitz zu verkaufen. Zum anderen hat er die Bundesrepublik mit dem Blick eines Goldschürfers durchkämmt. Er wollte wissen, wo die Reichen sitzen, die sich etwas leisten wollen, nicht die Kleinlichen, sondern die, die es krachen lassen wollen. Wenn ein Haus zum Verkauf stehe, führe er zwei, drei Telefonate, »dann ist das Geschäft über die Bühne«.

Das prächtige Arbeitszimmer von Andreas Botas gehört zu einem noch weit prächtigeren Gut. Hinter Tutzing am Westufer des Sees biegt man ab in Richtung Wald, zwei, drei Kilometer nur Feldweg und Bäume. Dann taucht es auf, das weiße Schloss, das früher ein Pferdegestüt war und überhaupt eine Menge Geschichte hat. Botas bräuchte es nicht zu sagen, aber er sagt es doch: Sein Geschäft laufe sehr gut. Insignien des Wohlstands wie Goldkettchen und Porsche seien nicht mehr seine Sache, »meine Welt befindet sich in einer anderen Kategorie«.

Der Bilderbuchsee, die andere Kategorie. Mit dem Auto braucht man eine Stunde, um ihn zu umrunden. Dörfer sieht man, Fachwerk, Pferdekoppeln. Städtchen sieht man, Boutiquen, kleine Yachthäfen. Gemessen am Wasservolumen, ist der Starnberger See der größte bayerische See, 133 Meter tief. Am Westufer ist der Erfolg zu Hause, Wirtschaftsführer und Juristen. Am Ostufer das Gefühl, Künstler und Gelehrte. Dazwischen, an der oberen Seespitze, liegt Starnberg, die verhuschte Kapitale. Natürlich dürfe man Starnberg nicht mit Tutzing vergleichen, Tutzing nicht mit Ambach. Einheimische sehen die Unterschiede genau. Aber mit etwas Abstand erkennt man das Verbindende, den Reichtum, überall. Man kann in Statistiken und Befragungen nachschauen und findet über Starnberg heraus: die meisten Millionäre auf einem Fleck. Das höchste Bildungsniveau. Die höchste Lebenserwartung. Das höchste Lebensglück. Aber sagt das was?

Mal angenommen, es stimmt, dass die Zeit der Zwiebel vorübergeht. Die Bunderepublik ist ja immer eine Zwiebel gewesen, oben dünn, unten dünn, in der Mitte imponierend dick. Aber jetzt wird die Zwiebel oben und unten dicker, der Bauch immer flacher. Mal angenommen, es stimmt, dass die deutsche Zwiebel ihre Masse an die Enden schiebt. Sie sähe dann eher aus wie eine verwachsene Knolle, die seltsame Blüten treibt. Ist diese Knolle noch zu genießen? Der Bürgermeister der Seegemeinde Tutzing fängt an zu stottern, wenn man ihn nach den vielen reichen Bürgern in seinem Ort fragt. Als er sich gesammelt hat, sagt er: »Verstehen Sie, ich will doch wiedergewählt werden.«

Seit über vierzig Jahren dient er dem Staat, dieser Staat heißt Tutzing. Inzwischen, als Bürgermeister, steht Peter Lederer an der Spitze des Staates. Der Staat hat ein Gesicht, in dem es übergangslos grinst und zuckt, ein nervöses Grinsezucken, und man kommt schnell auf die Idee, dass sich dieser Staat vor seinen Bürgern fürchtet. »Nein, denken Sie bloß nicht«, sagt der Bürgermeister, »dass ich die Millionäre hasse. Ich bin ja, also ja selber Millionär«, und er tastet lange nach einem möglichen Satzende, »weil ich in ihrer Nähe leben darf.«

Unten vor dem Empfang des Rathauses stehen fast jeden Tag Bürger, die von der Frau hinter der Glasscheibe kostenlos gelbe Säcke für den privaten Plastikmüll bekommen können, wie in jeder Stadt. Aber in Tutzing taucht fast jeden Morgen einer auf, der wütend zum Schalter stürmt, die Glasscheibe eigenmächtig von außen zur Seite drückt und hineinbrüllt: »Säcke!« Mit einem Bündel Säcke rennt er davon.

Einige Bürger klingeln im Rathaus mittwochnachmittags Sturm, oder sie trommeln dann gegen die Pforte, weil sie wissen, dass das Rathaus mittwochnachmittags für Besucher geschlossen ist und sie beim zuständigen Sachbearbeiter nicht lange warten müssten, wenn man sie hereinließe. Öffnet niemand, rufen einige den Bürgermeister zu Hause an. »Das ist aber nicht so schlimm«, meint er. »Jetzt treiben sie ihn wieder vor sich her«, sagen die Angestellten im Rathaus über den Chef. Nimmt die Frau des Bürgermeisters an Wochenenden zu Hause den Telefonhörer ab, kriegt sie die ganze Ladung ab. »Ich habe eine wunderbare Frau«, sagt ihr Mann.

Man erkundigt sich nach den Reichen und bekommt sofort diese bitteren Pointen zu hören. Eigenartig. Das macht alles nicht den Eindruck, als habe man sich das Leben am See gemütlich eingerichtet, im Gegenteil. In der Nähe muss es eine Quelle der vergifteten Gefühle geben.

