Wirtschaftsmoral Die Macht des EinkaufswagensSeite 3/3

Drei Cent mehr für ein T-Shirt – und Afrikas Bauern könnten überleben

Ordentliche Bezahlung und soziale Mindeststandards in Billiglohnländern würden sich nur minimal auf den Preis auswirken: Der Anteil der Lohnkosten einer Näherin am Preis eines Marken-T-Shirts ist so gering, dass es dem Käufer kaum auffallen würde, selbst wenn sie das Dreifache bekäme. Das Gleiche gilt für die Baumwollbauern. Zum Beginn des Welthandelsgipfels in Hongkong im Dezember 2005 hat die Tageszeitung taz ausgerechnet, was 10-Euro-Hemden kosten müssten, damit Afrikas Baumwollbauern von ihrem Anteil am Ertrag existieren könnten. ganze drei Cent mehr. »Faire Erzeugerpreise wirken sich auf den Preis im Laden kaum aus«, bestätigt Rolf Heimann vom Naturtextilienhersteller Hess Natur, der seinen Baumwollproduzenten 20 Prozent Biozuschlag und 20 Prozent Fair-Trade-Zuschlag zusätzlich zu den regionalen Preisen zahlt. Warum aber tun das nicht alle? Es gibt dafür keinen vernünftigen Grund – außer der Marktlogik: Auch kleine Unterschiede zählen. Dieser Logik folgen die Unternehmen, solange die Konsumenten keinen Druck machen, und zahlen Weltmarktpreise auch dann, wenn sie unter den Produktionskosten liegen, und Löhne, die unter den Lebenshaltungskosten liegen. Solange es der Politik nicht gelingt, soziale Mindeststandards durchzusetzen, etwa die der Weltarbeitsorganisation ILO, die ja theoretisch verbindlich sind, müssen die Konsumenten das tun.

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Viele Aktivisten aus den NGOs halten nicht viel von Aufrufen zur Abstimmung mit dem Einkaufswagen. Sie fürchten, solche Appelle könnten von der Verantwortung der Politik ablenken. Doch das ist ein Irrtum: Der politische Konsument braucht Gesetze, die ihm den Zugang zu Informationen garantieren und so verantwortungsvolles Einkaufen vereinfachen, wenn nicht erst ermöglichen. Er braucht ein Gesetz, das ihm grundsätzlich Zugang zu den Ergebnissen von Lebensmittelkontrollen garantiert (und nicht nur in eng begrenzten Ausnahmefällen wie das gerade am Widerstand des Bundespräsidenten gescheiterte Verbraucherinformationsgesetz), eine Deklarationspflicht für sämtliche Inhalts- und Zusatzstoffe von Lebensmitteln, Textilien, Spielzeug – was bislang angeblich aus »100% Baumwolle« besteht, kann in Wirklichkeit bis zu 7000 zum Teil ungetestete Chemikalien enthalten. Und er braucht genaue Angaben zur Herstellung.

Es kostet ziemlich wenig, Verbrauchermacht zur Förderung von Gerechtigkeit zu nutzen, zur Verhinderung von Umweltkatastrophen und zum Schutz der eigenen Gesundheit. Noch gleicht der politische Konsument einem Stier, der sich von einem Lattenzaun bremsen lässt, weil er nicht weiß, wie stark er ist.

Tanja Busse ist Autorin des Buches »Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht«, Blessing-Verlag 2006, 14,95 Euro

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Leser-Kommentare
  1. Der Artikel behauptet zwar, dass die beschriebenen Zustände 'niemand wolle'. Aus der Tatsache, dass die Billigwaren trotzdem gekauft werden, ergibt sich für mich aber leider der Umkehrschluß: jawohl, 'wir' WOLLEN Kindersklaven und vergiftete indische Bauern! Das es die meisten vielleicht nicht explizit wollen, sondern es ihnen nur scheißegal ist, kommt dabei doch auf dasselbe hinaus.

    Wer heute 1l Ökomilch kauft anstatt für die gleiche Menge 20ct beim Aldi zu bezahlen, oder für 1 Paar Ökosocken 'Made in Germany' 9,90€ zahlt, anstatt für den gleichen Betrag 15 Paar beim Discounter zu kaufen, gilt bestenfalls noch als uncooler Ökospinner, meistens aber schlicht als dumm.

    Es wird zwar immer mal wieder versucht, irgendeine Öko-Ethik-Massenbewegung herbeizureden, aber ich sehe die Zukunft eher pessimistisch. Geiz ist geil, Gier hat Hirn gefressen, und wer wäre nicht nicht lieber cool, trendy und schnäppchenschlau, als ein zurückgebliebener Ökodepp der sein Geld 'sinnlos' verschleudert?
    Wer mir nicht glaubt, kann sich ja mal an einem beliebigen Supermarkt vor die Kassen stellen und eine Zeitlang schauen, mit was für Produkten die Wägen so überwiegend vollgeladen sind...

