Zivilisation Moloch aus Lehm

Vor 6000 Jahren entstanden im Zweistromland die ersten Städte. Neue Funde verändern die Vorstellung der Archäologen vom Aufbruch der Menschheit in die Neuzeit.

Als die Belagerer ihre Schleudern luden, kam das Ende. Tausende hart getrockneter Lehmprojektile hagelten auf die Verteidiger von Hamoukar nieder. Sobald ihr Widerstand zusammenbrach, schleiften die Angreifer aus dem Süden die drei Meter hohen Befestigungsmauern und stürmten die Stadt. Hamoukar ging in Flammen auf.

Im 4. Jahrtausend vor Christus tobte der erste Krieg der Menschheit. »Wir haben das älteste bekannte Beispiel eines Angriffskriegs vor uns«, sagt Clemens Reichel. Truppen aus den frühen Stadtstaaten Südmesopotamiens, vielleicht aus Uruk, drangen nach Norden vor, nahmen Hamoukar in Besitz und unterwarfen den umliegenden Landstrich. »Hier fand kein kleines Scharmützel statt«, sagt Reichel, »wir sehen eine einzige Kampfzone«: Gebäudeschutt, Asche und mengenweise Munition.

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Der deutsche Archäologe vom Orient-Institut der Universität Chicago leitet seit 2003 die Erkundung des vorzeitlichen Schlachtfelds im Zweistromland. Allein im »Areal B«, dem Kerngebiet der Grabung, fanden Reichel und seine Mitarbeiter 2300 Tonkugeln auf einer Fläche von 20 mal 20 Metern. Es sind Geschosse einer prähistorischen Artillerie, da ist der Archäologe sich sicher: »Das war Shock and Awe vor 5500 Jahren.«

Es war auch das erste Mal, dass es etwas zum Erobern gab. Die Überreste des Waffengangs im Dämmerlicht zwischen Vorgeschichte und Geschichte bergen Rätsel zuhauf – und Stoff für Spekulationen. Denn Reichels Funde im Nordosten Syriens, nur wenige Kilometer entfernt von der irakischen Grenze, liefern nicht nur Belege für einen prähistorischen Clash der frühesten Stadtstaaten. Seine und eine Reihe weiterer neuer Grabungsbefunde in der Region zeichnen ein neues Bild eines entscheidenden Wendepunkts der Geschichte: Die Entstehung der Zivilisation verlief anders als bislang gedacht.

In Uruk entstanden die sozialen Muster, die bis heute die Welt prägen

Am Beginn des 4. vorchristlichen Jahrtausends, erst kurz vor dem Waffengang um Hamoukar, erlebt Mesopotamien eine kulturelle Explosion von unvergleichlicher Wucht. Technik und Landwirtschaft machen gewaltige Fortschritte. Das Rad und die Töpferscheibe werden erfunden, Ackerbau und Viehzucht erstmals in großem Stil betrieben. Wie aus dem Nichts entstehen urbane Zentren – eine einzigartige historische Zäsur. Vor allem Uruk wird in den folgenden Jahrhunderten zur Metropole, zum politischen Machtzentrum der ersten Hochkultur. In seiner Blütezeit lebten auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern bis zu 40000 Menschen in eingeschossigen Lehmziegelbauten.

Im Gedränge der frühen Polis entstanden die sozialen Muster, die bis heute die Welt prägen. Berufsstände formierten sich: Soldaten und Bürokraten, Priester, Bauarbeiter und Handwerker. Eine herrschende Elite schied sich vom Rest der Gesellschaft. Uruk avancierte zum Zentrum eines Staatswesens, das weite Teile Mesopotamiens kontrollierte – die erste Großmacht der Geschichte. Auf den Fundamenten der mesopotamischen Hochkultur wuchsen die Pharaonenreiche Ägyptens, das antike Griechenland, das römische Imperium.

Doch was trieb die Menschen in die Ballungszentren an Euphrat und Tigris? Warum zu diesem Zeitpunkt? Womöglich zwang Bevölkerungswachstum zum Städtebau, wirtschaftliche Umwälzungen, Machtpolitik oder eine neue Religion. Und woher holten sie sich das architektonische, logistische und kulturelle Wissen, das sie zum Bau der ersten Megacitys befähigte? Antworten soll eine Reihe ambitionierter Grabungskampagnen in Syrien, Jordanien und Anatolien liefern. Und der neue Vorstoß der Archäologen in diese rätselhafte Epoche des Umbruchs lieferte bereits verblüffende Resultate:

– Was wie ein einmaliger Schnellstart Südmesopotamiens in die zivilisierte Welt anmutet, war in Wahrheit nur Teil eines vielschichtigen Prozesses, der große Teile des Nahen Ostens erfasst hatte. Uruk war nur eines und für eine gewisse Zeit das mächtigste von mehreren urbanen Zentren der Region.

– Ein ganzer Strauß von Faktoren trieb die Urbanisierung voran: Frühe Industrie, Baukunst, Agrar- und Bewässerungstechnologie und Handel kulminierten in den verschiedenen Stadtgründungen.

– Die scheinbar urplötzlich einsetzende Verstädterung ist in Wahrheit das Resultat einer Dynamik, die bereits in der Vorzeit in Gang gekommen war.Eine in weiten Teilen neue Dramaturgie für das Aufblühen der Zivilisation zeichnet sich nun ab.

Offenbar enthält die bisherige Vorstellung der Gelehrten vom Start der Zivilisation, Ergebnis von fast hundertjähriger Forschung in den Ruinenfeldern Südmesopotamiens, in Uruk und Eridu, nur die halbe Wahrheit: Im Schwemmland von Euphrat und Tigris, lautet das seit langem vorherrschende Erklärungsmuster, fanden die Menschen zwar fruchtbaren Boden, aber zu wenig Regen für ertragreichen Ackerbau. Und die regelmäßigen Überflutungen von Euphrat und Tigris nach der Schneeschmelze im Tauros verhinderten die Besiedlung Südmesopotamiens über Jahrtausende. »Man musste das Wasser in den Griff kriegen«, sagt Margarete von Ess, die für das Deutsche Archäologische Institut die Ausgrabungen in Uruk leitet, »sonst spült es einem ständig die Felder weg.«

Der Anreiz, die zerstörerischen Wassermassen zu bändigen und nutzbar zu machen, war schließlich so groß, dass er die gesamte Gesellschaft umformte. Neben den Bauern entstand ein erster neuer Beruf: die Wassermeister. »Sie beobachteten die Flusspegel, erdachten und organisierten die Drainagebauten«, sagt von Ess. Die Wassermeister wurden zur Elite.

Der Fluss bewässerte nicht nur die Felder Uruks, er diente auch als Fischgrund und Handelsweg. Handwerker und Techniker wurden gebraucht, es bildete sich eine öffentliche Verwaltung heraus. Uruk und wohl auch das viel schlechter erforschte Eridu wuchsen zu Gravitationszentren der ersten Zivilisation. Schließlich nahmen – so das Szenario – die Verwaltungsaufgaben derart komplexe Formen an, dass sie ohne Aufzeichnungen nicht mehr zu bewältigen waren. In Uruk wurde die Schrift erfunden.

Das neue Stadtleben fegte auch die spirituelle Welt der Vorzeit hinweg. An die Stelle archaischer Kulte traten personalisierte Gottheiten, vergleichbar mit der griechischen Götterwelt: der Mondgott Sin, die Liebes- und Kriegsgöttin Ishtar, der Hauptgott Marduk, der Wettergott Adad. Schon kurz nach Erfindung der Schrift baute man in Uruk den ersten Großtempel, die Zikkurat des Himmelsgottes Anu. Die neue Kultur breitete sich im 4. Jahrtausend vor Christus über das Zweistromland und seine Nachbargegenden aus. Uruk, die Urstadt im Süden Mesopotamiens, wurde zum Zentrum eines Imperiums.

Und doch: So schlüssig diese Dramaturgie für die Entstehung der Städte Mesopotamiens erscheinen mag, die ganze Wahrheit erzählt sie nicht. Denn die neuen Erkenntnisse der Grabungstrupps passen partout nicht ins traditionelle Bild.

Wie ungeahnt kompliziert die Geschichte war, zeigen neue Funde von Klaus Schmidt in Jordanien. Am Stadtrand von Akaba am Roten Meer erkundet der Forscher vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) gemeinsam mit seinen Kollegen der Universität Amman die Überreste am Tall Hujayrat al-Ghuzlan. Das Ruinenfeld birgt Erstaunliches: eine versunkene Industriestadt, gegründet offenbar zur selben Zeit wie Uruk. Die Forscher fanden viele Spuren früher Metallurgie, vor allem Kupferstücke, aber auch eine Handaxt und einen Kupferring. In den Werkstätten der Stadt wurde schon vor mehr als 5500 Jahren Kupfer geschmolzen und in Formen gegossen. Gefunden wurden auch mehrgeschossige Lagerhallen und Werkzeuge zur Textilherstellung. In der damals wie heute lebensfeindlichen Umgebung sei eine Gründungslegende über Bewässerungsfeldbau wie in Uruk undenkbar, versichert Schmidt. Tall Hujayrat al-Ghuzlan diente offenbar Fertigungszwecken, womöglich für den Fernhandel ins vordynastische Ägypten – welch ein Kontrast zum Urbanisierungsszenario in Südmesopotamien!

Auch im Norden des Zweistromlandes, in der Gegend um Hamoukar, liefen die Dinge anders als im Süden. Erstaunlich genug ist, dass die Stadt überhaupt existierte. Hamoukar liegt fernab der Flussläufe an der Wasserscheide zwischen Euphrat und Tigris, der Zündfunken zu seiner Gründung entstammt nicht der Landwirtschaft, sondern womöglich dem Fernhandel. Reichels Team fand Hinweise, dass im Ur-Hamoukar im 6. und 5. vorchristlichen Jahrtausend Obsidian verarbeitet wurde, ein wertvolles Vulkangestein, das vor den Metallen als Rohstoff für Waffen und andere Klingen diente. Hamoukar, schon damals eine frühe Großstadt mit 32 Hektar Grundfläche, liegt genau auf dem Weg zwischen Uruk und den prähistorischen Obsidian-Minen in Anatolien.

Es kann also nicht nur, wie bislang angenommen, der zivilisatorische Druck des Bewässerungsfeldbaus gewesen sein, der die Menschen in Städte zusammentrieb. Bei den Archäologen reift nun die Erkenntnis, dass der große Sprung in die Zivilisation in Etappen stattfand und verschiedenen Triebkräften gehorchte: Wasserbau, aber auch Handel, Religion und technischer Fortschritt spielten dabei eine Rolle.

Offenbar waren Uruk und seine Schwesterstädte nur späte Höhepunkte einer Entwicklung, die schon sechs Jahrtausende zuvor begonnen hatte. Wie tief in der Vorzeit die Urbanisierungstendenzen verwurzelt sind, lässt die wichtigste Grabung des DAI-Forschers Schmidt erahnen. Seine Funde in der Türkei zeigen: Der zivilisatorische Aufschwung setzte schon vor 11600 Jahren ein, mit einem architektonischen Paukenschlag. Da errichtete eine mysteriöse Jägerkultur im Südosten Anatoliens einen gewaltigen Monumentalbau. Die Entdeckung der rund neun Hektar großen Anlage auf dem Göbekli Tepe (»Nabelberg«) gilt als vielleicht größte archäologische Sensation der vergangenen hundert Jahre. Dort im ostanatolischen Hügelland entstand das älteste Großbauwerk der Menschheitsgeschichte, vermutlich der Tempel eines Totenkults, über und über verziert mit stilisierten Tierreliefs. Zwar konnte Schmidts Grabungsteam erst wenige Prozente des Areals erkunden, aber klar ist schon jetzt: Hier waren Meister der Baukunst am Werk. Sie schichteten drei Meter hohe massive Steinmauern zu Kreisbauten von 30 Meter Außendurchmesser auf. Im Mauerwerk stehen bis zu sieben Meter hohe und etwa fünfzig Tonnen schwere Kalksteinpfeiler. »Göbekli Tepe ist eine erste Demonstration von Macht«, sagt Schmidt.

Um ein solch gewaltiges Monument zu erschaffen, musste jenes rätselhafte Frühvolk bereits die Ressourcen seiner Umgebung in großem Stil kontrolliert und ausgebeutet haben. Arbeiter und Handwerker, die über Jahrzehnte an Anlagen schufteten, benötigten ständigen Nachschub an Nahrung und Baumaterial. Offenbar verfügten die Menschen der Region bereits über die technischen und organisatorischen Fähigkeiten, die später Tempelbauten der mesopotamischen Städte möglich machten.

Eine Siedlung aber hat es auf dem Göbekli Tepe scheinbar nie gegeben. Der Tempel, meint Schmidt, sei ein Zentralheiligtum für die ganze Region gewesen. Über große Distanzen seien die Menschen auf dem Plateau zusammengeströmt, um einem Ahnenkult zu huldigen. »Sie kamen, vollzogen ihre Rituale und gingen wieder.« Woher die Pilger kamen und wohin sie gingen, dazu hat Schmidts Kollegin Danielle Stordeur immerhin eine Vermutung. »Jerf al-Ahmar«, tippt die französische Archäologin. Stordeur leitet dort die Ausgrabungen. Die Stätte am Mittellauf des Euphrat in Syrien birgt die Ruinen einer der ältesten Siedlungen der Menschheit. Vor mehr als 11000 Jahren wurde Jerf al-Ahmar gegründet und war wohl eine der Keimzellen der beginnenden Landwirtschaft, kurz nachdem die Konstrukteure am Göbekli Tepe ihre Arbeit aufnahmen.

Stordeurs Funde lassen vermuten, dass die Bewohner von Jerf al-Ahmar und die Baumeister vom Göbekli Tepe mehr als nur Zeitgenossen waren. Beide verband ein gemeinsamer spiritueller Hintergrund. Die Lyoner Forscher entdeckten in ihrem syrischen Ruinenfeld zahlreiche Tierdarstellungen, die auffällig an jene vom Göbekli Tepe erinnern. »Übernatürliche Tierwesen waren offenbar auch in Jerf al-Ahmar besonders wichtig«, sagt Stordeur.

Die Zivilisation vom Göbekli Tepe stand sogar kurz vor der Entwicklung einer Schrift. Schmidt und seine Mitarbeiter entdeckten eingemeißelte Botschaften auf den mächtigen Kalksteinpfeilern: Tiersymbole, ein aufrechtes und ein liegendes H sowie ein Kreissymbol. In den Zeichen, angeordnet wie die Worte eines kurzen Satzes, erkennt Schmidt Nachrichten an die Nachwelt. »Das war noch keine Lautschrift«, sagt er, »aber es könnte ein an Hieroglyphen erinnerndes Symbolsystem sein.«

Hier also scheinen die Archäologen eine erste Wegmarke der Entwicklung, die zu Uruk führte, dingfest gemacht zu haben: Das Zusammenspiel aus beginnender Landwirtschaft, Bautätigkeit, komplexer sozialer Organisation, überdacht von einer gemeinsamen Spiritualität, stellte die Weichen für die ersten Hochkulturen im Zweistromland. Dem Aufbruch in die Zivilisation widmet das Badische Landesmuseum ab dem 20. Januar eine einmalige Schau mit rund 450 prähistorischen Funden.

Die Ausgräber stießen auf Knochen von Haustieren und auf geköpfte Skelette

Als die Landwirtschaft sich weiterentwickelte, die Viehzucht begann, verschwanden Jerf al-Ahmar und seine Schwestersiedlungen. Auch die Kultstätte auf dem Göbekli Tepe wurde vor 9500 Jahren, nach zwei Jahrtausenden gigantischer Ahnenverehrung, mit Schutt verfüllt und aufgegeben.

Doch ein Detail der Tempelanlage auf dem Göbekli Tepe, das die DAI-Forscher in diesem Jahr entdeckten, weist bereits in die nahende Bauernkultur der frühen Jungsteinzeit. Auf einem frisch freigelegten mächtigen Steinpfeiler fand sich die Darstellung eines Mannes, eine kopflose Gestalt mit Phallus. Über der Gestalt sind riesige Geierdarstellungen eingemeißelt – Darstellung eines gewaltsamen Todes? Der Fund in dem Vorzeittempel ist ein verblüffender Vorgriff auf die Ikonografie der folgenden Epoche. Tatsächlich gelang ihren Architekten kurz darauf der Sprung in die Jungsteinzeit. »Hier liegt die Kernregion der entstehenden Landwirtschaft«, sagt Klaus Schmidt. Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit auf der eigenen Scholle – eine Innovation, die ein weiteres Fundament für den Aufstieg der ersten Städte legte.

Nun blühten neue, bäuerliche Lebensgemeinschaften auf. Die frühen Landwirte gründeten Siedlungen, Ansammlungen eng zusammengeschachtelter gleichartiger Häuser aus Lehmziegeln. Sie bildeten offenbar eine egalitäre Gesellschaft, geprägt von den Erfordernissen des Landbaus. Tempel oder große öffentliche Gebäude fehlen. Danielle Stordeur erkundet mit ihrem Team eine der ältesten dieser Stätten, das Schuttfeld Tell Aswad in Syrien. Die Siedlung wurde vor 9500 Jahren gegründet – als der Tempel auf dem Göbekli Tepe gerade aufgegeben wurde. Zugleich entstanden weitere Zentren der Bauernkultur wie das berühmte 9400 Jahre alte Çatal Höyük in Zentralanatolien. »Diese neuen Orte waren wirklich groß«, sagt Stordeur. Tell Aswad war über die folgenden 2000 Jahre bewohnt. Die Menschen bauten nicht nur Getreide an, ihnen gelang auch die Domestikation von Nutztieren. Die französischen Ausgräber stießen auf die Knochen von Schweinen, Ziegen, Schafen und Rindern. Und auf die Skelette geköpfter Leichname.

Bizarre Bestattungsrituale müssen dort stattgefunden haben. »In dieser Zeit ist es gang und gäbe, die Köpfe von den Leichnamen zu entfernen und gesondert zu behandeln«, sagt Klaus Schmidt. Häufig wurden die Gesichter der Toten mit Ton auf den Schädeln nachmodelliert. Danielle Stordeurs Grabungsteam hat in Tell Aswad drei solcher rituell bestatteter Schädel entdeckt. Die Gesichter der Verstorbenen wurden mit größter Kunstfertigkeit gearbeitet. Die offenbar komplizierten Zeremonien waren wohl Teil eines Totenkults, der bereits mit einer Jenseitsvorstellung verbunden war.

Mit den ersten Städten enstanden Machtansprüche – und Kriege

Auch in den Darstellungen, die Forscher in den frühen Bauernsiedlungen, vor allem in Çatal Höyük, entdeckten, stieß man immer wieder auf kopflose Gestalten, über denen Geier schweben. Die Ähnlichkeit zum kopflosen Mann vom Göbekli Tepe ist zu offenkundig, als dass Zufall sie erklären könnte. Offenbar nahm der Glaube, dass die Vögel den Körper der Toten ins Jenseits tragen, schon in früher Zeit seinen Anfang. Klaus Schmidt erkennt »ein gemeinsames geistiges Universum«.

Als es verschwand, war die Zeit reif für den Aufstieg der Städte. Baukunst, Lebensmittelproduktion und technische Innovationen – gespeist aus ganz verschiedenen Quellen der vergangenen Epochen – kulminierten in den ersten Metropolen: Zentren der Administration, des Handels und der Schwerindustrie entstanden. Und mit ihnen etwas sehr Modernes: Staaten, Machtansprüche – und Krieg.

In Uruk und seinen Schwesterstädten trat neben die spirituelle Götterwelt diesseitige Nüchternheit. »Die Herrscher von Uruk waren nicht die Hippies, als die sie gelten«, sagt Clemens Reichel. Tatsächlich können sie als Hauptverdächtige für den Angriffskrieg auf Hamoukar gelten; ein Motiv hätten sie gehabt: Wie in jeder Großmacht erwachte in Uruk ein unstillbarer Hunger nach Rohstoffen. Uruk brauchte Obsidian, Zedernholz und Erze. Diese Stoffe musste es sich aus dem Norden beschaffen. Weit um sich greifende Handelsnetze entstanden. »Uruk hatte nichts außer Getreide«, sagt die Archäologin von Ess. Hamoukar, die Handelsstadt und Zwischenstation auf den Importrouten aus dem Norden, war für die Mächtigen im Süden eine lohnende Beute.

Reichels Theorie eines imperialen Krieges der südmesopotamischen Kultur gegen ihr nördliches Gegenstück wird von einigen Fachkollegen kritisiert, mit gewichtigen Argumenten. Warum etwa liegt die vermeintliche Munition, mit der die Stadt bombardiert wurde, auch innerhalb der Gebäude? Haben sich die Kämpfer im Wohnzimmer duelliert?

Doch seit der letztjährigen Grabungssaison ist Reichel sich seiner Sache noch sicherer. Viele der mutmaßlichen Projektile tragen die Abdrücke von Wandputz aus Lehm und Stroh – als seien sie im Gefecht dort aufgeklatscht. Auf den verkohlten Mauerstümpfen liegen die Hinterlassenschaften der Überlebenden, die zwischen den Trümmern auf offenem Feuer kochten. »Sie aßen alles, was sich bewegte«, sagt Reichel. Ähnliches muss sich damals in anderen Siedlungen der Gegend abgespielt haben: Auch in den Nachbargrabungen von Hamoukar sind mutmaßliche Kriegsfolgen ans Licht gekommen, zum Beispiel im 200 Kilometer entfernten Tell Brak. Die Funde zeigen auch, dass Hamoukar bald darauf seinen Höhepunkt erlebte – unter der Herrschaft Uruks.

Die neuen Herrscher haben Spuren hinterlassen. In den oberen Schichten fand Reichel Keramik in unverkennbarem Uruk-Stil und die Reste von Gebäuden mit Grundrissen nach Uruk-Standard. Für Reichel ist der Fall klar: Die Eroberer aus dem Süden haben in Hamoukar nicht nur die militärische Herrschaft übernommen, sondern auch die Kulturhoheit. Ein Konfliktmuster, das sich im Zweistromland bis heute wiederholt.

Mehr zum Thema

Deutsches Archäologisches Institut - Hier finden Sie weitere Informationen über Göbekli Tepe, Aquaba und Uruk

Das französische Außenministerium - stellt auf seinen Seiten deutschsprachige Archäologieberichte zur Verfügung, unter anderem zu Tell Aswad und Jerf el-Ahmar in Syrien

Homepage von Catal höyük - Mit vielen Details über die Ausgrabungen, darunter auch Fotos und sehr schöne Illustrationen der Funde

Hamoukar-Site der Universität von Chicago - Hier gibt es Neuigkeiten und Zeitungsartikel über Hamoukar

Vor 16 000 Jahren in Anatolien - Seiten zur Ausstellung im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe

 
Leser-Kommentare
    • Devin
    • 06.01.2007 um 20:44 Uhr

    Es muss lauten: Wo bleibt das Patriarchat?

    • Devin
    • 06.01.2007 um 18:53 Uhr

    „In Uruk entstanden die sozialen Muster, die bis heute die Welt prägen...Zentren der Administration, des Handels und der Schwerindustrie entstanden. Und mit ihnen etwas sehr Modernes: Staaten, Machtansprüche – und Krieg.“ So weit, so schön! Nur was ist daran wirklich neu? Schon Friedrich Engels hat in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ genau dieses nachgewiesen! Allerdings macht die Bildung von so etwas „modernem“, wie dem Staat und dem Krieg keinen wirklichen Sinn, ohne die Herausbildung des Patriarchats und der Familie zu erwähnen. Und da das genau der Schwerpunkt der Engelschen Kritik an der Klassengesellschaft ist, wird dieser Zusammenhang von dem Gros der bürgerlichen Forschung nach wie vor hartleibig verdrängt! So wie das Patriarchat die alle Klassengesellschaften übergreifende Meta-Gesellschaft ist, so ist die Familie die Keimzelle jeglicher Klassen- und Staatsbildung überhaupt – als sozusagen Selbstzweck des Patriarchats. Landwirtschaft, Viehzucht, Handel und „industrielle“ Produktion und Administration haben sich nicht unmittelbar aus den sich entwickelten Produktivkräften herausgebildet, bzw. waren nicht unvermittelt verantwortlich für die Entwicklung derselbigen, sondern sind durch das Nadelöhr der Familie in Ablösung der ursprünglichen und solchermaßen „mutterrechtlichen“ (matristischen) Gens hindurch gegangen. Dies erklärt auch, dass, solange es Klassengesellschaft und Patriarchat gibt, immer nur wenige („Familien“ nämlich) das Privileg der Ausbeutung dieser Produktivkräfte eines ganzen Volkes oder einer ganzen Menschheit haben! Wer darüber näheres wissen will, dem empfehle ich das immer noch hochaktuelle Standardwerk Bornemanns: „Das Patriarchat“, neben dem Engelschen Klassiker natürlich.

    • silkie
    • 08.01.2007 um 17:19 Uhr

    Sehr interessant.
    Ist die im Text enthaltene Information ein Hinweis auf die näheren Umstände der 'Ablösung' der jungsteinzeitlichen Menschen von der mutterrechtlichen (ich nenne sie matriarchalen) Gesellschaftsordnung hin zur patriarchalen Gesellschafts'ordnung'? Was will der Text uns eigentlich sagen?
    Scheinbar hat es schon lange bevor angenommen hochzivilisierte Kulturen gegeben. Catal Hyük war ein der ersten Hochburgen komplexer menschlicher Organisation.
    Frühere Forschungen aus dem mesopotamischen Raum (z.B. durch den Forscher und Entdecker Catal Hyüks, James Mellaart) haben bereits ergeben, dass es sich bei dieser jungsteinzeitlichen Stätte vermutlich um eine Hochburg matriarchaler Kultur gehandelt hat.
    So lassen z.B. die vorrangig weiblichen Figurinenfunden (Göttinnenfiguren) in den Tempelanlagen und deren Positionierung, sowie die Begräbnisriten eine zentrale Stellung der Frau innerhalb der 'Familie' (oder des damaligen Äquivalents) bzw. in der Gesellschaft erkennen.

    Die Geschichtsschreibung scheint uns jedoch unbeirrbar suggerieren zu wollen, das Patriarchat hätte 'Ewigkeitswert'. Deshalb werden alle Hinweise auf eine möglicherweise egalitäre und möglicherweise matriarchale Gesellschaft in der Vorzeit verdrängt oder als patriarchale Phänomene missgedeutet.

    Nicht nur, dass die Vermutungen über die Entstehung des modernen Staates ohne die Erläuterung der Entstehung des Patriarchats 'keinen wirklichen Sinn' machen, genauso vermisse ich im Text einen eindeutigeren Verweis auf die in der frühen Jungsteinzeit vorherrschenden (und bereits wissenschaftlich zur Genüge belegten!) matriarchalen Kulturen / Gesellschaftssysteme.
    Die Abbildung der weiblichen Figurinen und der Hinweis, dass 'die frühen Landwirte [...] offenbar eine egalitäre Gesellschaft (bildeten), geprägt von den Erfordernissen der Landwirtschaft', sind zwar wenigstens erwähnt, doch weist die Art der Dartstellung und der fehlende Kontext eine deutliche Zurückhaltung auf, wenn es darum geht anzuerkennen, dass es auch schon mal eine andere Gesellschaft als die patriarchale Kriegszivilisation gegeben hat.
    Die enthaltene message scheint zu lauten:
    Das Patriarchat ist viel älter als bisher angenommen.
    Kommt als nächstes die 'Entdeckung', dass es nie eine andere Gesellschaftsform als das Patriarchat gegeben hat, Gefolgt von der (düsteren) Prognose, dass wohl auch in Zukunft keine andere möglich sein wird?

    • Devin
    • 11.01.2007 um 21:17 Uhr

    @lef . Wenn Sie darüber nachdenken, was eine „vernünftige Arbeitsteilung“ ist, kommen Sie vielleicht irgendwann von selbst darauf, dass alle „Vernunft“ gewissermaßen männlich (nicht nur in der antiken Philosophie) besetzt ist. Und dann werden sie vielleicht auch erkennen, dass es heute kaum noch Kulturen gibt, wo das Patriarchat nicht herrscht. Das vielbeschworene asiatische Matriarchat beruht zum Teil auf einem Mythos und zum Teil auf völliger Unkenntnis der historischen Gesetzmäßigkeiten. Schon der Begriff des Matriarchats beruht auf einer männlichen Interpretation, aus einer Zeit, da es mutterrechtliche, bzw. matristische „Gesellschaften“ schon gar nicht mehr gegeben haben konnte. Überall da, wo sich eine „Frauenmacht“ etablierte, geschah dies in Reaktion auf die Männermacht und beinhaltete solchermaßen einen faulen Kompromiss (bzw. eine nur noch reaktionär zu interpretierenden Paradoxität, Stichwort: Das stark mutterrechtlich und extrem autoritär geprägte Sparta), was nach und nach alle mutterrechtlichen Wurzeln vernichtete (so waren die antiken Amazonen, die sich vermutlich auf die mutterrechtlichen Skythen zurückführen lassen, das militärische Gegenstück zum griechischen Patriarchat und kein gesellschaftlicher Gegenentwurf mehr, was sie selbstredend nicht davor bewahrte von den Griechen so gehasst zu werden, als wären sie ein solcher!). Das wahre Mutterrecht ist identisch mit Klassen- und Familienlosigkeit – ich verweise hier auf Bornemanns „Das Patriarchat“ - ; das Matriarchat hingegen wurzelt auf dem Unverständnis der patriarchalen Gesellschaft gegenüber seinen eigenen – vormals matristischen Wurzeln (vgl. auch meinen Beitrag im Diskussionsteil zum Matriarchat in Wikipedia). Noch ein Wort zum Orient: Auch wenn vormals – das heißt in grauer Vorzeit, viele asiatische Völkerschaften matristisch organisiert gewesen waren, herrscht dort wie hier ein unbedingtes Patriarchat – schon seit der Antike, spätestens aber seit dem Sieg der Moderne (dem Kapitalismus, der überhaupt nur patriarchal gedacht werden kann). Was sich aber in bestimmten Regionen vielleicht noch nicht völlig durchgesetzt hat, ist das bürgerliche Recht, welches der Frau die formale Gleichberechtigung zusichert. Dieses Fehlen der formalen Gleichberechtigung dort, die dort, wo sie sich, z.B. im Westen, durchgesetzt hat, stellt nicht nur einen Gewinn, sondern auch einen Rückschritt in Richtung wirklicher Gleichheit der Geschlechter (die es wiederum nur in einer klassenlosen Gesellschaft geben kann) dar, bedingte in gewissen asiatischen Ländern, dass sich dort Formen der „Frauengemeinschaft“ erhalten haben, die dem Patriarchat des Westens quasi entgegengesetzt scheinen. Man kann darüber diskutieren, ob solche Frauengemeinschaften, die eigentlich vormodernen Gesellschaften gestundet sind, heute im fortschrittlichen Sinne genutzt werden können - aber dafür sehe ich gegenwärtig keine Hinweise (Stichwort: Iran und anderswo, wo das Gegenteil von Fortschritt damit einhergeht).

    • lef
    • 09.01.2007 um 15:08 Uhr

    da Niemand weiß, was ein 'Patriarchat' eigentlich ist, dürfen Sie es ruhig falsch schreiben.
    Machen sie sich mal den Spaß und vergleichen (z.B. in Wikipedia) die Begriffe 'Patriarchat' und 'Matriarchat'!

    Da werden Ihnen auch die Begriffsverwirrungen bei F.Engels auffallen (hoffentlich).

    Sie können nicht automatisch davon ausgehen, dass 'Patriarchat' herrscht, wenn Frauen und Männer geteilte Aufgabenbereiche haben - im Gegenteil: Es kann auf eine durchaus vernünftige Gesellschaft geschlossen werden, wenn diese Arbeitsteilung herrscht - zumindest dann, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich war.

    Ein schönes Beispiel dafür ist übrigens die islamisch geprägte Kultur, die wir hier ja in D. in allernächster Nähe studieren können - auch da herrscht durchaus nicht das 'Patriarchat' , das Viele dort vermuten.
    (Dass der islamisch geprägte Kulturkreis wirtschaftlich erfolgloser ist, liegt am Unterdrücken des Individuums in deren Denkweise u.v.m., nicht an der Arbeitsteilung und erst recht nicht am angeblichen 'Patriarchat', Und natürlich umgekehrt: Dass der 'Westen' erfolgreicher ist, liegt nicht daran, dass wir das 'Patriarchat' überwunden haben - das haben wir nicht- , sondern an der Kreativität unserer Individuen).

    Was ist so schwer daran, zu begreifen, dass der Erfolg auch der allerersten 'Kulturen' auf vernünftiger Arbeitsteilung basierte?
    Und was macht es Ihnen schwer, zu begreifen, dass an den ersten Kriegen dieser Kulturen Frauen ebenso beteiligt waren, wie die Männer - ganz gleichberechtigt!?

    Gut erforschte Beispiele gibt es doch genug - vom antiken Ägypten bis zur germanischen Völkerwanderung viel später bis in die jüngere deutsche Vergangenheit (NS-Zeit).

    Wirkliche geschlechtlich bedingte Unterdrückung (wo der Mann vollkommen über das Wirken der Frau bestimmen konnte, auch Haushaltsgeld, Kindererziehung ff) gab es eigentlich nur im Christentum, und da speziell in der bürgerlichen Gesellschaft ab ungefähr 18./19. Jahrhundert.

    Das wusste F.Engels zu dieser Zeit nur noch nicht.
    Aber dieses Fehldenken bestimmt leider noch heute die Anhänger dieser grandios fehlgelaufenen Ideenwelt.

    • Devin
    • 11.01.2007 um 21:50 Uhr

    @silkie. Hallo, wir scheinen da überein zu stimmen. Ich verweise auf meine Antwort an „Lef“ und möchte auch Ihnen Bornemanns Standardwerk nahe legen. Ihre Fragen werden dort meiner Meinung nach alle beantwortet. Auf eins möchte ich aber doch hinweisen: Wenn wir davon ausgehen, dass Klassengesellschaft und Mutterecht unvereinbar sind, dann kann es keine mutterrechtliche Hochkulturen geben, die auf der Klassengesellschaft basieren. Hier müssen die ökonomischen von den kulturellen (resp. rituellen) Erscheinungen getrennt werden. Ein gutes Beispiel könnte uns die Kultur der Kelten geben, deren Kultur noch starke mutterrechtliche Spuren aufwies, währenddessen aber die Basis längst in Klassen gespalten war. Die Kultur ist im Verhältnis zur Ökonomie unflexibel und reagiert daher erheblich verspätet auf die Forderungen der ökonomischen Basis, was dann zu gewissen Paradoxien, die uns wiederum zu falschen Annahmen verleiten, führt. Ein weiteres Beispiel wären die Ägypter, die nach außen auch als noch stark mutterrechtlich geprägter Kultur auftraten, währenddessen längst ein aus der männlichen Priesterschaft hervorgegangenes Patriarchat herrschte. Letztendlich können wir in allen nicht auf Viehwirtschaft basierenden Kulturen über lange Zeit die mutterrechtlichen Spuren verfolgen, wobei aber nicht übersehen werden darf, dass die Hirten -und Viehwirtschaftskulturen über diese in aller Regel herrschten (Stichwort: Vorherrschaft der arischen Kulturen in Europa und Asien und der semitischen Kulturen im vorderen Orient). Eine Ausnahme hiervon bilden gewisse mongolische Hirtenvölker, soweit diese sich noch nicht auf die ständige und expansive Eroberung von Weideland kaprizierten!). Allerdings zeigt das Beispiel der Übernahme Chinas durch die Mongolen, dass es eine solche Beziehung nicht unbedingt geben muss, wenn der eroberte – und solchermaßen patriarchale - Staat dann die erobernde Kultur überformt (da letztere eben rückschrittlich war), was aber selten genug (und als ein solches Paradox nicht von ungefähr nur in historisch patriarchaler Zeit) vorgekommen sein wird, zumal auch die mongolischen Völker zu dieser Zeit nicht mehr in mutterrechtlichen Gens, sondern in vaterrechtlichen Stämmen – was dann auch der Grund für ihre Expansionsgelüste war - organisiert waren. Die matristische Gens besaß weder das Motiv noch die Kriegstauglichkeit für solche Abenteuer!

  1. 7. Grafik

    Ein Hinweis zur im Artikel enthaltenen Grafik: Es sind die modernen Staatennamen eingetragen, nur zwischen Syrien und Ägypten ist terra incognita. Dort müßte es 'Israel' heißen.

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