Homosexualität»Mitten in der Provinz«

Die Akademie Waldschlösschen ist die einzige staatlich anerkannte Bildungsstätte für Schwule und Lesben von 

Safer-Sex-Kurs im Waldschlösschen. Die Männer in dem Seminarraum mit Waldblick sollen schwule Sexpraktiken auf kleine Pappkärtchen schreiben und erklären, wie man sich dabei am besten vor Aids schützt. »Niemals ein fetthaltiges Gleitmittel benutzen, weil das Kondome porös macht«, mahnt Kursleiterin Schwester Latea Monacha Incestua vom »Orden immerwährender Ausschweifungen«. Das ist ein nicht ganz ernst gemeinter Zusammenschluss schwuler Männer, die als ehrenamtliche Streetworker in Großstädten wie Berlin, Köln oder Hamburg Aids-Aufklärung betreiben.

Schwester Latea ist grell geschminkt und trägt eine enge Haube, auf der ein Teddybär mit roter Aids-Schleife sitzt. An ihren Ohren baumeln Anhänger in Form von rosa Frauenhandtaschen. An diesem verregneten Vormittag unterweist die tuntige Karikatur einer Ordensschwester eine Gruppe schwuler Väter in den Grundlagen des Safer Sex. Etwa 70 Papis mit dem Faible fürs eigene Geschlecht haben sich in der Akademie Waldschlösschen zu ihrem Jahrestreffen »Zwischen den Welten« versammelt. »Schwule Väter outen sich oft sehr spät. Für viele ist Safer Sex bis dahin kein Thema gewesen«, sagt Schwester Latea.

Das Waldschlösschen, ein schmuckes Fach-werkgebäude aus der Jahrhundertwende, liegt in einem ausgedehnten Waldgebiet nahe Göttingen. In dieser Abgeschiedenheit treffen sich zum Zwecke der Weiterbildung, des politischen Diskurses oder einfach zum Kennenlernen und zur Erholung nicht nur die schwulen Väter, sondern auch die Partnerinnen schwuler Männer und die Söhne und Töchter schwuler Väter. Es gibt Versammlungen schwuler Psychologen, behinderter Schwuler und Schwuler über 40. Hier findet die 13. Bundestagung lesbischer Lehrerinnen statt oder das 27. Pfingsttreffen schwuler Lehrer. Rund 200 Kurse sind im Angebot, sie dauern zwischen drei Tagen und einer Woche und reichen vom Grundlagenseminar zu »rechtlichen Aspekten im Umgang mit Aids« über »Kammermusik im Waldschlösschen« bis zum »Wanderwochenende für Schwule im Eichsfeld und Werratal«. Beliebt sind auch Wellness-Angebote wie der »Massageworkshop für schwule Männer« oder der Frauenworkshop »Singen ohne Stress«. Ein Klassiker des Programms im Waldschlösschen ist der »Grundkurs Homosexualität und Gesellschaft«. Hier werden Männer und Frauen aus ehrenamtlichen Schwulen- und Lesbeninitiativen in die »Soziologie der Sexualität« sowie die Geschichte der Diskriminierung und des modernen Gay-Movement eingeführt. Der Kurs wird vom Land Niedersachsen bezuschusst.

Das Waldschlösschen ist die einzige staatlich anerkannte Weiterbildungsstätte für Homosexuelle im deutschsprachigen Raum. »Wir sind die öffentlichste Einrichtung der deutschen Schwulenbewegung. Und das mitten in der Superprovinz«, schwärmt Rainer Marbach, Gründer und Leiter der Akademie, promovierter Pädagoge, bekennender 68er und Urgestein der »zweiten Schwulenbewegung«. Die erste Schwulenbewegung hatte sich hierzulande in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts um den Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld gebildet und war von den Nazis zerschlagen worden. Marbach ist einer der Männer, die in den späten sechziger und siebziger Jahren, anknüpfend an Hirschfeld, Homosexuelle ermutigten, an die Öffentlichkeit zu gehen und gegen Diskriminierung und Ausgrenzung zu kämpfen. Das Haus in der deutschen Provinz ist Dreh- und Angelpunkt der schwul-lesbischen Szene in Deutschland. Hier wurde der Bundesverband Homosexualität aus der Taufe gehoben, die Deutsche Aids-Hilfe oder der Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen. Hier gibt sich die Szene-Prominenz die Klinke in die Hand wie der Filmemacher Rosa von Praunheim, der Soziologe Rüdiger Lautmann, der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, die »Diseuse« Georgette Dee, die im Veranstaltungssaal des Tagungshauses ihre ersten Auftritte hatte, oder der Comiczeichner Ralf König. Er verewigte das Waldschlösschen sogar in einer seiner Geschichten. Auf dem Höhepunkt der Aids-Krise besuchte die frühere Bundestagspräsidentin und damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth das Waldschlösschen. Heute sitzt die CDU-Politikerin im Beirat der jüngst gegründeten Stiftung Akademie Waldschlösschen, die die Zukunft der Institution sichern soll. Zum 25-jährigen Bestehen des Waldschlösschens fand im vergangenen Juli sogar CDU-Wissenschaftsminister Lutz Stratmann aus Hannover den Weg zu den Homos und warme Worte für Marbachs Lebenswerk.

