China Der Markt gibt nichts auf TränenSeite 3/3
Auf eine andere Weise traditionell gehen auch Chen Guidi und Wu Chuntao vor. Sie haben die Form der literarischen Reportage gewählt, einen bisweilen beglückend ungestümen Erzählstil, der in manchen Passagen so prall und derb daherkommt, als gehörte Felix Timmermans zu ihren künstlerischen Paten, Timmermans und einige der chinesischen Schriftsteller aus den Aufbaujahren des chinesischen Sozialismus, als die Partei ihre Autoren aufforderte, aufs Land zu ziehen und dort nach dem Rechten zu sehen. Nur kamen die Vorgänger mit Eindrücken zurück, in denen sich die Lage auf erfreuliche Weise zum Guten gewendet hatte. Bei Chen und Wu treffen wir dagegen auf ein Pandämonium von Erpressung und Willkür, von Rechtsbeugung und Vertreibung. Das friedliche Landleben als der mögliche Ort auch eines Rückzugs aus dem Dickicht der Städte ist schon lange keine glückverheißende Utopie mehr.
Eine gute chinesische Geschichte soll stets über das verfügen, was in der Landessprache »der goldene Schwanz« genannt wird, ein versöhnliches Ende, zumindest die Hoffnung darauf. Auch hier halten sich die Autoren an das Bewährte. Für Qinglian He liegt die Hoffnung in einer Demokratisierung ihrer Heimat, für Chen Guidi und Wu Chuntao, grob gesagt, in einer zunehmenden Einsicht des Zentralkomitees. Da darf sich auch der deutsche Leser etwas wünschen: mehr Studien dieser Art, so kenntnisreich und engagiert geschrieben, so kompetent übersetzt und ediert. »Wenn es hinter den Mauern blüht, wird man es draußen riechen.«
- Datum 27.12.2006 - 06:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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