Frankreich Verkehr à la française
In Paris, dem größten Ballungsraum Europas, kämpfen die Kommunalpolitiker gegen den täglichen Verkehrsgau

Die Champs Elysees in Paris: Auch um Mitternacht noch mit Autos gepflastert
Der Wettkampf zählt zu den neuen urbanen Extremsportarten. Am Start befinden sich vier Teilnehmer. Der erste fährt Rad, der zweite Rollerblades, der dritte Metro und der vierte Auto. Das Rennen beginnt morgens um 8.30 Uhr vor dem Rathaus von Clichy im Pariser Norden und führt quer durch die Innenstadt. Ziel ist der zwölf Kilometer entfernte Vorort Gentilly am südlichen Stadtrand. Der Parcours führt entlang der großen Boulevards und kreuzt den gefährlichsten Unfallknoten von Paris, die Place de la Concorde. Vierzig Minuten nach dem Startschuss geht der Sieger durchs Ziel. Es ist der Radfahrer, dicht gefolgt vom Rollschuhläufer und fünf Minuten später vom U-Bahn-Fahrer. Der Automobilist kommt mit einer halben Stunde Verspätung an – obwohl er gar nicht durch das verstopfte Zentrum, sondern über den Autobahnring des Boulevard périphérique gefahren ist.
»Wir wollen beweisen, dass in den Städten die Fortbewegung mit Muskelkraft allen anderen Antriebsarten überlegen ist«, sagt der siegreiche Radfahrer, der 35 Jahre alte Pädagoge Rémy Goguel. Er kämpft mit seiner Bürgerinitiative Periféerique gegen den Autowahn im Pariser Großraum. Denn im bevölkerungsstärksten Ballungsgebiet Europas herrscht seit Jahren der tägliche Verkehrs-GAU. Allein auf den 750 Kilometern Schnellstraßen im Speckgürtel der französischen Hauptstadt – das überlastete Zentrum nicht mitgerechnet – stehen die Autofahrer jeden Tag auf 400 Kilometern im Stau. Ökonomen berechnen, dass sich ihr Zeitverlust von 62 Millionen Stunden jährlich auf zwei Milliarden Euro summiert, ein Betrag, der den Betriebskosten des gesamten Nahverkehrsnetzes entspricht. Der Smog, der Paris-Touristen schon nach wenigen Tagen die Augen tränen lässt, ist für die Bewohner ein dauerhaftes Gesundheitsrisiko.

Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren
»Wir haben mit 300 City-Stationen der Metro und fast noch einmal so vielen für Regionalzüge im Umland das bestausgebaute Nahverkehrssystem der Welt«, sagt Radfahrer Rémy Goguel. »Unsere Busse und Bahnen befördern täglich zwölf Millionen Menschen – und trotzdem benutzen immer noch genauso viele ihr Auto.« Dass das kein Vergnügen ist, kann man bei der kleinen Siegesfeier am Rathaus von Gentilly sehen. »Nie wieder«, schimpft der Autofahrer. Der 37 Jahre alte Dimitri Dorès, stellvertretender Vorsitzender der Bürgerinitiative, war per Los hinters Lenkrad gezwungen worden. »Beim nächsten Rennen gehe ich zu Fuß.«
Die meisten Wegstrecken könnten die Pariser tatsächlich zu Fuß gehen
Das wäre freilich für die 2,2 Millionen Pariser die Lösung aller Probleme. Sie bewohnen auf nur 105 Quadratkilometer Stadtfläche eine der am dichtesten besiedelten und zugleich kleinsten Metropolen der Welt und könnten tatsächlich die meisten Wege zu Fuß zurücklegen. Aber sie leben auf einer Insel von einzigartiger städtebaulicher Schönheit inmitten eines Meeres urbanistischer Scheußlichkeiten. Im Ballungsraum gibt es 400 Kommunen mit sieben Millionen Menschen, die jeden Tag Marathonstrecken zwischen Wohnung und Arbeitsplatz zurücklegen. Die meisten Unternehmen entstanden im Westen der Metropole rund um die Bürostadt La Défense, die Wohnsiedlungen im Osten entlang des Marne-Tales. Hinzu kommt, dass die Planer das Schienennetz im Ballungsraum radial anlegten, aber vergaßen, die Banlieues untereinander zu verbinden – weshalb selbst Nachbarkommunen nur auf dem Umweg über das Zentrum zu erreichen sind.
Auch deswegen ist die vergleichsweise winzige Kommune Paris unter den Autofluten nahezu vollständig abgesoffen. Entlang und innerhalb des 33 Kilometer langen Periphérique-Autobahnringes, der nur halb so groß ist wie der Berliner S-Bahn-Ring, drängen sich täglich drei Millionen Fahrzeuge – fast genauso viele wie in Peking. Für den Anblick von Verteilerknoten wie die Porte Maillot oder die Porte Bagnolet, die mit achtspurigen Pisten stadteinwärts führen, muss man sonst bis nach Los Angeles fahren. Das tägliche Chaos schlägt längst auch auf die Moral der Autofahrer durch. Laut einer Erhebung des Versicherungskonzerns Axa sind die Pariser die miserabelsten Chauffeure der Republik, die fast schon aus Gewohnheit rechts überholen, rote Ampeln und Tempolimits ignorieren.
Der alltägliche Nahkampf auf den Straßen rührt von einem eklatanten Politikversagen her. Denn die Behörden haben vor dem Verkehrswachstum wie vor einem Naturphänomen kapituliert. Statt ihre Kompetenzen zu bündeln, wachen Stadt, Region und Staat eifersüchtig über ihre Sonderzuständigkeiten für Straßenbau, öffentlichen Transport und Verkehrslenkung. Wissenschaftliche Lösungsansätze durch Stauforschung oder intelligente Leitsysteme gibt es nicht. Die Planer haben größte Mühe, das Chaos quantitativ überhaupt zu erfassen.
- Datum 28.12.2006 - 08:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







... das war ja schon gestern morgen, Kinder wie die Zeit vergeht ;-)
geht davon aus, daß die leute es anders wollten und überträgt sein eigenes wollen auf andere leute, wie es in der
verkehrsbevormundung immer mehr platz greift.
wann kapieren diese verkehrsideologen endlich, daß das eigene auto ein wohnzimmer ist - und alles andere eine zumutung: lärmende jugend, alkohol- und knoblauchfahnen, kein garantierter sitzplatz, bzw. viel zu enge sitzplätze, etc.. das sind öffentliche verkehrsmittel. wer stopft diesen leuten endlich den mund, die städte zu musealen zonen für allwetter gehärtete, fitnesssüchtige outdoorökos machen wollen.
sollen die doch aufs land ziehen, wenn ihnen die luft zu schlecht ist. ich habe in westlichen großstädten noch nie
schlechte luft in meinem näschen wahrgenommen, außer
wenn ich im auto unter meteorismus litt, da wäre etwas bewegung dann nicht schlecht gewesen.
namens muminimu bildet sich offenbar ein, die ganze Welt müßte seine Vorliebe, sein Leben im Stau zu verbringen, teilen.
Es wird höchste Zeit, diesen Lärm- und Gestanksideologen endlich die Auspuffrohre zu stopfen und die Städte wieder zu einem Lebensraum für Menschen zu machen!
Und das nicht nur in Paris - dort mag die Lage zwar wegen der geografischen Verhältnisse besonders katastrophal sein, aber München ist bestimmt nicht weit weg davon.
Ich mußte heute morgen ausnahmsweise mal quer durch die Stadt fahren, um mein Carsharing-Auto wieder abzugeben: die pure Katastrophe, und dabei sind diese Woche noch viele Leute in Urlaub!
Wer sich das jeden Tag freiwillig antut, und sich dann auch noch einbildet, der besonders erhabene Herrenmensch seines rollenden Wohnzimmers (am besten natürlich mit Allradantrieb) zu sein, der ist wirklich ein Fall für den Psychiater.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren