Umwelt Durchmogeln gilt nicht mehr

Strompreis, Atomausstieg, Energieeffizienz: 2007 entscheiden sich die großen Umweltfragen

Energiepolitisch beginnt das Jahr 2007 ebenso spektakulär, wie 2006 zu Ende ging: mit elendem Streit darüber, was gegen den mangelnden Wettbewerb auf den Märkten für Strom und Gas zu unternehmen ist. Welche Rolle die Atomkraft bei der künftigen Energieversorgung spielt. Wie der Klimaschutz Realität werden kann. Was die Abhängigkeit von russischem Erdgas mindert. Und wie der Streit mit der EU-Kommission über den Allokationsplan, die Ausführungsbestimmungen zum Emissionshandel, beizulegen ist. All diese Fragen hat die Große Koalition bisher vor sich hergeschoben. 2007 ist das Jahr der Entscheidung. Unerbittlich rückt deshalb – auch für die Regierung selbst – die Stunde der Wahrheit näher. Die politische Agenda lässt eine andere Prognose nicht zu.

Schon nächste Woche präsentiert die EU-Kommission ihre lange erwartete Strategie für eine gemeinsame Energiepolitik. Für Aufregung sorgen werden die Vorschläge Brüssels zur Intensivierung des Wettbewerbs und zur Rolle der Kernenergie. Bald darauf wird das von den Vereinten Nationen berufene Forschergremium namens IPCC einen neuen Sachstandsbericht über den Klimawandel veröffentlichen. Der wird alles andere als beruhigend sein, weil die Menschen die Erde stärker, schneller und gefährlicher aufheizen als bis vor Kurzem noch gedacht. Für Schlagzeilen sorgen dürften schließlich auch die angekündigten Bemühungen der deutschen Regierung, die festgefahrenen Verhandlungen über ein globales Klimaschutzreglement für die Zeit nach 2012 wieder in Schwung zu bringen – ebenso wie der für Frühjahr terminierte dritte nationale Energiegipfel, zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Größen der Energiewirtschaft einladen wird. Auf der Tagesordnung steht die Frage, ob es wirklich beim Ausstieg aus der Kernenergie bleibt – Sprengstoff für das Bündnis von Union und Sozialdemokraten.

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Die Begleitmusik zu alldem werden die Gerichte spielen. Die vorweihnachtliche Abmahnung des Bundeskartellamtes an die Adresse von RWE, den Strompreis zu Unrecht um den Wert der geschenkten Emissionsrechte erhöht zu haben, wird der Essener Energiekonzern nicht klaglos hinnehmen. Und damit hat er sogar recht. Ebenso dürfte das Karlsruher Energieunternehmen EnBW vor Gericht ziehen, sollte Umweltminister Sigmar Gabriel den Antrag ablehnen, das Kernkraftwerk Neckarwestheim I länger laufen zu lassen.

Tatsächlich sind die Turbulenzen die Folge zweier Ursachen. Erstens ist der Nachschub an Energie, zumal an billiger Energie, längst nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor wenigen Jahren. Mit China, Indien und einer Reihe weiterer Schwellenländer ist den alten Industrieländern Konkurrenz um die begrenzten Vorräte von Erdöl und Erdgas zugewachsen. Das hat die Preise in die Höhe getrieben und alte Ängste geweckt, ob wir denn noch sicher mit Energie versorgt würden. Zweitens ist auch das Wissen um jene Gefahren gewachsen, die mit dem Verbrauch fossiler Brennstoffe verbunden sind. Der frühere Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern, verglich kürzlich die mit dem Klimawandel drohenden Verwerfungen mit denen der Großen Depression des vergangenen Jahrhunderts und warb dafür, dem Ausstoß von Kohlenstoff einen Preis zu verpassen. Löblicherweise hat sich die EU mit ihrem Emissionshandelssystem schon dazu durchgerungen. Allerdings merken erst jetzt viele Politiker, dass ihre berechtigte Intervention auch die Preise für die Verbraucher steigen lässt. Das verursacht Nervosität, weil Konsumenten eben auch Wähler sind.

Deshalb, Baustelle Nummer eins der Energiepolitik, tobt der Kampf um den Preis von Gas und Strom. Tatsächlich gibt es keinen vernünftigen Grund, die Energiepreise über das ökonomisch Unvermeidliche und das ökologisch Gebotene steigen zu lassen. Sind aber marktwidrige Eingriffe, sprich Kostenkontrollen, in die erst vor wenigen Jahren liberalisierten Märkte das richtige Mittel der Wahl? Wohl kaum. Die Wettbewerbsdefizite haben strukturelle Ursachen. Die EU-Kommission hat deshalb recht mit der Forderung, die Stromerzeugung und den Betrieb der Stromnetze eigentumsrechtlich voneinander zu trennen. Wie sich die hiesige Regierung zu dem Vorschlag verhält, wird zeigen, ob es ihr wirklich ernst ist mit dem Wettbewerb.

Baustelle Nummer zwei: die Debatte um den Ausstieg aus dem Atomausstieg. Die von RWE und EnBW gestellten Anträge, alte Meiler zulasten neuerer länger am Netz zu lassen, sind zweifellos ein Angriff auf den von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg – getrieben von der Hoffnung, neue politische Mehrheiten könnten nach der nächsten Bundestagswahl die Laufzeitbegrenzung vollständig kippen. Den Nutzen hätten die Eigentümer, denen jede in abgeschriebenen Meilern produzierte Kilowattstunde einen ordentlichen Extragewinn verschafft. Die Hoffnung auf sinkende Verbraucherpreise durch mehr Atomenergie ist dagegen unbegründet. Der Strompreis wird im liberalisierten Markt vom teuersten Kraftwerk bestimmt – und das ist hierzulande in der Regel ein Gaskraftwerk.

Ein Argument pro Kernenergie ist allerdings nicht von der Hand zu weisen: Sie erzeugt nun einmal kein klimaschädliches Kohlendioxid (CO₂). Weil die hiesige Regierung den Klimaschutz forcieren will – die Rede ist von minus 40 Prozent CO₂ bis 2020 gegenüber 1990 –, drängt sich für manchen die Laufzeitverlängerung geradezu auf. Dieser Zielkonflikt beschert dem in der Atomfrage gespaltenen Regierungsbündnis Baustelle Nummer drei.

Tatsächlich sorgt allein schon das allseits begrüßte stärkere Wirtschaftswachstum für mehr Emissionen. Hält die Regierung obendrein am Atomausstieg fest, wird deshalb aus dem versprochenen Klimaschutz nichts – es sei denn, erneuerbare Energien und Energieeffizienz würden deutlich stärker als bisher gefördert und gefordert. Einschließlich Tempolimit, einschließlich Normen für den Stand-by-Verbrauch von Elektrogeräten, einschließlich Ausbau der innovativen Kraft-Wärme-Kopplung.

Bisher macht allerdings die Große Koalition kaum Anstalten, sich auf diese Weise vor dem Großkonflikt zu schützen, der sogar ihr eigenes Schicksal besiegeln könnte. Klimaschutz und Atomausstieg müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Doch vor den Lösungen scheuen Union und Sozialdemokraten noch immer zurück. Bisher haben sie sich durchgemogelt. 2007 wird ihnen das nicht mehr gelingen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich finde es immer wieder erstaunlich wie Ökostrom-Befürworter und Atom-Fans sich gegenseitig als Ideologen bezeichnen!
    Während die eine Seite bezweifelt das die Erneuerbaren Energien keine Zukunft haben weil sie langfristig zu teuer sind (was Blödsinn ist) werden von der anderen Seite immer wieder neue (Erfundene) Argumente gegen die Atomkraft angeführt, als wenn das Risiko schon nicht genug wäre!
    BEstes Beispiel ist Skarrin mit seinem BEitrag 'Atomstrom und CO2' Wer auf den Link: [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ] click wird feststellen, das Akws zwar mehr CO2 erzeugen als die Windkraft. Beide liegen ledoch weit vor Kohle. Dabei ist ein weiterer Aspekt wichtig: Stein- und BRaunkohe erzeugen zusammen knapp 50% des deutschen Stroms und sind zugleich Verursacher von ca 45% ALLER CO2 Emmissionen in Deutschland. Das sollte doch zu denken geben.
    Daher kann ich nur raten das sich beide Seiten mal ohne Ihre Scheulklappen die Argumente der anderen Seite anhören.

