Zeit Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Eine Stadt verbannt die Geschwindigkeit. Ein Unternehmer kämpft gegen die Globalisierung. Ein Wissenschaftler fordert »Zeit-Guthaben« für alle - Reise in acht Etappen zu Menschen, die das langsame Leben wiederentdecken

Natürlich war ich in diesem Jahr wieder nicht mit meinem Neffen im Kino. Ein einziger Abend war versprochen, Film egal, ein Abend von dreihundertfünfundsechzig Abenden. Du hast ja nie Zeit, sagt der kleine Mann am Telefon.

Wenigstens zu ihrem Geburtstag wollte ich meine Mutter zu Hause besuchen. War klar, sagt sie, dass du’s nicht schaffst. Ein Jahr kann auf irrsinnige Weise kurz sein, sage ich. Bitter darauf ihr Schweigen.

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Für 2006 hatte ich mir vorgenommen, mindestens zehnmal in Theater und Oper zu gehen. Immer kam etwas dazwischen, von dem ich nicht wusste, ob es wichtiger oder nur bequemer war. Vier Wochen wollte ich durch Südamerika reisen, im Mai dachte ich noch: Pah, hast ja noch das ganze Jahr vor dir. Weiter als bis Griechenland kam ich nicht, eineinhalb Wochen, zwischen zwei unaufschiebbare Projekte gequetscht, mit Laptop und einem Berg Arbeit. Im Juli begann dann das linke Augenlid zu zucken. Sport, jeden Mittwoch zwei Stunden Tennis, am Wochenende Rad fahren, das war das große Vorhaben. Wo der Schläger ist, weiß ich bis heute nicht; Rad gefahren bin ich einmal. Im August schwor ich mir, nie mehr zu spät zu kommen, und überzog von September bis November eine Deadline nach der nächsten.

Ich bin erschöpft und in meiner Erschöpftheit zugleich hyperaktiv. Es kam in diesem Jahr gelegentlich vor, dass ich nicht mehr wusste, welches Datum war. Ich bin nicht imstande, zu sagen, womit genau ich meine Zeit verbrauche. Ich stelle nur fest, dass ich nie genügend habe. Ich fühle mich getrieben von den Umständen, über deren Bedingungen ich nichts Genaues weiß. Ich bin ein typischer Vertreter der dauererregten Leistungsgesellschaft in permanenter Zeitnot. Solche Menschen tun das meiste gleichzeitig und erlegen sich stets das höchste Pensum auf, unter dessen Druck sie dann leiden. Warteschlangen im Postamt martern sie, in Wartezimmern beim Arzt werden sie rasch ungehalten, auf Wartestühlen in Ämtern wütend. Oft arbeiten sie in die Nacht hinein. Sie schlafen schlecht, weil sie nicht abschalten können. Die Uhr ist ihr wichtigster Partner.

Anfang November las ich in verschiedenen wissenschaftlichen Studien folgende Fakten: Ehepaare reden am Tag durchschnittlich acht Minuten miteinander; 40 Prozent der leitenden Angestellten leiden unter Stress; das Lebenstempo hat sich in den letzten 200 Jahren verdoppelt; vier von fünf Kindern in Deutschland fühlen sich unter Zeitdruck; der Einsatz von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Muntermachern steigt jährlich um acht bis zehn Prozent; und Untersuchungen der Historikerin Juliet Schor zufolge haben Amerikaner seit Mitte der 1970er Jahre 37 Prozent ihrer Freizeit eingebüßt.

Als ich erkannte, dass auch ich zu denjenigen gehöre, in deren aktivem Wortschatz das wunderbare Wort »Muße« nicht vorkommt, machte ich mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Ich reiste nach München, Zürich, Luzern, Sursee, Hersbruck und Frankfurt und traf Menschen, die die Zeit wiedergefunden haben.

