Natürlich war ich in diesem Jahr wieder nicht mit meinem Neffen im Kino. Ein einziger Abend war versprochen, Film egal, ein Abend von dreihundertfünfundsechzig Abenden. Du hast ja nie Zeit, sagt der kleine Mann am Telefon. Illustration: Martin Burgdorff für DIE ZEIT BILD

Wenigstens zu ihrem Geburtstag wollte ich meine Mutter zu Hause besuchen. War klar, sagt sie, dass du’s nicht schaffst. Ein Jahr kann auf irrsinnige Weise kurz sein, sage ich. Bitter darauf ihr Schweigen.

Für 2006 hatte ich mir vorgenommen, mindestens zehnmal in Theater und Oper zu gehen. Immer kam etwas dazwischen, von dem ich nicht wusste, ob es wichtiger oder nur bequemer war. Vier Wochen wollte ich durch Südamerika reisen, im Mai dachte ich noch: Pah, hast ja noch das ganze Jahr vor dir. Weiter als bis Griechenland kam ich nicht, eineinhalb Wochen, zwischen zwei unaufschiebbare Projekte gequetscht, mit Laptop und einem Berg Arbeit. Im Juli begann dann das linke Augenlid zu zucken. Sport, jeden Mittwoch zwei Stunden Tennis, am Wochenende Rad fahren, das war das große Vorhaben. Wo der Schläger ist, weiß ich bis heute nicht; Rad gefahren bin ich einmal. Im August schwor ich mir, nie mehr zu spät zu kommen, und überzog von September bis November eine Deadline nach der nächsten.

Ich bin erschöpft und in meiner Erschöpftheit zugleich hyperaktiv. Es kam in diesem Jahr gelegentlich vor, dass ich nicht mehr wusste, welches Datum war. Ich bin nicht imstande, zu sagen, womit genau ich meine Zeit verbrauche. Ich stelle nur fest, dass ich nie genügend habe. Ich fühle mich getrieben von den Umständen, über deren Bedingungen ich nichts Genaues weiß. Ich bin ein typischer Vertreter der dauererregten Leistungsgesellschaft in permanenter Zeitnot. Solche Menschen tun das meiste gleichzeitig und erlegen sich stets das höchste Pensum auf, unter dessen Druck sie dann leiden. Warteschlangen im Postamt martern sie, in Wartezimmern beim Arzt werden sie rasch ungehalten, auf Wartestühlen in Ämtern wütend. Oft arbeiten sie in die Nacht hinein. Sie schlafen schlecht, weil sie nicht abschalten können. Die Uhr ist ihr wichtigster Partner.

Anfang November las ich in verschiedenen wissenschaftlichen Studien folgende Fakten: Ehepaare reden am Tag durchschnittlich acht Minuten miteinander; 40 Prozent der leitenden Angestellten leiden unter Stress; das Lebenstempo hat sich in den letzten 200 Jahren verdoppelt; vier von fünf Kindern in Deutschland fühlen sich unter Zeitdruck; der Einsatz von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Muntermachern steigt jährlich um acht bis zehn Prozent; und Untersuchungen der Historikerin Juliet Schor zufolge haben Amerikaner seit Mitte der 1970er Jahre 37 Prozent ihrer Freizeit eingebüßt.

Als ich erkannte, dass auch ich zu denjenigen gehöre, in deren aktivem Wortschatz das wunderbare Wort »Muße« nicht vorkommt, machte ich mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Ich reiste nach München, Zürich, Luzern, Sursee, Hersbruck und Frankfurt und traf Menschen, die die Zeit wiedergefunden haben.

