Meinecke hört... Himmlische Jodler

Wie Hirtenrufe in die Welt schallen: Der Musiker und ZEIT-Kolumnist Thomas Meinecke über die agilsten Kehlen des Pop

In der handelsüblichen US-Version ihres Hits Hollaback Girl wurde Gwen Stefani das ausdauernd wiederholte my shit gestrichen, dabei heißt my shit (in einem vielversprechenden Land, welches sich auch leisten kann, dass bad gut bedeutet) nichts weiter als mein Ding. Das Hollaback Girl (wenngleich sie sang I ain’t no Hollaback girl und damit mehr androhte, als lediglich zurückzuschreien) bemüht nun in ihrem aktuellen Hit Wind It Up eine Kunstform, die über das Hollern hinausgeht: die hohe Schule des Jodelns. Wo bei Hollaback Girl eine Blaskapelle funky hineinkopiert wurde, zitieren die produzierenden Neptunes jetzt gleich das unlängst auch von Outkasts André 3000 (und nicht erst von ihm) schräg gegengelesene Musical The Sound of Music (in dessen US-amerikanischer Verfilmung die brave Trapp-Familie vor den Nazis direkt auf den Obersalzberg zu flieht). Kaum camp, aber epochal: John Coltrane interpretiert aus diesem Musical den Walzertraum My Favorite Things. (Interessant, wie aus so vielen jüdischen Federn entstammenden Broadway-Musicals afroamerikanische Jazz-Standards keimten.)

Was mich darauf bringt, an dieser Stelle einmal auf einige große Yodel Crossovers der populären Musik hinzuweisen, die sich noch immer käuflich erwerben lassen: Unverzichtbar die transatlantischen Blue Yodels des singenden Eisenbahnbremsers Jimmie Rodgers, der eine ganze Welle gefühlvoll jodelnder Cowboys wie Elton Britt und Cowgirls wie Patsy Montana auslöste (in den Alpen dienten diese Lieder ohne Worte stets auch dem Heimholen des Viehzeugs), die von den 1920er Jahren bis in den Western Swing der ausgehenden 1940er schwappte. (Anrührender Songtitel: Will There Be Yodelling in Heaven?) Und die Sache setzte sich fort, wenn etwa Bill Haley (Rockabilly), Dolly Parton (Country), The Fugs (Gegenkultur), Peter Rowan (Singer/Songwriter) oder Railroad Jerk (Alternative) ihre Yodels hinaushollerten. Schon früh gab es aber auch jodelnde Bluesmen wie Tommy Johnson, was allerdings in der afrikanisch-amerikanischen Musik nicht wirklich zu einer Tradition führte, jedoch immer wieder tolle Stilblüten von Slim Gaillard über Howling Wolf, Sly Stone, Leon Thomas und George Clinton bis zur Jonzun Crew und De la Soul zeitigte. (Interessant, wenngleich kaum Pop: die jodelnden Pygmäen im zentralen Afrika.)

Hier lesen Sie die anderen Folgen der Meinecke-Kolumne

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