Das Zentrum des nordwestbulgarischen Vidin ist ein disparates, aber gefälliges Ensemble aus klassischen Bürgerhäusern, orthodoxen Kirchen und sozialistischen Repräsentationsbauten.Man hat es schnell durchlaufen - nur wenige Minuten sind es vom Bahnhof zum Donauhafen, doch die Beschaulichkeit trügt.Vidin ist ein Regionalzentrum mit 70000 Einwohnern, die überwiegend in schäbigen Plattenbausiedlungen an der Peripherie wohnen.Seine Hauptattraktion ist die Donau.Als der Fluss im letzten Sommer bedrohlich anstieg, verwandelte sich die Szenerie zwischen Vidins Donaugarten und dem rumänischen Ufer bei Kalafat in eine Seenlandschaft.Vidins Bürgermeister Ivan Tsenov musste die Krankenhäuser der Stadt evakuieren lassen. In Vidin treten Bulgariens Probleme schärfer zutage als andernorts. Der Stadt ist es in den 17 Jahren seit dem Ende des Kommunismus nicht gelungen, ihre Isolation im Dreiländereck zu Serbien und Rumänien in einen geografischen Vorteil zu verwandeln.Es gibt kaum Einkaufszentren und Gewerbeparks als Zeichen der Erneuerung, heruntergekommene Bausubstanz, stillgelegte Fabriken und landwirtschaftliche Brachen prägen das Bild. Dabei hätte Vidin wie der rumänische Nachbar Kalafat auf der anderen Seite der Donau viel Entwicklungspotenzial.Einer der größten Arbeitgeber, der österreichische Baumaterialienherstellers Knauf, möchte am Fluss ein Logistikzentrum errichten, um seine Gipsfaserplatten künftig auf der europäischen Wasserstraße in Richtung Westeuropa zu transportieren.Auch ein Großteil der von Renault in Rumänien hergestellten Autos der Marke Dacia nimmt diesen Weg nach Westen. Die »Brücke der Hoffnung« könnte Tausende neue Arbeitsplätze bringen Bereits seit mehr als zehn Jahren gibt es das Projekt einer Donaubrücke von Vidin nach Kalafat, um die unzureichende Fährverbindung zu ersetzen.Ivan Tsenov nennt sie »die Brücke der Hoffnung«, weil sie die ganze rückständige Gegend in die Gegenwart katapultieren könnte.Petre Traistaru, sein Amtskollege im rumänischen Kalafat, teilt diese Erwartung und verspricht sich von dem Projekt eine Belebung des bilateralen Handels und Tausende neue Arbeitsplätze. » Die Brücke allein ist nicht so wichtig für die Entwicklung von Kalafat wie all das, was um sie herum gebaut werden könnte. 57 Millionen Euro werden in die lokale Wirtschaft fließen«, hofft er. Die Europäische Union will das Projekt fördern.Aber es gibt Probleme zwischen den bulgarischen und rumänischen Projektpartnern.Also verzögert sich der Baubeginn.Noch mindestens bis 2010 wird es dauern, bis der Paneuropäische Transportkorridor Nummer vier von Deutschland über Rumänien und Bulgarien in die Türkei befahren werden kann.Und Vidin und Kalafat in Europa richtig angekommen sind. Die Probleme sind symptomatisch.Europa will helfen aber Bulgarien und Rumänien sind oftmals nicht in der Lage, Geld aus Brüssel in konkrete Projekte umzumünzen.Seit dem 1.Januar sind die beiden Länder die neuesten Mitglieder der Europäischen Union. » Sie könnten ihre gemeinsamen Interessen bündeln«, sagt der Brüsseler Politologe Jean-Michel de Waele. » Aber sie werden schon große Schwierigkeiten damit haben, die EU-Milliarden sinnvoll zu verwenden.« Desorganisiert, wirtschaftlich rückständig, korrupt und kriminell das ist das Image der knapp acht Millionen Bulgaren und 22 Millionen Rumänen im Westen des Kontinents.Willkommen sind sie im Club der Europäer nicht.Eine Mehrheit der Deutschen etwa würde den neuen Nachbarn am liebsten das Tor nach Europa auf Dauer versperren, ergab vor einigen Tagen eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap.In Großbritannien zeichneten die Medien in den vergangenen Monaten regelrechte Bedrohungsszenarien von massenhaft aus ihrer Heimat in Richtung Westen ziehenden Bulgaren und Rumänen. Nur Belastungen, kaum Chancen: So ist die Wahrnehmung der Deutschen und Briten, Franzosen und Italiener.An ihr ist einiges richtig und vieles falsch.Einerseits ist das von insgesamt 60Millionen Menschen bevölkerte Südosteuropa mit einem regionalen Wirtschaftswachstum von über sechs Prozent gegenwärtig der sich am dynamischsten entwickelnde Wirtschaftsraum des gesamten Kontinents und Sofia und Bukarest sind zentrale Standorte zu seiner Erschließung.Zudem sind Rumänien und Bulgarien inzwischen wichtige Abnehmerländer deutscher Exporte. Zuletzt stiegen die Ausfuhren nach Bulgarien im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Fünftel, die nach Rumänien gar um ein Drittel so stark wie in kaum ein anderes Land der Welt.Siemens oder SAP machen in Europas Südosten genauso gute Geschäfte wie Metro oder Plus. Fleisch, Korruption, Kriminalität: Viele EU-Standards werden nicht erfüllt Auf dem Weg nach Europa sind Bulgarien und Rumänien zu Boomländern geworden und damit ein lohnendes Ziel für viele Investoren.In Rumänien erreichten die Auslandsinvestitionen 2006 den Rekordstand von rund 7,3 Milliarden Euro.Bulgarien rangiert auf der aktuellen Liste der attraktivsten Standorte für ausländische Investitionen der UN-Organisation UNCTAD hinter Estland, Luxemburg und Malta in Europa an vierter und weltweit immerhin an neunter Stelle. Das ist die eine Seite.Die andere, düstere, wird in der von der Europäischen Kommission angekündigten »strengen Beobachtung« der beiden Beitrittsländer deutlich.In vielem haben Rumänien und Bulgarien noch längst nicht die Standards erreicht, die für ihre Mitgliedschaft im Brüsseler Club eigentlich erforderlich wären. Schweinefleisch in die EU zu exportieren wird ihnen verboten, weil ihre Lebensmittelkontrollen unzureichend sind.Und ob es wirklich die Subventionen für die Landwirtschaft im erhofften Umfang gibt ein Drittel der erwerbstätigen Rumänen sind Bauern, 90 Prozent davon Selbstversorger , steht in den Sternen.Wie beim Brückenbauprojekt in Vidin und Kalafat klappen auch im Agrarbereich die Verteilung und Kontrolle von Mitteln aus Brüssel nur unzureichend. Am schlimmsten jedoch: Korruption und organisierte Kriminalität.Die Zahl der Auftragsmorde ist in Bulgarien zwar zurückgegangen auf der Rangliste korrupter Staaten wird das Land von Transparency International aber nach wie vor auf Platz 57 (vier Plätze vor Polen) unter 163 Ländern geführt.Rumänien befindet sich auf dem 84.Rang in Gesellschaft von Panama und Sri Lanka. » Du darfst mich nach allem fragen, nur nicht nach meiner ersten Million«, ist ein geflügeltes Wort, mit dem Bulgaren zum Ausdruck bringen, dass sie den Ursprung großer Vermögen in der Regel für illegal halten.Seitdem das bulgarische Parlament kurz vor Weihnachten ein Gesetz zur Öffnung der Akten der kommunistischen Geheimdienste verabschiedet hat, erhoffen sich viele Bewohner des Landes zwar Aufklärung über die Karriere ihrer Neureichen.Wie brisant das allerdings ist, zeigte sich in dem Selbstmord des langjährigen Chefs der Geheimdienstarchive, Boschidar Doitschev.Offiziell wurden »persönliche Gründe« für den Suizid angegeben.Wirklich aufgeklärt ist der Fall jedoch nicht. Wie könne man bitte schön in einem Land die Korruption bekämpfen, in dem an der Tür jeder Amtsstube »Bitte drücken!« steht, fragte vor kurzem die Vorsitzende der Bulgarischen Bauernpartei, Anastassia Moser.Dabei geben sich Regierung und Behörden durchaus Mühe.Den früheren Direktor des für die Hauptstadt Sofia zuständigen Fernwärmeunternehmens, Valentin Dimitrov, nennen die Bulgaren Vali Toplo (warm), seitdem im Sommer zunächst bekannt wurde, dass er Firmengelder zur Luxusmodernisierung des Unternehmensitzes verwendet hatte.Dann fanden die Ermittlungsbehörden unter anderem in Österreich geheime Konten mit Millionensummen auf Dimitrovs Namen.Seither sitzt er im Gefängnis und droht mit seinen Aussagen auch höhere Chargen zu belasten.Der Staatsanwaltschaft liegt inzwischen ein angeblich von Dimitrov aus dem Gefängnis geschmuggelter Brief vor, in dem die Namen von Menschen stehen, die er um Hilfe bitten wollte.Da in dem Brief auch die Anfangsinitialen des bulgarischen Wirtschaftsministers Rumen Ovtscharov verzeichnet sind, soll der nun in der Angelegenheit vernommen werden. Kaum besser ist die Lage auf der anderen Donauseite. » Wir sind auf dem Weg nach Europa wie ein Hund, der eine Konservendose hinter sich herzieht.Das Rasseln wird man noch ein Weilchen hören«, sagte der rumänische Schriftsteller und Bürgerrechtler Mircea Dinescu der Frankfurter Rundschau über sein Heimatland. In Brüssel heißt es, trotz Fortschritten stehe die Rechtsstaatlichkeit in Bulgarien und Rumänien auf töneren Füßen es fehle an Transparenz, Bestechung sei an der Tagesordnung.Dass das »Phänomen Bakschisch« in seinem Land weite Verbreitung hat, weiß auch der frühere Fußballprofi Yordan Letschkov, der inzwischen Bürgermeister der südostbulgarischen Stadt Sliven ist. » Korruption«, sagt Letschkov, »ist immer das faule Geschäft, an dem man nicht beteiligt ist.« Und dennoch sind es viele Bulgaren und Rumänen leid, von den reichen Brüdern im Westen zunächst mit Bestechlichkeit und im nächsten Zug mit Armut assoziiert zu werden.Sie freuen sich auf Europa, das in beiden Ländern umgangssprachlich für all das steht, wonach sie streben: Qualität, Fortschritt, Wohlstand.In Bulgarien wird Rückständiges oft als Langzeitfolge fast fünfhundert Jahre währender osmanischer Fremdherrschaft erklärt, hier wie in Rumänien fehlt es nie an dem Verweis auf 50 Jahre Kommunismus.Manche Bulgaren träumen davon, ihr Land könnte dem irischen Beispiel folgen und innerhalb kurzer Zeit vom derzeit noch ärmsten europäischen Land zu einem der reichsten werden. Das ist Utopie selbst dann, wenn sich die Prognosen bewahrheiten und in Bulgarien wie Rumänien die Wirtschaft auch während der nächsten Jahre mit hohem Tempo weiter wächst.Nach wie vor lebt in beiden Ländern ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung von der Hand in den Mund.Zehntausende sind auf Pferdekarren unterwegs, Hunderttausenden fehlt es an fließendem Wasser.Allein in Rumänien gelten mehr als zwei Millionen Menschen als extrem arm und sechs der zehn ärmsten Regionen der Europäischen Union liegen seit dem 1.Januar innerhalb seiner Landesgrenzen.Bulgarien hat Lettland seit dem 1.Januar als ärmstes Land der EU abgelöst. Zugleich allerdings flanieren kaufkräftige Passanten an Luxusboutiquen auf dem Boulevard Vitoscha in Sofia und Bukarests Strada Lipscani vorbei, die Zahl der Autos ist in beiden Hauptstädten während der vergangenen Jahre rasant gestiegen.Das geflügelte Wort vom »Fehlen der Mittelschicht« ist längst überholt.Scharenweise strömt sie durch die Hypermärkte und Shopping-Malls der größeren Städte, kauft die teuren Waren der westlichen Filialisten, frequentiert Cafés und Restaurants und telefoniert mobil. Arbeitsplatzfreiheit gibt es erst in zwei bis sieben Jahren Die wenigsten von ihnen erwecken den Anschein, als säßen sie auf gepackten Koffern, um im nächsten Jahr in Berlin oder London Sozialleistungen zu beanspruchen.Wer im Ausland sein Glück suchen will, hat das nach Aussage von Migrationsexperten in Sofia und Bukarest längst getan der EU-Beitritt war dafür nicht das entscheidende Datum.Aus Rumänien hat es schon seit der Jahrtausendwende etwa zwei Millionen Menschen in den Westen getrieben, die meisten gingen zur Ernte nach Spanien oder Italien.Wer jetzt noch reisen will, muss sich gedulden: Rumänische und bulgarische Arbeitskräfte dürfen erst in zwei bis sieben Jahren in anderen EU-Betrieben anheuern.Arbeitsplatzfreiheit, an sich ein Recht für alle Europäer, wird es für sie vorerst nicht geben. Andere Regeln gelten für die reichen Brüder und Schwestern aus dem Westen.Wie die Süddeutsche Zeitung vor kurzem berichtete, haben sich bereits 10000 Briten in Bulgarien ihre Häuser und Grundstücke gesichert.Schließlich ist es so schön billig dort.