Will man sich einen Begriff von Bollywood machen, so taugt vielleicht eine Stadtansicht. Nähert man sich dem Zentrum von Mumbai (früher Bombay), tauchen überlebensgroße, grelle Filmplakate auf, die Actionhelden zeigen und wallende Diven. Gar nicht so weit weg liegen die Slums der Millionenstadt. Bollywood, eine Chiffre für das indische Massenkino, steht für eine gigantische Traumfabrik mit eskapistischem und stabilisierendem Auftrag. In Bollywood kann man sich aus dem Stand der Armut befreien, und nur auf der Leinwand sind die Grenzen der Kasten durchlässig.

Was die Ästhetik des Bollywood-Kinos anbelangt, so stelle man sich eine monumentale Rosamunde Pilcher vor, kreuze diese mit Murnaus Sunrise und der neuen Adaption von Miami Vice. Man verlängere das Endprodukt auf satte vier Stunden, gebe Tanz- und Gesangseinlagen bei, etwas Mythos und Mahabharata , möglichst irre Kamerafahrten sowie erratische Anschlüsse. Zum Exportschlager taugt das Endprodukt nur bedingt. Wer den indischen Film besichtigen will, muss zu vorgerückter Stunde bei Arte einschalten oder die hartgesottensten Programmkinos in Berlin aufsuchen. Man sollte die Leidenschaft des Schmetterlingskundlers mitbringen oder wenigstens jenes ethnologische Interesse, mit dem man einer Marienprozession in Südspanien begegnet.

Für weniger robuste Naturen gibt es nun den Roman zum Kino: Bollywood. Er wurde schon 1991 von Shashi Tharoor geschrieben und erst jetzt ins Deutsche übertragen. 1991 war der damals 35-jährige Jurist Tharoor noch für die UN in Jugoslawien unterwegs, »friedenserhaltende Maßnahmen« sollen ihn laut Klappentext dorthin geführt haben. Heute leitet er die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Vereinten Nationen. Mit anderen Worten, Shashi Tharoor ist ein Autor, der mit weltläufigem Blick auf Indien schaut. Außerdem gehört er zur privilegierten Schicht jener indischen Autoren, die das Englische wie ihre Muttersprache beherrschen. Man darf davon ausgehen, dass Tharoor seinen Roman wohl eher für den Export als für den heimischen Buchmarkt konzipiert hat. Er schreibt amüsiert, wenn auch nicht despektierlich über Bollywood; und er verbindet den Unterhaltungswert des Themas mit einer diskreten Analyse der Traumfabrik.

Der Erzähler des Romans heißt Ashok Banjara, 25 Jahre zählt er zu Beginn des Romans, am Ende etwas über 40. In sechs Aufnahmen, die Prosa imitiert hier ein Filmskript, folgt der Leser Ashoks Aufstieg und Niedergang. Für ein gutes Jahrzehnt wird Ashok der größte lebende Filmstar des indischen Subkontinents. Es ist eine Karriere wider alle Wahrscheinlichkeit, denn Ashok hat als Sohn des Ministers für Textilproduktion zwar gute politische Beziehungen, aber keinerlei Talent. Wenn er in der ersten Aufnahme im Regen (Blecheimer) um einen Baum (Pappmaché) hüpft und versucht, den Sari der Filmdiva (schon älter) zu erhaschen, dabei möglichst synchron seine Lippen zu bewegen (Playback), dann wird schon in der Exposition jede Menge komisches Potenzial angehäuft. Die Szene wird übrigens zum Running Gag des Romans, auch als Ashoks Partnerinnen jünger werden, kommt der Regen noch aus löcherigen Blecheimern. In weiteren Aufnahmen werden Zwillingsbrüder vereint, Jungfrauen gerettet und Familien zusammengeführt. Zu erwarten ist ferner, dass reiche Töchter arme Automechaniker erhören und die Zensur alles rausschneidet, was über einen Kuss hinausgeht.