In Tutzing geht es dem Staat viel schlechter als seinen Bürgern, weil die großen Firmen geschlossen wurden und nur sehr wenig Gewerbesteuer hereinkommt. Ein gut laufendes Unternehmen ist für eine Stadt aber viel mehr wert als hundert Millionäre, weil eine Stadt die Gewerbesteuern für sich behält, von den Einkommensteuern seiner Bewohner nur einen kleinen Teil. Es spielt keine Rolle, ob ein Bürger 30000 Euro im Jahr verdient oder drei Millionen – bei der Stadt landet immer der gleiche schmale Anteil von der Steuer. So ist es zu erklären, dass das wunderschöne, fabrikfreie Tutzing seit Jahren etwas bekommt, das man »Sozialhilfe für Städte« nennt. Notgroschen, der große Staat muss dem kleinen Staat helfen. BILD

Ein paar Mal schon hat der Bürgermeister die Bürger in Briefen um Spenden gebeten, damit die Gemeinde ihr Heimatmuseum am Seeufer ausbauen kann. Innerhalb von drei Jahren haben sechs Leute mitgemacht. 7000 Euro, insgesamt. »Wenn der Pfarrer ein neues Dach für die Kirche braucht, hat er in einer Woche 80000 Euro zusammen«, sagt der Bürgermeister. Einmal habe er befürchtet, die Stadt könne die Löhne ihrer Angestellten nicht mehr zahlen. Und einmal habe er überlegt, ob man das Schwimmbad schließen müsse. Den Reichen kann das Schwimmbad egal sein, im Sommer springen sie von ihrem Garten in den See. Im Winter springen sie in ihren beheizten Pool.

Drüben in Starnberg sammeln sie seit Jahren Geld für die Erweiterung eines Museums. Mit den Spenden können sie gerade mal neue Toiletten bezahlen. Meist halten sich die Reichen aus der Politik heraus, aber in Starnberg ist die Architektin Iris Ziebarth, die Frau des Vorstandschefs von Infineon, in den Stadtrat gegangen. Das war eine kleine Sensation. Eine von ganz oben lässt sich auf politische Basisarbeit ein. Von ihren Bekannten hörte sie: »Das ist ja ekelhaft. Warum tust du dir das an?«

In private Stiftungen stecken die Bürger vom See ihr Geld, viel Geld sogar, das viel Gutes bewirkt, aber für den Staat haben sie nichts übrig. Was haben sie schon den Tutzinger Bürgermeister beschimpft, wenn seine Verwaltung es wagte, Strafmandate wegen kleiner Verkehrsdelikte zu verschicken. Was war das für ein Aufruhr, als der Bürgermeister meinte, ein neues Hotel täte dem Ort gut. Er kapitulierte. Wie haben sie sich gewehrt, wenn die Stadt sie darauf hinwies, dass die Büsche in ihren Vorgärten nicht über die Gehsteige wuchern dürfen. Dann treffen die Schreiben ihrer Münchner Rechtsanwälte im Tutzinger Rathaus ein.

Sobald der bayerische Winter beginnt, tobt der Tutzinger Schneekrieg. Dann brüllen die Bürger manchmal, als seien sie von Sinnen. »Arschloch« ist dann wieder ein beliebtes Wort. »Ich habe die Gabe, ruhig zu bleiben, je mehr sich das steigert«, behauptet der Bürgermeister. Der Schneekrieg bricht aus, sobald die Leute von der Stadt um die kleinen Privatwege einen Bogen machen und nur die öffentlichen Straßen räumen. Überhaupt, die Straßen. Das sind die Frontlinien zwischen dem Staat und seinen Bürgern. »Kommen Sie, das kann ich Ihnen zeigen«, sagt der Bürgermeister, steigt in seinen Golf und hoppelt eine Hangstraße aufwärts. Überall ausgebesserte Löcher. Eigentlich müsste man einige Straßen komplett erneuern. Millionensummen, undenkbar. Der Bürgermeister hat sich zu einem Fachmann für billiges Flickwerk im Straßenbau entwickelt, weil er den Zorn der Bürger nicht aushält. Die könnte er – wie in anderen Städten auch – an den Kosten für neue Straßen beteiligen, sogar mit 60 Prozent, aber dafür müsste der Bürgermeister als Erstes eine Satzung erlassen. Das traut er sich nicht, aus böser Erfahrung.

»Wir haben so klagefreudige Leute«, sagt er. Schon bei Kleinigkeiten, die ihnen missfallen, liest er in Briefen: »Ich werde Ihnen meine Unterstützung entziehen.« 75 Bürgern hat er wegen überhängender Gartenhecken Briefe geschickt, 65 haben sich dagegen aufgelehnt. »Diese Leute schauen auf den Staat herab«, sagt eine Angestellte im Rathaus. Von den Bürgern in Tutzing gehen so viele Widersprüche gegen ihre Steuerbescheide ein wie aus 13 bayerischen Landkreisen zusammen.

Schwarz liegt der See hinter den Tannen, die Nacht hat sich schon früh den Tutzinger Hügel hinabgestürzt. Vom anderen Ufer bleiben nur ein paar helle Punkte.

Sie kocht eine Fischsuppe, er öffnet den Rotwein. Er und sie, ein Ehepaar Mitte 50, das lange am See lebt und in der Zeitung keine Namen haben will. »Komisches Haus, nur Ärger«, sagt er, »das Telefon ging fünf Tage nicht.« Ein geschmackvoll renoviertes Jugendstilhaus, ein ansehnliches Vermögen. Die Morgendämmerung, sagt sie, sehe vom Esszimmer aus »wie eine Explosion in Orangerot«. Bleiben Spaziergänger stehen, um die hübschen Erker der Villa zu bewundern, ist ihm das unangenehm. »Zeigen hat etwas Ordinäres«, meint er.

