Am 6. Januar 1907 gibt es im römischen Stadtteil San Lorenzo ein kleines Fest: Die erste Casa dei Bambini, das erste Haus der Kinder, wird eröffnet. Es ist etwas ganz Besonderes für San Lorenzo. Denn das Viertel gilt als Kiez, ein übel beleumundetes Quartier. Die Wohnverhältnisse sind erbärmlich, die Kriminalitätsrate liegt hoch, Prostitution gibt es auch – ein »sozialer Brennpunkt«, wie man heute sagt. Die Hand ist Werkzeug des Geistes: Zöglinge eines Hamburger Montessori-Kinderhauses 1925 beim Abwaschen BILD

Um diesem Elend ein Ende zu machen, hat eine Gruppe philanthropischer Bauunternehmer etliche der heruntergekommenen Häuser aufgekauft und sanieren lassen. Die neuen Wohnungen werden nur an Ehepaare vergeben, bei denen beide Partner auf honette Weise ihr Geld verdienen. Für die Betreuung der Kinder, die noch nicht zur Schule gehen, soll auch gesorgt sein. Es wird beschlossen, mehrere Horte für jeweils etwa vierzig Kinder einzurichten; jetzt ist der erste fertig.

Pädagogisch ausgebildete Leiterinnen stehen für diese Tagesstätten allerdings nicht zur Verfügung. Da kommen die Damen und Herren Philanthropen auf die Idee, für die Oberaufsicht eine Ärztin zu engagieren, die Erfahrung hat im Umgang mit Kindern, nicht zuletzt mit behinderten Kindern, und die sich in Rom bereits einer gewissen Berühmtheit erfreut: Maria Montessori.

Sie nimmt die Aufgabe an, kümmert sich um die Einrichtung der Häuser – und stellt Bedingungen für die Aufnahme der Zöglinge: Zugelassen werden nur Kinder, die gewaschen sind und saubere Kleidung tragen; die Eltern sind verpflichtet, der Erzieherin Respekt zu erweisen und sich einmal wöchentlich mit ihr zusammenzusetzen, um über die familiäre Situation und die Entwicklung der Sprösslinge zu reden.

Was so unscheinbar begann an jenem Dreikönigstag vor 100 Jahren, sollte der Beginn der weltweiten Montessori-Bewegung werden. Denn die Casa dei Bambini von San Lorenzo in Rom war zugleich das erste Labor der Montessori-Pädagogik, die bis heute ihre Anhänger und ihre Gegner hat.

Im Mittelpunkt dieses Konzepts – wie es für die Zeit der Jahrhundertwende in Europa mit ihrer vielfältigen Lebensreformbewegung nicht untypisch war – steht das »befreite Kind«. Maria Montessori war der Überzeugung, dass Erwachsene viel zu häufig und viel zu schnell in den natürlichen Entwicklungsgang eingriffen, dass jedes Kind seine Erfahrungen allein machen müsse. Außerdem glaubte sie, dass die nur für Erwachsene eingerichtete Welt die Kleinen überfordere und dadurch entmutige.

Das begann für sie schon mit den Möbeln. Ein Kind, das gezwungen ist, auf einem normalen Stuhl zu sitzen, kommt mit den Füßen nicht auf den Boden, es verliert an Halt. »Nehmen wir an, wir befänden uns unter einem Volk von Giganten mit sehr langen Beinen, mit einem riesigen Körper [] Wir wollen ihre Häuser betreten: Die Treppenstufen reichen uns bis zum Knie, trotzdem versuchen wir, sie zu erklimmen. Wir wollen uns setzen, doch der Sitz geht uns fast bis zur Schulter. Mit Mühe erklettern wir den Stuhl, und endlich gelingt es uns, darauf Platz zu nehmen. [] Wenn wir wüssten, dass diese Giganten uns erwartet haben, dann müssten wir sagen: Sie haben nichts zu unserem Empfang getan und nichts, um uns ein angenehmes Leben zu bereiten.«