Vor großen Konzerten träume ich manchmal, ich säße in meiner Garderobe, und wenige Minuten vor dem Auftritt legte mir jemand die Noten für ein Rezitativ hin, die ich noch nie gesehen habe. Ich streife mit dem Finger nur flüchtig über die Seiten, da klopft es, und man bittet mich auf die Bühne. Der Dirigent hebt den Taktstock, der erste Ton erklingt. Meist erwache ich genau in diesem Moment schweißgebadet. Manchmal sehe ich noch, wie sich mein Mund öffnet und ich bizarre, völlig fremde Töne singe und wie mich das Publikum irritiert anschaut. Glücklicherweise habe ich den Traum vom eigenen Scheitern noch nie bis zum Ende geträumt. »Manchmal vergesse ich, dass ich gerade auf einer Bühne stehe. Ich verlasse meinen Körper und reise zu einem anderen Planeten. Eine Seelenreise wie im Nachttraum, rar und unglaublich kostbar«Foto: Kasskara BILD

Nicht selten werden Premieren von einer Atmosphäre begleitet, die einem das Gefühl gibt, diese oder jene Premiere sei unendlich wichtig, der Nabel der Welt. Also denkst du, wenn du jetzt auf dieser Bühne scheiterst, bricht die Welt in tausend Stücke. Doch auch dann wird sie sich weiterdrehen. Das zeigt mir mein anderthalbjähriger Sohn Jonas jeden Tag aufs Neue.

Nie habe ich mich so sehr bei mir und zugleich so von meinem Körper entäußert gefühlt wie in den Stunden, als ich Jonas zur Welt gebracht habe. Der Akt der Geburt lässt in jeder Frau etwas Neues zurück, in ihrem Wesen, in ihren Emotionen und in ihrem Blick aufs Leben.

Man kann nur von Empfindungen singen, die man selbst gespürt oder durchlitten hat. Oft heißt es, der oder die sei zu jung für diese oder jene Arie. Doch es ist keine Frage des Alters, sondern der durchlebten Gefühle. Mein Vater starb, als ich elf war. Wer weiß, wie ich damit fertig geworden wäre, wenn mir nicht die Musik den Weg zu meiner eigenen Trauer ermöglicht hätte?

Schon mit drei Jahren war ich gefesselt vom Klang des Klaviers, das in unserem Kindergarten stand. Ich war ein merkwürdiger Käfer damals. Ich spielte kaum mit anderen Kindern und litt gleichzeitig darunter, dass ich keine Freunde hatte, weil mich alle als sonderbar empfanden. Umso mehr flüchtete ich mich in die Musik. Seitdem ich denken kann, kann ich mich in ihr besser ausdrücken als im gesprochenen Wort.

Damals, mit drei Jahren, beschloss ich, Pianistin zu werden. Mit sechs fing ich an, sehr ernsthaft im Kinderchor der Philharmonie in meiner Heimatstadt Brünn zu singen. Ich wusste immer, was ich wollte. Heute beeindruckt mich diese Zielstrebigkeit, weil ich weiß, dass einen das Leben verdammt zerstreuen kann. Ist es nicht schrecklich, wie viel Wahlmöglichkeiten wir heute haben?