»Jetzt gibt es plötzlich viele Kinder hier«, sagt sie, »Familien mit drei Kindern.«

»Die wollen sich was leisten«, erwidert er.

»Ich hätte auch gerne noch ein Drittes gehabt.«

»Du bist froh gewesen, dass es vorbei war.«

»Nicht so eine spießige Kleinfamilie«, sagt sie.

»Ach, sprich doch nicht immer dazwischen.«

Den Bürgermeister von Tutzing kenne er nicht persönlich, mit den Bediensteten der Gemeinde verbinde ihn nichts. »Diese Beamten«, sagt er, und es klingt verächtlich, »ein Freigeist hat was gegen Kleinkarierte.« Deren hässliche Macht sei die Macht der Verhinderer: Jede eigenwillige Modernisierung eines Hauses bremsen, auf karierten Blöcken alle Ideale durchkreuzen. Da hinten am Rathausplatz: die verwaltende Schicht; hier am See: die gestaltende Schicht. Die letzte Verbindung sei der Bebauungsplan.

»Schau dir das Verkehrschaos in Starnberg an«, sagt sie, seit Jahrzehnten wird über Umgehungsstraßen und Tunnels gestritten, ohne eine Lösung. »Das ist die Feigheit der Politiker, etwas zu entscheiden.«

»Gerhard Schröder«, sagt er, »der ist ein Alphatier. Der hatte für sich entschieden: Ihr könnt mich mal alle am Arsch lecken. In der Kommunalpolitik gibt es keine Alphatiere.«

Sie sagt: »Keiner von der Stadt hat sich dafür bedankt, dass wir in dieses historische Gebäude so viel Geld gesteckt haben. Da spielt auch Neid eine Rolle.«

Er sagt: »Ich bin interessiert an allen Menschen, aber die da interessieren mich nicht. Das sind Kleinbürger.«

»Unser gesellschaftliches Leben«, sagt sie, »findet privat statt. Die Kreise mischen sich nicht. Und keiner würde sagen: Ich bin reich. Der Reiche ist in diesem Land doch der Böse.«

Er meint: »Ich erzähle doch auch nicht, dass ich stark und gesund bin, wenn ich sehe, dass die anderen schwach und krank sind.«

Die Schwachen am See sind die, von denen unentwegt Stärke verlangt wird. Der Chef der Polizeiwache in Starnberg wimmelt aufgeregte Mütter ab, die sich um einen sicheren Schulweg der Kinder sorgen, dann sagt er: »Der See schluckt mein Personal.« Weil in Starnberg kaum jemand Polizist werden will, muss er seine jungen Nachwuchsleute aus anderen Gegenden Bayerns hierher zwangsversetzen, freiwillig käme niemand. Aber weil sich die jungen Polizisten ein Leben in Starnberg nicht leisten können, ziehen sie nach der Ausbildung weg. Alle. Die komplette Mannschaft.

Man muss nur einmal einen Mann von der Wasserschutzpolizei begleiten. Der Audi, in dem er zur Bootshalle fährt, ist 356000 Kilometer gelaufen und so heruntergekommen, dass der Polizist diesen Zustand ein wenig zu erklären versucht. Dann geht es raus auf den See. Das Polizeiboot steuert er an pastellfarbenen Villen und Schlösschen vorbei, Familie Hipp, Familie von Miller, der Deutsche Gewerkschaftsbund, der sein herrschaftliches Haus der Reeducation-Politik der amerikanischen Militärregierung nach dem Krieg verdankt, Seeresidenz Thurn und Taxis, Zigarrenbaron Zechbauer, Fruchtsäfte Müller, das Hotel, in dem Roman Herzogs Sohn seine Hochzeit feierte und Johannes Heesters seinen hundertsten Geburtstag, drüben das Hotel, das der Schwiegersohn des FC-Bayern-Arztes Müller-Wohlfahrt übernahm, das Restaurant, in dem Boris Becker verkehrt, die Roseninsel, eine Klinik des Herrn Agirov, der ein Intimus des Franz Josef Strauß war, das Schloss des Grafen Pocci, täuschend nah: das Karwendelgebirge, etwas versteckt: Peter Gauweiler.

Wären da nicht die störenden Bäume, könnte man vielleicht das Schwesternheim der Marianne-Strauß-Klinik sehen, in dem zwei junge Polizisten gemeinsam ein Zimmer gemietet haben, weil es sie nur 300 Euro kostet. Andere Polizisten haben im Krankenhaus nachgefragt, das auch ein Schwesternheim hat, gleich hinter dem neuen Klinikrestaurant Residence, das betuchte Patienten zur Operation nach Starnberg locken soll. Auch bei der Starnberger Fachhochschule für Rechtspfleger erkundigt sich die Polizei nach billigen Zimmern. Man muss die Leute ja irgendwo unterbringen.

Trifft man den Starnberger Gärtner Karl-Heinz Ritzkat, erzählt er seine kleinen Geschichten vom Rasenmähen. Eine Mutter sei vorbeigekommen und habe zu ihrem Sohn gesagt: »Wenn du in der Schule nicht aufpasst, musst du mal das machen, was dieser Mann macht.« Am meisten regt ihn auf, dass die Hunde dieser Leute auf die Wiese kacken dürfen, während er gerade mäht. Die Vorgesetzten im Rathaus verlangen, dass er und die anderen Gärtner immer freundlich bleiben, aber das sei manchmal schwer. »Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?« Das fragen ihn Hundebesitzer oft.