1. Etappe: Ein westeuropäischer Workaholic erkennt sich selbst

Da ich berechenbar zu spät aus dem Bett komme und mein biologischer Rhythmus mit der sozialen Uhrzeit grundsätzlich in Konflikt liegt, stand ich am Tag der Abreise gezielt eine Stunde früher auf, als es meine Natur vorgesehen hätte, verbot mir, wie üblich noch schnell ein paar Telefonate zu führen, hakte die To-do-Liste ab und fand die beglückende Gelegenheit, zwei Hemden zu bügeln, Schuhe zu imprägnieren und im Sitzen zu frühstücken. Am neuerdings erheblich beschleunigten digitalen Ticketautomaten auf dem Hamburger Hauptbahnhof bestellte ich in 20 Sekunden eine Fahrkarte nach München und rechnete aus, dass ich ab jetzt 10.800 Minuten zur Lösung der Frage hätte, wo die Zeit geblieben ist, bevor der Text in Druck gehen müsste.

Bahnhöfe sind, wie Flugplätze, Beschleunigungsgeneratoren, wo die Herrschaft der Uhr zur Herrschaft über die eigene Zeit wird, und der Hauptbahnhof Hannover ist unter allen Beschleunigungsgeneratoren einer der kraftvollsten. Hier ist zu fast jeder Zeit Folgendes zu erleben: Beinahzusammenstöße, Zusammenstöße, Rempeleien, Staus auf den Rolltreppen, schreiende Kinder, ausgebremste Hektiker, ausbremsende Seniorinnen, kollidierende Kolonnen, während die Stimme der Ansagerin kundtut, der ICE 951 habe siebzehn Minuten Verspätung. Mindestens die Hälfte zückt daraufhin sofort das Handy und brummt die Nachricht von der Verspätung hinein. Dann die Qual des Wartens am Bahnsteig. Die Zumutung der Leere, da siebzehn Minuten lang nichts geschieht. Die Ereignislosigkeit aushalten zu müssen scheint die größte Herausforderung für das spätmodern getaktete Subjekt zu sein, diese Zumutung, den ungeplanten Stillstand, die eigene Ohnmacht zu ertragen. Der Zug kommt überraschend früher zu spät, allerdings hat sich der Wagenstand geändert. Mindestens die Hälfte zückt erneut das Handy, um die Änderung der Änderung mitzuteilen. Während Erste-Klasse-Kunden an mir vorbei nach D bis E hasten, haste ich zu den Abschnitten A bis C, wo sich eine kleinwüchsige Nonne seelenruhig ein Taschentuch unter den Ärmel stopft.

Während der Fahrt im ICE nach München lese ich einige kognitionspsychologische Studien zur Zeit. Ich lerne, dass ich erstens ein typischer Vertreter der westlichen Kultur bin, da ich deren M-Zeit-Bewusstsein habe, und zweitens unter der »Eilkrankheit« leide. M-Zeit-Kultur-Menschen (monochrome) arbeiten in linearer Abfolge von festgesetztem Anfang bis festgesetztem Ende, P-Zeit-Kultur-Menschen (polychrome) widmen sich einem Ereignis so lange, bis eine neue Neigung auftaucht. Wissenschaftlich gesehen, bin ich also Typ A in der M-Zeit-Kultur eines der schnellsten Länder der Welt; ein westeuropäischer Workaholic in der Rush-Hour-Phase seines Lebens, dazu Chronotypus Spätaufsteher.

Ein Typ A wie ich geht und isst meist schnell, leidet unter der Langsamkeit anderer, ist nervös, unruhig, ungeduldig, vervollständigt Sätze von Leuten, die ihm zu schleppend reden, und lebt unterm Diktat der Uhrzeit. Sein Leben ist ein streng getaktetes Ablaufprogramm von kurzfristigen Arrangements, die ständig neu koordiniert werden müssen. M-Zeit-Kulturen wie Amerika, Deutschland oder Japan sind gekennzeichnet durch Einhaltung von Zeitplänen, P-Zeit-Kulturen wie Brasilien oder Mexiko durch eine starke Beziehung zu den Mitmenschen. In individuell geprägten Kulturen bewegen sich die Menschen schneller als in jenen vom Kollektiv geprägten. Nach Untersuchungen des amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine auf allen Kontinenten der Erde ist Typ A ein Mensch aus der oberen Bildungsschicht, der getrieben wird vom Gefühl des Zeitdrucks, von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen.

