Haus der Kinder Die Verteidigung des Kindes

Vor 100 Jahren eröffnete Maria Montessori in Rom ihre erste Casa dei Bambini. Ein Porträt der legendären Ärztin und Pädagogin.

Am 6. Januar 1907 gibt es im römischen Stadtteil San Lorenzo ein kleines Fest: Die erste Casa dei Bambini, das erste Haus der Kinder, wird eröffnet. Es ist etwas ganz Besonderes für San Lorenzo. Denn das Viertel gilt als Kiez, ein übel beleumundetes Quartier. Die Wohnverhältnisse sind erbärmlich, die Kriminalitätsrate liegt hoch, Prostitution gibt es auch – ein »sozialer Brennpunkt«, wie man heute sagt.

Um diesem Elend ein Ende zu machen, hat eine Gruppe philanthropischer Bauunternehmer etliche der heruntergekommenen Häuser aufgekauft und sanieren lassen. Die neuen Wohnungen werden nur an Ehepaare vergeben, bei denen beide Partner auf honette Weise ihr Geld verdienen. Für die Betreuung der Kinder, die noch nicht zur Schule gehen, soll auch gesorgt sein. Es wird beschlossen, mehrere Horte für jeweils etwa vierzig Kinder einzurichten; jetzt ist der erste fertig.

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Pädagogisch ausgebildete Leiterinnen stehen für diese Tagesstätten allerdings nicht zur Verfügung. Da kommen die Damen und Herren Philanthropen auf die Idee, für die Oberaufsicht eine Ärztin zu engagieren, die Erfahrung hat im Umgang mit Kindern, nicht zuletzt mit behinderten Kindern, und die sich in Rom bereits einer gewissen Berühmtheit erfreut: Maria Montessori.

Sie nimmt die Aufgabe an, kümmert sich um die Einrichtung der Häuser – und stellt Bedingungen für die Aufnahme der Zöglinge: Zugelassen werden nur Kinder, die gewaschen sind und saubere Kleidung tragen; die Eltern sind verpflichtet, der Erzieherin Respekt zu erweisen und sich einmal wöchentlich mit ihr zusammenzusetzen, um über die familiäre Situation und die Entwicklung der Sprösslinge zu reden.

Was so unscheinbar begann an jenem Dreikönigstag vor 100 Jahren, sollte der Beginn der weltweiten Montessori-Bewegung werden. Denn die Casa dei Bambini von San Lorenzo in Rom war zugleich das erste Labor der Montessori-Pädagogik, die bis heute ihre Anhänger und ihre Gegner hat.

Im Mittelpunkt dieses Konzepts – wie es für die Zeit der Jahrhundertwende in Europa mit ihrer vielfältigen Lebensreformbewegung nicht untypisch war – steht das »befreite Kind«. Maria Montessori war der Überzeugung, dass Erwachsene viel zu häufig und viel zu schnell in den natürlichen Entwicklungsgang eingriffen, dass jedes Kind seine Erfahrungen allein machen müsse. Außerdem glaubte sie, dass die nur für Erwachsene eingerichtete Welt die Kleinen überfordere und dadurch entmutige.

Das begann für sie schon mit den Möbeln. Ein Kind, das gezwungen ist, auf einem normalen Stuhl zu sitzen, kommt mit den Füßen nicht auf den Boden, es verliert an Halt. »Nehmen wir an, wir befänden uns unter einem Volk von Giganten mit sehr langen Beinen, mit einem riesigen Körper [] Wir wollen ihre Häuser betreten: Die Treppenstufen reichen uns bis zum Knie, trotzdem versuchen wir, sie zu erklimmen. Wir wollen uns setzen, doch der Sitz geht uns fast bis zur Schulter. Mit Mühe erklettern wir den Stuhl, und endlich gelingt es uns, darauf Platz zu nehmen. [] Wenn wir wüssten, dass diese Giganten uns erwartet haben, dann müssten wir sagen: Sie haben nichts zu unserem Empfang getan und nichts, um uns ein angenehmes Leben zu bereiten.«

Leser-Kommentare
    • Colon
    • 09.01.2007 um 21:03 Uhr

    Gratulation, Frau Maurer, zu dieser gelungenen Würdigung Maria Montessoris. Die ZEIT gewinnt, auch Online.

  1. Deutschland von einer kindgerecht gestalteten Umwelt ist, sieht man z.B. an den Drückampeln in Hamburg:

    Die Schalter sind auf einer Höhe angebracht, die für kleine Menschen (Kinder) praktisch kaum zu erreichen ist. Außerdem ist die Anzeige 'Signal kommt' für sie nicht abzulesen.

    In skandinavischen Ländern sind die gleichen Drücker (wie auch Lichtschalter usw.) deutlich tiefer und damit kindgerechter angebracht.

    Off Topic ich weiß, aber wo soll man das denn sonst loswerden? Wollt nur sagen: so viele Sachen könnten mit dem geringsten Aufwand besser gemacht werden, es interessiert nur niemanden.

  2. schreibt hier seine Zeilen nieder, kein Gesandter des Guten lässt sich hier einschreiben, obwohl gerade beim Bambini die Heilungsprozesse unseren Gesellschaft zu finden sind.
    Es ist ja nicht nur Frau Montessori, sondern viel andere Pädagogen konnten beweisen das es doch anders möglich sei.
    Das Drame beginnt bei der Geburt: Ist sie liebevoll oder nicht, und nachher geht die Sache ihren Weg. Dann kommt die Schule, Passfoto der Gesellschaft, was will diese? Freies Denken mit emanzipierten Menschen, oder vorauseilenden Gehorsam dieserwelcher der Industrie zugute kommt, obwohl sie ja Interesse an Erfindungsgeist haben müsste.
    Nun, wollen wir eine tierische Gesellschaft mit Rangordnung, oder alle Freunde werden? Diese Weichen werden in den ersten Lebensjahren gestellt.
    Also sind dies unheimlich wichtige Themen...die bis zum Verständnis oder Unverständnis einer Hinrichtung gehen.
    Also, kein grosser Krieger hat sich hier gemeldet, weil er selbst mal ins Schema passen musste? Oder gibt es noch andere Ursachen?

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