Am 4. Januar 1947 erschien die erste Ausgabe des Spiegels. Die Vorgeschichte dieses eher verlagstechnischen Datums beschreibt Leo Brawand im Stil einer gut lesbaren Spiegel- Titelgeschichte, die ihre Spannung aus dem Mit- und Gegeneinander zweier nicht unähnlicher Charaktere bezieht. Als der britische Presseoffizier John Seymour Chaloner und der aus der Wehrmacht desertierte Rudolf Augstein sich 1946 das erste Mal trafen, war Chaloner gerade 21, Augstein 22 Jahre alt, mithin im gleichen Alter wie Leo Brawand, der als erster Wirtschaftsredakteur des Blattes dabei war.

Lag die Geburtsstunde des Spiegels nun im Januar 1947? Oder ist sie ein gutes Jahr vorzudatieren, als der für die Zeitungslandschaft in der britischen Zone zuständige Chaloner mit Redakteuren der gerade gegründeten Osnabrücker Rundschau nach dem Beispiel der britischen News Review und der amerikanischen Time Dummys für ein deutsches Nachrichtenmagazin zusammenbasteln ließ? Oder war der 16. November 1946, der Erscheinungstag der ersten Nummer des von Chaloner gegründeten Nachrichtenmagazins Diese Woche, die wahre Geburtsstunde des Spiegel- Journalismus? In dieser denkwürdigen Ausgabe veröffentlichte Augstein eine Titelgeschichte über die »Hungerkrise« in Deutschland. Der Erfolg bei den Lesern war sicher, der Ärger im britischen Hauptquartier auch. Nachdem die Briten wegen der folgenden Hefte im Alliierten Kontrollrat auch noch Ärger mit Franzosen und Russen bekamen, hatten sie genug von Chaloners Gründung. Chaloner wurde geschasst. Augstein bekam die Lizenz. Diese Woche war britisch, nun war der Spiegel deutsch. Das war gentlemanlike.

Der Vorzug von Brawands Buch ist der Blick auf die höchst unterschiedliche Pressepolitik der Alliierten. Die Briten waren liberal. In keiner anderen Besatzungszone hätte ein Blatt wie der Spiegel eine Chance gehabt. Mit ihrer Lizenzpolitik machten die Briten den Norden zum Zentrum der Medienlandschaft. In Hamburg entstand die ZEIT. Springer bekam eine Lizenz. Nannen erfand den stern.

Es war – wie Brawand herausarbeitet – vor allem die Unbotmäßigkeit der beiden dem Krieg gerade entronnenen »Teenager-Soldaten« Chaloner und Augstein, die den Spiegel möglich machte und seinen Stil bestimmte. Diese Woche und dann der Spiegel boten ein publizistisches Kontrastprogramm, denn während in den Zeitungsredaktionen bald wieder Journalisten die Führung übernahmen, die ihre Karriere während der Weimarer Republik begonnen und in der Nazizeit fortgesetzt hatten, gewann beim Spiegel eine unbefangene, der Gängelung überdrüssige junge Journalistengeneration entscheidenden Einfluss.

Brawands Buch ist voller Branchenanekdoten. Nachdem Augstein 1946 nach einer Meinungsverschiedenheit mit den Briten gefeuert war, überraschte er einen Offizier mit einer deutschen Sekretärin beim Sex. Der Legende nach soll er gefragt haben: »May I help you?« Ihm wurde geholfen. Den Job bekam er wieder. Ohne den glücklichen Ausgang dieser Szene könnte der Spiegel heute nicht seinen 60. Geburtstag feiern.
Ernst Elitz