Zum Beispiel Seite 446, die »sogenannte Onkelehe«. Was ist das? Erster Annäherungsversuch: eine wilde Ehe. Der Däne sagt: »Bei uns heißt das polnisch zusammenleben.« Anderswo spricht man von einer Stockholmer Ehe. So werden Vorurteile Sprache. Nur im Slowenischen ist man bodenständig: Da heißt die wilde Ehe »auf Mais leben«. Günter Grass© John MacDougall/AFP/Getty Images BILD

Wenn Übersetzer sich austauschen, ist das ein so penibles wie lustiges Herumstochern in den Trümmern des babylonischen Turms. Der Stall, Seite 356 – für Pferde oder Kühe? Heißt »laufen« rennen oder gehen? Saubohnen – weiß? Groß? Getrocknet oder frisch? Magersüchtige Zigaretten – kann man anorexisch sagen, oder klingt das zu modern? Herr Cai, der Chinese, lächelt stets wissend, nur einmal ist er wirklich ratlos: Was, bitte, ist Chinatusche?

»Wir in Russland haben viel Verständnis für Irrwege«

Innovationszentrum Lübeck, eines dieser buddenbrookischen Häuser, ein Saal mit Holzvertäfelung von 1595, von oben blicken 17 Patrizier in Öl hinunter auf das Viereck von gut zwanzig Leuten aus aller Herren Länder. Sie sind gekommen, um über die Zwiebel zu reden, wie sie das Buch salopp nennen, das sie alle übersetzen müssen. Am Nordpol der polyglotten Runde präsidiert Helmut Frielinghaus, seit vielen Jahren der Lektor von Günter Grass und ihm im Laufe dieser langen Zeit ähnlich geworden in der leicht gebückten, aber unbeugsamen Haltung alter Herren, die sich ihrer Sache sicher sind. Am Südpol sitzt Hilke Ohsoling, die Sekretärin von Grass, was eine rechte Untertreibung ist, besser sagte man: die Geschäftsführerin des Unternehmens Grass, Herrin über seine Termine, sein Telefon, sein grafisches Kabinett, Erfasserin und Verwalterin seiner Texte.

Vor ihr liegt ein vierbändiger Brockhaus von 1941 – falls man zeitgenössische Erklärungen aus Grass’ Kriegsjahren braucht. Leise, effizient und unauffällig, so wie sie die ganze Firma Nobelpreisträger steuert, tippt sie gleich das Sitzungsprotokoll in ihr Laptop. Nach Ende des fünftägigen Parforceritts durch das Buch wird sie es allen zur gefälligen Beachtung zuschicken. Im Reiche Grass wird wenig dem Zufall überlassen. Seite 352, das Linsengericht – ist das sprichwörtlich oder tatsächlich gemeint? Und geht das auch auf Chinesisch?

Wenn man mit dem bloßen Wörtersuchen nicht mehr weiterkommt, sondern interpretieren muss, springt Dieter Stolze bei, Germanist und Grassist, in dessen Werk womöglich besser zu Hause als der Schöpfer selbst. Ein Fleisch gewordenes Suchprogramm für Parallelstellenphilologie, dem selbst Grass aufmerksam lauscht, als sei da von einem ganz anderen als ihm selbst die Rede. Aber dass das Ich stets ein anderer ist, bildet ja das Grundprinzip der Zwiebel – und den Stein des Anstoßes.

Aber hier sitzen nicht die Scharfrichter und Rechthaber aus den Zeitungsredaktionen, hier sitzen treue Arbeiter im Textberg des Herrn G., der viele von ihnen schon seit Jahrzehnten in Lohn und Brot setzt. Der alte Herr in der Ecke zum Beispiel, das ist Slawomir Blaut, er hat schon die Blechtrommel ins Polnische übertragen. In 33 Sprachen wird Grass zurzeit übersetzt, die Blechtrommel bringt es sogar auf 42. Wer zum Treffen in Lübeck geladen ist, begreift es als Geschenk, obwohl es auch eine Pflicht ist.