Leser-Kommentare
  1. 1. +++

    Fantastischer Artikel! Er hat genau das auf den Punkt gebracht, worüber ich mir in letzter Zeit Gedanken gemacht habe.
    Z.B. habe ich heute bei Freunden einen Expresso aus einem Expressoautomaten getrunken, der mit diesen Kapseln gefüttert wird, obwohl es Lavazza ist, schmeckt er nicht so gut wie aus der normalen Expressokanne. Da hatte ich mich gefragt, was bringt die Zeitersparnis dieser Kapseln, wenn der Kaffee schlechter schmeckt. Auch das Füllen der Kanne mit Wasser und Kaffeepulver, zuschrauben, die Gasflamme anzünden, hat eine Zeit-Qualität und ist keine verlorene Zeit.
    Ich gehöre auch zu den anachronistischen Menschen, die einen Holzofen haben, der zwar viel Arbeit und Dreck macht, aber eine wundervolle Wärme abgibt. Auf der anderen Seite nutze ich Computer und Internet intensiv, da es für meinen Beruf wichtig ist.

    • haoyan
    • 01.01.2007 um 18:56 Uhr

    Der Artikel beschreibt in wunderbar offener Art, in welchem Zwang wir uns in der modernen Gesellschaft befinden: dem Stress erliegen und ackern bis zum Umfallen und langsam aber sicher alle sozielen Bindungen zu gefährden (eben nicht mal für den Neffen Zeit finden), oder sich den Luxus gönnen und Zeit zu haben und sein Leben nicht von einem monotonen, krank machenden Rhythmus diktieren zu lassen. Im letzten Jahr hatte ich die Möglichkeit in Neuseeland zu leben und für mich den Wert des Zeithabens zu genießen und dadurch einen Weg für meine Zukunft zu finden, der mich glücklicher macht als die frustrierte Jobsuche und das damit verbundene Vermögen (wie immer das auch aussehen soll?), dass direkt nach dem Studium das Ideal darstellte. Sich zu verwirklichen und Zeit für Freunde zu haben, finde ich mittlerweile wichtiger als Fristen und ein augenscheinlich sorgenfreies (finanzielles) Leben.
    Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen. Nehmen Sie sich Zeit, finden Sie Zeit für andere, lassen Sie sich Zeit! Solche Redewendungen sollten im Mittelpunkt unseres Lebens stehen und nicht: Zeit is Geld oder wir müssen die Zeit totschlagen. Erkennen wir die Zeichen der Zeit und denken ganzheitlich: Kommt Zeit, kommt Rat!

  2. Och, da haben Menschen keine Zeit, um ihren Espresso zu geniessen und die Seele mal richtig schoen baumeln zu lassen? Wo leben wir denn, woher meinen Sie kommt denn der Reichtum dieses Landes, vom bloed herumhaengen etwa? Wenn Sie Ruhe und jeden Abend Zeit zum Entspannen wollen, dann suchen Sie sich doch einen einfacheren Beruf oder ziehen Sie zu denen, die viel Zeit, aber nichts zu tun haben, etwa in der dritten Welt. Beides aber geht bestimmt nicht, Erfolg und Ruhe, diese zwei Dinge schliessen sich vollstaendig aus. Das ist quasi ein Naturgesetz menschlicher Gesellschaften. Wenn Sie sich zu bequem sind, um eine grosse Lebensentscheidung zu treffen, dann hoeren Sie auf zu noergeln!!!

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    Hat tomatensaft den Zeit, den Artikel zu lesen? zumindestens nicht so viel,um das Problem verstanden zu haben.

    Hat tomatensaft den Zeit, den Artikel zu lesen? zumindestens nicht so viel,um das Problem verstanden zu haben.

    • Anonym
    • 02.01.2007 um 0:43 Uhr

    Als ich den Artikel las, war ich positiv überrascht. Offensichtlich reguliert sich die Natur doch von ganz alleine.

    Erst stürmen alle wie die Irren los, getrieben von Konkurrenzneid, Jugendausbeutung und vor allem einer maßlosen selbstüberschätzenden Eitelkeit, so dass man meint dass Irrenhaus würde sich nie beruhigen.

    Und plötzlich merken die Täter, das Sie Opfer wurden.
    Sicher, es Bedarf wieder mal eines Trends, eines Schlagwortes, einer Mode, damit die Protagonisten der Beschleunigung überhaupt in der Lage sind diesen irrsinnigen Zustand überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, dabei ist das ganze weder neu, noch originell. Wer in die Kirche geht bzw, sich mit christlchem Glauben beschäftigt (ich meine nicht die beschleunigten Aufgeregtheiten um menschliches oder historisches Versagen einzelner Akteure oder historisch beschleunigter Zeiten) , der wird feststellen, dass das Wissen, das hier gesucht wird schon seit mindestens 2000 Jahren Bestandteil unserer Kultur ist.
    Es ist bloß unmodern, unbequem, unpraktisch und durch vernebelnde Voruteile völlig verschüttet worden.