    • Meinel
    • 08.01.2007 um 17:12 Uhr

    Ach ja, jede Zeit hat ihre Dogmen!
    Übrigens auch die ZEIT selbst und Herr Schuh und Herr Vorholz werden der Lobbyarbeit nicht müde. Alle paar Jahre erlebt die Kernkraft eine Renaissance und erstaunt muss man feststellen, dass die Anzahl der weltweit abgeschalteten Kraftwerke doch jedes Jahr, die der neugebauten übersteigt.
    Die Sonne sendet jedes Jahr ein Vielfaches der bei uns verbrauchten Energie auf die Erde - wir müssen sie nur intelligent nutzen. Die Argumente von Lobbyisten: 'Auch hier läßt sich leicht ausrechnen, daß die verfügbaren Mengen nur einen kleinen Teil der in Deutschland anfallenden Energiemassen bereitstellen können.' die längst wiederlegt sind, werden durch Wiederholung nicht richtiger.
    Und: 'Völlig blödsinnig ist aber die derzeitige Förderung von Biodisel und anderen Treibstoffen.' Klar, wir haben doch das Erdöl. In der Grube Messel können wir ja noch die letzten Ölschiefer auspressen. Intelligenter ist da unsere Ölindustrie: Solange sie noch nicht beimischen mussten, kaften sie den Markt an Rapsöl leer, um durch Beimischung des billigen Rapsöl ordentlich zu verdienen und jetzt, wo sie beimischen müssen, verdienen sie ordentlich, weil sie das Beimischen des nun teuren Rapsöls ja aufschlagen müssen. Gleichzeitig ist der Erdölpreis um 15% eingebrochen: Es wird wohl wieder ein neues Rekordgewinnjahr werden!

  2. frau merkel war einmal Umweltministerin und ist damals schon nicht durch aktivitäten aufgefallen.

    warum hat die Schweiz im Hausbau schon den 4Liter/m2-Standard und D weiterhin einen schwammigen 7liter/m2 ?

    warum ist erdgas und Heizöl im gegensatz zu Benzin und Diesel so gering besteuert ? Durch zu hohe Besteuerung gegenüber unseren Nachbarn haben wir Tanktourismus mit 9 Milliarden Kaufkraftausfall. Durch die geringen Steuern auf Heizöl und Erdgas wird es stark im Altbau verschwendet.

    aber so ist eben D, Steuern und Abgaben auf Arbeit bei bis zu 60% und Steuern auf Heizöl und Erdgas bei ca 25% (incl. Mehrwertsteuer). Nur Benzin und Diesel werden mit ca 60% besteuert und entsprechend niedrig in Relation zu Amerika ist der Verbrauch.

    Steuern auf Energie logisch rauf oder runter nach co2 und kwh,(mit Ausnahmen für Industrie, weil die Arbeitsplätze wollen wir ja nicht importieren)

    und steuern und Abgaben im Niedriglohnbereich senken oder durch Staatszuschuss ersetzen.

    das bofinger-modell oder ähnliche kosten viel weniger als unsere Bürokraten denken wegen der positiven Rückkopplungen.

    Nur leider haben wir es mit der Aufschwungpolitikergeneration der Nachkriegszeit zu tun, die sich keine Sorgen um Karriere oder Arbeitsplatz je gemacht hat.

    entsprechend dürr sind ihre Antworten und drehen sich nur im bürokratischen Kreisel der Kohl-Schröder-Demokratie.

    Erst wenn die Geburtsjahrgänge der 60er Jahre an die Macht kommen, wird sich dies ändern oder die Republik kommt zum kochen.

  3. '...es sei denn, erneuerbare Energien und Energieeffizienz würden deutlich stärker als bisher gefördert und gefordert.'