    • Fratz
    • 01.01.2007 um 9:20 Uhr

    Der Beitrag entlarvt einmal mehr unser Einkaufsverhalten, das sich am Preis orientiert, ohne danach zu fragen, unter welchen (unmenschlichen) Bedingungen derartige Preise möglich sind. Leider werden teure Produkte häufig auch nicht anders hergestellt wie billige Artikel, nur verdient da noch der Zwischenhandel mehr Geld. Es fehlt ein Label, das dem Käufer die Information gibt, daß die Ware unter 'humanen' Bedingungen hergestellt wurde.

  2. Danke für den interessanten Artikel!

    Vor allem haben mich die Zitate von Birger Priddat zur Frage warum der Riese Konsument noch schläft von aufhorchen lassen. Er schreibt, dass der Konsument zwar moralische Kaufentscheide trifft, dass sie aber im Regelfall nicht signifikant sind, da sie sich gegenseitig aufheben, da sie sich in iherer Unterschiedlichkeit gegenseitig aufheben ( 'Der Normalfall der individuellen moralischen Markierung von Gütern tritt so heterogen auf, dass er im Markt nicht signifikant wird.) Gleich drauf wird er ein zweites Mal zitiert und da heist es weiter, dass die Signifikanz ausserdem so gering sei, da praktisch keine statistische Erfassung des moralischen Kaufverhaltens stattfinde.

    An dieser Stelle setzt eine Vision ein, die mich seit einiger Zeit begleitet:

    Ich erschaffe mir durch mein Konsumverhalten meine ganz eigene Welt – unter dem ökologischen Gesichtspunkt spricht man da von „ökologischem Fingerabdruck“.
    Stellen wir uns vor, wir wissen von allen Produkten wer wie viel daran verdient wo er lebt und in was für einem Betrieb er arbeitet. Stellen wir uns weiter vor, wir haben sämtliche Einkäufe, die ich im Laufe eines Jahres gemacht habe registriert und tragen nun die Informationen zusammen. Habe ich im Laufe des Jahres vielleicht darauf geachtet Produkte aus der Region zu kaufen, lägen in meiner Welt im näheren Umkreis von meinem Wohnort mehrere Bauernhöfe und Gemüsegärtnereien, hätte ich eher Orangensaft getrunken, Avocados gegessen und im Winter Tomaten gekauft, wäre meine nähere Umgebung zwar immer noch mit Läden und grossen Strassen, kaum aber mit Landwirtschaftlichen Betrieben belebt. Ich stelle mir da eine computeranimierte Welt im Stil von Simscity vor, wo es das Konsumverhalten sich dann auch in Arbeitslosigkeit und Bildung nieder schlagen würde. Wo auch soziale und politische Spannungen entstehen könnten, und, wenn der Ölbedarf allzu gross wäre, auch schwere internationale Konflikte auftreten könnten. Es würde dem Konsumenten die Möglichkeit geben sich seiner Verantwortung bewusster zu werden.

    Ich gebe Geld aus. Je nach dem für was ich das Geld ausgebe, unterstütze ich unterschiedliche Geschäftsbereiche und die Menschen die in den jeweiligen Betrieben arbeiten. Kaufe ich zum Beispiel mein Gemüse direkt auf dem Mattenhof in Kölliken, so weiss ich, dass in erster Linie die Familie Vogel- Gamp, die den Betrieb seit 50 Jahren biologisch bewirtschaftet, davon profitiert. Ich kann mir vorstellen, dass ein gewisser Teil des Geldes in den Unterhalt ihrer Maschinen, in den Kauf von Saatgut sowie in bescheidene Löhne temporärer Mitarbeiter aus Poolen und anderen Ostblockstaaten geht. Kaufe ich mein Gemüse im Supermarkt, und wähle bewusst Gurken aus Holland, Knoblauch aus Argentinien und Tomaten aus Italien, so weiss ich, dass ein grosser Teil des Geldes an die Mitarbeiter des Supermarktes geht. Ein kleiner Teil an die Lastwagenfahrer und die Ölindustrie, etwas an die jeweiligen Gemüseproduzenten in Holland, Argentinien und Italien. Ein wenig geht sogar an meinen geschätzten Kollegen, der für den Grossverteiler ein Softwareprodukt betreut. Die jeweiligen Anteile strömen in unterschiedlichen Intensitäten in alle mögliche Bereiche und aller Herren Länder.
    Betrachtet man nun alle Ausgaben, die ich im Laufe des letzten Jahres gemacht habe unter dem Gesichtspunkt wer wie viel davon profitiert hat, so wächst eine kleine Welt heran - meine Welt.