»Wir kommen aus einer anderen Gesellschaftsordnung«, sagt Ursula Ritzkat, die Frau des Gärtners. Von einem Dorf in Sachsen kommen sie. In einem Altenheim am Ufer des Starnberger Sees haben sie eine kleine Wohnung bezogen, bezahlbar und dunkel, eine Dienstwohnung. Die Frau des Gärtners ist Altenpflegerin. Nebenan, im Schloss Garatshausen, spielt die Fürstin Gloria im Sommer auf dem Tennisplatz im Garten. Die Fürstin nickt immer freundlich herüber, eine nette Frau. Fährt Ursula Ritzkat zurück in ihre alte Heimat, lässt sie sich beim Friseur die Haare machen und blättert in Illustrierten. Sobald sie ein Foto der Fürstin entdeckt, sagt sie stolz: »Meine Nachbarin.« Dieser Moment entschädigt sie für vieles.

Patricia Riekel schließt die Augen in ihrem Münchner Hochhausbüro. »Schauen Sie«, sagt sie, »so mache ich es überall auf der Welt, und es funktioniert: Ich denke an den Steg vor meinem Häuschen, an die Farbe des Wassers, wenn es regnet, an die Farbe des Wassers, wenn die Sonne scheint. Ich höre das leise Geplätscher des Wassers, wenn es bei Windstille ans Ufer schlägt. Das stelle ich mir vor, und egal, wo ich bin, auf einem hektischen Flughafen oder sonstwo, es funktioniert: Ich werde sofort ganz ruhig.« Sie öffnet die Augen wieder und sagt: »Dieser See ist der Ort meines Lebens.« Als sie 17 war, habe sie dem See ein Versprechen gegeben, »auch wenn ich mal weggehe, ich komme wieder«. Patricia Riekel hält in ihrem Büro einen Monolog über ihr Leben am See. Ohne Pause, ab und zu ein Schluck Wasser. Sie ist seit Jahren Chefredakteurin der Bunten , eine der mächtigsten Medienfrauen der Republik. Vor ein paar Jahren »hab ich mich hoch verschuldet und das Häuschen in Ambach gekauft«. Starnberger See, Ostufer.

Ambach ist ein kleiner hübscher Ort, gerade mal 300 Einwohner. War früher ein reines Bauerndorf, bevor die Reichen kamen. Hier befindet sich das wahrscheinlich bekannteste Lokal am Starnberger See, eine Bauernwirtschaft mit bayerischer Küche und einem Biergarten, ein paar Meter vom Wasser entfernt. »Bierbichler« nennen die Leute das Lokal, so heißt die Familie der Eigentümer, eine Bauernfamilie. Die Münchner und Starnberger Schickeria liebt diese Gaststätte, vor allem im Sommer übervölkern Ausflügler das Lokal und den Garten. Es ist ein Aufeinandertreffen von sehr viel Glitzerwelt und ein wenig Bayerntradition, die nur noch aus der Speisekarte und ein paar Leuten besteht, und da ist besonders einer zu nennen: Josef Bierbichler, in Ambach geboren, der Sepp, wie ihn alle nennen. Von Beruf ist er Schauspieler, mit Preisen überhäuft. Wenn er nicht irgendwo dreht oder auf der Bühne steht, sitzt er immer noch oft in der Wirtsstube, schlecht gelaunt, sehr schlecht gelaunt, soll kein Falscher auf die Idee kommen, ihn anzusprechen. Mit Journalisten will er nicht reden über die Reichen vom See. Aber man kann ihn zitieren, er hat in seinem Buch Verfluchtes Fleisch darüber zornig geschrieben, in einer Passage über einen alten Klassenkameraden, einen Arbeiter und Säufer, der jeden zweiten Tag in das Wirtshaus kam. Solche Leute kamen früher – und heute? Bierbichler schreibt: «Gestern saßen auf der Bank noch die unverdaulichen Gäste des Wirtshauses. Die mit ihren Autos mit den vielen PS und ohne Dach, so dass man die dreisten Gesichter dieser dreisten Menschen auch noch sehen muss, diese babygewordenen und babygesichtigen Nach- und Ausgeburten des immer älter und bösartiger werdenden Kapitalismus.«

Die Ambacher Nachbarin Patricia Riekel kennt Bierbichlers Zorn, natürlich, sie begegnen sich gelegentlich, auch beim Schwimmen im See. Sie redet ebenfalls von den Widersprüchen der Gegend, aber anders. Wie sie als Künstlerkind, aufgewachsen am Westufer, schon damals nur mit anderen Künstlerkindern Kontakt hatte, selten mit den Sprösslingen der Einheimischen. Sie sagt, nicht jeder verstehe das Leben am See, man höre heutzutage immer wieder von zugezogenen Reichen, die depressiv werden und sich manchmal aufhängen. Riekel lacht. Sie sagt, man sperre hier nicht nur die meisten Zugänge zum See für die Allgemeinheit, man sperre auch die gewöhnlichen Probleme der Welt aus. »Ärger mit Ausländern, Schläger, Bettler, gibt es hier alles nicht.« All das mache den Zauber aus. »Der Starnberger See«, sagt sie, »ist ein durch und durch undemokratischer Ort.«