    An dieser 'Forderung und Förderung' dürfte, wenn wir nicht nur die Varianten des technischen Verhängnisses austauschen möchten, kein Weg dran vorbei führen.
    Also: kurz, griffig und schlüssig:
    Ölscheich ade-DachScheich.com

    MfG
    Wilfried Michalski

  4. Es wird Zeit, sich von dem Traum zu verabschieden, man können den Anteil erneuerbarer Energien noch wesentlich erhöhen. Wind- und Wasserkraft sind in Deutschland weitgehend ausgenutzt. Die Photovoltaikförderung ist energiepolitischedr Irrsinn - im sonnenarmen Deutschland wird sich das niemals rentieren. Zugleich könnte man die Milliarden, die dafür aufgewendet werden, im Sinne des Klimaschutzes viel effizienter dafür verwenden, den Wirkungsgrad bestehender konventioneller Kraftwerke zu verbessern.

    Bleibt die Biomasse. Auch hier läßt sich leicht ausrechnen, daß die verfügbaren Mengen nur einen kleinen Teil der in Deutschland anfallenden Energiemassen bereitstellen können. Völlig blödsinnig ist aber die derzeitige Förderung von Biodisel und anderen Treibstoffen. DIe Umwandlung von Biomasse in Treibstoff reduziert die Energieeffizienz dramatisch. Biomasse gehört, wenn überhaupt, in Kraftwerken verwertet - zumindest, solange noch ein einziges Öl- oder Kohlekraftwerk in Betrieb ist.

  5. Es ist falsch, das 'Kernenergie kein CO2 erzeugt', wie im Artikel behauptet wird. Sowohl für den Bau der Kraftwerke als auch für Uranabbau und Aufbereitung werden große Mengen Energie, und zwar nicht nur elektrische, benötigt.
    Warum Kernenergie keine Lösung für das CO2-Problem ist, kann man unter anderem hier nachlesen:
    motherearth.org/energy/nuclear1.php
    ecoglobe.ch/climate/e/nucl6614.htm

    Gute Journalisten hätten solche Infos vorher recherchiert und dann wenigstens geschrieben 'weniger CO2 im Vergleich zu Braunkohle' oder etwas ähnlich differenzierteres, aber wo gibts die heute noch?

    Ansonsten befürchte ich, dass die Strategie des Durchmogelns, Aussitzens und Dilettierens in der großen Koaltion auch 2007 unvermindert fortgesetzt wird.
    Warum auch nicht?
    Die aktuellen Umfragen zeigen ja, dass die paar, die noch wählen gehen, am nächsten Sonntag wieder die gleichen an die Macht wählen würden. Also muss es ja wohl richtig sein, was sie da machen, oder?

  6. ---
    Es wird Zeit, sich von dem Traum zu verabschieden, man können den Anteil erneuerbarer Energien noch wesentlich erhöhen. Wind- und Wasserkraft sind in Deutschland weitgehend ausgenutzt.
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    Sowas ähnliches hat die Merkel auch schon mal behauptet, als sie noch Kohls Umweltmädel war. WIMRE behauptete sie, erneuerbare Energien würde 'niemals' mehr als 10% beitragen können.
    Beim Strom warens 2006 übrigens schon 11.6% :-)

    Tatsache ist, dass die erneuerbaren Energien nicht nur in Deutschland erst am Anfang stehen, und das Potential vor allem von Windenergie, Sonne (Strom UND Wärme) sowie Geothermie noch nicht mal annähernd ausgeschöpft ist.
    Wie ein europäisches eE-Verbundnetz aussehen könnte, kann man z.B. unter trecers.net nachlesen.

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    Es wird Zeit, sich von dem Traum zu verabschieden, man können den Anteil erneuerbarer Energien noch wesentlich erhöhen. Wind- und Wasserkraft sind in Deutschland weitgehend ausgenutzt.
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    Sowas ähnliches hat die Merkel auch schon mal behauptet, als sie noch Kohls Umweltmädel war. WIMRE behauptete sie, erneuerbare Energien würde 'niemals' mehr als 10% beitragen können.
    Beim Strom warens 2006 übrigens schon 11.6% :-)

    Tatsache ist, dass die erneuerbaren Energien nicht nur in Deutschland erst am Anfang stehen, und das Potential vor allem von Windenergie, Sonne (Strom UND Wärme) sowie Geothermie noch nicht mal annähernd ausgeschöpft ist.
    Wie ein europäisches eE-Verbundnetz aussehen könnte, kann man z.B. unter trecers.net nachlesen.

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