    Es ist mir dabei wichtig, das diese Projection des eigenen Konsumverhaltens auf eine virtuelle Welt Wertfrei geschieht. Das ganze Projekt soll einen wertungsfreien und spielerischen Charakter haben.

    • Cil
    • 30.12.2006 um 20:35 Uhr

    Ein sehr bemerkenswerter Artikel.
    Leider vermisse ich konkrete Vorschläge vor allem im Bezug auf die Umsetzung des fairen Kleiderkaufs. Wie kann ich mich rundum fair einkleiden?

    Faire Kleidung ist zu wenig verbreitet (oder gibt es etwa nur bei mir keine fairen Bekleidungsgeschäfte?) und außerdem gibt es wenig Vielfalt in diesem Segment.

    Vielleicht hat jemand gute Ideen zur Lösung dieses Problems?

    • Cil
    • 30.12.2006 um 20:36 Uhr

    Ein sehr bemerkenswerter Artikel.
    Leider vermisse ich konkrete Vorschläge vor allem im Bezug auf die Umsetzung des fairen Kleiderkaufs. Wie kann ich mich rundum fair einkleiden?

    Faire Kleidung ist zu wenig verbreitet (oder gibt es etwa nur bei mir keine fairen Bekleidungsgeschäfte?) und außerdem gibt es wenig Vielfalt in diesem Segment.

    Vielleicht hat jemand gute Ideen zur Lösung dieses Problems?

  3. Ich weise auf ein Projekt hin, mit dem m.E. eine verbraucerorganisierung leichter gelingen kann. Bittel googlen nach hallo-leute implikationen .

    Teil A II 3 f:
    'Verbraucherorganisierung
    Hallo-Leute-Netze helfen bei Verbraucherorganisierung: mit bewußtem Verbraucherverhalten kann das Verhalten von Unternehmen gestaltet werden. Nicht nur der politische Entscheidungsprozeß wird also durch den hohen Organisationsgrad in Hallo-Leute-Netzwerken optimiert, auch in der Wirtschaft läßt sich so der Wille des Souveräns optimal repräsentieren.
    Auch hier gilt: da der Bürger den Einfluß hat, hat er auch die Verantwortung. Die Schuld an unerwünschten Entwicklungen kann nicht weitergeschoben werden, die Verantwortlichkeiten sind klar.'

  4. Es geht eigentlich darum diesen globalen Ausbeutungshandel überhaupt zu überwinden. Es ist doch hirnrissig den Knoblauch aus China einzuführen und hier 4 Millionen Menschen ohne Job zu haben. Die Länder und Regionen müssen ihre Grundversorgung wieder lokalisieren. Welthandel muß so stark besteuert werden, dass es sich garnicht mehr lohnt ihn zu betreiben. Jeder Transport von Waren muß so teuer sein, dass die lokale Basis nicht gefährdet wird. Die ökologischen Kosten sind doch darin überhaupt nicht berücksichtigt. Und vom ethischen Standpunkt ist solcher Welthandel nichts anderes als die Ausbeutung der Ärmsten. Schon die Prämisse sorgloser Konsum durch vielleicht etwas angehobene Löhne und Produktionsbedingungen ist falsch. Unser Globus und unser Menschsein bleibt uns nur erhalten, wenn wir unsere Ansprüche drastisch reduzieren und das einfachste und anspruchloseste Leben als das Ideal fixieren. Wenn diese kapitalistische Blase platzt, dann sind die Rosenproduzenten in Argentinien nicht nur vergiftet, sondern auch noch am Vergungern. Dieses 'Konsumparadies' ist doch nichts als die ignorante Selbstversklavung an die kapitalistische-materialistische Ebene. Ein grauenhafter Irrsinn dem die Menschheit verfallen ist. Eine kollektive Verdrängung unserer eigentlichen Bestimmung. Fromms Frage: Haben oder sein?

  5. hat ein US Journalist mal gesagt, und es stimmt ziemlich genau. Es gibt eben einen Haufen Menschen deren Intellekt nicht reicht Zusammenhänge zu ersehen, das ist keine herablassende Kritik sondern schlicht und einfach eine Erkenntnis.
    Publicity zielt auf unser Stammhirn, es ist schwierig dem zu widerstehen, denn es steuert unsere Emotionen.
    Ich bin für staatliche Reglung, verknüpft mit ONG's. Das funktionniert mit Englischen ONG's sehr gut und diese machen gegen Läden ziemlich erfolgreichen Druck so dass jeder manager im Zweifel ist ob sein Artikel verkauft werden kann oder nicht und mit welchem Demo Risiko.
    Der bewusste Mensch benimmt sich sowieso wie es sich gehört, das Problem lag noch nie bei Ihm.

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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