Die Zukunft des Fernsehens Die Hölle kostet
Wir sind am Ende des Jahres 2020. Der Fernsehkritiker blickt zurück. Was hat er gesehen? »Schaben-TV«, «Infarkte und Infekte« und »Die Foltershow«
Lieblingskind – Nach dem Nervenkrieg um die Fusion von ARD und ZDF sitzt inzwischen der neue Gesamtintendant Lothar Pavianski fest im Sattel. Die letzten internen Widerstände konnte er ersticken, indem er mit den Programmdirektoren Grobmann und Kitschek zwei loyale österreichische Landsleute ins Führungsgremium geholt hat. Noch nicht ganz gelegt hat sich allerdings die Aufregung über die Bemerkung, mit der er vor einem Jahr sämtliche Jugendprogramme gestrichen hat: »Wir können uns keine reinen Minderheitenprogramme mehr leisten. Im Übrigen geht die Kaufkraft der unter Sechzigjährigen gegen null.« Konstantin Meyer, Vorsitzender der Jugendpartei Deutschlands, hat damals von »offenem Zynismus« gesprochen, doch stellt sich die Frage, ob das Aussprechen schlichter demografischer Wahrheiten schon zynisch sein kann.
Es war bei Pavianski hier wie auch in anderen Angelegenheiten mehr der Ton, der verstimmte, ein gewisses heimlich frohlockendes Einverständnis mit den angesprochenen Malaisen. Pavianski ist ein Chamäleon, dem die Anpassung an widrige Umstände keine Skrupel, sondern Vergnügen bereitet. Dazu gehören auch die rein kommerzielle Ausrichtung der Internet-Programme und das vollständige Abdriften des Hauptprogramms in Ratgeber- und Lebenshilfesendungen. Mein erster Leistenbruch, Krebs und Schere, Knüppel aus dem Sack – anonyme Choleriker sprechen sich aus sind nur die krassesten Beispiele für einen Trend, den manche als »Pathologisierung« des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bezeichnen. In der Tat sind Krankheitsbilder die großen Quotenerfolge. Gelbfieber, Aids & Co – Deutschland sucht die Superseuche hat viele das Gruseln gelehrt, und selbst der Mehrteiler über Infekte und Infarkte hat nach Mitternacht noch viele angesprochen.
Am Rande gehört auch die geplante Biotech-Show in diesen Zusammenhang, die als Nachfolger der erfolgreichen Schönheits-OP-Serien gedacht ist. Warum mit kosmetischer Chirurgie korrigieren, was sich auch vorgeburtlich regeln lässt – das ist der Grundgedanke der Sendung, die mit den neuesten Erkenntnissen über Präimplantationsdiagnostik, gezielte Mutationen, Klone und Tier-Mensch-Chimären spielen will. Arbeitstitel: Blonde Engel – Zuschauer entwerfen ihr Lieblingskind.
Der Widerstand der Kirchen ist allerdings enorm, auch manche Ärzte zeigen sich besorgt. »Was soll man mit Eltern machen, die von der Sendung dazu angeregt werden, sich als Kind einen Kolibri zu wünschen mit dem Fell eines Angorakaninchens, dem Kussmund der Mutter, den Brüsten von Raquel Welch und den Pfoten einer Katze?«, fragt beispielsweise der Biogenetiker Stein. »Natürlich kann man das alles hinkriegen, aber wie lange wird ein solcher, wahrscheinlich toplastiger Kolibri leben? Und wird er überhaupt fliegen können? Bei solchen Elternwünschen ist die Produktenttäuschung programmiert.«
Rattenclan – Noch nicht annähernd begriffen ist die jüngste Neuerung des Piraten-TV im Internet: Raubüberfälle, Vergewaltigungen und Mord – live gefilmt aus der Perspektive der Verbrecher. Eine schwankende, taumelnde Kamera zieht uns direkt mit in Tiefgaragen, Hinterhöfe, Glücksspielhöllen und Bordelle, splittert durch das Schaufensterglas von Juwelieren, schlägt in die Visage von Passanten oder fährt keuchend über den hilflosen Körper gesichtsloser Frauen und Stricher. Das alles ist ganz ohne Frage ein Fall für den Staatsanwalt, empörend und unsittlich über die Maßen – aber zugleich von einer beängstigenden Anziehungskraft, und zwar keineswegs für die Jugend, sondern für die mit Splattermovies groß gewordene Generation der Sechzigjährigen.
Gewiss haben in manchen Fällen diese Videos unmittelbar zur Aufklärung der gefilmten Taten geführt; die Bereitstellung im Netz kommt oft einer Selbstanzeige gleich. Aber unaufgeklärt bleibt die übermächtige Attraktivität dieser Fernsehangebote, und wer jetzt das Medium vorschnell gegen seinen Missbrauch in Schutz nehmen will, vergisst die legalen Sendungen, mit denen das Medium selbst dem Missbrauch vorgearbeitet hat. Da ist an Schaben-TV, Rattenclan und all die anderen Serien zu denken, die mit Kleinkameras vom Rücken des Ungeziefers aus unsere Welt erkunden: eine schmutzige, dunkle, kranke Welt. Da ist aber auch an die letzte große Enthemmung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu denken, als Guantánamo – Die Foltershow zu schwindelerregenden Quoten führte.
Dem Publikum wurde darin immer die gleiche Verhörsituation vor Augen geführt: Der Terrorist sitzt auf der Polizeiwache und soll den Ort nennen, wo er seine Bomben platziert hat. Oder der Entführer soll das Waldversteck seines Opfers verraten. Oder der Giftmörder das Gift, an dem sein Opfer noch nicht gestorben ist. Die Zuschauer durften die Methode wählen, um das Opfer zum Reden zu bringen – zum Beispiel durch einen Anruf mit der Endziffer 1: Zigaretten in der Handfläche ausdrücken; mit der Endziffer 2: den Kopf unter Wasser halten; mit der Endziffer 3: die Mutti des Verbrechers ins Studio holen; mit der Endziffer 4: einfach nur Tupfer und Operationsbesteck zeigen.
- Datum 01.01.2007 - 07:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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Schön, daß politisch korrekt beim Thema Demografie zwar die Vergreisung der autochtonen Bevölkerung bedacht wurde, doch die kommende Majorisierung durch Migranten natürlich unerwähnt blieb.
Dann hätte der Autor vielleicht noch die auch heute schon in den entsprechenden Ländern beliebten öffentlichen Steinigungen und Hinrichtungen mit einem Steinigungs-TV für die johlenden friedvollen Gläubigen berücksichtigt, er hätte Sharia-TV erwähnen können (wobei auch hier der Unterschied zu heute ja nur ist, daß die Sendungen dann auf deutsch und irgendwie offiziell legitimiert daherkommen, denn auch heute schon können die friedvollen Gläubigen sich vor ihren Satellitenprogrammen zum Haß gegen Christen und Juden aufhetzen lassen).
So werden wir denn erleben, wie die geistig-kulturellen Grundlagen unseres Landes unter dem Eindruck der Mehrheitsverhältnisse den Realitäten anpassen, und das heißt dann nun mal eben Fanatismus und Gewalt statt Reflexion und Entwicklung.
Aber soo genau sollen wir unsere TV-Zukunft dann ja nun auch nicht wissen, nicht wahr, es könnte ja als Respektlosigkeit gegenüber anderen Kulturen aufgefaßt werden, das kann einer Karriere heute ganz schnell mal schaden.
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