Seit 1977, seit dem Butt, steht in Grass’ Verträgen, dass sein Verlag ein solches Übersetzertreffen organisieren muss. Sein Verleger Gerhard Steidl reicht einen Teil der Kosten gleich weiter: Die internationalen Lizenznehmer müssen ihren Übersetzern die Reise an die Trave bezahlen, die Unterkunft zahlt Steidl, und am Mittag kehrt man mit Vorliebe im »Suppentopf« ein, wo es Eintopf gibt für drei Euro sechzig.

Nach dem Essen deckt der schweigsame Herr Groff aus Italien einen weiteren Grassschen Erinnerungslapsus auf, freilich ohne weitreichende Folgen. Seite 368, »mezzo fortuna« will Günter Grass in Italien gereist sein, aber richtig heißt per Anhalter fahren »con mezzi di fortuna«. Soll das in späteren Auflagen berichtigt werden? Der Dichter entscheidet selbst, er sitzt jeden Tag dabei, das Treffen ist ihm heilig, je besser die Übersetzungen, desto beständiger Buch und Ruhm im Ausland.

Aber ändern will er nichts, dann ist der Rhythmus hin. Damit seine »genauesten Leser« wissen, wie das Original dahinfließt, strudelt, staut, liest Grass immer wieder einzelne Passagen vor. Das macht er mit so viel Hingabe, als müsse er ein volles Theater mitziehen; ein Zuhörerfänger ist er, seit Hans-Werner Richter ihm beim ersten Auftritt vor der Gruppe 47 mit auf den Weg gab: »Aber laut und deutlich!«

Das Schwierigste am Grass-Übersetzen sei nicht der Rhythmus, sondern das Konfliktpotenzial zu transportieren, sagt Boris Chlebnikow. Weil das durch Übersetzung allein kaum zu leisten ist, wird seine russische Ausgabe einen biografischen Abriss und ein Glossar enthalten. Wird das späte SS-Bekenntnis des Dichters seinem Ruf in Russland schaden? Das sommerliche Gespräch, das Ulrich Wickert mit Grass führte, habe ein russischer Rundfunksender übernommen und eine Telefonabstimmung – »Sind Sie für Grass oder gegen ihn?« – drangehängt, erzählt Herr Chlebnikow. »Von 3000 Anrufern waren 95 Prozent für ihn!« Aber er selbst, der schon dreimal Grass übersetzt hat, war er nicht persönlich enttäuscht? »Ach, wissen Sie, wir in Russland haben viel Verständnis für Irrwege und Verdrängung. Ihr Deutschen braucht immer eine moralische Überfigur. Unser Präsident war ein KGB-Spion, was erwarten Sie!«

Der Haussegen hängt schief: Was heißt das auf Dänisch?

Nach der großen Schlacht des Sommers ist der Streit um Grass zum Scharmützel abgesunken. Die FAZ, die er verklagt hat, druckt wöchentlich Bosheiten, Sticheleien, Gerüchte. Etwa, dass Grass ein Buch des Cartoonisten Bernd Pfarr in seinem Verlag zu verhindern versuche. Er kenne den nicht mal, sagt Grass kopfschüttelnd während der Pause bei Konferenzkeksen und Mandarinen. Das ist schade, verwerflich ist es nicht. Weil aber nach der großen Hysterie nun eine allgemeine Grass-Ermattung über den Feuilletons liegt, will niemand mehr im kleinen Für und Wider stöbern. Was Grass gleich zu neuen Zensur- und Verschwörungsvermutungen treibt: Alles einseitig, nur Häme, Kritik, Verleumdung! Dass die früheren FAZ ler bei der Süddeutschen nicht über ihre alte Zeitung schreiben dürften, wisse doch jeder. Ein Schweigekartell! Derweil schaltet sein Verleger Anzeigen im Feuilleton des Feindes, in denen er lobende Besprechungen aus dem Ausland nachdruckt mit seinem persönlichen PS: »Jedoch sollten auch diese Stimmen den Lesern nicht vorenthalten werden.«

»Als der Haussegen hier und dort schiefhing«, Seite 451 – auf Dänisch sagt man dann, dass die Küche verqualmt ist. Es wird dauern, bis der Rauch sich verzogen hat.