Das ist ein großes Lob. Vielleicht hat der See das Bewusstsein verdorben, die Leute beginnen sich nach einer surrealen Vollkommenheit zu sehnen, die der Schmutz der Alltagswelt nicht mehr trübt: Zu der schönsten Abendsonne der Welt muss sich die schönste Herrschaftsform der Welt gesellen, die Demokratie der höheren Stände. Die Starnberger Republik. Ulrich Beck könnte man danach fragen. Die besten Sachen über den Zustand der Gesellschaft fallen dem Soziologen immer ein, wenn er aus der Uni in München flieht und sich wochenlang in einem Bauernhof am Starnberger See einmietet. Becks Risikogesellschaft ist am Ostufer entstanden. Manchmal geht er mit seiner Frau, einer Soziologin, in das Restaurant, in dem der schlecht gelaunte Bierbichler hockt, weil sie dort mit dem Jürgen aus Starnberg und dessen Frau Ute verabredet sind. Mit Jürgen und Ute Habermas reden sie viel über Politik, aber nie über die Reichen. »Die Reichen?«, meint Beck, »ich kann Ihnen dazu nichts sagen.« Er sagt dann doch was: »Deutsche Soziologen gucken nicht nach oben, sondern lieber nach unten. Ich verstehe das auch nicht.«

Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Einblicke in die Oberschicht der Bundesrepublik. Näherungsversuche gibt es, Essays, Datenreports, das ist es dann. Es hat auch damit zu tun, dass man sich als Soziologe verdächtig macht, wenn man sich die Reichen vornimmt. Andere Soziologen könnten dann behaupten, da wolle einer die Reichen verstehen. Die Armen verstehen, das klingt besser. »Wir sind eine sozialdemokratische Gesellschaft«, sagt Beck, »Reichtum gilt als anrüchig.«

Mit Eliten beschäftigt sich ein Soziologe in Darmstadt, Michael Hartmann. Herausgefunden hat er, dass die wirtschaftliche Elite ein geschlossenes Milieu bilde, das oft von Geburt an vermögend sei. Der Aufsteiger, der es aus eigener Kraft nach ganz oben schafft, sei selten. Viel typischer seien der Erbe und der Erbe des Erben. Mit echter Arbeitsleistung habe das oft wenig zu tun. Auch Hartmann schaut auf die Spitze der Gesellschaft aus einer großen, skeptischen Distanz.

Wollten die Soziologen den Reichen nahe kommen, wäre das ein mühseliger Weg. Am Starnberger See muss der Sozialforscher damit rechnen, für einen Bettler gehalten zu werden. Er müsste sich schon auf die Spielregeln des Sees einlassen und nach dem blechernen »Ja, bitte«, das aus dem Lautsprecher an der Torpforte schallt, ein braves Sprüchlein aufsagen. Thomas Druyen, ein Soziologe aus Münster, will es wagen und »Tiefeninterviews in elitären Milieus« führen. Ein kurioses Fach will er an der Universität einführen, Vermögenskultur. Von seinen Plänen berichtete er auch der Fürstin Gloria, als er sie im Schloss am See besuchte. Dieser neuartige Professor blieb ihr noch eine Weile in Erinnerung.

Während der kalten Monate zieht sich die Fürstin in das Familienschloss in Regensburg zurück. Sie hat in den Salon gebeten und Kaffee servieren lassen. Schon seltsam, sagt sie, wie die auf der anderen Seite sich manchmal benehmen. Da tuckerte sie mit ihrem Motorboot dicht am Ostufer des Starnberger Sees entlang, als plötzlich ein Anwohner eine Fotokamera auf sie richtete, ein aufgebrachter Mann, der sie anzeigen wollte. Die Fürstin ankerte, schwamm ans Ufer und entschuldigte sich bei ihm. Sie hänge so sehr an diesem See. Sie nennt es eine »andächtige Bewunderung«. Die vielen stillen Tage am Wasser. »Je mehr wir globalisiert sind«, sagt sie, »desto schöner ist es, wenn man Geborgenheit spürt.« Blitzschnell spreche sich im Ort herum, wenn die Fürstin vorgefahren sei. Und doch kusche niemand vor ihr, beim Bäcker werde sie behandelt wie jede andere. Sämtliche Partyzonen der Welt probierte die Fürstin früher aus, der Starnberger See ist ihr Entmüdungsbecken. Ringsum nur Ruheräume, die Freizeitlandschaft der Reichen. Aber reich? »Wir sind weiß Gott nicht reich«, sagt die Fürstin über ihre Familie, die wirklich Reichen seien längst ins Ausland gezogen. »Wir sind absoluter Mittelstand.«

Wer könnten dann die Reichen sein?

Da ist der Unternehmer Siegfried Genz, der in Nigeria glänzende Geschäfte mit dem Militär machte und auf sein parkähnliches Gelände im vornehmen Städtchen Berg ein weithin sichtbares Windrad setzte. Heinz Rühmanns Witwe, einer lieben Nachbarin, widmete er einen Gedenkstein an der Grundstücksgrenze. Ein anderer Nachbar, ein früherer Präsident der Bayerischen Landesbank, bekam ebenfalls einen mannshohen Gedenkstein, aber das war eine Provokation. Die beiden hatten sich in der Zeitung mit bösen Leserbriefen bekämpft. Von der »Nigerianisierung« des Ortes durch den Unternehmer schrieb der ehemalige Bankchef, der Nachbar habe sich »wie eine Qualle über unsere Gemeinde gelegt«. Später errichtete der Unternehmer an der Grundstücksgrenze auch noch einen Brunnen, das goldgelbe Wildschwein obendrauf nahm der pensionierte Bankchef persönlich. Und das ständige Plätschern des Wassers trieb ihn fast zur Verzweiflung.

