Die Zukunft des Fernsehens Mal sehen, was auf Waffen-TV läuft

Immer mehr Unternehmen und Hobbyclubs betreiben im Internet einen eigenen Fernsehkanal. Ingo Wolf ist ein Pionier in der Spartenkanal-Branche.

An der Tür von Studio 2 klebt ein Zettel: »Mit Stöckelschuhen bitte vorsichtig auftreten!« Rote Kabel schlängeln sich über das Laminat, an der Seite steht eine Leiter, und vor einem grünen Vorhang sagt die Moderatorin Michaela: »Hallo und herzlich willkommen zur ersten Sendesekunde von Genuss-TV!«

Neben ihr lächelt Ingo Wolf in die Kamera. »Wir sind erreichbar auf den 400 wichtigsten Milliardärsjachten«, preist er seinen jüngsten Internet-Fernsehsender an. Wolf redet schnell und eloquent, ein ironisches Zucken seiner schmalen Lippen mildert das Vollmundige der Eigenwerbung. Der Mann ist 41, sein Gesicht mit der blonden Tolle wirkt jungenhaft, die Augen hinter der schmalen Hornbrille sind ständig in Bewegung. Das Mikrofon hat er sich mit einer Halterung aus dem Yps- Heft an sein Designerhemd geklemmt.

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Ingo Wolf ist ein Pionier des Internet-Fernsehens. Der Gründer und Inhaber der Firma Grid-TV betreibt mehr als 230 Spartensender. Diese sind über Internet-Protokoll (IP) weltweit am Computer zu empfangen. Die Avantgarde des Fernsehens hat ihre Zentrale am Rand der Bavaria-Filmstudios in München. Auf zwei Etagen wuseln 110 Mitarbeiter. In der Teeküche sieht’s aus wie in einer mittelprächtig funktionierenden WG, aber am Haupteingang ist ein Fingerabdruckscanner installiert. »Die teuren Geräte fürs HD-Fernsehen sollen bei uns bleiben«, sagt Wolf.

Hinter dem neuen Sender Genuss-TV steht der kleine Verlag Cap Com Media, der mit Magazinen für Feinschmecker und Zigarrenraucher sein Geld verdient. Jetzt will er den Herstellern von Genussmitteln eine Plattform mit bewegten Bildern bieten. Ingo Wolf gibt Genuss-TV gute Chancen, im Dschungel des Internet-Fernsehens zu überleben: Er beteiligt sich finanziell an diesem Kanal. Das macht Grid-TV nur bei zehn Prozent seiner Sender.

»Im Moment haben wir eine leichte Überhitzung des Markts«, sagt Wolf. Das heißt: Bis 2008 rechnet er in Deutschland mit 3000 IPTV-Sendern, von denen die Hälfte wieder eingehen wird. Weltweit sieht er ein Potenzial von 45000 IP-Sendern. Grid-TV will in den Vereinigten Staaten an der Ost- und Westküste expandieren, im Herbst hat Wolf das Terrain in Mumbai und Moskau sondiert. »Ich bin so ein Getriebener«, sagt er, »der Mars ist schon geplant.«

www.racecats.comDie Race Cats sind eine Rockabilly-Band aus München. Auf ihrer Homepage verspricht die Rubrik »RC-TV« Videos von ihren Auftritten. Doch der Bildschirm bleibt schwarz. Das Standbild zeigt den Gitarristen Robin Francis Brighton mit steil nach oben frisierter Tolle.

Robin Brighton heißt im Alltag Ingo Wolf. Seine Gitarre liegt im Schneideraum von Grid-TV, manchmal proben die Race Cats hier. Als Wolf noch Student der Physik und Verfahrenstechnik war, träumte er von einer CD seiner Band. Er gründete die Firma ArtVoice, presste CDs für Einsteiger auf dem Musikmarkt und war nur noch selten im Hörsaal anzutreffen. Gemeinsam mit der Firma Infineon entwickelte er einen neuen Chip, auf dem Musik gespeichert werden konnte (»Record on Silicon«), und verkündete: »Nutzen Sie das neue Medium. CDs wird es leider nicht mehr lange geben.« Heute sagt er: »Da habe ich richtig Geld versenkt. Und ich habe zu früh aufgegeben.«

2002 erhält Wolf ein Patent für die Abwicklung laufender Programme über IP-basierte Medien. Die hierdurch geschützten Verfahren machen es möglich, im Internet rund um die Uhr Programm auszustrahlen, wie man das vom herkömmlichen Fernsehen kennt. Zudem hat Wolf eine Art Schnellstraße durch das Internet entwickelt: Er hat ein Netz von Playout-Servern aufgebaut. Im so genannten FileLoadBalancing-Verfahren vermeiden diese Kapazitätsengpässe bei der Datenübergabe.

