Gutes altes Jahr

WM-Rausch und Jahrhundertsommer: Haben die Deutschen wirklich die Kunst zu leben entdeckt? Von christof Siemes

Neulich, beim Verladen des Weihnachtsbaums, kehrte die Erinnerung zurück an einen großen Sommer, vielleicht den entspanntesten der ganzen deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwei Deutschlandfähnchen fürs Autofenster, das Produkt des Jahres 2006, leuchteten leicht angegammelt hinter dem Sack fürs Herbstlaub hervor. Ist es das, was vom Rausch der Weltmeisterschaft und einem Jahrhundertsommer übrig geblieben ist: Partyotismus auf Halbmast, verwelkte Begeisterung? Die Vorstellung jedenfalls, die Fähnchen noch einmal festzuklemmen, scheint ziemlich absurd. Aber wäre nicht auch für verrückt erklärt worden, wer Anfang des Jahres für ein Start-up-Unternehmen mit der Produktidee Deutschlandfahne einen Kleinkredit beantragt hätte?

Nicht nur in dieser Zeitung lautete die Bilanz der Weltmeisterschaft: Das Land ist ein anderes geworden. Bereit zu weitreichenden Reformen (die im Fußball unter Federführung des Reformators Jürgen Klinsmann unerwartet erfolgreich waren), begeisterungsfreudig, mit sich im Reinen, ohne geschichtsvergessen oder gar nationalistisch zu sein, mitunter gar selbstironisch. Nun, am Ende des Jahres, steht auch fest, dass nicht nur die gefühlte, sondern die tatsächliche Lage der Nation eine andere geworden ist. Die WM selbst hat Arbeitsplätze geschaffen, bescherte dem Tourismus zweistellige Zuwachsraten, und nicht erst seit dem Abpfiff des Endspiels geht es mit der gesamten Wirtschaft aufwärts. Jeden Tag entstehen 2000 neue Jobs, und sogar die anstehende Mehrwertsteuererhöhung verdirbt den wenigsten die Vorfreude auf 2007. Wenn nun auch noch der Reformeifer der Großen Koalition auf Ballhöhe kommt, wird das zu Ende gehende Jahr dereinst als Moment des Umbruchs in Erinnerung bleiben.

Und doch nagt ein Rest Misstrauen gegenüber dem eigenen Erfolg und dem neuen Selbstwertgefühl an den Deutschen. Konnten im Windschatten der Fußballfans nicht auch die Rechtsradikalen punkten? Wie dauerhaft ist der Aufschwung? Wann macht er sich im Portemonnaie von jedermann bemerkbar? Und selbst wenn wir Dritter bei der WM geworden sind – die Gesundheitsreform werden wir niemals schaffen.

Aber so ist das nun mal in Deutschland. »Es ist, als lebte man in einer Jugendherberge, die von einem paranoiden Schizophrenen geleitet wird«, hat Roger Boyes, der Berlin-Korrespondent der Londoner Times, gerade in einem großen Bilanz-Artikel über sein Gastland geschrieben. »Du weißt nie, ob die Politiker oder dein Doktor oder dein Vermieter am nächsten Morgen von Selbstzweifeln zerfressen sind oder vor Stolz platzen, Deutsche zu sein.« Boyes, der als »Teutono-Skeptiker« in die Hauptstadt kam, bekennt, mit dieser Mentalität seinen »Separatfrieden« geschlossen zu haben. Nicht nur, weil sich My Dear Krauts, sein Buch zum Thema, hierzulande so gut verkauft. Sondern auch und vor allem, weil Selbstzweifel eine Tugend sind, die das Land interessant machen.

Denn mit den anderen deutschen Tugenden (die oft genug zum Klischee abgesunken sind), schreibt Boyes, sei es nicht mehr weit her. Germanische Gründlichkeit? Die deutsche Kaffeemaschine des englischen Kollegen ist explodiert, der Toaster fing Feuer. Deutscher Fleiß? Niemand in Europa arbeitet kürzer und hat länger Ferien. Aber die gewonnene Zeit wird in etwas investiert, das etwa die Briten längst vergessen haben: Freundschaften zu pflegen. Das hätte sich vor einem Jahr auch noch niemand träumen lassen: dass die Deutschen wegen ihrer Kunst zu leben beneidet werden.

Der letzte große Test, wie »normal« dieses Land wirklich geworden ist, steht freilich noch aus. Was ist mit dem deutschen Humor? Zwar wird hierzulande längst über Monty Python, Mr. Bean und den britischen Kasachen Borat gelacht. Aber können die Deutschen auch über sich selbst lachen? Die Nagelprobe, schreibt Boyes, werde die erste deutsche Hitler-Komödie sein, die im Januar in die Kinos kommt. In Dani Levys Mein Führer – die wirkliche Wahrheit über Adolf Hitler spielt der Komikerdadaist Helge Schneider den Diktator als Schwächling und Bettnässer. Geht das? Darf man das? Wenn sich beide Fragen entspannt mit Ja beantworten lassen, müssen wir auch nicht mehr länger darüber nachdenken, was die vergessenen Fähnchen im Kofferraum bedeuten.

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    • Von Siemes
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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