Da ist der Unternehmer Herbert Jochum, kein Schild an seiner Haustür deutet seine Geschäfte an. Geräte zur Penisverlängerung stellt er her. Penisverlängerung, in gewisser Weise ist das ja das ewige Thema am See. Wer hat hier den längsten? »Puppi, hol doch mal Indien«, sagte Jochum bei einer Vorführung zu seiner Frau, die dann loslief und einen bleischweren Ring auf den Tisch stellte. »Der Chinese ist kein doller Liebhaber, der Deutsche will sachliche Information, der Italiener hasst Gebrauchsanweisungen.« Mit seinen Penisverlängerungen könnte er die Welt erklären, und am liebsten erklärt er sie in Zentimetern. Nach vielen Jahren in den USA wollte er nach Deutschland zurück und entschied sich für den Starnberger See, nur hier sei so viel Frieden mit so viel Wohlstand vereint. Er sagt: »Hier wurde der Sozialneid eliminiert.«

Da ist Heiner Lauterbach, der sein Haus am Ostufer verkaufen will. Da ist Oliver Bierhoff, der sich auf die Zuschauerbank setzte, als der Bauausschuss von Berg entschied, dass die Mauer neben Bierhoffs Eingangstor höher ausfallen dürfe als gewöhnlich. Da sind Loriot, der Krimiautor Herbert Reinecker, der frühere Infineon-Chef Ulrich Schumacher, die Wurstfabrikanten Houdek in drei Generationen, die Wittelsbacher in allen Variationen.

»Ich bin ja«, sagt der Rentner Manfred Meyer, »ein besserer Beichtvater der Wohlhabenden gewesen.« Wem vertraue sich jemand an, der sein Leben um sein Vermögen gewickelt habe? Nicht unbedingt dem Pfarrer, sondern dem Chef der Deutschen Bank in Starnberg. Das war bis vor einigen Jahren Manfred Meyer, heute ist er Präsident des vornehmsten Vereins am See, des Bayerischen Yacht-Clubs in Starnberg. Den Gauweiler haben sie nicht aufgenommen, weil sie jede Unruhe schon im Keim ersticken.

Montags, sagt Meyer, riefen ihn früher aufgebrachte Ehemänner in der Bank an, damit er die Kontovollmacht der Ehefrauen löschte. Mittwochs riefen die Männer wieder an, und die Frauen bekamen die Vollmacht zurück. »Wie viel Geld ist auf dem Konto?«, brüllte der alte Haniel, wenn er die Bank betrat. Er war am Ende schwerhörig. Sagte Meier »anderthalb Millionen«, schrie er: »Dann geben Sie mir 1,4 Millionen!« – »Aber Sie sprengen meine Kasse.« Haniel steckte sich ein paar Hunderttausend in die Manteltasche und stapfte davon.

Immer wieder habe er bei den Reichen »eine Existenzangst« erlebt, die er sich nicht recht erklären konnte. »Von denen kann man das Sparen lernen«, sagt er. »Die haben ständig das Gefühl: Es reicht nicht mehr.« Der See, sagt er, lenke von solchen Ängsten ab. Das Wasser spüle die kleinlichen Sorgen weg und hielte sie draußen in der Tiefe gefangen. Der See sei der beste Psychiater, Seelenfrieden schwemme er an. Eine Reihe spannender Jobs hätte Meyer wohl übernehmen können in dem Weltkonzern Deutsche Bank, aber er weigerte sich wegzuziehen, nur aus einem einzigen Grund. »Ich habe dem See meine Karriere geopfert.«

Das ist die versöhnliche Lesart der Dinge. Es gibt auch eine andere. »Ich sage Ihnen was über Starnberg. Wollen Sie eine ehrliche Antwort?« Bitte. »Eine Bombe sollte man da reinwerfen, eine Bombe.« Rudolf Zirngibl ist in Starnberg aufgewachsen, im Kreisrat sitzt er für die CSU, seit 22 Jahren ist er Unternehmer, und er behauptet von sich, dass er in Abgründe gucken könne. »Es ist so widerlich.« Am Ende stünden die Reichen vor ihm und sagten: »Für meine Frau die billigste Kiste. In aller Stille, schnell weg.« Meist wollten sie einen Sarg, den der Bestattungsunternehmer Zirngibl den »Sozialhilfe-Sarg« nennt. Fichte natur. Mehrere Filialen hat er in Bayern, die alle mehr Umsatz machen als seine Zentrale in Starnberg. »Es gibt Persönlichkeiten, die einmal in der Woche in der Presse stehen, aber ihre Eltern, die verscharren sie.«

Am schlimmsten sei es am Heiligen Abend. Rufe da ein Angehöriger an und wünsche sofort ein persönliches Gespräch wegen eines Todesfalles, dann bekomme der Bestatter hinterher beim Rausgehen nicht einmal ein »Danke« zu hören. Scheinbar hätten die Reichen das Denken der Manager ganz und gar verinnerlicht.

Mit einem neutralen Auto solle er vorfahren, bloß keine Andeutung. »Die wollen das Vergängliche abblocken.« Und weil sie wüssten, dass ihnen selbst eine jämmerliche Beerdigung drohe, zahlten sie schon früh in eine Vorsorgekasse ein, legten den Sargtyp, die Trauerkarten, die Blumen, sogar die Musikstücke fest. Dann seien die Angehörigen später daran gebunden. Ein Friedhof nur für Reiche? Der Bestatter schüttelt den Kopf. »Wenn es so was gäbe, dann wäre das kein Friedhof. Höchstens eine Urnenwand.« Er sagt: »Hier hat das Geld alles versaut.«