»Ingo Wolf hat Kontinuität bewiesen«, sagt Utz Wasner. Der Jurist kennt Wolf seit fünf Jahren, mittlerweile ist er bei Grid-TV für zwei Sender verantwortlich. Er beschreibt seinen Chef als einen Netzwerker, der Menschen motivieren kann. »Er hat einen exaltierten Auftritt, und er schafft es, die Augen seiner Partner zum Leuchten zu bringen.« Wasner schwärmt von der Gründerzeitstimmung im Unternehmen: »Jedem ist bewusst, dass wir hier etwas Neues aufbauen.« Wasner ist deutlich introvertierter als Wolf, und er ist Realist: Er sieht die permanente Arbeitsüberlastung der Mitarbeiter. Und er gibt zu, das Ende des Weges noch nicht zu kennen: »Bald wird sich herausstellen, was aus Grid-TV wird: ein Kabelnetzbetreiber? Oder ein Medienhaus, das Content anbietet?«

www.science-tv.comDer Wissenschaftssender besteht aus 14 Kanälen. Wer Technik-TV anwählt, muss ein paar Sekunden warten, dann läuft ein Film. Er zeigt mit brillanten Bildern, wie beim Rosenkäfer die Deckflügel mit einer Art Klettverschluss am Körper befestigt sind. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts haben diese mikroskopischen Strukturen untersucht und daraus neue Erkenntnisse für technische Befestigungen gewonnen.

Ingo Wolf lümmelt lässig am Konferenztisch. Das rechte Knie wippt auf Höhe der Tischplatte, der linke Arm liegt schlapp auf der Lehne des nächsten Stuhls. Wolf gerät ins Schwärmen, Science-TV gehört zu den Lieblingen unter seinen vielen Sendern. Er will eine Videothek mit dem Wissen der Welt aufbauen, er ist erfüllt von einem aufklärerischen Ideal, das Bildung für jedermann ermöglicht und die formalen Hürden des Schulsystems elegant umgeht.

Wenn Wolf redet, muss man genau nachfragen, um Gegenwart und Zukunft unterscheiden zu können. Das real existierende Angebot von Grid-TV enthält jede Menge Banalitäten und digitalen Müll: Bei Seat-TV gibt’s auf Abruf das Rennen der Serie Supercopa Leon auf dem Hockenheimring. Bei Hochzeitsreise-TV kann man sich bis zu den Wasserfällen auf Sri Lanka durchklicken, allein es kommt kein Bild.

Beate Uhse war an einem eigenen Sender interessiert, aber Wolf wollte nicht, weil Siemens für diesen Fall mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen gedroht hat. »Wenn das IPTV einen solchen Ruf bekommt, dass die großen Player nicht mehr mitspielen, dann habe ich ein wirtschaftliches Problem«, sagt er. Sender mit verfassungsfeindlichen und gewaltverherrlichenden Inhalten lehnt er kategorisch ab, einen eigenen Kanal des Waffenproduzenten Heckler & Koch kann er sich dagegen vorstellen: »Als Business-to-Business-Sender, zu dem man nur mit Passwort kommt, warum nicht?« Die Internet-Adresse »war-tv« gehört zu den rund 1000 Domains, die er sich schlauerweise gesichert hat – darunter die fast komplette Liste der Ländernamen auf Englisch: germany-tv.com, russia-tv.com…

www.presse-tv.netFür 1600 Euro im Monat kann ein Unternehmen bei Grid-TV einen digitalen Ausschnittdienst bestellen: Wie berichtet das Fernsehen zum Beispiel über Filialschließungen der Deutschen Post? Im Empfangsraum am Bavariafilmplatz wird das Fernsehprogramm rund um die Uhr aufgezeichnet. Zur Auswertung braucht es aber auch beim Internet-Fernsehen noch Menschen: Fünf Studenten sitzen vor Monitoren und schneiden zusammen, wie WDR und N24 über die Rede des Vorstandsvorsitzenden Zumwinkel berichten.

Einen eigenen Sender gibt’s bei Grid-TV ab 2500 Euro pro Monat. »Seit viereinhalb Jahren schreibe ich schwarze Zahlen«, sagt Ingo Wolf. »Im Moment wachsen wir viel zu schnell, und ich muss entscheiden: Investiere ich in neue Server oder mehr Personal? Da man den Menschen ja noch ein bisschen mehr Arbeit aufladen kann, gebe ich das Geld für neue Technik aus.«

Ingo Wolf gehört nicht zu den Schönrednern. Er macht kein Hehl daraus, dass ihm vor manchen Möglichkeiten des IPTV graut: »Die One-to-one-Sender werden kommen. Da kann jeder sich bei seinem Hobby filmen und ins Netz stellen. Das Ergebnis wird furchtbar sein.«

In seiner Wohnung in Pullach hat er weder Fernseher noch Computer. »Ich bin sowieso nie da«, sagt er. Morgen muss er ganz früh nach Frankfurt. Heute Abend steht noch ein Termin im Kalender, der ihm nicht wirklich unangenehm ist: Er trifft eine Tänzerin, die für tanzschul-tv den Beitrag über Salsa drehen soll.

Gegen 20 Uhr verlässt er die Firma. Es nieselt. Auf dem Parkplatz ruft er einer Mitarbeiterin hinterher: »Morgen kommen wieder zwei Sender dazu.«

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    • Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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