1. Etappe: Ein westeuropäischer Workaholic erkennt sich selbst

Da ich berechenbar zu spät aus dem Bett komme und mein biologischer Rhythmus mit der sozialen Uhrzeit grundsätzlich in Konflikt liegt, stand ich am Tag der Abreise gezielt eine Stunde früher auf, als es meine Natur vorgesehen hätte, verbot mir, wie üblich noch schnell ein paar Telefonate zu führen, hakte die To-do-Liste ab und fand die beglückende Gelegenheit, zwei Hemden zu bügeln, Schuhe zu imprägnieren und im Sitzen zu frühstücken. Am neuerdings erheblich beschleunigten digitalen Ticketautomaten auf dem Hamburger Hauptbahnhof bestellte ich in 20 Sekunden eine Fahrkarte nach München und rechnete aus, dass ich ab jetzt 10.800 Minuten zur Lösung der Frage hätte, wo die Zeit geblieben ist, bevor der Text in Druck gehen müsste.

Bahnhöfe sind, wie Flugplätze, Beschleunigungsgeneratoren, wo die Herrschaft der Uhr zur Herrschaft über die eigene Zeit wird, und der Hauptbahnhof Hannover ist unter allen Beschleunigungsgeneratoren einer der kraftvollsten. Hier ist zu fast jeder Zeit Folgendes zu erleben: Beinahzusammenstöße, Zusammenstöße, Rempeleien, Staus auf den Rolltreppen, schreiende Kinder, ausgebremste Hektiker, ausbremsende Seniorinnen, kollidierende Kolonnen, während die Stimme der Ansagerin kundtut, der ICE 951 habe siebzehn Minuten Verspätung. Mindestens die Hälfte zückt daraufhin sofort das Handy und brummt die Nachricht von der Verspätung hinein. Dann die Qual des Wartens am Bahnsteig. Die Zumutung der Leere, da siebzehn Minuten lang nichts geschieht. Die Ereignislosigkeit aushalten zu müssen scheint die größte Herausforderung für das spätmodern getaktete Subjekt zu sein, diese Zumutung, den ungeplanten Stillstand, die eigene Ohnmacht zu ertragen. Der Zug kommt überraschend früher zu spät, allerdings hat sich der Wagenstand geändert. Mindestens die Hälfte zückt erneut das Handy, um die Änderung der Änderung mitzuteilen. Während Erste-Klasse-Kunden an mir vorbei nach D bis E hasten, haste ich zu den Abschnitten A bis C, wo sich eine kleinwüchsige Nonne seelenruhig ein Taschentuch unter den Ärmel stopft.

Während der Fahrt im ICE nach München lese ich einige kognitionspsychologische Studien zur Zeit. Ich lerne, dass ich erstens ein typischer Vertreter der westlichen Kultur bin, da ich deren M-Zeit-Bewusstsein habe, und zweitens unter der »Eilkrankheit« leide. M-Zeit-Kultur-Menschen (monochrome) arbeiten in linearer Abfolge von festgesetztem Anfang bis festgesetztem Ende, P-Zeit-Kultur-Menschen (polychrome) widmen sich einem Ereignis so lange, bis eine neue Neigung auftaucht. Wissenschaftlich gesehen, bin ich also Typ A in der M-Zeit-Kultur eines der schnellsten Länder der Welt; ein westeuropäischer Workaholic in der Rush-Hour-Phase seines Lebens, dazu Chronotypus Spätaufsteher.

Ein Typ A wie ich geht und isst meist schnell, leidet unter der Langsamkeit anderer, ist nervös, unruhig, ungeduldig, vervollständigt Sätze von Leuten, die ihm zu schleppend reden, und lebt unterm Diktat der Uhrzeit. Sein Leben ist ein streng getaktetes Ablaufprogramm von kurzfristigen Arrangements, die ständig neu koordiniert werden müssen. M-Zeit-Kulturen wie Amerika, Deutschland oder Japan sind gekennzeichnet durch Einhaltung von Zeitplänen, P-Zeit-Kulturen wie Brasilien oder Mexiko durch eine starke Beziehung zu den Mitmenschen. In individuell geprägten Kulturen bewegen sich die Menschen schneller als in jenen vom Kollektiv geprägten. Nach Untersuchungen des amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine auf allen Kontinenten der Erde ist Typ A ein Mensch aus der oberen Bildungsschicht, der getrieben wird vom Gefühl des Zeitdrucks, von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen.