ZivilisationMoloch aus Lehm

Vor 6000 Jahren entstanden im Zweistromland die ersten Städte. Neue Funde verändern die Vorstellung der Archäologen vom Aufbruch der Menschheit in die Neuzeit. von 

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Als die Belagerer ihre Schleudern luden, kam das Ende. Tausende hart getrockneter Lehmprojektile hagelten auf die Verteidiger von Hamoukar nieder. Sobald ihr Widerstand zusammenbrach, schleiften die Angreifer aus dem Süden die drei Meter hohen Befestigungsmauern und stürmten die Stadt. Hamoukar ging in Flammen auf.

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Im 4. Jahrtausend vor Christus tobte der erste Krieg der Menschheit. "Wir haben das älteste bekannte Beispiel eines Angriffskriegs vor uns", sagt Clemens Reichel. Truppen aus den frühen Stadtstaaten Südmesopotamiens, vielleicht aus Uruk, drangen nach Norden vor, nahmen Hamoukar in Besitz und unterwarfen den umliegenden Landstrich. "Hier fand kein kleines Scharmützel statt", sagt Reichel, "wir sehen eine einzige Kampfzone": Gebäudeschutt, Asche und mengenweise Munition.

Der deutsche Archäologe vom Orient-Institut der Universität Chicago leitet seit 2003 die Erkundung des vorzeitlichen Schlachtfelds im Zweistromland. Allein im "Areal B", dem Kerngebiet der Grabung, fanden Reichel und seine Mitarbeiter 2300 Tonkugeln auf einer Fläche von 20 mal 20 Metern. Es sind Geschosse einer prähistorischen Artillerie, da ist der Archäologe sich sicher: "Das war Shock and Awe vor 5500 Jahren."

Es war auch das erste Mal, dass es etwas zum Erobern gab. Die Überreste des Waffengangs im Dämmerlicht zwischen Vorgeschichte und Geschichte bergen Rätsel zuhauf – und Stoff für Spekulationen. Denn Reichels Funde im Nordosten Syriens, nur wenige Kilometer entfernt von der irakischen Grenze, liefern nicht nur Belege für einen prähistorischen Clash der frühesten Stadtstaaten. Seine und eine Reihe weiterer neuer Grabungsbefunde in der Region zeichnen ein neues Bild eines entscheidenden Wendepunkts der Geschichte: Die Entstehung der Zivilisation verlief anders als bislang gedacht.

In Uruk entstanden die sozialen Muster, die bis heute die Welt prägen

Am Beginn des 4. vorchristlichen Jahrtausends, erst kurz vor dem Waffengang um Hamoukar, erlebt Mesopotamien eine kulturelle Explosion von unvergleichlicher Wucht. Technik und Landwirtschaft machen gewaltige Fortschritte. Das Rad und die Töpferscheibe werden erfunden, Ackerbau und Viehzucht erstmals in großem Stil betrieben. Wie aus dem Nichts entstehen urbane Zentren – eine einzigartige historische Zäsur. Vor allem Uruk wird in den folgenden Jahrhunderten zur Metropole, zum politischen Machtzentrum der ersten Hochkultur. In seiner Blütezeit lebten auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern bis zu 40000 Menschen in eingeschossigen Lehmziegelbauten.

Im Gedränge der frühen Polis entstanden die sozialen Muster, die bis heute die Welt prägen. Berufsstände formierten sich: Soldaten und Bürokraten, Priester, Bauarbeiter und Handwerker. Eine herrschende Elite schied sich vom Rest der Gesellschaft. Uruk avancierte zum Zentrum eines Staatswesens, das weite Teile Mesopotamiens kontrollierte – die erste Großmacht der Geschichte. Auf den Fundamenten der mesopotamischen Hochkultur wuchsen die Pharaonenreiche Ägyptens, das antike Griechenland, das römische Imperium.

Doch was trieb die Menschen in die Ballungszentren an Euphrat und Tigris? Warum zu diesem Zeitpunkt? Womöglich zwang Bevölkerungswachstum zum Städtebau, wirtschaftliche Umwälzungen, Machtpolitik oder eine neue Religion. Und woher holten sie sich das architektonische, logistische und kulturelle Wissen, das sie zum Bau der ersten Megacitys befähigte? Antworten soll eine Reihe ambitionierter Grabungskampagnen in Syrien, Jordanien und Anatolien liefern. Und der neue Vorstoß der Archäologen in diese rätselhafte Epoche des Umbruchs lieferte bereits verblüffende Resultate:

Leserkommentare
    • Devin
    • 06. Januar 2007 20:44 Uhr

    Es muss lauten: Wo bleibt das Patriarchat?

    • Devin
    • 06. Januar 2007 18:53 Uhr

    „In Uruk entstanden die sozialen Muster, die bis heute die Welt prägen...Zentren der Administration, des Handels und der Schwerindustrie entstanden. Und mit ihnen etwas sehr Modernes: Staaten, Machtansprüche – und Krieg.“ So weit, so schön! Nur was ist daran wirklich neu? Schon Friedrich Engels hat in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ genau dieses nachgewiesen! Allerdings macht die Bildung von so etwas „modernem“, wie dem Staat und dem Krieg keinen wirklichen Sinn, ohne die Herausbildung des Patriarchats und der Familie zu erwähnen. Und da das genau der Schwerpunkt der Engelschen Kritik an der Klassengesellschaft ist, wird dieser Zusammenhang von dem Gros der bürgerlichen Forschung nach wie vor hartleibig verdrängt! So wie das Patriarchat die alle Klassengesellschaften übergreifende Meta-Gesellschaft ist, so ist die Familie die Keimzelle jeglicher Klassen- und Staatsbildung überhaupt – als sozusagen Selbstzweck des Patriarchats. Landwirtschaft, Viehzucht, Handel und „industrielle“ Produktion und Administration haben sich nicht unmittelbar aus den sich entwickelten Produktivkräften herausgebildet, bzw. waren nicht unvermittelt verantwortlich für die Entwicklung derselbigen, sondern sind durch das Nadelöhr der Familie in Ablösung der ursprünglichen und solchermaßen „mutterrechtlichen“ (matristischen) Gens hindurch gegangen. Dies erklärt auch, dass, solange es Klassengesellschaft und Patriarchat gibt, immer nur wenige („Familien“ nämlich) das Privileg der Ausbeutung dieser Produktivkräfte eines ganzen Volkes oder einer ganzen Menschheit haben! Wer darüber näheres wissen will, dem empfehle ich das immer noch hochaktuelle Standardwerk Bornemanns: „Das Patriarchat“, neben dem Engelschen Klassiker natürlich.

    • silkie
    • 08. Januar 2007 17:19 Uhr

    Sehr interessant.
    Ist die im Text enthaltene Information ein Hinweis auf die näheren Umstände der 'Ablösung' der jungsteinzeitlichen Menschen von der mutterrechtlichen (ich nenne sie matriarchalen) Gesellschaftsordnung hin zur patriarchalen Gesellschafts'ordnung'? Was will der Text uns eigentlich sagen?
    Scheinbar hat es schon lange bevor angenommen hochzivilisierte Kulturen gegeben. Catal Hyük war ein der ersten Hochburgen komplexer menschlicher Organisation.
    Frühere Forschungen aus dem mesopotamischen Raum (z.B. durch den Forscher und Entdecker Catal Hyüks, James Mellaart) haben bereits ergeben, dass es sich bei dieser jungsteinzeitlichen Stätte vermutlich um eine Hochburg matriarchaler Kultur gehandelt hat.
    So lassen z.B. die vorrangig weiblichen Figurinenfunden (Göttinnenfiguren) in den Tempelanlagen und deren Positionierung, sowie die Begräbnisriten eine zentrale Stellung der Frau innerhalb der 'Familie' (oder des damaligen Äquivalents) bzw. in der Gesellschaft erkennen.

    Die Geschichtsschreibung scheint uns jedoch unbeirrbar suggerieren zu wollen, das Patriarchat hätte 'Ewigkeitswert'. Deshalb werden alle Hinweise auf eine möglicherweise egalitäre und möglicherweise matriarchale Gesellschaft in der Vorzeit verdrängt oder als patriarchale Phänomene missgedeutet.

    Nicht nur, dass die Vermutungen über die Entstehung des modernen Staates ohne die Erläuterung der Entstehung des Patriarchats 'keinen wirklichen Sinn' machen, genauso vermisse ich im Text einen eindeutigeren Verweis auf die in der frühen Jungsteinzeit vorherrschenden (und bereits wissenschaftlich zur Genüge belegten!) matriarchalen Kulturen / Gesellschaftssysteme.
    Die Abbildung der weiblichen Figurinen und der Hinweis, dass 'die frühen Landwirte [...] offenbar eine egalitäre Gesellschaft (bildeten), geprägt von den Erfordernissen der Landwirtschaft', sind zwar wenigstens erwähnt, doch weist die Art der Dartstellung und der fehlende Kontext eine deutliche Zurückhaltung auf, wenn es darum geht anzuerkennen, dass es auch schon mal eine andere Gesellschaft als die patriarchale Kriegszivilisation gegeben hat.
    Die enthaltene message scheint zu lauten:
    Das Patriarchat ist viel älter als bisher angenommen.
    Kommt als nächstes die 'Entdeckung', dass es nie eine andere Gesellschaftsform als das Patriarchat gegeben hat, Gefolgt von der (düsteren) Prognose, dass wohl auch in Zukunft keine andere möglich sein wird?

    • Devin
    • 11. Januar 2007 21:17 Uhr

    @lef . Wenn Sie darüber nachdenken, was eine „vernünftige Arbeitsteilung“ ist, kommen Sie vielleicht irgendwann von selbst darauf, dass alle „Vernunft“ gewissermaßen männlich (nicht nur in der antiken Philosophie) besetzt ist. Und dann werden sie vielleicht auch erkennen, dass es heute kaum noch Kulturen gibt, wo das Patriarchat nicht herrscht. Das vielbeschworene asiatische Matriarchat beruht zum Teil auf einem Mythos und zum Teil auf völliger Unkenntnis der historischen Gesetzmäßigkeiten. Schon der Begriff des Matriarchats beruht auf einer männlichen Interpretation, aus einer Zeit, da es mutterrechtliche, bzw. matristische „Gesellschaften“ schon gar nicht mehr gegeben haben konnte. Überall da, wo sich eine „Frauenmacht“ etablierte, geschah dies in Reaktion auf die Männermacht und beinhaltete solchermaßen einen faulen Kompromiss (bzw. eine nur noch reaktionär zu interpretierenden Paradoxität, Stichwort: Das stark mutterrechtlich und extrem autoritär geprägte Sparta), was nach und nach alle mutterrechtlichen Wurzeln vernichtete (so waren die antiken Amazonen, die sich vermutlich auf die mutterrechtlichen Skythen zurückführen lassen, das militärische Gegenstück zum griechischen Patriarchat und kein gesellschaftlicher Gegenentwurf mehr, was sie selbstredend nicht davor bewahrte von den Griechen so gehasst zu werden, als wären sie ein solcher!). Das wahre Mutterrecht ist identisch mit Klassen- und Familienlosigkeit – ich verweise hier auf Bornemanns „Das Patriarchat“ - ; das Matriarchat hingegen wurzelt auf dem Unverständnis der patriarchalen Gesellschaft gegenüber seinen eigenen – vormals matristischen Wurzeln (vgl. auch meinen Beitrag im Diskussionsteil zum Matriarchat in Wikipedia). Noch ein Wort zum Orient: Auch wenn vormals – das heißt in grauer Vorzeit, viele asiatische Völkerschaften matristisch organisiert gewesen waren, herrscht dort wie hier ein unbedingtes Patriarchat – schon seit der Antike, spätestens aber seit dem Sieg der Moderne (dem Kapitalismus, der überhaupt nur patriarchal gedacht werden kann). Was sich aber in bestimmten Regionen vielleicht noch nicht völlig durchgesetzt hat, ist das bürgerliche Recht, welches der Frau die formale Gleichberechtigung zusichert. Dieses Fehlen der formalen Gleichberechtigung dort, die dort, wo sie sich, z.B. im Westen, durchgesetzt hat, stellt nicht nur einen Gewinn, sondern auch einen Rückschritt in Richtung wirklicher Gleichheit der Geschlechter (die es wiederum nur in einer klassenlosen Gesellschaft geben kann) dar, bedingte in gewissen asiatischen Ländern, dass sich dort Formen der „Frauengemeinschaft“ erhalten haben, die dem Patriarchat des Westens quasi entgegengesetzt scheinen. Man kann darüber diskutieren, ob solche Frauengemeinschaften, die eigentlich vormodernen Gesellschaften gestundet sind, heute im fortschrittlichen Sinne genutzt werden können - aber dafür sehe ich gegenwärtig keine Hinweise (Stichwort: Iran und anderswo, wo das Gegenteil von Fortschritt damit einhergeht).

    • lef
    • 09. Januar 2007 15:08 Uhr

    da Niemand weiß, was ein 'Patriarchat' eigentlich ist, dürfen Sie es ruhig falsch schreiben.
    Machen sie sich mal den Spaß und vergleichen (z.B. in Wikipedia) die Begriffe 'Patriarchat' und 'Matriarchat'!

    Da werden Ihnen auch die Begriffsverwirrungen bei F.Engels auffallen (hoffentlich).

    Sie können nicht automatisch davon ausgehen, dass 'Patriarchat' herrscht, wenn Frauen und Männer geteilte Aufgabenbereiche haben - im Gegenteil: Es kann auf eine durchaus vernünftige Gesellschaft geschlossen werden, wenn diese Arbeitsteilung herrscht - zumindest dann, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich war.

    Ein schönes Beispiel dafür ist übrigens die islamisch geprägte Kultur, die wir hier ja in D. in allernächster Nähe studieren können - auch da herrscht durchaus nicht das 'Patriarchat' , das Viele dort vermuten.
    (Dass der islamisch geprägte Kulturkreis wirtschaftlich erfolgloser ist, liegt am Unterdrücken des Individuums in deren Denkweise u.v.m., nicht an der Arbeitsteilung und erst recht nicht am angeblichen 'Patriarchat', Und natürlich umgekehrt: Dass der 'Westen' erfolgreicher ist, liegt nicht daran, dass wir das 'Patriarchat' überwunden haben - das haben wir nicht- , sondern an der Kreativität unserer Individuen).

    Was ist so schwer daran, zu begreifen, dass der Erfolg auch der allerersten 'Kulturen' auf vernünftiger Arbeitsteilung basierte?
    Und was macht es Ihnen schwer, zu begreifen, dass an den ersten Kriegen dieser Kulturen Frauen ebenso beteiligt waren, wie die Männer - ganz gleichberechtigt!?

    Gut erforschte Beispiele gibt es doch genug - vom antiken Ägypten bis zur germanischen Völkerwanderung viel später bis in die jüngere deutsche Vergangenheit (NS-Zeit).

    Wirkliche geschlechtlich bedingte Unterdrückung (wo der Mann vollkommen über das Wirken der Frau bestimmen konnte, auch Haushaltsgeld, Kindererziehung ff) gab es eigentlich nur im Christentum, und da speziell in der bürgerlichen Gesellschaft ab ungefähr 18./19. Jahrhundert.

    Das wusste F.Engels zu dieser Zeit nur noch nicht.
    Aber dieses Fehldenken bestimmt leider noch heute die Anhänger dieser grandios fehlgelaufenen Ideenwelt.

    • Devin
    • 11. Januar 2007 21:50 Uhr

    @silkie. Hallo, wir scheinen da überein zu stimmen. Ich verweise auf meine Antwort an „Lef“ und möchte auch Ihnen Bornemanns Standardwerk nahe legen. Ihre Fragen werden dort meiner Meinung nach alle beantwortet. Auf eins möchte ich aber doch hinweisen: Wenn wir davon ausgehen, dass Klassengesellschaft und Mutterecht unvereinbar sind, dann kann es keine mutterrechtliche Hochkulturen geben, die auf der Klassengesellschaft basieren. Hier müssen die ökonomischen von den kulturellen (resp. rituellen) Erscheinungen getrennt werden. Ein gutes Beispiel könnte uns die Kultur der Kelten geben, deren Kultur noch starke mutterrechtliche Spuren aufwies, währenddessen aber die Basis längst in Klassen gespalten war. Die Kultur ist im Verhältnis zur Ökonomie unflexibel und reagiert daher erheblich verspätet auf die Forderungen der ökonomischen Basis, was dann zu gewissen Paradoxien, die uns wiederum zu falschen Annahmen verleiten, führt. Ein weiteres Beispiel wären die Ägypter, die nach außen auch als noch stark mutterrechtlich geprägter Kultur auftraten, währenddessen längst ein aus der männlichen Priesterschaft hervorgegangenes Patriarchat herrschte. Letztendlich können wir in allen nicht auf Viehwirtschaft basierenden Kulturen über lange Zeit die mutterrechtlichen Spuren verfolgen, wobei aber nicht übersehen werden darf, dass die Hirten -und Viehwirtschaftskulturen über diese in aller Regel herrschten (Stichwort: Vorherrschaft der arischen Kulturen in Europa und Asien und der semitischen Kulturen im vorderen Orient). Eine Ausnahme hiervon bilden gewisse mongolische Hirtenvölker, soweit diese sich noch nicht auf die ständige und expansive Eroberung von Weideland kaprizierten!). Allerdings zeigt das Beispiel der Übernahme Chinas durch die Mongolen, dass es eine solche Beziehung nicht unbedingt geben muss, wenn der eroberte – und solchermaßen patriarchale - Staat dann die erobernde Kultur überformt (da letztere eben rückschrittlich war), was aber selten genug (und als ein solches Paradox nicht von ungefähr nur in historisch patriarchaler Zeit) vorgekommen sein wird, zumal auch die mongolischen Völker zu dieser Zeit nicht mehr in mutterrechtlichen Gens, sondern in vaterrechtlichen Stämmen – was dann auch der Grund für ihre Expansionsgelüste war - organisiert waren. Die matristische Gens besaß weder das Motiv noch die Kriegstauglichkeit für solche Abenteuer!

  1. 7. Grafik

    Ein Hinweis zur im Artikel enthaltenen Grafik: Es sind die modernen Staatennamen eingetragen, nur zwischen Syrien und Ägypten ist terra incognita. Dort müßte es 'Israel' heißen.

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  • Schlagworte Jungsteinzeit | Syrien | Viehzucht | Jordanien | Türkei | Ägypten
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