Autotest Man gewöhnt sich daran
Dieses Cabriolet von Bentley kommt ohne jedes Understatement aus. Thomas E. Schmidt, ZEIT-Kulturkorrespondent, im Bentley Azure My06
Dieses ist ein sehr großes Auto aus einer sehr kleinen Welt. Im Prinzip kann es natürlich überall fahren, weil es vier Räder hat und einen Motor, tatsächlich jedoch strebt es, einer heimlich wirkenden sozialen Schwerkraft folgend, auf einen klitzekleinen Ausschnitt der Wirklichkeit zu. Sagen wir von der Größe einer Postkarte. Auf ihr sind Palmen abgebildet, weiße, würdige Hotelpaläste im Hintergrund, vorn gut gekleidete Menschen in entspannten Posen. So gar nicht gehört der Bentley Azure MY06 in den winterlichen Berliner Grunewald, wo wir im luxuriösesten Cabrio aller Zeiten uns gemeinsam ein bisschen die Nasen abfroren.
Wie sein Name schon sagt, verlangt der Wagen nach ewig blauem Himmel über sich, möchte auf der Corniche rollen, in Palm Beach unterwegs sein, sich vielleicht mal im Sommer von Klosters nach Davos begeben, um im Café Schneider eine Walnusstorte abzuholen. Recht eindrucksvoll kann er zur Not auch losbrausen, aber im Grunde ist er doch für Menschen erdacht worden, die kurze Strecken unter Beobachtung zurücklegen, unter den Blicken von Kameras oder Neugierigen oder potenziellen MitfahrerInnen.
Der Azure MY06 ist das zweite Cabriolet, das Bentley baut, eine kleine mediterran-hedonistische Extravaganz einer Automarke, die sich ihre Kunden ansonsten eher unter gekrönten Häuptern sucht oder in der gut betuchten, anglophilen Mittelklasse. Der Vorgänger des MY06 wurde zwischen 1995 und 2002 rund siebenhundertmal verkauft, seine Frontpartie entsprach ebenfalls dem Bentley-Flaggschiff Arnage. Rumpf und Heck wurden beim MY06 jedoch noch einmal sportlicher gestaltet, das Verdeck ist neu und die Motorisierung. Ein 6,75-Liter-Motor mit zwei Turboladern und Ladeluftkühlung bringt es auf 456 PS.
Gott ja, man gewöhnt sich leider so schnell an das Niveau dieses Autos, an die Holztöne und das gar nicht kalte Leder, an die Ein- und Ausstieghilfe, den Raum und die Ruhe. Keine vulgäre Digitalanzeige stört den Eindruck. Doch auch andere gewöhnen sich schnell daran, sodass den Azure zu fahren einen starken Erwartungsdruck ausübt, seine Lieben zu teuren Vergnügungen aller Art einzuladen. Auf Schlösser in der Umgebung mit Gourmet-Gastronomie oder Sternerestaurants in kleinen Seitenstraßen, wo das Einparken richtig Hunger macht. Folgekosten, unter denen die für einen Babysitter noch die geringsten sind, kommen hinzu. Das Tanken wollen wir gar nicht erst erwähnen. Kaum bist du im Bentley, schon hast du die Spendierhosen an; sie werden ohne Aufpreis mitgeliefert. Wie gesagt, die Welt des Azure ist klein und großzügig.
Erstaunlich wenig Aufmerksamkeit übrigens zieht man mit dem Auto in Berlins Mitte auf sich. Die Dichte der Luxus-, Art-, Concept- oder Protz-Cars ist in diesem Teil der Hauptstadt inzwischen enorm hoch, und das liegt weiß Gott nicht nur an den ZEIT- Autotestern. Mag die Stadt arm, aber sexy sein, so kokettiert sie doch mit einer ganzen Reihe von Showrooms, in denen rollende Fetische stehen, die man kaufen könnte, wenn man reich und hässlich wäre. Am Nachmittag überwiegen die bedauernden Blicke: Was fährst du mit diesem Schiff auch um diese Zeit durchs Regierungsviertel? Selbst der Bentley muss anhalten, wenn der Konvoi des kasachischen Präsidenten sich einfach die Vorfahrt nimmt.
- Datum 03.01.2007 - 06:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.01.2007 Nr. 02
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