Die Idee eines Tagungshauses für Schwule wurde Ende der siebziger Jahre geboren. Marbach, damals Studienrat in Göttingen, und sein Lebensgefährte Ulli Klaum engagierten sich in der »Nationalen Arbeitsgruppe Repression gegen Schwule«. Es war die Hochzeit der »neuen sozialen Bewegungen«. Überall wurden schwule Emanzipationsgruppen gegründet. »Die langen Fahrten quer durch die Republik zu den verschiedenen Treffen hatten wir irgendwann leid«, sagt Marbach. Bald erwachte der Wunsch nach einem »Tagungshaus für überregionale schwule Arbeitszusammenhänge«.

Marbachs Blick fiel auf das heruntergekommene Kurhotel Waldschlösschen im Reinhäuser Wald, zentral in Deutschland gelegen und auch gut erreichbar vom geteilten Berlin mit der größten Homo-Community. Die einstige Sommerfrische der Göttinger befand sich damals in einem »erbärmlichen Zustand«, erinnert sich Marbach. Er und seine Mitstreiter gründeten einen Verein und pachteten das Haus von einer Erbengemeinschaft. 1981 begann der Tagungsbetrieb. Komfort war in der Pionierzeit ein Fremdwort für die Gäste des Waldschlösschens. »Jugendherberge unterste Klasse«, sagt Elmar Kraushaar, schwuler Journalist und Autor aus Berlin. »Man schlief mit 20 Leuten auf dem Boden, diskutierte auf Sperrmüll-Stühlen. Aber so sah es ja auch in unseren Studentenbuden aus.« Die gelebte Einfachheit war politisches Programm. Denn »Staatsknete« lehnten die schwulen Aktivisten der ersten Stunde kategorisch ab. »Wir wollten natürlich autonom sein«, sagt Marbach.

Mittlerweile hat sich das Waldschlösschen vom rein schwulen zum »queeren« Projekt gewandelt, das allen Gruppen mit vom Mainstream abweichender sexueller Orientierung offen steht. Und Marbach hat seinen Frieden geschlossen mit den staatlichen Institutionen. 1999 wurde das Tagungshaus unter Ministerpräsident Gerhard Schröder in Niedersachsen als Heimvolkshochschule anerkannt. Das Ziel eines langen Kampfes war erreicht. »Das war eine äußerst harte Nuss«, sagt Marbach. »Es hat eigentlich nur funktioniert, weil ich zehn Jahre Lobbyarbeit in der Erwachsenenbildung gemacht habe und das politische Spiel mittlerweile ganz gut beherrsche.« Auch die Nachbarn mussten erst überzeugt werden, dass das Waldschlösschen kein »Landpuff« ist, sondern eine seriöse Bildungseinrichtung. »Immer wieder haben uns die Behörden Knüppel zwischen die Beine geworfen.« Einmal untersagte die Polizei einen Auftritt von Georgette Dee im Rahmen eines Treffens schwuler Theatergruppen, weil es sich angeblich um eine nicht genehmigte Unterhaltungsveranstaltung handelte. Ein andermal lehnte der zuständige Kreistag wegen »unsittlicher Umtriebe« einen Zuschuss zu Renovierungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Anwesen ab.

Heute ist das Waldschlösschen den 25 in Nie-dersachsen staatlich anerkannten Heimvolkshochschulen gleichgestellt, die »Leben und Lernen unter einem Dach« ermöglichen. Eine viertel Million Euro erhält die Akademie jedes Jahr für ihre gemeinnützige Bildungsarbeit aus dem Landeshaushalt. Der Rest des Etats von einer Million Euro wird aus den Einnahmen bestritten. Mit einer eigenen Infobroschüre wirbt der gewiefte Manager Marbach um Kunden aus dem »Hetero-Milieu«. Da gebe es aber leider noch Vorbehalte, sagt er. Eine Göttinger Firma habe im Jahr 2000 Mitarbeiter zu Englischkursen ins Waldschlösschen schicken wollen, dann aber plötzlich einen Rückzieher gemacht. Der Personalchef des Unternehmens habe verkündet, er würde nicht von einem Teller essen, den ein Homosexueller angefasst habe, empört sich Marbach.

Kritikern, die den unternehmerischen Erfolg des Waldschlösschens als Verrat an den einstigen sozialemanzipatorischen Idealen empfinden, hält Marbach entgegen, dass man ja nur einfordere, was auch den Hetero-Bildungseinrichtungen zustehe. Rein mit ehrenamtlichen Mitarbeitern ist der Tagungsbetrieb mit 3000 Teilnehmern und 11000 Übernachtungen im Jahr nicht zu bewältigen. Das Waldschlösschen beschäftigt jetzt 16 feste Mitarbeiter, verfügt über eine professionell ausgestattete Küche und Tagungsräume mit allem modernen Schnickschnack. Zurzeit plant man ein weiteres Gästehaus. Mehrbettzimmer und Gemeinschaftsduschen sollen bald der Vergangenheit angehören. Vor drei Jahren errichteten Marbach und sein Lebensgefährte eine Stiftung, der sie das Eigentum an den Liegenschaften der Akademie übertrugen.

