Es war im Frühjahr 2001, als die Welt noch in Ordnung war. Kofi Annan jettete gerade durch Südasien. Da fragten ihn die begleitenden Journalisten, ob er, der so erfolgreiche Weltdiplomat, nicht auch den Taliban die Auslieferung Osama bin Ladens abhandeln könne. »Haben Sie eine Ahnung!«, antwortete er mit verschmitztem Lächeln. »Vielleicht habe ich ihn ja schon im Gepäckraum.« So bitter wie Kofi Annan hat sich noch kein UN-Chef verabschiedet. Und wohl noch keiner hat in seinem Amt solche Höhen und Tiefen erlebt© David Burnett/Focus BILD

Wenige Monate später war die Zeit für solche Scherze vorbei – und damit auch für Annans Erfolgserlebnisse. Es sei der unmöglichste Job auf der Welt, gab er vor einigen Tagen seinem Nachfolger Ban Ki-moon mit auf den Weg und fügte dann hinzu, was ihm keiner glauben wollte: »Aber auch der beste.« Anfang vergangenen Jahres soll Kofi Annan nahe daran gewesen sein, den »besten Job der Welt« hinzuwerfen – depressiv und zermürbt von einer amerikanischen Medienkampagne gegen ihn, die er selbst mit »einem Lynching« verglichen hat. Zunächst ging es damals um den Skandal des UN-Oil-for-Food-Programms im Irak und Kofi Annans verheerendes Management. In Wahrheit war es aber auch eine Strafaktion der amerikanischen Konservativen für Annans Opposition gegen den Irak-Krieg.

Er ist dann doch im Amt geblieben, sichtbar angeschlagen, aber am Ende auch ein wenig rehabilitiert durch das amerikanische Debakel im Mittleren Osten. Während Ban Ki-moon derzeit hinter verschlossenen Türen sein »Kabinett« zusammensucht, hat Annan bei seinen letzten öffentlichen Auftritten reichlich Hiebe ausgeteilt: gegen die internationale Gemeinschaft, die den Massenmord in Darfur geschehen lässt; gegen die Reformverweigerer in der UN-Generalversammlung und im Sicherheitsrat; und natürlich gegen Amerika, dem er in einer Abschiedsrede vorwarf, im Kampf gegen den Terrorismus die eigenen Ideale zu verraten. Diese Kritik ist inzwischen nicht mehr originell, aber der Ton ist ungewöhnlich. So bitter hat sich noch kein UN-Generalsekretär verabschiedet. Es hat wohl auch keiner in diesem Amt solche Höhen und Tiefen erlebt – und mit ihm die ganze Organisation.

Paradoxerweise markiert der Irak nicht nur Annans größte Krise, sondern auch seinen ersten großen Erfolg. Im Februar 1998 war er, gerade mal ein Jahr im Amt, auf eigene Faust nach Bagdad geflogen, hatte Saddam Hussein die Zustimmung zu weiteren UN-Waffeninspektionen abgehandelt und so amerikanische Bombenangriffe auf den Irak verhindert. Die Abmachung mit dem Diktator hielt nur kurz, wenige Monate nach Annans Besuch hagelte es vier Nächte lang Bomben auf Bagdad. Aber die globale CNN-Gemeinde stellte überrascht fest: Da stand einer an der Spitze der UN, der kein Zeremonienmeister für den Tag der Menschenrechte sein wollte, auch kein Postbote für den Sicherheitsrat, sondern Krisendiplomat. Ein »zweiter Hammarskjöld« womöglich, einer vom Schlag jenes schwedischen Amtsvorgängers, der in den Jahren 1953 bis 1961 in diversen Konflikten vermittelte und diversen Großmächten vors Schienbein trat.

Annan hatte einen ansehnlichen Start in New York vorgelegt. Das Generalsekretariat befand sich bei seinem Amtsantritt 1997 in schlechter Verfassung. Drei verheerende Missionen in Somalia, Ruanda und Srebrenica; ein US-Kongress, der den Geldhahn zugedreht hatte; dazu eine Belegschaft, die nach fünf Jahren herrischen Führungsstils durch den Ägypter Butros Butros-Ghali (Spitzname: »der Pharao«) demoralisiert war. Von der Aufbruchstimmung einer »neuen Weltordnung« unter hellblauer UN-Flagge war nichts mehr zu spüren. Da kam Kofi Annan, die Sanftheit auf zwei Beinen, der erste Schwarzafrikaner im Amt, ein Insider mit drei Jahrzehnten UN-Erfahrung, nicht eloquent, aber charismatisch. Kein Vordenker, aber einer, der kluge Köpfe um sich scharte, eine wöchentliche »Kabinettssitzung« mit den Chefs aller UN-Organisationen einführte, eine Charmeoffensive in Richtung Washington startete und, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, als erste diplomatische Amtshandlung afrikanischen Staatschefs erklärte, dass Menschenrechte kein Luxus des Westens, sondern eine global verbindliche Errungenschaft sind.

Irgendwann schrie nicht einmal mehr der erzkonservative US-Senator Jesse Helms auf, Washingtons Kreuzzügler gegen alles Multilaterale, wenn »Kofi, the nice guy«, die UN des 21. Jahrhunderts skizzierte: als Hüterin des weltweiten Gemeinwohls in den Zeiten der Globalisierung, zuständig für die »Probleme ohne Pass«, deren Kontrolle den Nationalstaaten zunehmend entgleitet – Aids, internationales Patentrecht, Klimawandel, Terrorismus. Nicht zu vergessen das Pflichtprogramm: Katastrophenhilfe, Kampf gegen Polio, Hunger und Malaria, Schutz der Menschenrechte, Friedenssicherung. Im September 2000, als die Welt noch eine andere war, ließ er beim Millenniumsgipfel in New York über 150 Staats- und Regierungschefs über die globalen Probleme diskutieren. Am Ende versprachen sie die Halbierung der Armut bis 2015, eine »neue Ethik des Umweltschutzes«, einen Schulplatz für jedes Kind und einiges mehr. Und jeder schwärmte von Kofi.