Fritz Stern ist Amerikaner. Er war Deutscher. Fritz, sagt er, sei sein »sehr deutscher« Name, »Stern« sein sehr jüdischer. Zwölf Jahre war er alt, als sich die alteingesessene Breslauer Familie 1938 über Rotterdam nach New York rettete, in diesem Jahr wurde Fritz Stern 80. Fast 50 Jahre lang hat er als Historiker gelehrt – an der renommierten Columbia University, zwischen Central Park und der Bronx. »Schauen Sie sich um!«, sagt er, das Mobiliar in der Wohnung nahe dem Riverside Drive, in der er mit seiner Frau Elisabeth Sifton lebt, einer Tochter des Theologen Reinhold Niebuhr (The Irony of American History), stammt noch von seinen Großeltern. »Alles original Hans Poelzig«, der ein großer Breslauer Architekt war, die Moderne ahnte man schon in seinen Entwürfen. Ironie scheint irgendwie Familiensache zu sein – Stern hat eine Menge davon. Fritz Stern war Deutscher und ist jetzt Amerikaner© Werner Bartsch/Agentur Focus BILD

Dies ist ein Gespräch mit Fritz Stern über sein Leben und seine verschiedenen Deutschlands, auch seine Deutschland-Bilder, ein Gespräch, aus dem unversehens auch eines über Amerika wurde. Wir sprechen über Identität. »Heimat«, sagt Fritz Stern, sei für ihn ein schöneres Wort als »Identität«; »aus psychologischen Gründen, die ich nicht kenne«, missbehage ihm letzterer Begriff. Aber auch im ersten Wort klingt etwas an, was ihn stört. »Heimatlos!«, hat er im Goethe-Haus einmal lakonisch auf die Frage dazwischengerufen, was er von »Heimat« halte. Leichter fällt ihm zu sagen, er betrachte sich als Bürger eines Landes, dem er zutiefst dankbar, dem er tief verbunden ist.

In gewisser Weise, schreibt er in seinem neuen Buch, bin ich ein Kind des Großen Krieges. So steht es in seinen Erinnerungen, die erst kürzlich in Amerika unter dem Titel Five Germanys I have known veröffentlicht worden sind (New York, Farrar, Straus and Giroux; die deutsche Ausgabe wird im Herbst im Münchner Beck-Verlag erscheinen). Genau besehen, sind es sechs Germanys, über die Stern schreibt. Den Kapiteln über Weimar, das »Dritte Reich«, die Bundesrepublik, die DDR, das vereinigte Land geht eines voraus über das Deutschland seiner Vorfahren, das ihm dank seiner Arbeit als Historiker fast vertrauter sei als die fünf Germanys, die er kennen lernte. Das Leben seiner Ahnen, das Milieu dieser Phase, die im Ersten Weltkrieg mündete, schildert er anhand einer Fülle von Briefen aus der Familie, geschrieben meist in Sütterlin. Viel Post vom Vater ist darunter, der so euphorisch in den Weltkrieg zog und verbittert herauskam.

Als Junge wollte Fritz Stern mit dem Land der Eltern und Vorfahren nichts mehr zu tun haben, denn nie wird er vergessen, wie 1932 in das Zimmer seines Onkels in Breslau eine Bombe flog. Im Buch steht: Ich war voller Furcht. Ich wusste, wer Bomben wirft – die Nazis machten das –, obwohl ich vermutlich nicht einmal wusste, woher Babys kommen.

Woran erkennt man, wem die eigene Loyalität gehört? Nach einem Wort des Philosophen Isaiah Berlin, den er so schätzt, lernt man sich selbst dadurch kennen, sagt Stern, wenn man sich beschämt fühlen kann für das Handeln einer bestimmten Regierung. Daran gemessen, habe er nicht die Spur eines Zweifels, dass er Amerikaner und Jude sei.

»Sollen wir gemeinsam mittagessen, oder haben Sie schon andere Pläne?«, schrieb ihm die im März 2002 verstorbene Herausgeberin der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff, 1970 während einer deutsch-amerikanischen Konferenz auf einen Zettel, den sie ihm hinschob. Noch heute trägt er die Zeilen bei sich. Sie hatten ihren Lunch. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, um mit Rick alias Humphrey Bogart aus dem Film Casablanca zu sprechen. Mein Leben sollte sich ändern, heißt es in Sterns Buch, und meine Beziehung zu dem Land, aus dem ich stamme.