Frankreich Verkehr à la françaiseSeite 3/3

Ein wichtiger Etappensieg für Stadtrat Baupin ist derweil die Rückkehr der Straßenbahn. Auf einer acht Kilometer langen Strecke entlang der Boulevards Maréchaux im Süden hat jetzt eine blitzblanke Tram den Betrieb aufgenommen. Sie schafft eine Querverbindung zwischen den sternförmigen Metrolinien und soll täglich 100000 Fahrgäste transportieren. Seit Wochen pendelte die Bahn bereits im Probebetrieb. Dabei sicherten Kohorten von Polizisten die Strecke, um zu verhindern, dass die Pariser von dem unbekannten Fahrobjekt in Panik versetzt oder gar totgefahren wurden.

Doch es fehlt in der Banlieue an einer leistungsfähigen circle line, die den Kreisverkehr der Autos ersetzen könnte. Seit Jahren debattieren Paris und die Umlandgemeinden über das Traumprojekt »Metrophérique«: eine 40 Kilometer lange U-Bahn rund um Paris, die täglich 400000 Passagiere vom Auto auf die Schiene holen soll. Doch die Regional-Metro soll fünf bis zehn Milliarden Euro kosten, was den Gesamtinvestitionen der öffentlichen Verkehrsbetriebe für die nächsten 15 Jahre entspricht. Geradezu pervers ist zudem, dass das Umland gar kein Interesse an Verkehrsreduzierung haben darf. Denn mit der Dezentralisierung 2003 hat der Staat die Mineralölsteuer den Regionen zugesprochen, die ihre wichtigste Finanzquelle folglich nicht durch Verkehrsabbau gefährden wollen.

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Damit wenigstens die Kassen der Nahverkehrsbetriebe nicht völlig leer laufen, böte sich für die Metrophérique eine Geldquelle an, wie sie London und Stockholm mit ihrer City-Maut bereits erfolgreich aufgetan haben. Seitdem neuerdings sogar Premierminister Dominique de Villepin laut über ein péage- System rund um Paris nachdenkt, ist eines der größten Tabus der Pariser Verkehrsplanung gebrochen. Bislang lehnen Stadtrat Baupin und Bürgermeister Delanoë eine Verkehrspolitik mit dem Geldbeutel entrüstet ab: »Wir wollen keine soziale Trennung zwischen Zentrum und Banlieue.« Freilich spricht aus solchem Mitgefühl für die Mittellosen eher linke Ideologie: Man will nicht auf Marktmechanismen, sondern weiterhin auf Pädagogik und Abschreckung setzen.

Laut einer Prognose des Atelier Parisien d’urbanisme steht dem Ballungsraum 2020 der totale Kollaps bevor. Bis dahin wird, wenn nichts geschieht, der Individualverkehr nochmals um ein Viertel anwachsen, sodass sich die Stau-Stoßzeiten auf 24 Stunden täglich ausweiten. Wäre Paris eine Insel, könnte alles sehr einfach sein. Doch die Stadt konzentriert mit 1,8 Millionen Arbeitsplätzen ein Drittel aller Jobs im Großraum. Große Illusionen macht sich auch Denis Baupin nicht. »Nur zehn Prozent des Verkehrs und der Luftverschmutzung in der Region stammen aus dem Zentrum. Selbst wenn Paris ganz autofrei wäre, blieben 90 Prozent unseres Problems ungelöst.« So lange zumindest, wie man im Pariser Rathaus nicht über die Synergie von péage- Einnahmen und Metrophérique-Investitionen nachdenkt.

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Leser-Kommentare
  1. ... das war ja schon gestern morgen, Kinder wie die Zeit vergeht ;-)

  2. geht davon aus, daß die leute es anders wollten und überträgt sein eigenes wollen auf andere leute, wie es in der
    verkehrsbevormundung immer mehr platz greift.
    wann kapieren diese verkehrsideologen endlich, daß das eigene auto ein wohnzimmer ist - und alles andere eine zumutung: lärmende jugend, alkohol- und knoblauchfahnen, kein garantierter sitzplatz, bzw. viel zu enge sitzplätze, etc.. das sind öffentliche verkehrsmittel. wer stopft diesen leuten endlich den mund, die städte zu musealen zonen für allwetter gehärtete, fitnesssüchtige outdoorökos machen wollen.
    sollen die doch aufs land ziehen, wenn ihnen die luft zu schlecht ist. ich habe in westlichen großstädten noch nie
    schlechte luft in meinem näschen wahrgenommen, außer
    wenn ich im auto unter meteorismus litt, da wäre etwas bewegung dann nicht schlecht gewesen.

  3. namens muminimu bildet sich offenbar ein, die ganze Welt müßte seine Vorliebe, sein Leben im Stau zu verbringen, teilen.
    Es wird höchste Zeit, diesen Lärm- und Gestanksideologen endlich die Auspuffrohre zu stopfen und die Städte wieder zu einem Lebensraum für Menschen zu machen!

    Und das nicht nur in Paris - dort mag die Lage zwar wegen der geografischen Verhältnisse besonders katastrophal sein, aber München ist bestimmt nicht weit weg davon.
    Ich mußte heute morgen ausnahmsweise mal quer durch die Stadt fahren, um mein Carsharing-Auto wieder abzugeben: die pure Katastrophe, und dabei sind diese Woche noch viele Leute in Urlaub!
    Wer sich das jeden Tag freiwillig antut, und sich dann auch noch einbildet, der besonders erhabene Herrenmensch seines rollenden Wohnzimmers (am besten natürlich mit Allradantrieb) zu sein, der ist wirklich ein Fall für den Psychiater.

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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