Das Gegenteil von Starnberg, macht man sich in Deutschland auf die Suche nach ihm, findet man in Berlin-Kreuzberg in einem Café, nicht weit weg vom Kottbusser Tor, dort wo Kreuzberg am härtesten ist. Wenn Starnberg ein Synonym für Reichtum ist, dann steht Kreuzberg für das, was Menschen ziemlich weit unten in der Gesellschaft miteinander anstellen. Julian-Max Otto sitzt in diesem Café, er sei übernächtigt, sagt er, habe durchgearbeitet für einen Auftrag eines Werbefilmers. Otto zeichnet, malt, ein Künstler, gut im Geschäft. Mit Unterbrechungen lebt er seit 15 Jahren in Kreuzberg, seit er damals Starnberg verlassen hat, damals nach dem Abitur. Er wollte raus aus der engen Idylle, um jeden Preis, die Welt sehen und nicht mehr den See. Er sagt, er wollte Konflikte, er wollte Leben, Veränderung, nicht bayerischen Stillstand. Berlin war der richtige Ort, »ich wäre gestorben in Starnberg«. Doch jetzt sitzt da einer schläfrig vor seinem Cappuccino und ist irritiert. Das hat damit zu tun, dass er auf einmal eine Ahnung hat, wo er hingehört im Leben, und dass dies nicht Kreuzberg ist, sondern ausgerechnet der bayerische See. Der Stillstand, die Schönheit, vielleicht auch das Privileg, hier leben zu dürfen. »Wissen Sie«, sagt er, »wie sehr das nervt, wenn einem zum dritten Mal das Fahrrad gestohlen wird?«

Es fing an mit einem Klassentreffen vor ein paar Monaten, lange Jahre hatte er seine Mitschüler nicht mehr gesehen. Die meisten waren in der Gegend von Starnberg und München geblieben, und zu seiner Überraschung stellte er fest, »wie angenehm diese Leute waren, wie gelassen und entspannt sie auf die Welt blickten. Ja, ich habe mich bei denen wahnsinnig wohl gefühlt, ich kann es nicht anders sagen.« Hatte das auch damit zu tun, dass die meisten seiner Klassenkameraden vom Bleiben in der Heimat profitiert haben? Sie machten Karriere, als Anwälte und Geschäftsleute, oft weil sie in den Fußstapfen der Eltern blieben. Nein, sagt Otto, höchstens indirekt spielte das eine Rolle, »weil alle auf eine solch unaufdringliche Weise selbstbewusst waren«. Die redeten nicht über die Gesellschaft, man merkte, die konzentrieren sich auf ihr Leben, sonst nichts. Er erzählt von einer Studie, die ein befreundeter Soziologe gemacht hat: Das Thema waren zwei deutsche Absolventen einer Elite-Universität, der eine stammte aus wohlhabenden, der andere aus sehr einfachen Verhältnissen. Beide hatten in etwa die gleichen Fähigkeiten. Beide bewarben sich in Firmen um Spitzenjobs, mit radikal unterschiedlichen Ergebnissen: Der aus gutem Hause wurde dem anderen immer vorgezogen, trotz der ähnlichen Qualifikation. Das Fazit des Soziologen: Es hat mit dem gesellschaftlichen Stand zu tun, einem scheinbar unsichtbaren Band. Man sucht seinesgleichen, man erkennt sich, will unter sich bleiben.

Diese Geschichte der beiden gleich-ungleichen Studenten könnte man auch ein wenig wütend erzählen, angesichts dieser doch verschwunden geglaubten Ungerechtigkeit, aber der Künstler aus Kreuzberg und Starnberg stellt eine Frage: Ist es vielleicht doch so, dass man zu einer bestimmten Gruppe im Leben gehört, dass alles andere Illusion ist? Otto sagt, er jedenfalls möchte bald wieder zurück nach Bayern, nicht mehr über den Dreck der Nachbarn in den Straßen fallen, nicht mehr über Multikulti diskutieren, sondern die Landschaft genießen, arbeiten, leben. Trifft der Wunsch dieses Künstlers einen gesellschaftlichen Nerv, eine Sehnsucht nach Grenzenziehen, nach Unterschieden, in Wahrheit auch eine Sehnsucht nach Klassenschranken, von oben nach unten, versteht sich?

Die Leute am See trinken zu viel Alkohol, manchmal mehr als anderswo, wie eine Sozialarbeiterin sagt, »weil viele Leute hier viel Zeit haben und es für Menschen manchmal nicht gut ist, wenn sie zu viel nachdenken«. Die Menschen lassen sich scheiden in Starnberg und Umgebung, mehr als anderswo, wie eine Amtsrichterin erzählt, »weil man sich hier die Trennung leisten kann. Ärmere Paare bleiben aus finanziellen Gründen gelegentlich zusammen, dieses Argument fällt hier meistens weg.« Die Richterin steht am Ende eines Scheidungsverfahrens oft in den Villen mit den völlig zerstrittenen Partnern, und weil alle Versuche gescheitert sind, legt nun sie, die Richterin, fest, welches Möbel wem von beiden künftig allein gehören wird.

Die Jahresberichte der Gymnasien werden von Jahr zu Jahr dicker, weil immer noch eine neue Auslandsreise der Schulklassen festgehalten werden muss. Probleme mit Ausländern? Höchstens, wenn der Sohn eines ausländischen Diplomaten ganz schnell Deutsch lernen muss. Nein, die Sache liegt hier anders. Die Richterin hat es gesagt: Die Ärmeren wollen auch das haben, was die Reichen haben. Die privaten Wachdienste am See können sich vor Aufträgen nicht retten, ein Security-Unternehmer in Starnberg sagt: »Die Mittelschicht wird ausgedünnt, die Unterschicht wird größer. Wir merken das an den Einbrüchen. Da wollen sich welche was zurückholen.« Es gibt hier eine spezielle Jugendkriminalität, keine dramatischen Zahlen, aber auffallend. Vor allem Diebstähle und Überfälle. Eine Sache des Neides.

Bernhard Frühauf erinnert sich, dass er einmal den Kontakt mit Eltern aufnehmen musste, um sie zu bitten, ihrem Sohn deutlich weniger Taschengeld zu zahlen. Der bekam knapp 500 Euro. In der Woche. In der Schule war es zu Tätlichkeiten und Diebstählen gekommen, weil andere Schüler mithalten wollten mit dem reichen Jungen. Frühauf ist der Leiter des Jugendamts, in Starnberg wurde er geboren. Er sagt: »Es hat sich was verändert in den letzten Jahren. Es dreht sich alles um Geld und Erfolg, nichts anderes. Und das erreicht gelegentlich auch die Schulen. Diese Spirale dreht sich und dreht sich. Aber schauen Sie, ist das nicht überall so?«

Die Spirale hat in Starnberg die Grundschule erreicht, die vierte Klasse. In Bayern braucht man mindestens einen Notendurchschnitt von 2,0, um ins Gymnasium vorrücken zu dürfen. Eine Nahtstelle der Zukunft: Unvorstellbar, die eigenen Kinder dürften nicht aufs Gymnasium. Frühauf sagt, man könne sich nicht vorstellen, welchen Druck manche Eltern ausübten, um diesen Übertritt zu erreichen. Lehrer bestätigen das, vorsichtig, man sei an einem guten Verhältnis zu den Eltern interessiert. Nur so viel: Immer stehe die Drohung im Raum, man werde die Noten beim bayerischen Kultusministerium anfechten. Frühauf sagt, im Jugendamt hätten sie dauernd mit Eltern zu tun, die ihre Kinder zu Legasthenikern erklären wollten, zu Lese- und Schreibschwachen. »Sie haben es lieber, wenn ihre Kinder für krank gehalten werden, als zu akzeptieren: Mein Kind schafft es nicht, wenigstens jetzt noch nicht.«

Der Chef des Jugendamtes sagt, er habe beschlossen, sich über solche Dinge nicht zu ärgern und sich auch nicht mehr mit der Frage zu beschäftigen, was im Leben gerecht sei und was nicht, »das macht einen nur krank«. Er mache seine Arbeit, und die bestehe immer öfter auch darin, Kindern und Eltern das Leben beizubringen, »viele haben das nämlich verlernt«. Auf Reisen mit Jugendlichen habe man verstärkt darauf hinzuweisen, dass man im Leben bestimmte Sachen miteinander teilen muss. »Das geht, die Kinder verstehen das, wenn man es ihnen sagt.« Und er erzählt von einer Initiative der Drogenberatungsstelle, die sich auch um eine spezielle Starnberger Sucht kümmert, das materielle Verlangen nach mehr. Kindergärten wolle man möglichst spielzeugfrei halten und die Kinder viel malen und basteln lassen, damit keine sozialen Unterschiede mehr zu spüren sind. Man möchte, sagt er, den Kindern beibringen, dass sie auch ohne Geld etwas wert sind.

Dutzende von Psychologen und Therapeuten haben sich in der Region niedergelassen. Man könnte meinen, es ist das Woody-Allen-Syndrom, wohlhabende Leute leisten sich ihren Seelenklempner. Sicher stimme das auch, aber es komme etwas hinzu, erzählt einer der Therapeuten. Und er sagt, was viele seiner Kollegen bestätigen: »Die meisten, die zu uns kommen, sind Leute aus der Mittelschicht. Leute, die angesichts der härter werdenden Arbeitswelt zu heftig krabbeln mussten, um nicht abzustürzen, um den Lebensstandard, ihren Status zu halten. Sie haben Angst abzurutschen. Irgendwann sind sie fertig, ausgelaugt und kaputt. Dann kommen sie zu uns.« Das Dicke in der Zwiebel, was davon noch übrig geblieben ist, liegt in Starnberg auf der Couch.

Und, ist das alles so schlimm?

Seelenschmerz, Abstiegsängste, tausend kleine Ungerechtigkeiten hinter den Fassaden. Ein Bestatter, der über Starnberg schimpft. Ein Künstler, der sich nach Starnberg zurücksehnt. Ein nervöser Bürgermeister, der getrieben wird. Eine gelassene Chefredakteurin, die sich treiben lässt. Droht da überhaupt was? Es ist doch nur ein kleiner Zipfel Deutschland, weit entfernt von der Mitte, ein Idyll kurz vor dem Alpenrand.

Andreas Botas, der Immobilienmakler, fährt jeden Morgen, wenn es die Temperaturen erlauben, zum See hinunter und schwimmt. Später dreht er gerne noch mit seinem Boot ein paar Runden auf dem Wasser. Er sagt, er merke schon gelegentlich, dass für manche Leute in Deutschland die Zeiten härter geworden sind. »Wenn man heute eine Putzfrau sucht, melden sich zwanzig Deutsche, das war früher anders.« Was ihn selbst angehe, sei er mehr als zuversichtlich. »Schauen Sie«, sagt er, »meine Rechnung stimmt immer noch: Es gibt mehr richtig Reiche in diesem Land, und diese Leute wollen was haben für ihr Geld.« Die Grundstückspreise am See seien noch lächerlich niedrig, vom Niveau des Comer Sees weit entfernt. Viele Reiche seien noch gar nicht hier, die Zukunft von Starnberg habe gerade erst begonnen.