    Es ist gar nicht so schwer sich dem Ganzen zu entziehen, es fordert nur ein bißchen Mut und echtes Selbstbewußtsein.
    Beides ist notwendig in einer Konkurrenzgesellschaft, damit man nicht mehr will, als man zu Leisten im Stande ist, damit Konkurrenz ein Segen bleibt und kein Fluch wird.

    Diejenigen, die hier mal wieder Marx bemühen, belustigen mich. Ausgerechnet Marx? Der Vater der Beschleunigung?
    Marxismus ist Materialismus, Sozialismus ist Materialismus, Materialismus ist die Ursache der Beschleunigung.
    Das kommt mir vor wie beim Monopoli: 'Gehe zurück auf Start!'
    Da liegt aber keine Lösung, sondern nur Wiederholung.
    Die Lösung liegt in der Entzauberung des Materialismusses, Wohlstand ist eben keine Heilslehre. Wer halt immer Ideologien benötigt, wem es zu anstrengend bleibt im nicht Absoluten zu leben, wer zu faul zum denken ist, der wird die Zeit immer als Beschleunigung empfinden.
    Die Heilsgewissen haben sich von den Kirchen abgewandt, damit wurden diese Uninteressant, die Kirchen haben sich entschleunigt, vielleicht ist das gar kein Verlust weil so die Korrumpierbarkeit durch die (Zeit-) Korrupten entfällt.

  3. Ein Kapitalismuspädagoge der Gesinnungswacht Graue Männer sieht hier natürlich Interventionsbedarf, möglichst vernichtend, also auch kaltschnauzig und polemisch. Ich begrüße diesen Artikel, er zeigt ein paar sehr schöne Facetten auf. Vermißt habe ich den Anklang daran, dass die Reifungsprozesse des Menschen durch eine Übermaß an Aktivität zu kurz kommen. Nur handeln und funktionieren verdummt.

    • z0ra
    • 02.01.2007 um 0:12 Uhr
    6.

    Der Autor hat einige subjektive Meinungen geschildert und auch seine subjektive Meinung einfließen lassen. Daran lässt der Artikel meiner Meinung nach keinen Zweifel. Sie hingegen sind auf den Mythos der Objektivität hereingefallen.

    Offensichtlich gehen Sie davon aus, dass die Entwicklung der Gesellschaft, zumindest was diese Thematik betrifft, ihren Höhepunkt erreicht hat und keine Verbesserung mehr möglich ist. Ein Umdenken und folglich eine Weiterentwickung ist nicht aufzuhalten, spätestens dann, wenn die bewährten Lösungsansätze versagen. Und das tun sie bereits.

  4. 7.

    Konkrete Hilfestellung vielleicht durch Anregung in der Lektüre. Ich finde, dass folgende Bücher einen Bezug zum Thema aufweisen:

    1. Richard Layard - Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft.

    2. Jean-Jacques Rousseau - Bekenntnisse [dort m. E. vor allem die Stelle als Rousseau im Exil auf einer Insel im Bieler See seine ganze Zeit dem Studium der Natur widmet, und so eine der erfülltesten Zeiten seines Lebens erfährt]

    • z0ra
    • 02.01.2007 um 0:16 Uhr
    8.

    Der Autor hat einige subjektive Meinungen geschildert und auch seine subjektive Meinung einfließen lassen. Daran lässt der Artikel meiner Meinung nach keinen Zweifel. Sie hingegen sind auf den Mythos der Objektivität hereingefallen.

    Offensichtlich gehen Sie davon aus, dass die Entwicklung der Gesellschaft, zumindest was diese Thematik betrifft, ihren Höhepunkt erreicht hat und keine Verbesserung mehr möglich ist. Ein Umdenken und folglich eine Weiterentwickung ist nicht aufzuhalten, spätestens dann, wenn die bewährten Lösungsansätze versagen. Und das tun sie bereits.

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01
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