Im Waldschlösschen wurde schwule Geschichte geschrieben. Hier fanden in der Aids-Krise, als Hardliner wie der CSU-Politiker Peter Gauweiler alle Homosexuellen Zwangstests unterziehen und HIV-Infizierte internieren wollten, in konspirativer Atmosphäre die ersten »Positiventreffen« statt. Und Elmar Kraushaar erinnert sich an eine »sehr klandestine« Zusammenkunft, bei der eine Gruppe von Aktivisten eine bundesweite Liste von 150 prominenten mutmaßlich Schwulen zusammenstellte, die öffentlich »zwangsgeoutet« werden sollten. Die komplette Liste gelangte nicht an die Öffentlichkeit. Einziges Resultat der Aktion war ein Auftritt Rosa von Praunheims in der RTL-Sendung Der heiße Stuhl, bei dem er den Showmaster Alfred Biolek und den Kabarettisten Hape Kerkeling als schwul demaskierte.

Marbach legt großen Wert auf Professionalität in der schwulen Bildungsarbeit. Sein Haus ist nach anerkannten Qualitätsmaßstäben zertifiziert. »Eigene Betroffenheit reicht nicht aus, um gute Bildungsarbeit zu machen«, sagt Marbach. Auch das schwulenpolitische Networking liegt dem Alt-68er nach wie vor am Herzen. Dabei pocht er auf die Unabhängigkeit des Waldschlösschens. Das betrifft nicht nur die parteipolitische Ausrichtung, sondern auch die verschiedenen Strömungen von »Realos« und »Fundis« innerhalb der vielschichtigen Homo-Community.

Eine Gratwanderung bleibt die Gestaltung des Seminarprogramms. Einerseits gilt es, auf die sich ändernden Bedürfnisse der Kunden zu reagieren, das zeigt die steigende Zahl unpolitischer »Wohlfühlangebote«. Andererseits will Marbach die Fahne der Emanzipation hochhalten. »Alles Private ist politisch« – zu diesem Slogan steht er immer noch. Gern lädt er Politiker aller Couleur zu Veranstaltungen ins Waldschlösschen. Zum Treffen der schwulen Väter erschien die niedersächsische FDP-Sozialpolitikerin Gesine Meißner. Die hörte sich interessiert die Klagen der Väter über zermürbende Kämpfe mit ihren Exfrauen um die gemeinsamen Kinder an und versprach hernach, wenn es darauf ankomme, das Waldschlösschen »mit Zähnen und Klauen zu verteidigen«. Für Marbach ist auch dieses Treffen ein Beweis dafür, dass die Gleichstellung der Schwulen und Lesben eine Daueraufgabe bleibt und seine Akademie auch in Zeiten der Homo-Ehe kein Auslaufmodell ist. »Die Gesellschaft ist und bleibt strukturell heteronormativ«, sagt Marbach. »Daran wird sich nie etwas ändern. Und die Gefahr von Rückschlägen besteht immer.«

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Leserkommentare
  1. Sie schreiben in Ihrem Artikel, dass der Bundesverband Homosexualität BVH im Waldschlösschen aus der Taufe gehoben wurde. Das ist falsch.

    Im April 1985 veröffentlichte die Würzburger Schwulengruppe WüHSt e.V. und HIK (Homosexuelle in der Kirche) einen Aufruf zur Gründung einer bundesweiten Schwulenorganisation. Unter der Überschrift 'Was wir brauchen ist Macht!' wurde das Schweigen der Schwulen zur Wörner/Kießling-Affäre und zu AIDS bemängelt. Die Schwulen sollten 'ihre Stärke als gesellschaftliche Gruppe in der Öffentlichkeit offenkundiger zeigen.'

    Eine bundesweite Dachorganisation der regionalen Gruppen hätte bessere Chancen von Medien und Politikern wahrgenommen zu werden. Bereits im Juli 1985 wurde die Initiative von 52 Gruppen, 4 Zeitungen und 28 prominenten Einzelpersonen unterstützt.

    Zu einem ersten Koordinierungstreffen versammelten sich vom 25. bis 27.10.1985 rund 300 Vertreter von Gruppen und Einzelpersonen in Köln. Es zeigte sich, dass vor allem Gruppen aus der Provinz starkes Interesse an einem Zusammenschluss hatten.

    Nach einem zweiten Treffen vom 21. bis 23. März 1986 wurde vom 30. Oktober bis 02. November 1986 in Köln die Gründungsversammlung des 'Bundesverbandes Homosexualität' durchgeführt.

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