Esktase im Ramadan

Helge Timmerberg in Marokko

Kann ich mich genau erinnern?Spätsommer?Ja.Ende September.Bestes Klima in Marrakesch und die Deadline eingehalten.Auf den letzten Drücker, in der letzten Nacht, der letzte Satz.Das Buch war eingetütet, ich betrank mich maßlos, und als ich wieder aufwachte, begann der Tag, von dem ich glaube, dass er der schönste in diesem Jahr gewesen ist.Das Frühstück nahm ich mit einem Friseur aus Berlin ein.Er hat in Marrakesch ein Haus und kennt sich aus.Er riet mir, mit dem Zug nach Casablanca zu fa hren.Die Bar des Sheraton dort ist die einzige, in der man während des Ramadan Alkohol bekommt. Ich war seit Wochen, seit Monaten in der Stadt, aber ich hatte nur geschrieben, und wenn ich nicht schrieb, habe ich im Kopf weitergeschrieben, ziemlich egal, wo ich war, im Innenhof, auf dem Dach oder im Basar, am Jem el Fna, am Sklavenmarkt, ganz egal.Nach dem Frühstück, als ich zurück zum Hotel Riad ging, um meine Sachen zu packen, sah ich Marrakesch fast wie beim ersten Mal.Wie beim ersten Kuss, wie beim ersten, was weiß ich.Das Licht, das Lachen, die Mopeds, die Esel, Marokko at its best, und ähnlich erging es mir nach dem Packen auf dem Weg zum Bahnhof, Tiefenentspannung im Taxi, fast rauschhaftes Sightseeing, und am Bahnhof, auf dem Bahnsteig, stand ich dann vierzig Minuten lang begeistert herum und wartete auf den Zug. Wirklich begeistert.Ohne Abstriche.Jede Sekunde, jeder Moment war tief bejahter Urlaub.Die Rückreise wurde zum Ziel. Ich freute mich auf die Nacht in Casablanca, und ich freute mich zu Recht.In der Hotelbar, die mir empfohlen ward, sangen Marokkaner der Upperclass Karaoke mit einer Leidenschaft, die natürlich die Musik, zu der sie sangen, nicht verdient hat.Das war Schrott.Aber nur auf das Herz kommt es an.Auf die Ausdruckskraft, auf die Posen.Im Sitzen, im Stehen, auf den Knien.Und wenn sie fertig waren, riefen sie Thank you ins Mikrofon, als wenn das hier ne Halle mit, sagen wir mal, 6000 Zuhörern wäre, Fa ns, Groupies, Musikjournalisten, Thank you, thank you, thank you, und dann war der Nächste dran, auch der nächste Rum.Ich saß in fetten Lederpolstern bei karibischen Getränken und hörte reiche Marokkaner und schöne Marokkanerinnen Lieder von Robbie Williams und Christina Aguilera singen, und sie hätten auch Lieder von irgendwelchen Pygmäen singen können, ich wäre damit glücklich gewesen. Und so klang langsam der beste Tag in diesem Jahr für mich aus. Helge Timmerberg, 54, ist Schriftsteller. 2006 erschienen seine indischen Reiseerinnerungen Shiva Moon bei Rowohlt Berlin

 
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