Hamburg In Polen ist Wojciech Pomorski ein bekannter Mann.Zeitungen und Fernsehen haben über seinen Fall berichtet - vor kurzem war er Gegenstand einer langen Debatte im polnischen Parlament, dem Sejm. Jetzt steht er vor dem Sitzungssaal A 213 des Hamburger Landgerichts, in dem er sein Recht sucht.Wojciech Pomorski gegen das Bundesland Hamburg.Der Mann, der seine Kinder verlor, weil er mit ihnen polnisch sprechen wollte, gegen den Staat der, wie er es sieht, Zwangsgermanisierer.Heute feiert seine jüngere Tochter ihren siebten Geburtstag, irgendwo, weit weg.Pomorski drückt das Kreuz durch und hält mit großer Geste zwei polnische Märchenbücher vor eine Fernsehkamera. » Meine Kinder haben nicht das Recht, diese Märchen zu lesen«, deklamiert er.Ein Reporter der Zeitung Rzeczpospolita macht sich Notizen, die polnischen Diplomaten halten sich etwas abseits, ebenso ein aus Polen angereister Abgeordneter des Sejm. In Deutschland ist Wojciech Pomorski ein Niemand. » Wer?«, fragt der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, »können sie das bitte buchstabieren?«Nein, heißt es später, keinerlei Auskünfte, es gebe da ja ein laufendes Verfahren. Es gibt freilich auch nicht viel, was das Land Hamburg zu seiner Rechtfertigung vorbringen könnte.Denn am Kern von Pomorskis Geschichte ist nichts zu deuteln.Er hat den Kontakt zu seinen Töchtern verloren, auf Betreiben des Jugendamts im Hamburger Stadtteil Bergedorf weil er darauf bestand, mit ihnen auch nach der Trennung von seiner Frau bei behördlich überwachten Begegnungen polnisch zu sprechen.Die Begründung dieser Entscheidung durch die Leiterin des Jugendamts zierte in Polen die Titelseite eines Nachrichtenmagazins. » Aus pädagogisch-fachlicher Sicht ist anzumerken, dass es im Interesse der Kinder nicht nachvollziehbar ist, dass die Zeit des begleiteten Umgangs in polnischer Sprache erfolgen soll.« Vermutlich haben die Bergedorfer Jugendbeamten bis heute nicht begriffen, was sie bei dem polnischen Patrioten Pomorski, der eine seiner Töchter mit zweitem Namen Polonia nannte, mit diesem pseudopädagogisch begründeten Willkürakt auslösten.Inzwischen gilt Polnisch in Hamburg wieder als zulässige Umgangssprache zwischen Eltern und Kindern, auch während der behördlich begleiteten Kontaktanbahnung nach Ehescheidungen.Doch an Pomorski, dessen Fall seit mehr als drei Jahren schwelt, statuierte das Jugendamt ein Exempel, wofür auch immer.Interventionen von Experten für binationale Erziehung blieben so fruchtlos wie die Appelle des polnischen Generalkonsuls. Der verlassene Vater hat eine neue Aufgabe: Kampf für Minderheiten Zwei Jahre ist es her, dass die ZEIT zum ersten Mal über den Fall Pomorskis berichtete.Damals war er eine gedrückte Erscheinung, ein verlassener Vater, der sich an die zurückgebliebenen Meerschweinchen seiner Töchter klammerte.Inzwischen hat er zu einer neuen Rolle gefunden: als Kämpfer für Rechte der polnischen Minderheit in Deutschland.Die Meerschweinchen sind weg, seine Töchter hat er in den vergangenen drei Jahren nur zweimal kurz gesehen, mit den Altersangaben vertut er sich.Umso routinierter beantwortet er Medienanfragen, er gestikuliert und polemisiert - polnische Reporter gehen bei ihm ein und aus, den Abgeordneten, der als Prozessbeobachter anreiste, beherbergt er bei sich zu Hause. Freilich hat die Bundesrepublik Deutschland auch keine Gelegenheit ausgelassen, Pomorski in seiner Überzeugung zu bestärken, er sei das Opfer einer antipolnischen Verschwörung.Als er endlich vor Gericht das Recht zum Umgang mit seinen Töchtern erkämpft hatte, waren diese nicht mehr auffindbar.Monatelang hielt das Jugendamt ihn hin - erst eine Anzeige bei der Polizei ergab, dass seine Frau sich mittlerweile nach Österreich abgesetzt hatte. Ist das nicht Kindesentziehung, also strafbar?Im Prinzip schon - allein bei einem Vater, der mit seinen Kindern polnisch zu sprechen wünscht, sich mithin, wie die Hamburger Staatsanwaltschaft anmerkte, nicht an die »Spielregeln« halte, liegen die Dinge anders. » Ein »öffentliches Interesse an der Verfolgung ist bei der vorliegenden Sachlage nicht zu erkennen«, bescheinigte sie dem Vater auf dessen Anzeige hin. Ließ sich wenigstens ein Zwangsgeld gegen die Mutter durchsetzen, weil sie die gerichtlich angeordneten Zusammenkünfte ihres mittlerweile geschiedenen Mannes mit seinen Töchtern verhinderte?Im Prinzip schon - allein der fragliche Beschluss war zu unpräzise formuliert - das Oberlandesgericht lehnte daher die Vollstreckung von Zwangsmaßnahmen ab. Und nun, endlich, hier in Saal A 213 des Hamburger Landgerichts, soll all dies Unrecht gesühnt werden.Wojciech Pomorski gegen das Bundesland Hamburg, 15000 Euro Schmerzensgeld begehrt er, eine lächerliche Summe, wie er selbst findet, und eine schriftliche Entschuldigung seitens der Stadt. Die Republik Polen hat vier Prozessbeobachter entsandt.Der polnische Botschafter Bogusaw Dubiski ist in Begleitung eines hochrangigen Mitarbeiters erschienen, ihnen zur Seite stehen der Hamburger Vizekonsul und eine Mitarbeiterin.Das Land Hamburg hat in der Vergangenheit ein Schreiben des polnischen Konsuls durch eine Mitarbeiterin der stellvertretenden Bürgermeisterin beantworten lassen.Hier ist es allein durch einen Rechtsanwalt vertreten, was möglicherweise weniger Geringschätzung als Ahnungslosigkeit demonstriert. » Es wird einen Schaden geben«, sagt der Botschafter Wie viel Schaden kann dies Verfahren in Polen anrichten? » Es wird einen Schaden geben«, sagt der Botschafter vorsichtig. Und was sagt das Gericht?Die polnischen Zuschauer haben kaum Platz genommen, da hat Pomorski schon in einem wichtigen Punkt verloren. Sein Anwalt hatte die Herausgabe der Jugendamtsakten verlangt, um die Gründe für dessen rätselhaftes Vorgehen nachvollziehen zu können. Dafür sei diese Kammer nicht zuständig, wird er beschieden.Bis Pomorski die Akten vor einem Verwaltungsgericht erkämpft hat, ruht das Verfahren. Am Ende, sagt er, werde er ohnehin verlieren.Egal seine Niederlagen sammelt Wojciech Pomorski inzwischen wie Orden.Seine Aktenordner wachsen, all das ist Beweismaterial.Irgendwann einmal wird er seinen erwachsenen Töchtern gegenübertreten, möglicherweise als Fremder.Dann will er ihnen beweisen, dass er um sie gekämpft hat.