Der Damm wider die Gottlosigkeit brach ausgerechnet in Bayern: Am 7. November wurde dort das Ende der Priesterausbildung an den Universitäten Bamberg und Passau verkündet – mangels studentischer Nachfrage. Zu groß war der Druck des bayerischen Rechnungshofs geworden, der seit Jahren die mangelnde Auslastung der Theologie im Freistaat kritisierte. Nun werden in Bamberg und Passau nur noch Religionslehrer ausgebildet. Amen und Aus , kommentierte die Süddeutsche Zeitung . 

Die Abwicklung – in anderen Disziplinen gang und gäbe – ist in der Theologie ein Ereignis von historischer Einmaligkeit. "So etwas hat es in Deutschland seit der NS-Zeit nicht gegeben", sagt der ehemalige Vorsitzende des katholischen Fakultätentags, Peter Neuner. Nicht nur aus Traditionsgründen schienen die theologischen Fakultäten bis vor kurzem unantastbar; die Geschichte der Universität Bamberg beginnt überhaupt erst mit dem 1586 gegründeten Priesterseminar. Auch das deutsche Staatskirchenrecht schien bisher den Fakultäten ihr Überleben zu sichern. Finitum, die Zeit der Ewigkeitsgarantien ist selbst in der Theologie vorbei.

Zum Beginn des "Jahres der Geisteswissenschaften" 2007 steht damit die Mutter aller Geisteswissenschaften, ja die Keimzelle der Universitäten auf dem Prüfstand. Seit den achtziger Jahren ist die Zahl der Theologiestudenten drastisch gesunken. In Passau waren auf neun Theologieprofessoren am Ende nur noch 39 Diplomstudenten gekommen. Da habe er "einfach die Segel streichen" müssen, bekannte der Passauer Bischof Wilhelm Schraml. Auch die Kirchen, evangelische wie katholische, verlieren nach wie vor jedes Jahr an Mitgliedern.

Dabei ist das Thema Religion in Politik und Gesellschaft präsenter denn je. Der Islam drängt mit Macht in die Öffentlichkeit: von außen durch Ereignisse wie den 11. September, von innen durch die wachsende Zahl von Muslimen in Deutschland. Christlich-fundamentalistische Gruppen verzeichnen Zulauf, und der Papst gerät zum Medienstar. Zwar bezeichnet sich nur noch jeder vierte Jugendliche als "religiös", ergab kürzlich eine Studie der Universität Würzburg. Doch über 80 Prozent der Heranwachsenden wünschen sich, dass in der Schule "sachlich" über Religion informiert würde. Denn die religiöse Landschaft stellt sich heute verwirrend vielgestaltig dar. Allein in Nordrhein-Westfalen haben Bochumer Religionswissenschaftler 228 religiöse Organisationen und Strömungen ausgemacht. 

Sind die Universitäten auf diese "Wiederentdeckung der Religion" vorbereitet? Das Beispiel Islam lässt daran zweifeln: Rund 650 Theologen, evangelische wie katholische, arbeiten an deutschen Hochschulen. Dagegen gibt es ganze vier Professuren für islamische Theologie. Ebenso brach liegt die Erforschung jener christlichen Splittergruppen in Deutschland, die sich zum Teil in Parallelwelten abschotten.Begegnet die akademische Theologie diesen aktuellen Problemen? Oder beantwortet sie Fragen, die niemand mehr stellt?

Eine gewisse "Gegenwartsblindheit" bescheinigt der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf seiner Zunft. "Die heutige Universitätstheologie ist sehr text- und exegeseorientiert, hat aber einen Mangel an religiöser Deutungskompetenz in Hinblick auf aktuelle Phänomene." Religion wird pluraler, widersprüchlicher, auch privater. An den Universitäten jedoch ist von dieser Pluralität wenig zu merken.

Derweil machen andere Disziplinen den Universitätstheologen die Deutungshoheit über Religion streitig. So wollen Soziologen, Ethnologen und Religionswissenschaftler in Göttingen sich in einem neuen Max-Planck-Institut mit ethnisch-religiösen Konflikten beschäftigen. Im September kommenden Jahres soll das neue Großzentrum zur "Erforschung heterogener Gesellschaften" seine Arbeit aufnehmen, kritisch beäugt von den Theologen, die sich als die eigentlichen Experten für religiöse Fragen sehen.

Doch wie sollen sich die etablierten Gottesgelehrten verhalten, wenn ihre wichtigste Aufgabe – die Ausbildung von evangelischen wie katholischen Geistlichen – zunehmend unwichtiger wird? Sich auf das Bewährte zurückziehen und den Schutz der Kirche suchen oder die konfessionellen Schranken niederreißen und (wie im Ausland) zu quasi neutralen Religionsexperten werden?

Die evangelische Theologie in Frankfurt geht einen mittleren Weg. Hier gibt es nicht nur einen Lehrstuhl für Jüdische Religionsphilosophie; auch zwei muslimische Professoren und ein Sikh lehren und forschen am Main – als Mitglieder des Fachbereichs. Selbst die Landeskirche gab dazu ihren Segen. Denn sie musste kurioserweise – der Staatskirchenvertrag verlangt es – der Berufung der Koranexperten zustimmen.